Gipfelstürmer?

Niemand hat je behauptet, der Weg ins Berufsleben sei leicht.

Keiner hat mir je gesagt, Erwachsenwerden sei leicht. 

Trotzdem habe ich oft aus reinem Selbstschutz daran geglaubt, dass sich schon alles fügen würde. Natürlich habe ich mich immer bemüht und mich angestrengt, um meine Ziele zu erreichen.

Schließlich bekommt man heutzutage nichts mehr geschenkt. 

Aber nie hätte ich gelgaubt, dass dieser Einstieg in die Arbeitswelt so anstrengend und erniedrigend ist. 

Es ist wie das Erklimmen einer steilen Bergwand. 

 

 

Oben auf dem Plateau ist der feste Arbeitsplatz, irgendwo in windiger Höhe.

Doch niemand gelangt ohne Weiteres dorthin. Man muss sich alles erst erarbeiten.

Jeder steht zu Beginn unten am Fuß der Klippe, auf dem angenehm weichen Boden des Uni-Abschlusses und muss zusehen, wie er hoch kommt.

Auch ich. 

Voller Energie, Eroberungsdrang und Neugier suche ich nach einem ersten Vorsprung, an dem ich mich hochziehen kann. 

Ich finde ihn leicht. 

Ein allererstes Praktikum. Die ersten Schritte an der steilen Felswand. Zwei Meter habe ich schon geschafft, ohne dass es mich viel Mühe gekostet hätte und stolz sehe ich mich um. Schon aus zwei Metern Höhe sehe ich schon mehr, als vom Boden aus. Es ist schön hier.

Das gibt mir neue Energie, weiterzuklettern. Ich bin neugierig, was mich weiter oben erwartet. 

Ich habe von anderen gehört, die schon oben angekommen sind und davon schwärmen, dass es kein schöneres Plateau auf der Welt gäbe, als dieses.

Also klettere ich weiter. 

Je höher ich komme, desto weniger werden die Vorsprünge, an denen ich mich festhalten kann, und desto weiter liegen sie auseinander. Ich brauche nicht nur viel Kraft, sondern auch Mut, um den nächsten Schritt zu wagen.

Da fällt mir ein größerer Vorsprung ins Auge. 

Ein Volontariat ist in Aussicht.

Ich hänge ohne Sicherungsseil an der Klippe und lasse meinen Blick an dem nackten Stein entlangwandern. Der Weg dort rüber zu dem größeren Vorsprung ist nicht leicht, doch mein Auge erkennt einige Nischen, in denen ich mich auf der Kellterpartie festkrallen kann. 

Während ich klettere, schicke ich meine Hoffnung voraus. Sie erreicht vor mir den Vorsprung und blickt mir kühn entgegen. Ermutigt bewege ich mich weiter an der Felswand entlang, gebe noch einmal alles.

Ein wenig außer Atem komme ich am Vorsprung an. ich setze mich an den Rand, das Vorstellungsgespräch, genieße die neue, ungewohnte Aussicht und bin froh, es soweit geschafft zu haben. Noch immer habe ich keinen festen Stand unter den Füßen, deshalb kralle ich meine Hände umso fester an die Felskante. Doch als ich mich umsehe, sehe ich, dass der Vorsprung schon belegt ist. Jemand hat hinter mir sein kleines Zelt aufgebaut und es sich auf diesem Vorsprung gemütlich gemacht. 

Meine Hoffnung hat einen Schritt zu viel gemacht und stürzt die Klippe hinunter und bleibt zersprungen in tausend Teile am Boden liegen. Einen kleinen Teil kann ich noch auffangen, bevor er fällt, was ein gefährliches Unterfangen ist, schließlich riskiere ich, selbst zu fallen. 

Aber ich will nicht meine ganze Hoffnung verloren geben - welcher weitere Schritt würde Sinn machen, wenn ich nicht wenigstens einen winzigen Teil meiner Hoffnung mitnähme?

 

Hier ist nicht genug Platz für zwei. Ich muss mir eine andere Bleibe für die Nacht suchen. 

Nun bereue ich es fast, so viel Energie und Ressourcen in den Weg hierher gesteckt zu haben. Denn nun schmerzen meine Arme und Beine von dem anstrengenden Aufstieg und ich weiß nicht, wie viel Zeit mir noch bleibt, einen neuen Vorsprung zu suchen, bevor die Dunkelheit hereinbricht. 

Ich stecke den Rest meiner Hoffnung in die Tasche und klettere zurück. Ich weiß, meine Hoffnung wird sich erholen, mit jedem Schritt, den ich an dieser Klippe sicher hinter mich bringe. 

Es dämmert schon, als ich endlich einen winzigen Vorsprung erreiche. Er reicht gerade aus, dass ich mich zusammenkauern und den Kopf auf die Knie betten kann. 

Ein unbezahltes oder schlecht bezahltes Praktikum. Der Vorsprung ist nicht groß genug, um mein Zelt dort aufschlagen zu können.

Aber besser als nichts. Wenigstens habe ich einen Platz für die Nacht und meine schmerzenden Glieder können sich ein wenig erholen und auch mein Geist kann womöglich neue Kräfte sammeln.

Früh am nächsten Morgen mache ich mich wieder an den Aufstieg. Die Nacht hat nicht die Erholung gebracht, die ich mir erhofft hatte.

Mein Nacken ist verspannt durch die unbequeme Haltung, die ich einnehmen musste, um nicht hinunterzustürzen, und ich spüre, dass ich mich durch die Fallwinde, die vom Plateau kommen, erkältet habe.

Trotzdem klettere ich weiter. Mein Ziel habe ich klar vor Augen.

Aber obwohl ich schon so lang geklettert bin, scheine ich ihm nicht näher zu kommen.

Meine Arme und Beine, mein ganzer Körper ist ein einziger Muskelkater.

Ich weiß, langfristig macht diese Klettertour mich stark. Meine Muskeln werden in der Lage sein, Dinge zu stemmen, die ich früher keinen Zentimeter bewegt hätte.

Doch jetzt, da ich ungesichert an dieser Felswand hänge, weiß ich nicht, ob ich jemals die Chance bekommen werde, große Dinge zu stemmen. Ich weiß nicht, wie lang ich noch die Kraft habe, mich hier festzuhalten.

Ich ringe nach Luft, suche den Felsen immer wieder nach einer Nische ab, in die ich greifen könnte. Als ich einen winzigen Halt finde, lasse ich vorsichtig eine Hand los und hole aus meiner Tasche den Traum heraus, den ich schon so lange mit mir herum trage.

Ich schaue ihn an und frage mich, ob es sich lohnt weiterzuklettern. All den Schmerz und die Anstrengung zu erdulden, um ihn dann dort oben auf dem Plateau fliegen zu lassen.

Schön und in bunten, kräftigen Farben liegt mein Traum in meiner Hand. Er ist wunderschön, und ich habe ihm versprochen, für ihn diese Klippe zu besteigen.

Ich bin nicht bereit, ihn aufzugeben.

Mein Traum wird fliegen.

Und während ich oben auf der Klippe am Abgrund tanze, denn sicher wird es auch dort oben wahrscheinlich nicht sein, werde ich ihm nachsehen, wie er über das Bergpanorama fliegt und mir fröhlich zuwinkt.

Beizeiten werde ich ihn zurückholen, wenn mich auf der Klippe die Höhenangst packt, damit er mir erzählt, was er auf seinem Flug erlebt hat, und warum es sich gelohnt hat, auf diese Klippe zu steigen.

 

So wird es hoffentlich eines Tages sein. 

Aber noch hänge ich an der Felswand und suche nach Halt. 

Jeder klettert allein und muss seine eigenen Haltenischen finden. 

Doch wie schön wäre es, wenn eine Hand sich ausstrecken würde, um einem auf den Vorsprung zu helfen.

Dann würde ich ihm meinen Traum zeigen, den ich auf die Klippe tragen möchte. Und mein Traum würde noch heller und bunter leuchten als zuvor.

Denn Träume werden schöner, wenn man sie teilt.  

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Kommentare: 2
  • #1

    anne (Donnerstag, 24 Juli 2014 13:43)

    Das klingt ja ziemlich dramatisch!
    Schön beschrieben! :-)
    Vielleicht solltest du dich einfach an einer anderen Klippe (=andere Ausbildung) versuchen. Kann nämlich auch ganz leicht sein, je nachdem welche Klippe man wählt! ;-)

  • #2

    Pham (Donnerstag, 24 Juli 2014 13:55)

    Wenn man denkt es ist der Weg, wenn man nur den Weg nach oben sieht, dann vergiss nicht, dass auch manchmal ein Weg zur Seite, ein neuer Weg sich öffnen kann, eine Wand ist kein Grat keine Stange, eine Wand hat mehr möglichkeiten und manchmal ist gut etwas abzuseilen und um den Felsprung herum zu gehen. Alles Gute dir.