If I could turn back time ...

Manchmal ist es nicht zu fassen, wie schnell Tage, Wochen, Monate und Jahre vergehen. 

Heute ist es genau 8 Jahre her, dass ich mich in Frankfurt am Flughafen von meiner Familie verabschiedete, um zu meinem Highschool-Aufenthalt in Neuseeland aufzubrechen.

Wie sehr hatte ich mich darauf gefreut. Und dann war es an jenem 13. Juli 2006 trotzdem so unglaublich, dass ich tatsächlich fliegen durfte. 

Es war ein Traum, der plötzlich wahr wurde.

 

Gestern habe ich mein Tagebuch aus dieser Zeit wieder hervorgeholt und darin geblättert. Vieles von dem, was ich dort aufgeschrieben habe, habe ich in der Zwischenzeit vergessen, anderes wusste ich noch.

Und dann gab es einiges, an das ich mich schmerzlich wieder erinnerte. 

Denn ja; auch das gibt es, wenn man für längere Zeit weggeht. Es ist nicht immer alles rosig und super cool.

 

 

Die Erkenntnis meiner Erfahrungen, die ich gestern aus der Erinnerungskiste geholt habe, ist, dass ich wohl einiges anders machen würde. 

Mein Tagebuch zeigt mir, wie viele Chancen ich hatte, die ich nicht gut genug genutzt habe. Wie viel mehr hätte ich noch erleben und lernen können.

Ziemlich oft habe ich mich zum Deppen der Internationals gemacht - das waren die Teile im Tagebuch, die ich erfolgreich aus meiner aktiven Erinnerung verdrängt habe. Und doch sind es Erfahrungen gewesen, die einen sicherlich nicht unwesentlichen Beitrag zu meinem heutigen Ich geleistet haben. 

Auch schlechte Erfahrungen sind irgendwann gute Erfahrungen. 

 

Die wohl größte Einsicht hat sich allerdings schon seit 2 Jahren langsam in mein Bewusstsein geschlichen.

Ich hätte damals mehr Zeit gebraucht. 5 Monate sind einfach zu kurz, um in einer ganz anderen Welt wirklich anzukommen und dort zu leben.

Natürlich, wäre ich ein Jahr geblieben, wäre auch das viel zu schnell vergangen und ich hätte gern noch mehr Zeit gehabt.

Aber durch die 5 Monate habe ich mich selbst um Erfahrungen gebracht, die ich so nie wieder nachholen kann.

Warum nur kann man das Leben immer nur rückwärts verstehen?  

Manchmal geistern Erinnerungen durch meinen Kopf und es dauert eine Weile, bis mir klar wird, dass es tatsächlich Erinnerungen sind. Denn manchmal fühlen sie sich an wie Träume, die ich sehr real erlebt habe. 

In 8 Jahren kann man so viel vergessen, so viel neues erleben. In dieser Zeit wird man 8 Jahre älter und vieles versteht man erst später. 

Wenn ich die Zeit zurückdrehen könnte und all mein Wissen, das ich heute habe, mitnehmen dürfte, würde ich für ein Jahr weggehen, würde ich an mehr Aktivitäten teilnehmen, würde ich noch mehr sehen wollen, würde ich jeden Tag bewusster leben. 

 

Für einige Erkenntnisse haben die 5 Monate damals jedoch gereicht. 

Ich weiß, wie schwer es ist, Abschied zu nehmen und sich neu zurechtfinden zu müssen. 

Es ist nicht der erste Abschied, der am schwersten fällt, denn irgendwie weiß man die ganze zeit, dass man wieder kommt.

Das Zurückkommen ist viel schwerer. 

Nicht umsonst habe ich in mein Fotoalbum auf die letzte Seite ein Zitat aus Herr der Ringe geschrieben:

"How do you pick up the threads of an old life?

How do you go on

when in your heart you begin to understand

there is no going back."

Es ist nicht, dass es kein Wiedersehen geben könnte, sondern viel mehr die Veränderung, die wir erlebt haben, ohne es bewusst zu merken.

Diese Veränderung bestimmt unser ganzes Leben auf irgendeine Weise. Bei dem einen mehr, bei dem anderen weniger. 

Aber jeder hat andere Veränderungen erlebt, unabhängig voneinander Erfahrungen gemacht.

Und das Schlimmste ist; nicht immer lassen sie sich wieder auf den gleichen Nenner bringen, wo sie einmal waren. Denn auch wenn man es erzählt, niemand kann nachvollziehen, was man selbst erlebt hat, weil zu dem Erlebten so viel mehr gehört, als nur der Tatsachenbericht. 

So habe ich manchmal den Eindruck, dass sich die Realität wieder in einen Traum zurückverwandelt, weil ich in der Wirklichkeit mit niemandem teilen kann, was mich damals bewegt hat und mich bis heute beschäftigt, und deshalb lieber schweige, als in Gesichter zu sehen, die lächeln, nicken und "Voll cool" sagen, aber denen ich doch ansehe, dass sie nichts verstanden haben. 

Das ist kein Vorwurf, denn vermutlich gucke ich genauso bei Dingen, die die anderen erzähle. 

Es ist ein schmerzhafter Prozess, festzustellen, dass man sich in seinem Leben nicht mehr auskennt, dass alles, was man einmal für wichtig gehalten hat, eigentlich gar nicht so sehr von Bedeutung ist, und dass ein Teil von einem selbst an einem weit entfernten Ort zurückgeblieben ist, und sich vermutlich für den Rest des Lebens dorthin zurücksehnen wird. 

 

Wozu so viel Schmerz und Tränen riskieren, wenn ich doch nie gezwungen war, zu gehen? Wenn ich hätte bleiben können?

Aus einem ganz einfachen Grund: Weil ich sonst heute nicht der Mensch wäre, der ich nun einmal bin.

 

Wie mutig man ist, weiß man immer erst hinterher und Neues kann man nur erfahren, wenn man bereit ist, Vertrautes hinter sich zu lassen.

 

Das Schöne ist, dass die Erkenntnisse bleiben. Und wenn ich eins gelernt habe, dann das: Wenn etwas gut werden soll, braucht es Zeit. Und Entwicklung braucht besonders viel davon. 

 

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