... and lead you through the streets of London ...

Naja, durch London ging es zwar nicht, aber auch in der Bochumer Innenstadt lässt sich viel erleben, wenn man als Straßenmusiker am Straßenrand steht.

 

Vor ein paar Tagen überkam mich die Lust, auf der Straße zu spielen, und so fuhr ich morgens in die Stadt und besorgte mir für zwei Tage eine Genehmigung zur öffentlichen Darbietung, wie es im Beamtendeutsch so schön heißt. 

Viel interessanter wäre es natürlich gewesen, ohne Genehmigung zu spielen, aber als blutiger Anfänger wollte ich nicht gleich alles riskieren.

Während des Tages wuchs meine Aufregung immer mehr - war ich wirklich sicher, dass ich das machen wollte? 


Aber nun hatte ich ja 5 Euro für die Genehmigung gezahlt, also sollte ich das Ding wohl durchziehen. 

Am Nachmittag kehrte ich mit Gitarre zurück in die Innenstadt und postierte mich vor einem großen Klamotten-Laden.

Und sobald ich da stand, war meine Nervosität auf einmal weg!

Ich hatte mir zuhause eine Art Setlist zusammengestellt, die ich nun anspielte, zuerst ein bisschen leise, um mich ein wenig an die Umgebung zu gewöhnen.

Da ich bislang immer ohne Plek gespielt habe und zuhause in den letzten Tagen schon viel gespielt hatte, fing nach dem ersten Lied prompt mein Daumen an zu bluten. 

Das hatte natürlich irgendwie etwas Heldenhaftes, aber so konnte ich schlecht weiterspielen - obwohl Blut an den Gitarrensaiten schon sehr dramatisch wirkt. 

Zum Glück hatte ich aber Pflaster dabei und natürlich auch ein paar Pleks, womit ich dann zwangsläufig weiterspielen musste. Entsprechend lauter musste ich auch singen, was mit den Nachwehen meiner Erkältung erst gar nicht so leicht war. 

Aber mit jedem Lied ging es besser und zwischen den vielen Leuten, die vorbeigingen, waren immer auch wieder welche dabei, die etwas in meinen aufgestellten Gitarrenkoffer warfen, den Daumen hoben und mich anlächelten. 

Zwischendurch fing es noch übel an zu regnen - war ja klar!

Ich stand zum Glück unter einem Vordach und wurde so nicht nass, aber bei Regenwetter achten die wenigsten Menschen noch auf singende Straßenmusiker. Ich sang trotzdem unbeirrt weiter - ich stand ja im Trockenen und es machte auch mit Regen Spaß (I'm singin' in the rain! - YEAH)

Unterm Vordach war noch Platz und so gesellten sich ein paar Leute, die keinen Schirm dabei hatten, zu mir und suchten Zuflucht vor den Tropfen. 

Da war aber auch schon mehr als die mir erlaubte halbe Stunde Spielzeit um, und ich bereitete mich auf einen Platzwechsel vor. 

Ich wurde von einem Ehepaar angesprochen, das mir attestierte, ich könne wirklich gut singen, und sie fänden Live-Musik ja immer so toll und immer wenn irgendwo umsonst Konzerte wären, würden sie hingehen und so weiter. Es war echt ganz lustig, mich mit denen zu unterhalten.

Während des Gesprächs lernte ich von dem Mann noch, wie das Rauchen sich ausgebreitet hatte. Er war nämlich selbst einmal starker Raucher gewesen, bis seine Kollegen ihn irgendwann am Husten erkannt hatten; da hatte der Mann dann beschlossen, das Rauchen aufzugeben. Und er hatte sich informiert, wie das mit dem Rauchen gekommen war. Ob die Geschichte tatsächlich stimmt, die er mir erzählte, weiß ich nicht. Aber ich fand sie so toll, dass ich sie euch nicht vorenthalten möchte. 

 

Also: Die Indianer ritten den ganzen lieben langen Tag durch ihre Jagdgebiete. Das führte bei den Männern über kurz oder lang zu erheblichen Fruchtbarkeitsproblemen, weshalb immer wieder Kriege zwischen den Stämmen geführt wurden, in denen Frauen und Kinder erbeutet wurden, um den Fortbestand des Stammes zu garantieren. 

Wurde zwischen zwei oder mehreren Stämmen Frieden geschlossen, wurde die Friedenspfeife ausgepackt und herumgereicht. 

Als die Europäer kamen und Amerika eroberten, haben die sich das Rauchen abgeschaut und mit nach Europa gebracht ... Und dann hat sich das irgendwie verselbständigt. 

 

Der Mann war übrigens überzeugt, dass, wenn die Menschheit wüsste, wie es zum Rauchen gekommen ist, würden längst nicht mehr so viele Menschen zur Zigarette greifen. 

Ich bin mir da, ehrlich gesagt, nicht so sicher. ich persönlich wäre auch ohne die Geschichte Nichtraucher geblieben, aber es war auf jeden Fall eine nette Erzählung. 

An meinem nächsten Standort wurde ich nach nur zwei Liedern wieder angesprochen. Wieder von einem Mann, der mir sagte, wie toll ich singen konnte und mir 5 Euro in die Hand drückte. Er fragte, ob ich in einem Chor singen würde, und erzählte mir dann, er wär auf dem Weg zum großen Elektronikfachhändler, weil sein Laptop am Abend vorher durchgebrannt wäre. Ob er mir was mitbringen sollte, wollte er wissen.

Das fand ich ja schon irgendwie süß, lehnte aber dankend ab. Ich brauchte nichts. Der Mann hörte noch ein Weilchen zu, und verabschiedete sich dann, um einen neuen PC zu kaufen. 

Kurz darauf blieb schon wieder jemand stehen. 

Dieses Mal ein Obdachloser, der von meiner Sangeskunst ebenfalls begeistert war. Der kriegte sich gar nicht mehr ein vor Freude und hat die ganze Zeit auf mich eingeredet. 

Schließlich fragte er, ob er sich neben mich setzen dürfte.

Klar, warum nicht, ist ja schließlich ein freies Land. 

So spielte ich ungefähr eine Stunde hauptsächlich für diesen Mann, der sich zwischendurch eine zweite Flasche Bier öffnete und immer wieder den Kopf schüttelte, weil er nicht glauben konnte, dass ich keinen Gesangsunterricht gehabt hatte. 

Einmal kamen ein paar Jungs vorbei, fast ausnahmslos mit Kopfhörern in den Ohren. Der Obdachlose sprach sie an, deutete auf mich und sagte:

"Die hat ne gute Stimme, ehrlich!"

Die Jungs grinsten nur, sagten so etwas wie "jaja" und verschwanden um die nächste Ecke.

Der Obdachlose winkte ab und sah mich schulterzuckend an: "Die haben ja keine Ahnung", meinte er.

Man muss den Jungs fairerweise zugestehen, dass ich zu diesem Augenblick schon dabei war, meine Sachen wieder zusammenzusuchen, um zum nächsten Platz zu gehen, und sie mich so gar nicht hatten spielen hören.

Aber wie der Obdachlose versuchte, Publikum für mich zu rekrutieren, war schon irgendwie nett. 

Schließlich verabschiedete er sich von mir mit Handkuss und prophezeite mir, ich könnte es überall schaffen.

Unter normalen Umständen hätte ich so etwas vielleicht komisch gefunden, aber in dem Moment fand ich es schon cool. 

Wenn jemand mich spielen hört und es ihm gefällt und ihm Freude macht, ist es mir egal ob er alles oder nichts hat. 

 

Am letzten Platz für den Abend waren zwar mehr Leute, aber die waren alle auf dem Weg irgendwohin und hörten weder zu, noch warfen sie etwas in meinen Koffer. 

Und da ich ja nun auch schon lange gesungen hatte, beschloss ich, mich auf den Heimweg zu machen. 

Im Bus, den ich so gerade eben noch erwischte, winkte mir jemand zu - der Mann, der mir die Indianergeschichte erzählt hatte. 

Ich lächelte zurück und ließ mich auf einen freien Platz fallen. 

Offenbar hatte er meine Reaktion nicht gesehen, denn er winkte noch einmal und rief quer durch den Bus: "HALLOOOO!!!"

Also winkte ich zurück.

"Ich hätte den Bus schon aufgehalten", rief er mir daraufhin noch in voller Lautstärke zu.

Danke, hömma!

 

Am zweiten Tag war das Wetter besser, aber die Leute beschäftigter. 

So viele coole Erlebnisse wie am ersten Tag hatte ich nicht.

Dafür passierte mir das, was jeder Straßenmusiker wohl schon erlebt hat. 

Ich wurde von einem Platz weggeschickt. 

Am Wochenende war in Bochum nämlich "Kulinarischer Treff."

Da waren natürlich viele Leute und ich dachte, die freuen sich bestimmt über ein bisschen Musik beim Essen. 

Tja, die Leute vielleicht schon, aber die vom Veranstaltungsteam irgendwie nicht so richtig. 

Ich hatte noch keine Strophe vom ersten Lied gespielt, als ein Typ auf mich zukam, der meinte, hier müsste er mich leider wegschicken, weil wegen des Treffs hier eine Sondernutzung der Straße vorläge und jeder, der vom Event was haben wollte, müsste ne extra Gebühr zahlen ... 

Okaaaaaayyyyyyyyy ...

Der Typ hat sich nicht mal ausgewiesen - ich hätte also diskutieren können. Aber dazu hatte ich irgendwie keine Lust, hab also meine Siebensachen zusammengesucht und bin zur anderen Ecke. 

Dort kam irgendwann ein Typ, der mir immer näher kam und sich und mich mit seinem Handy filmte.

Auf seine Frage, was er denn da vorhätte, meinte er nur: "Ich hör Musik!"

Ach was!

Er stand mir nur ziemlich im Weg und ich bat ihn, einen Schritt zur Seite zu gehen. Er hielt das Handy hoch über seinem Kopf, sodass ich sehen konnte, was er filmte. Das ging mir schon ein bisschen auf den Keks, also drehte ich mich immer so, dass möglichst wenig von mir auf seinem komischen Filmchen war. 

Irgendwann verschwand er dann. 

Dafür, dass er mich ungefragt gefilmt hatte, hätte er ruhig auch was in den Koffer schmeißen können ... aber egal.

Stattdessen blieben später ein paar ältere Leute stehen, die sich kurz über etwas besprachen. Kurz darauf kam eine der Omis auf mich zu, um etwas in den Koffer zu schmeißen. Sie fingerte umständlich in ihrem Portemonnaie herum, kam aber wohl nicht so ganz zurecht, und kippte kurzerhand den ganzen Inhalt einfach in meinen Koffer: geschätzt 3,50 Euro in 1-, 2- und 5-Cent Münzen. 

Das fand ich dann wieder ganz witzig.

 

Am frühen Abend kehrte ich ein bisschen heiser, aber zufrieden nach Hause zurück. 

Ideell wie finanziell hat sich mein kleines Abenteuer gelohnt und der Spaßfaktor kam auch nicht zu kurz.

Ich werde das Ganze also sicher beizeiten wiederholen. Mittlerweile ist mein Daumen auch wieder verheilt ;)

 

Übrigens: "Streets of London" habe ich auf der Straße nicht gespielt. 

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Kommentare: 1
  • #1

    Andrea (Mittwoch, 13 August 2014 14:47)

    Hey Constanze,
    mutig, und klasse, dass du dein Vorhaben so durchgezogen hast ! Schade, dass ich nicht in der Stadt war, hätte dir gerne zu gehört und natürlich was in den Koffer geschmiessen.... vieleicht kannst du ja irgendwann mal ne Bluesharp als Begleitung brauchen ;-)
    Bluesige Grüße, Andreha