Neulich im Café...

  Die Kirchturmuhr schlug drei Mal. Trotzdem sah Freddy auf sein Handy, um die Uhrzeit zu checken. 15 Uhr. Handy und Kirchturm stimmten überein. Natürlich, wer hätte das gedacht?

  Die schmale Gasse lag verlassen vor ihm, wirkte aber durch die Mittagssonne und die bunten Fensterläden der Cafés einladend und freundlich. Auf einem Foto hätte man nicht eindeutig bestimmen können, zu welcher Jahreszeit das Bild entstanden war.  

Freddy überlegte kurz. Solche universellen Fotos konnte man eigentlich immer mal gebrauchen. Außerdem hatte er gerade nichts zu tun und diese erleuchtete Gasse gab ein recht hübsches Bild ab. Anstatt das Handy zurück in die Hosentasche zu stecken, rief er die Kamerafunktion auf und mit einem leisen Klick hielt das Handy die Stimmung fest.

  Zufrieden ließ Freddy das Handy in die Tasche zurückgleiten.

Er sah sich um. Er war noch immer allein. Normalerweise störte ihn die Einsamkeit nicht so besonders. Aber jetzt, da er in der Januarkälte stehen und warten musste, wurde er ungeduldig. Zugegeben, Pünktlichkeit war auch nicht gerade seine Stärke, aber heute hatte er sich extra beeilt, um rechtzeitig da zu sein. Und nun kam sie nicht.

  Ignorantin!

Ihre Verspätung machte sie ihm nicht gerade sympathischer. Er konnte sie ohnehin nicht gut leiden, aber dass sie ihn nun hier stehenließ, war wirklich kurz vorm Gipfel der Unverschämtheit.

  Aus dem Himmel lösten sich einige Schneeflocken und fielen auf die Erde hinab. Doch so kalt, dass sie auf den Steinen liegengeblieben wären, war es nicht. Toll, so konnte er wenigstens nicht einschneien, dachte Freddy ärgerlich.

  Plötzlich hörte er Schritte, in der Nebengasse, und einen Augenblick später bog jemand um die Ecke.

  Sie war es! Das sah er auf den ersten Blick. Braunrotes langes Haar, dunkle Augen, extrem blasse Haut und unverschämt gutaussehend. Selbstbewusst kam sie mit strammen Schritten auf ihn zu.

  Freddy bemühte sich um ein freundliches Lächeln. Zu offensichtliche Abneigung würde seinem Vorhaben nicht gerade förderlich sein.

  "Hi", grüßte sie ihn.

"Hi, Cassandra", antwortete er knapp. Er wartete, ob sie sich für ihre Verspätung entschuldigen würde. Aber sie sagte nichts weiter, sondern sah ihn nur selbstgefällig an.

  "Sollen wir reingehen?", fragte er daher.

"Von mir aus", antwortete sie gelanweilt und folgte Freddy ins Innere des Cafés. Freddy steuerte zielsicher auf einen Tisch in der hinteren Ecke zu und ließ sich auf die Bank fallen. Cassandra setzte sich auf den Stuhl ihm gegenüber und zog das rechte Bein an.

  "Also, was willst du?", fragte sie fordernd. "Wieso hast du mich herbestellt?"

Freddy überflog die Speisekarte, obwohl er eigentlich schon wusste, was er haben wollte. Er wollte Cassandra nur ein wenig zappeln lassen. Hatte sie ja schließlich auch.  

  "Kannst du dir das nicht denken?", fragte er genervt und klappte entschlossen die Karte wieder zu. 

  Cassandra hob eine Augenbraue hoch und tat so, als wüsste sie von nichts.

Freddy schluckte seinen Ärger darüber hinunter und lehnte sich cool zurück.

  "Ich finde es ein bisschen unverschämt, wie du unsere Managerin für dich vereinnamst."

Das war kein geschickter Einstieg, stellte er fest, als er Cassanras Reaktion sah.

  Sie verzog spöttisch den Mund und lachte auf. "Aha. Du gibst mir die Schuld daran, dass sie mehr Interesse an mir als an euch hat?"

  "Wenn du es so formulieren willst, ja", antwortete Freddy gereizt. 

"Was kann ich dafür?"

 Bevor Freddy antworten konnte, stand eine Kellnerin neben ihrem Tisch, ein leeres Tablett vor den Bauch gepresst. 

  "Habt ihr euch schon entschieden?", fragte sie kaugummikauend.

"Jo, ich nehm die schwedischen Kanelbullar", antwortete Freddy.

  "Was zu trinken dazu?"

"Nö, passt so."

  Die Kellernin wandte ihren Blick Cassandra zu. "Und du?"

"Nichts, danke!"

  Genervt drehte die Kellnerin sich um und verschwandt.

"Bist du auf Diät?", fragte Freddy spitz.

  "Geht dich doch nichts an. Lenk nicht ab. Also, was kann ich dafür, dass sie sich um dich nicht kümmert?"

  "Du ziehst einfach zu viel Aufmerksamkeit auf dich. Das was du machst ist gerde in, und damit spielst du. Du machst einen auf Drama und schon springt sie für dich."

  Cassandras Mundwinkel verzogen sich amüsiert während Freddy sprach.

"Na und?", provozierte sie ihn. "Was hindert dich daran, auch einen auf Drama zu machen?"

  Freddys Augen verengten sich zu Schlitzen. "Weil meine Freunde und ich noch so viel Selbstwertgefühl haben, aus unserer Geschichte keinen Hype zu machen. Natürlich ist bei uns viel schief gelaufen früher. Wir hätten genug Dramen, mit denen wir uns interessant machen könnten. Aber wir wollen nach vorne gucken und nicht rumjammern, wie schlecht es uns geht, und dass uns keiner versteht."

  Cassandra ließ ihr Bein vom Stuhl gleiten und sah Freddy fassungslos an. "Ja, aber dann mach mich doch nicht dafür an, dass sie an mir mehr Interesse hat, als an euch. Wenn ihr euch selbst im Weg steht, und euer Potential nicht nutzen wollt..."

  "Das ist doch kein Potential", unterbrach Freddy sie verbittert. "Das ist meine Geschichte."

"Eben. Und mein Drama ist meine Geschichte", erwiderte Cassandra zuckersüß.

  Die Kellnerin tauchte wieder neben ihnen auf und platzierte die Zimtschnecken vor Freddys Platz. Offensichtlich war sie beleidigt, dass Cassandra nichts bestellt hatte, jedenfalls schob sie wieder ab, ohne Freddy einen guten Appetit zu wünschen. Doch er hatte jetzt keine Lust, sich darüber Gedanken zu machen. Wenn er ehrlich war, war es ihm sogar ganz lieb, dass sie nicht länger als notwendig bei ihnen herumstand. Es konnte doch nicht wahr sein, dass Cassandra ihn so abblitzen ließ. Er nahm sich einen der Kanebullar und biss hinein. Der wunderbar süße Geschmack steigerte seine Laune immerhin ein wenig. 

 "Ich geb dir und deinen Freunden mal einen heißen Marketing-Tipp. Macht euch interessant!", sagte Cassandra gereizt.

  "Sagt sich leicht, wenn man selbst mit unfairen Mitteln kämpft", spöttelte Freddy. Wollte Cassandra ihn nicht verstehen oder war sie tatsächlich so egoistisch.

  "Wie meinst du das?", fragte Cassandra und Freddy freute sich, zum ersten Mal an diesem Nachmittag eine Spur von Unsicherheit, ja vielleicht sogar Entsetzen, auf ihrem Gesicht zu sehen.

  "Naja. Mit dem, was du bist, lässt sich schon einiges machen", gab er süffisant lächelnd zur Antwort. 

  "Was ich bin?", fragte Cassandra gepresst.

"Ein Vampir", sagte Freddy unbeeindruckt und nahm sich die zweite Zimtschnecke vor. Diese zweite war ein doppelter Genuss. Nicht nur, dass er unheimlich gut schmeckte, es war auch köstlich zu sehen, wie Cassandra die Gesichtszüge entglitten.

  Er hatte ihr Geheimnis enthüllt. Damit hatte sie offenbar nicht gerechnet. 1:0 für ihn, dachte er begeistert.

 

  Ich saß schon seit einiger Zeit an dem alten Holztisch am Fenster, schlürfte an meinem Karamel-Cappuccino und starrte auf mein Notizbuch. Mein Füller hatte versucht, mir durch ein paar muntere Tintenklekse einen kreativen Vorschub zu geben. Doch allzu viel hatte ich heute nicht zustande gebracht. Das Gebäck und der Cappuccino hatten mich abgelenkt. Wieso war ich eigentlich mit der Absicht ins Café gegangen, etwas zu schreiben?

  Ach ja, ich glaube, ich hatte mal irgendwo in so einem Autoren-Handbuch gelesen, dass so was cool war und unglaublich inspirierend sein sollte. War wahrscheinlich wieder mal so eine komische Statistik durch die ich gnadenlos durchfiel.

  Ich griff nach einem Keks vor mir, da erregte ein Gespräch im Nebenzimmer meine Aufmerksamkeit.

  Jaja, man belauscht nicht andrer Leute Gespräche... aber erstens bin ich ja Frau, und zweitens macht es ja doch irgendwie jeder. Und außerdem konnte ich das einfach nicht überhören. Wie hätte das denn ausgesehen, wenn ich mir im Café die Ohren zugehalten hätte?

  Ich verschluckte mich beinahe an meinem Keks, als ich begriff, worüber die beiden sprachen. Es ging um mich.

  Sie buhlten um meine Aufmerksamkeit. 

Meine Figuren, die ich erfunden hatten, saßen im gleichen Café wie ich und gifteten sich gegenseitig an, wer von ihnen interessanter sei. 

  Oh Mann... 

Beschämt ließ ich den Kopf hängen, als ich hörte, wie Freddy Cassandra beschuldigte, zu viel Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. 

  Verdammt, er hatte ja recht. Und ich fiel voll drauf rein, auf Cassandras, die sich im Gespräch mit Freddy wirklich nicht von ihrer besten Seite zeigte.

  Hatte ich die wirklich so zickig entworfen? Die war ja momentan schlimmer als Amanda, ihre beste Feindin am College...

  Und Freddy... von dem hätte ich auch etwas mehr Verständnis erwartet. Er benahm sich wie ein trotziges Kleinkind, dem man sein Feuerwehrauto geklaut hatte.

  Ich hatte sie doch alle lieb. Warum konnten sie sich nicht vertragen?

Hatte Freddy vielleicht recht? Ob ich ihn und seine Freunde wirklich vernachlässigte?

  Auf einmal bemerkte ich, dass meine Gedanken abgedriftet waren. Verdammt, wie viel von dem Gespräch der beiden hatte ich verpasst? Gespannt spitzte ich wieder die Ohren.

 

"Für das was ich bin, kann ich ja nichts", sagte Cassandra gequält.

  "Stimmt. Aber deshalb könntest du dich vielleicht ein bisschen zurücknehmen. Als Vampir hast du immerhin ewig Zeit. Die haben wir nicht", stellte Freddy fest.

  Ein saddistisches Lächeln huschte kurz über Cassandras Gesicht.

"Also, wenn es dir um die Ewigkeit geht, und dir soviel daran liegt... es wäre mir ein Leichtes, auch euch zu ewigen Gestalten zu machen", sagte sie, stand auf und machte einen bedrohlichen Schritt auf Freddy zu.

 

Oh nein!, dachte ich. So war das nicht gedacht. Was tat Cassandra da nur? Sie wollte doch nicht etwa...?

  Das durfte ich nicht zulassen, dass diese sich selbt viel zu oft bemitleidende und in diesem Moment furchtbar unverschämte Vampirdame meine Geschichten durcheinanderwarf.

Ruckartig stand ich auf, mein Stuhl kippte um und der Tisch wackelte so stark, dass mein Cappuccino über den Rand der Tasse schwappte und sich auf meinem Notizbuch verteilte.

  Klasse, nun konnte ich die wenigen Zeilen, die ich geschrieben hatte noch einmal aus meinen Fingern saugen. Aber das war jetzt egal, ich musste Cassandra davon abhalten, Freddy in einen Vampir zu verwandeln.

 Ich stürzte ins Nebenzimmer, mit ausgestrecktem Arm, bereit, Cassandra zurückzuhalten.

  Eine brünette Frau, die auf dem Schoß eines blonden jungen Mannes saß, sah mich irritiert an, als ich wie eine wilde Furie vor ihnen stand.

  "Ist was?", fragte sie.

"Ähm, nein... 'tschuldigung!", murmelte ich und verdrückte mich mit hochrotem Kopf.

  Das war ja wohl eindeutig in der Kategorie peinlich einzusortieren... 

Ich sollte vielleicht zu der Reaktion dieses komischen Buchs schreiben, dass empfohlen hatte, Geschichten in Cafés zu schreiben. Das wäre so inspirierend...

  Aha! Ja - das hab ich gemerkt.

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