Zugfahrt und Aussteige-Gedanken

Die Lesung hab ich gut hinter mich gebracht. Letztendlich hat die Textmenge gepasst, die Leute haben zugehört und ich war glücklich.

Und nun habe ich auch noch ein paar Tage Urlaub gehabt im schönen Norden Deutschlands - auf Fehmarn, die Insel, von der ich bislang nur den Fährhafen kannte.

Jetzt kenne ich von diesem Stück Land etwas mehr, und dieses mehr/Meer gefällt mir. 

Wind, Abendsonne über dem Wasser, Windräder und ein heißer Tee am Abend - was gibt es Schöneres?

Und ich habe es endlich geschafft, an meiner allerersten Socke weiterzustricken. Meine Schwester hat Witze darüber gerissen, aber ich werde es schaffen. Eines schönen Tages wird diese Socke fertig sein, eine zweite wird entstehen und sie werden ein Paar werden. 

Und dann werden sie glücklich sein bis ans Ende ihrer Tage.

...


Nun ja. Aber auch ein Kurzurlaub geht vorbei. Leider eben sehr schnell. Mittwoch noch stand ich in Puttgarden auf der Hafenmole und habe die aus- und einlaufenden Fähren beobachtet. 

Und schon einen Tag später saß ich im Zug zurück nach Erlangen.

Eigentlich hatte ich einen Krimi mit, der auch super spannend war und den ich unbedingt weiter lesen wollte, aber dann hab ich aus dem Fenster gesehen und da war es um mich geschehen.

Diese wunderbare Herbstlandschaft, ihr hättet sie sehen müssen. Weite grüne Wiesen, umsäumt von Wäldern, die großteils auch noch in tiefem Grün standen, deren einzelne Wipfel sich aber teilweise auch schon rot und braun färbten. 

Und dann die vielen Bäume entlang der Schienen. In dunkelrot, grün und gelb, das von der Nachmittagssonne dramatisch angeleuchtet wurde. Alles voll warmer Farben, die mich direkt wieder in Urlaubsstimmung versetzten - immer wieder unterbrochen durch lange Tunnel und die Tristesse der Bahnhöfe.

Bei dieser Landschaft konnte ich nur ins Schwärmen geraten. Das sah aus, wie diese Kataloge mit Einrichtungstipps für jede Jahreszeit. Wo Menschen in alten Landhäusern wohnen, in denen man sich direkt zuhause fühlt. Ein verwunschener Garten, von mir aus auch eine komische Katze hinter einem Stück Holz.

Eine Frau sitzt in Wollsocken und Wollpulli auf dem Sofa am Kamin und strickt, auf dem Boden sitzen Kinder, in Latzhose und Flanellhemden, die mit Holzautos spielen.

Und auf dem nächsten Bild, sieht man sie mit bewollmützten Köpfen unter Regenjacken vergnügt in Pfützen springen.

Ja, irgendwie ist das ein etwas überholter Waldorf-Kitsch, aber andererseits ist das wunderschön. Und wenn ich an solche Bilder denke, will ich auch in so einem Haus wohnen und mit den Kindern Kastanienmännchen basteln. 

Während ich also im ICE saß, der mich durch diese malerische Landschaft katapultierte, wäre ich ohne weiteres ausgestiegen.

Warum steigen nicht viel mehr Menschen aus? Warum steige ICH nicht aus?

Was hat mich daran gehindert, am Mittwoch einfach eine dieser Fähren nach Rødby zu besteigen und nach Dänemark zu fahren. Irgendwas hätte ich schon gemacht... Socken stricken, vielleicht.

Im Katalog sieht Aussteigen so einfach aus. 

Bestimmt ist das auch so einfach und ich hab wieder einmal nur zu viele Knoten im Kopf.

Warum nicht Aussteigen? 

Der ICE war viel zu schnell. Das Leben ist zu schnell.

Demnächst sollte ich Bummelzug fahren. Dann kann ich die Aussteige-Gedanken länger genießen. Aus einem langsam fahrenden Zug kann man auch besser aussteigen, als aus einem rasenden. 

Aber der schnelle Zug wird erst in traurig-grauen Bahnhöfen langsamer. Da will doch keiner hin. Also ICH nicht. 

Vielleicht also doch lieber auf offener Strecke bei voller Fahrt die Notbremse ziehen und aussteigen. Direkt hinein in die Waldorf-Landschaften, zu Kastaninenmännchen, Wollsocken, Tee und Kaminfeuer. Einfach zurückziehen in ein verwunschenes Häuschen - da fällt dann auch das Bücherschreiben leichter. 

Und ja, wenn Aussteigen in eine solche Welt daran gebunden ist, dass ich dann auch eine Katze haben muss, dann nehme ich auch die Katze. Die hat dann ja auch einen großen Garten hinterm Haus, in dem sie sich austoben kann. Und neben dem mit Blumen bunt lakierten Küchenschrank kriegt sie ihre Milch auf einem Tellerchen. 

 

Und hier sitze ich in meiner Studentenbude und Montag geht das Semester wieder los. 

Verdammt!

Ich bin wohl doch nur ein Teilzeithippie. 

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Kommentare: 2
  • #1

    Charlotte (Sonntag, 14 Oktober 2012 11:15)

    och wie schön :) du wirst es nicht glauben, aber ich schaue mir hier in Finnland immer öfter solche Einrichtungs-Kataloge an! Da komme ich immer ins schwärmen und wünschte ich könnte in einem solcher Häuser wohnen! Die Katzen könnten von mir aus aber auch wegbleiben... Sollte es mit dir und einer Katze aber doch mal was werden, solltest du unbedingt wissen: "Blauäugige, weiße Katzen sind oftmals schlechtere Mütter, da diese meistens aufgrund eines genetischen Defekts taub sind und somit ihre Jungen nicht hören, wenn diese nach ihnen rufen."

  • #2

    Monika (Mittwoch, 17 Oktober 2012 20:31)

    nach lesen der " BAHNFAHRT " und des Kommentars von Charlotte merkt man schon sehr, daß ihr beiden Geschwister seid.
    Einfach sehr schöööööön zu lesen :-)
    Mehr davon.....