Am Anfang war die Verwirrung

Nie, nie wieder wollte ich mit dem Zug einen Umzug bestreiten!

Das hatte ich mir fest vorgenommen, nachdem ich damals mit Cello, Gitarre und Reisetasche per Zug von Bochum bis nach Kalmar gefahren bin.

Jetzt habe ich es doch wieder getan!

Diesmal mit Koffer, Gitarre und Reisetasche. Allerdings nicht nach Schweden, sondern nach München. Auch das war spannend genug. 

 Im ICE wurde ich bereits von zwei Männergruppen auf Ausflug unterhalten (die Gespräche drehten sich um Skat-Spielzüge und Dominas ... *aha*) - davon abgesehen, war die Zugfahrt aber okay.

Schließlich, nach sechseinhalb Stunden Fahrt (inklusive angesammelter Verspätung - wie könnte es anders sein?) stehe ich mit meinem Gepäck am Münchener Hauptbahnhof. 

Meine Vermieterin hat mir geschrieben, dass ich zur Wohnsiedlung am besten mit der S-Bahn fahre ... aber wo finde ich die?

DA! Ein Schild: "Zu den S-Bahnen link herum."

Ich finde unendlich viele Bahnen, aber nicht die S-Bahn, die ich suche. 

Auf dem Weg von Gleis 20 rüber zu Gleis 30, stelle ich allerdings fest, dass mein Anorak zu warm und die Koordination von Koffer, Rucksack und Gitarre irgendwie kompliziert wird. 

Ein MVV-Mensch zeigt mir den Weg zur richtigen S-Bahn.

Mitsamt meinem Gepäck fahre ich mit der Rolltreppe hinunter ins verzweigte Tunnelnetz Münchens. 

Alles sieht gleich aus. Grau, hell, Großbaustelle und jeder Auf- oder Abgang führt zur S-Bahn. 

Und überall sind Menschen. Sehr sehr viele Menschen. 


Ich finde "mein" S-Bahn-Gleis und stelle mich zwischen die vielen Wartenden.

Noch 20 Minuten muss ich warten.

Es ist warm.

Es ist wuselig.

Es ist voll.

Immer wieder fahren irgendwelche Bahnen ein, spucken Leute aus und nehmen andere Leute mit auf.

Hunderte Menschen steigen ein. 

Warum wird der Bahnsteig trotzdem nicht leerer?

Irgendwo vor mir entdecke ich zwei Frauen, die einen Korb zu ihren Füßen abgestellt haben. Ein Korb voll mit Brezeln, Mettwürsten usw. Alles ruht auf einem Tuch mit weiß-blauem Rautenmuster.

Willkommen in Bayern!

Die S-Bahn fährt ein. Was hat meine Vermieterin noch gesagt?

Ich soll vorne einsteigen, damit ich am Zielbahnhof gut aus dem Zug komme?

Gesagt. getan.

Bei einer Station dreht der Zug um und fährt in die Gegenrichtung. Also laufe ich mit meinem Gepäck durch den Zug.

Vorne ist ja jetzt hinten und hinten vorne. - Herrje!

Letzlich wäre es nicht nötig gewesen - ich wäre auch weiter vorne (oder hinten) aus dem Zug gekommen. 

Ein netter Mann hilft mir, meinen Koffer vor den Bahnhof zu tragen. Das finde ich großartig, denn meine Arme sind nun schon ziemlich lang und meine Schultern tun weh. 

Aber gleich habe ich es geschafft. Nur noch irgendwie über die Schienen und in die Siedlung...

 

Ich mache einen Umweg um die Siedlung herum, bis ich mein Quartier finde. Meinen neuen Mitbewohner lerne ich im Treppenhaus kennen - und er erklärt mir, dass ja alles, was nicht Bayern ist, Ausland ist. 

Ich bin sofort geneigt, im zuzustimmen. 

Bei meinem heutigen Stadt-Erkundungstrip sehe ich erschreckend viele Menschen in Lederhosen und Dirndl.

Alle anderen sprechen Chinesich und Japanisch.

Ich habe das starke Bedürfnis, mit Grubenlampe durch die Gegend zu laufen und "Glück auf, der Steiger kommt" zu singen.

Aber - vielleicht lieber doch nicht.

 


 

 

Ich suche mir ein paar nicht ganz so volle Nebenstraßen und hoffe inständig, dass ich den Weg zurück zur S-Bahn finde. 

Mein Orientierungssinn lässt mich zum Glück nicht im Stich. 

Zumindest nicht an der Oberfläche. Erst als ich wieder unterirdisch bin und mir einfällt, dass ich ja noch Brot kaufen wollte. Also wieder hoch!

Aber wie? 

Alle Treppen, die ich finde, führen irgendwie nur nach unten.

Immerhin bin ich nicht die einzige, die den Ausgang nach oben sucht. Ein Pärchen mit Katze sucht ebenfalls. Wir finden einen Aufzug - der aber kaputt ist.

Also weiter suchen. 

Gesucht, endlich gefunden, Brot gekauft und durch die Menschenmassen wieder zurück in den warmen, vollen Schacht. 

Jetzt sitze ich in meinem neuen "Zuhause auf Zeit" und bin froh, dass um mich herum nur die Siedlung und freies Feld ist. 

Ich glaube, ich brauche noch eine Weile, bis ich mich an das alles hier gewöhnt habe. 

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