Deutschland deine Kinder

Heute ist unser deutscher Nationalfeiertag. 

Der Tag der deutschen Einheit. 

In Hannover finden die offiziellen Feierlichkeiten statt, überall im Land freut man sich über ein verlängertes Wochenende - und seit 24 Jahren wird regelmäßig in den Wochen vor dem 3.Oktober die Frage gestellt, ob Deutschland denn nun wirklich EINS sei. 

Im Westen wird fleißig gestöhnt, dass "wir ja jetzt wirklich lange genug Soli-Beiträge für die da drüben gezahlt haben" und im Osten wird beklagt, dass die Einheit ja gut und schön sei, "aber was nützt sie uns, wenn wir wirtschaftlich immer noch schlechter gestellt sind.?"

Es wird misstrauisch auf vielleicht doch noch irgendwie sozialistisch scheinende Strukturen geschaut und nicht weniger misstrauisch mit autoritären Ländern gehadert. 

Und das soll nun (Wieder-)Vereinigung heißen und vor allem sein?

Ich wurde wenige Wochen nach dem Mauerfall geboren, 1990 wurde ich ein Jahr alt, solange ich bewusst denken kann, kenne ich Deutschland also nur als einen politischen Staat.

Trotzdem, oder vielleicht gerade wegen meines Alters, lässt mich dieser Nationalfeiertag nicht unberührt.

Der Titel dieses Blogeintrags ist der Titel eines Liedes von Rolf Zuckowski, das ich als Kind aus voller Kehle mitgesungen habe. Mittlerweile denke ich zu viel nach, weshalb mir jedes Mal die Stimme wegbleibt, wenn ich heute dieses Lied höre, obwohl ich es nach wie vor liebe.

In dem Lied heißt es in der ersten Strophe: 

"Deutschland, deine Kinder stellen Fragen

ist morgen für dich mehr als nur ein Wort?

Machst du ihnen Mut, den Blick nach vorn zu wagen

oder stiehlst du dich aus ihren Träumen fort?

Wirst du ihre Freiheit nutzen,

ihre Flügel nie mehr stutzten

und in ihren Köpfen nie mehr Mauern bau'n?

Zu viele Chancen wurden schon verpasst,

Deutschland, deine Kinder sind das beste, was du hast."

Mit beinahe 25 Jahren bin ich dem Kindesalter nun wohl entwachsen, und doch fühle ich mich immer noch angesprochen, wenn es heißt "Deutschland deine Kinder."

Als Mitglied dieser Generation, die nur ein vereinigtes Deutschland kennt und in die vielleicht gerade deswegen so viele Hoffnungen gesteckt wird, frage ich mich allerdings manchmal, wie wir all diese Hoffnungen erfüllen sollen, wenn wir in den Medien immer wieder hören, wie sehr Deutschland in verschiedenen Aspekten immer noch getrennt ist, auch wenn es keine physische Grenze mehr gibt.

Immer wieder bekommen wir gesagt, wie erschreckend wenig die Generation derjenigen, die ab '89 geboren wurden, über die Geschichte der deutschen Teilung und Wiedervereinigung weiß.  Wenn ich so etwas höre oder lese, beschleicht mich immer das Gefühl, in eine Ecke gedrängt und mit dem stillen Vorwurf konfrontiert zu werden, nicht genug für diese deutsche Einheit, an die wir Zeit unseres Lebens gewöhnt sind, zu tun. 

Und mit diesen Sprüchen werden genau die Mauern in meinem Kopf gebaut, die doch eigentlich abgerissen sein sollten. Wie sollen wir da EINS werden?

Wie sollen wir eine Einheit schaffen, wenn alles, was wir im Geschichtsunterricht zur Teilung und Wiedervereinigung lernen, nur alte Klischees bedient und festigt, anstatt Vorurteile abzubauen?

Wie können wir zu einer Einheit werden, wenn wir doch in den Traditionen unserer Familien erzogen wurden, die geprägt waren und sind von Lebensumständen, politischen Ereignissen und Regionen.

Wie können wir vereinigt sein, wenn wir in unseren jeweiligen Teilen Deutschlands immer noch Eifersucht oder Misstrauen gegenüber den anderen sehen?

In unserer Nationalhymne heißt es "Einigkeit und Recht und Freiheit": die physische Freiheit ist seit einem Vierteljahrhundert nun gewährleistet, Recht haben immer alle, aber niemals die anderen, und einig ist man sich selten. 

Dadurch wurden tatsächlich schon viele Chancen verpasst und Mauern erhalten statt abgebaut. 

In Rolf Zuckowskis Lied heißt es weiter: 

"Wirst du frei und offen bleiben,

ihren Herzen Wege zeigen,

wie man ohne Angst aus Fremden Freunde macht?"

Bei oben genannten Sprüchen, Problemen und Erwartungsdruck, fällt es mitunter schwer zu glauben, dass wir wirklich mit ganzem Herzen eins werden wollen. 

Ich wünsche mir und meiner Generation und allen nachfolgenden Generationen, dass wir ernsthaft ermutigt werden, die deutsche Einheit und Einigkeit zu leben und aktiv zu gestalten. 

Ich wünsche mir, dass unsere Grenzen offen bleiben und wir unsere Geschichte nie aus den Augen verlieren.

Dabei hoffe ich aber, und appelliere an die älteren Generationen: lasst uns vor allem in die Zukunft blicken und von der Vergangenheit lernen, statt uns darauf zu beschränken und sie immer wieder aufzurollen und in der Namensgebung von Kindern noch immer Indizien dafür finden zu wollen, dass Deutschland doch noch geteilt sei. 

Vielleicht mag der eine oder andere den Eindruck haben, dass ich übertreibe oder das, was in den letzten 25 Jahren passiert ist, nicht genug würdige, oder dass ich zu pessimistisch bin. 

Denjenigen sei gesagt; dem ist nicht so.

Ich bin froh, in einem Land aufgewachsen zu sein, in dem es keine Mauern und Todesstreifen gab, in dem ich keine Angst davor haben musste, was ich wem sagte.

Ich habe großen Respekt vor all denen, die 1989 auf die Straße gingen und für Freiheit demonstrierten, die den Mut aufbrachten ihre Meinung zu sagen.

Und ich bin dankbar, durch meine Ausbildung und die damit verbundenen Praktika, in ganz Deutschland herumzukommen und dabei vor allem die Erfahrung zu machen, wie vielseitig unser Land ist.

Ich wünsche mir, dass jeder diese Freiheit nutzen und Erfahrungen machen kann.

Mir stellt sich angesichts meiner Erlebnisse die Frage, wo Einheit anfängt und wo sie aufhört und ob wir diese Einheit auf Ost und West bezogen nicht vielleicht zu krampfhaft verfolgen und auf einen Nenner zu bringen versuchen.

Denn wo gab und gibt es in Deutschland Einheit?

Ja, natürlich kommt es auch heute noch vor, dass man Menschen ansieht, dass sie aus dem Osten kommen.

Na und? frage ich.

Man sieht es auch, wenn jemand aus Bayern kommt.

Sicherlich gibt es in der ehemaligen DDR Orte, die heruntergekommen und schäbig und verlassen aussehen.

Genauso kenne ich aber genug Plätze in NRW, wo ich nicht tot überm Zaun hängen möchte. 

Bedeutet "Deutsche Einheit", dass wir gleich werden? Das doch bitte nicht!

Wer in Charlottenburg lebt, ist anders als derjenige, der aus Überzeugung in Kreuzberg wohnt.

Und Dortmund ist bitte nicht mit Gelsenkirchen zu verwechseln. 

Bayern und "die ganzen Preußen" sowieso schon mal gar nicht. 

Es lebe die Vielfalt - wie schwer zu ertragen und anstrengend sie auch von Zeit zu Zeit sein mag. 

Ein guter Weg zur Einheit wäre, diese Vielfalt und die Eigenarten kennen zu lernen und ihren Vertretern mit Respekt zu begegnen.

Und wenn mir eine gleichaltrige Freundin in Leipzig sagt: "Du armes Westkind weißt nicht, was ein Späti ist?", kann ich mit ihr gemeinsam darüber lachen.

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