Ein Exposé für mich

Tausendfach flattern sie täglich, monatlich, jährlich in die großen Verlagshäuser und bedecken Lektoren unter tonnenschweren Stapeln von Papier: Unverlangt eingesandte Manuskripte. Alle wollen möglichst Eines: Am besten sofort mit starker Auflage veröffentlicht und so berühmt werden wie Harry Potter.

Ein jeder Autor glaubt, die schönste Geschichte, die jemals geschrieben wurde, verfasst zu haben, und dass die lesende Welt von seiner Erzählung begeistert sein wird.

Wenn…, ja, wenn sie nur erst einmal erschienen ist.

Doch welcher Lektor soll diese 1000 Manuskripte lesen? Eine Aufgabe, die schier unmöglich ist, angesichts der vielen anderen Dinge, um die er sich kümmern muss.

Neben Telefonaten mit Autoren, die in ihrem kurz vor der Veröffentlichung stehenden Buch doch noch ganz gern einen letzten Absatz ändern würden, Vermittlung zwischen Herstellung und Zeichner, weil das Cover immer noch nicht fertig ist, und schließlich einem Dutzend verschiedener Mind-Maps für Marketing-Kampagnen – da bleibt keine Zeit, sich ausführlich mit all diesen Manuskripten zu befassen.

Doch es gibt Lichtblicke in diesem endlosen Haufen: Exposés!

Sie fassen zusammen, was sich im fertigen Manuskript auf mehreren Hundert Seiten erstreckt und sollen den Lektor dazu verleiten, sich eben diese hundert Seiten zur Hand zu nehmen und sie Zeile für Zeile, Seite für Seite, Kapitel für Kapitel zu lesen, so dass er hinterher begeistert die letzte Seite umschlägt und sagt: „Ja, dieses Buch ist grandios!“

Exposés sind also nichts anderes als die Bewerbungsschreiben für Bücher. Sie erzählen etwas über den Inhalt, mit allen auftretenden Personen und Handlungssträngen, damit ein Fremder gut verstehen kann, worum es geht. Ein Exposé ordnet ein Manuskript in ein Marktumfeld ein und sagt, warum genau dieses Manuskript besonders ist.

Als Bewerber für einen Job macht man nichts anderes, wenn man ein Anschreiben verfasst.

Man erzählt etwas über sich, was man schon geleistet hat und vielleicht, was man vorhat, und ordnet sich selbst in ein Marktumfeld ein und gibt selbstbewusst zum Ausdruck, dass man besonders gut für diese oder jene Stelle geeignet ist.

Alle Handlungsstränge zusammengefasst so zu erzählen, dass ein Fremder sie versteht, ist schwer. Sowohl im Exposé als auch im Anschreiben.

Was nimmt man auf, wo kürzt man etwas heraus? Man hat sich doch Mühe dabei gegeben, die Figuren liebevoll zu gestalten, sie durch zahllose Abenteuer ziehen und Höhen und Tiefen erleben lassen. Jede noch so kleine Facette macht eine Buchfigur besonders und einzigartig. Was also soll man da weglassen?

Als Bewerber sehe ich mich vor der gleichen Schwierigkeit. Ich habe bereits einen langen Weg hinter mir, habe Höhen und Tiefen erlebt, Chancen ergriffen, große und kleine Siege errungen, aber auch schon Rückschläge erlebt. Bin ich nicht an allem gewachsen? Bin ich nicht trotzdem mit jedem Erlebnis ein Schritt auf das Ziel zugegangen? Hat nicht jeder Schritt mich zu dem Helden meiner Geschichte gemacht, der ich jetzt bin?

Welchen Schritt kann ich also auslassen, wenn ich ein Manuskript bewerben möchte, das verlegt werden will?

Welche Station kann ich berechtigt unterschlagen, wenn ich als Mensch ernst genommen werden möchte?

Es gleicht einem Glücksspiel. Nicht jeder Bewerber kann den Job kriegen. Nicht jedes Manuskript landet auf der Bestseller-Liste.

Doch Eines vereint: Als Bewerber bin ich wie ein Manuskript auf der Suche nach einem Verlag.

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