Mirakel - Orakel

Ich habe Harry Potter gerne gelesen und finde die Idee von Magie wunderschön. Was Zukunftsprognosen betrifft, bin ich allerdings mit Hermine Granger einer Meinung: "Schwachsinn!"

Auch wenn sich leider in Bezug auf die Vorbestellungszahlen für mein zweites Buch die Zukunftsaussichten eher dunkel gestalten.

"Uaaaahhh! Mein liebes Mädchen!!!! ..... - Ich sehe in deiner Zukunft, den GRIMM!!!!!!"

So etwas ähnliches würde vermutlich Professor Trelawney zu mir sagen. Und nicht nur, weil sie bei allem und jedem Tod, Unheil und Grimms sieht, würde ich ihr spontan beinahe Glauben schenken. Die Auslegung ist allerdings meine Sache. Vielleicht könnte so eine Aussage ja auch bedeuten, dass meine Geschichten mal ähnlichen Kultstatus erreichen wie Grimms Märchen... *hüstel*

  

 

Aber wie gesagt, ich gebe ja nicht viel auf Zukunftsprognosen, egal ob aus dem Kaffeesatz, oder aus den Sternen gelesen.

Und schon gar nicht auf ein Bestseller-Orakel, wie es vor ein paar Tagen in unserer Tageszeitung veröffentlicht wurde. Ich war nicht zuhause und hätte es daher vermutlich nie gelesen, wenn mein Papa mir nicht alles, was irgendwie mit Büchern und Schriftstellertum zu tun hat, ausschneiden und aufbewaren würde.

Also fiel mir dieses Orakel doch in die Hände, als ich gestern wieder nach Hause kam. - Und jaaaa, ich hab es dann doch gelesen.

Für den Artikel haben sich nicht nur Schriftsteller sondern auch Verlage ganz tief in die Trickkiste schauen lassen, um der zeitunglesenden Öffentlichkeit zu verraten, wie Mann oder Frau am besten einen Bestseller schreibt.

Oha! Habe ich mir gedacht, nachdem ich Überschrift und Unterzeile gelesen hatte.

WOW! Dachte ich mir nach dem ersten Tipp: Das Buch muss spannend bis zur letzten Seite sein.

Spannung wird erzeugt durch einen Konflikt, den die Helden mit all ihren Eigenschaften lösen müssen, dabei sollen sie auch mal einen Fehler machen dürfen, diesen aber mit Humor nehmen.

Die Story sollte in irgendeinem Kaff angesiedelt sein, damit sich jeder Dorftrottel beim Lesen darüber freuen kann, dass er genau weiß an welcher Laterne SIE IHN mit ihrem Hund dabei überrascht, wie er gerade die Leiche des Leiters der Dorffeuerwehr unterm Misthaufen vergräbt.

Das ist ja so schön, wenn man sich beim Lesen am Handlungsort genau auskennt und weiß, wohin der Hase läuft.

Aber dann kommt's!

Der nächste Trick ist nämlich: Überraschung!

Irgendetwas muss her, womit der Leser nie und nimmer gerechnet hätte. Sprechende Tiere oder singende Autos zum Beispiel. Vielleicht reicht auch ein Tütenkasper, der den Dorfpolizisten nass spritzt und mit quäkender Stimme ruft: "Ätsch, reingelegt!"

Sex ist ein weiterer Punkt, der sich gut verkaufen lassen soll. Aber wenn, dann bitte richtig. Keine falsche Scheu und keine seltsamen Vergleiche. OHA!

Und ein doppeltes OHA!!! dachte ich mir beim nächsten Tipp: keine Umgangssprache oder Dialekte...

Wenn man all diese wirklich starken Tricks beachtet, kann eigentlich nichts mehr schiefgehen. Wer sich an diese Regelungen hält, müsste eigentlich am laufenden Band originelle Literatur produzieren und der Leser könnte sich vor Überraschungen und Neuem gar nicht mehr retten.

Was ein Blick auf den aktuellen Buchmarkt beweist, wo es auf den Bestsellerplätzen vor Originalität nur so wimmelt.

Da tummeln sich sprechende Tiere in Form von Katzen und Bären, dramatische Dystopien, die nicht nur originell sondern in absehbarer Zeit wohl auch aktuell sind, wahnsinnig unterschiedliche Liebesbeziehungen zwischen Vampiren, Menschen und - wie originell!- Werwölfen, Söhne und Töchter von Göttern, Zeitreisende und Gestaltwandler, schrullige, humorvolle und unperfekte Kriminalbeamte oder sonstige Ermittler aus so unbekannten Käffern wie dem Allgäu oder Ostfriesland, wo ja grundsätzlich keine DIalekte gesprochen werden, und schließlich noch diffuse Schatten in Feuchtgebieten.

Ach ja, und nicht zu vergessen, Biografien, Erlebnisberichte und Erfahrungen von Leuten, die halt auch mal irgendwie was sagen wollten. Wenn man nämlich schon heißt, seinen Namen also in einschlägiger Yellow Press oder vierbuchstabigen Zeitungen lesen kann, oder Frau/Vertrauter/Cousine/Putzfrau oder Dackel von XY, bzw. Ex- Sowiesominister oder gescheiterter Superstar ist, kann man auch erfolgreich Bücher schreiben. Dann muss man sich auch nicht zwangsläufig an die oben genannten Tipps und Tricks des Bestseller-Orakels halten.

 

Für den Fall, dass man doch nicht heißt, könnte ein grobes Storyboard einer Geschichte, unter Beachtung der zuvor genannten Schreibtipps so aussehen:

- ein Dorf in der Provinz (vermutlich in der Nähe von Hannover, denn dort wird ja angeblich reinstes Hochdeutsch gesprochen, mit Dialekten kommt also niemand in Konflikt)

- ein Mord wird von der gutmütigen, leicht naiven, aber beherzten Frau des Großbauern entdeckt und aufgeklärt (aber das schreiben wir erst auf der letzten Seite, siehe Tipp 1)

- zur Überraschung des Lesers bespricht die kriminalistisch tätig werdende Bauersfrau den Ermittlungsverlauf mit ihrem Rauhaardackel Waldi. Als der Bauer mit seinem Trecker, der eine lustige Melodie flötet, aufs Feld fährt, kommt der Bäuerin der alles entscheidende Einfall

- während die Ermittlungen anhalten geht es im Stall zwischen der Magd und dem Pferdeknecht heftig zur Sache, wahlweise auch im altbacken eingerichteten Landhaus (dann sind die Handlungsausführenden natürlich Bäuerin und Bauer)

Ja, irgendwie so...

 

Wer jetzt nicht grimmig guckt, so wie ich, dem ist nicht zu helfen. Macht aber auch nichts, denn er oder sie fühlt sich im hiesigen Literaturangebot vermutlich gut bedient. Ist auch okay. Und wem doch etwas fehlt, der schreibe sich seine Geschichte nach obigem Muster selbst und vermarkte sie für die Freunde aus dem Dorf bei einschlägigen Online-Anbietern per Selfpublishing (das ist der letzte Tipp des Artikels.)

 

Ich allerdings sehe für meine Schriftsteller-Karriere nun auch eher schwarz, denn ich habe durch intensives Training die Schreibtipps aus der Grundschule verinnerlicht, die damals auf bunten Plakaten an der Wand über der Tafel hingen und so schlaue Dinge aussagten wie: "Immer sagt, sagt, sagt, und geht, geht, geht ist langweilig. Schreibe rufen, schreien, flüstern und rennen, laufen, schleichen!" 

Und da ja auch Professor Trelawney in meiner Zukunft den Grimm sieht, kann ich genauso gut weiterhin losziehen und Vorbestellungen für mein zweites Buch zusammensammeln. Das ist mindestens so gut wie Selfpublishing.

 

Und wenn doch alles scheitert... Dann schmeiß ich alles hin und werd Prinzessin!

Das hat den Vorteil, dass, wenn ich das erst einmal bin, wieder schreiben kann, was ich will, denn dann heiße ich Prinzessin von und zu Sowieso und von der wollten alle schon einmal lesen, was sie in ihrem Märchenschloss erlebt.

Womit wir wieder bei den Gebrüder Grimm wären.

 

Ich sehe, ich sehe.... den GRIMM!!!!!!!!!!!!!!!!

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