Machet die Tore weit!

Der 9. November 1999 war für mich ein Dienstag wie jeder andere, weshalb ich nicht mehr weiß, was ich tagsüber tat.

Ich werde in der Schule gewesen sein, nachmittags meine Hausaufgaben gemacht haben, vielleicht habe ich mich mit einer Schulfreundin getroffen. 

An den Abend kann ich mich jedoch noch ziemlich genau erinnern. 

Denn an jenem Abend erwachte zum ersten Mal geschichtliches Interesse in mir, als ich von dem Wunder erfuhr, dass zehn Jahre zuvor geschehen war. 

Ich kam an jenem Dienstagabend ins Wohnzimmer, wo mein Vater den Fernseher laufen hatte, während er nebenher ein wenig aufräumte. 

Über den Bildschirm flackerten Bilder von unzähligen Menschen, die auf einer Mauer standen, von Autos mit lachenden Menschen, von Leuten, die sich gerührt in die Arme fielen. 

Diese Bilder waren unterlegt mit Stimmen von Reportern, die erzählten, was dort geschah.

"Papa, was guckst du da?"

"Eine Dokumentation über den Fall der Berliner Mauer vor zehn Jahren."

"Was für eine Mauer?", fragte ich.

"Die Mauer, die Ost- und Westberlin getrennt hat, so wie die Grenze, die durch Deutschland ging. Du kannst es dir mit anschauen, das interessiert dich bestimmt."

Mein Vater behielt recht. Gebannt schaute ich auf den Bildschirm, verstand nur die Hälfte von dem, was gesagt wurde, begriff aber wohl, dass das, was dort berichtet wurde, irgendwie wichtig war. 

Ich lief in mein Zimmer, griff nach Zettel und Stift und nahm beides mit ins Wohnzimmer, wo ich anfing, alles, was ich sah, mitzuschreiben. 

Und immer wieder fragte ich meinen Vater, warum und wieso das alles so war, wie es war ... und obwohl ich viele Antworten bekam, konnte ich die Bedeutung jenes 9. November 1989 nicht fassen.

Mein fast 10-jähriges Ich sah zwar, wie sich die Menschen damals gefreut hatten, aber es erschien mir unglaublich, dass man sich so freuen konnte über eine geöffnete Mauer. 

"Es war doch nur eine Mauer", dachte ich, die ich freiheitsverwöhnt aufgewachsen war. 

Was kannte ich damals schon für Mauern und Grenzen?

Die Gartenmauer des Vorgartens in der Nachbarschaft, über die meine Geschwister und ich gern liefen, war übersichtliche 40 Zentimeter hoch, der Maschendrahtzaun zwischen unseren Gärten ein Stück höher, aber doch niedrig genug, dass unsere Eltern uns problemlos zu den Nachbarn hinüberheben konnten. Vor allem aber, konnte man durch und über diese Grenzen schauen. 

Auch die Landesgrenzen, die wir auf unseren Ferienreisen passierten, waren recht ungefährlich - einmal an der französischen oder dänischen Grenze am Grenzhäuschen halten, Pass vorzeigen und weiterfahren. Ein Akt von maximal 5 Minuten. 

Nein - mit 10 Jahren begriff ich damals nicht, was diese Mauer in Berlin und die innerdeutsche Grenze bedeutet hatte. Unüberwindbare Mauern überstiegen einfach mein Vorstellungsvermögen. 

 

In den Jahren danach lernte ich in der Schule, Besuche in Berliner Mauermuseen und durch Erzählungen von Verwandten mehr über jene Teilung Deutschlands. Hörte von Stacheldraht, Minenfeldern, Überwachung, Mauertoten, Grenzkontrollen und Republikflüchtlingen.

Mit dem Lernen kam die Einsicht darüber, dass die deutsche Grenze keine Gartenmauer gewesen war, und die Emotion, mit denen ich die Bilder des 9. November 89 betrachtete, wuchs. 

Ich schämte mich ein wenig für die Gedanken, die ich als 10-jährige gehabt hatte.

Wie hatte ich leichtfertig "nur eine Mauer" denken können?

 

Vor zwei Jahren schließlich wurde mir richtig bewusst, wie unmöglich es für Betroffene sein muss, "nur eine Mauer" zu denken.

Mit einer Gruppe meiner katholischen Hoschulgemeinde reiste ich für 10 Tage nach Israel und Palästina, wo wir nach einem Aufenthalt in Galiläa auch für zwei Tage Station in Bethlehem machten.

Gewiss, wir waren vorgewarnt worden. Wir wussten, dass sich eine lange Mauer durch große Teile Israels zieht, dass besonders Bethlehem abgeriegelt ist.

Aber es ist etwas ganz anderes zu wissen, dass irgendwo weit weg eine Mauer steht, als plötzlich vor 8 Metern Beton zu stehen.

Unser Quartier war bei einer Familie, deren Haus auf 3 Seiten eng von der Mauer umbaut ist.

Mit unserem Reisebus waren wir problemlos durch den Checkpoint gekommen, nachdem der Busfahrer dem Grenzer gesagt hatte, er hätte eine deutsche Reisegruppe dabei. Als der Bus vor dem Haus unserer Gastgeberin hielt, waren zwischen Seitenspiegel und Mauer bzw. Hauseingang jeweils noch zwei Zentimeter Platz.  

Wir schälten uns aus dem Bus, trugen unsere Koffer in die für uns bestimmten Zimmer und wurden von unserer Gastgeberin herzlich umsorgt und verköstigt. 

Später erzählte sie uns, was der Alltag mit der Mauer für sie und ihre Familie bedeute. 

Durch die Grenze und die Wachtürme direkt an ihrem ehemaligen Garten stehen sie unter Dauerbeobachtung. Ihre Vorhänge haben sie daher fast immer geschlossen. In ihrer Wohnung können sie sich zwar frei bewegen, aber egal, aus welchem Fenster sie schauen, immer sehen sie die Mauer.

Als die Sperrmauer 2002 gebaut wurde, gingen die Kinder der Familie wie jeden Morgen zur Schule. Der Blick aus der Haustür fiel wie immer über weites Land und Felder. Als sie am Nachmittag zurückkehrten, war davon nichts mehr zu sehen. An nur einem Tag hatte man um ihr Haus eine Mauer aus 8 Meter hohen Betonplatten gebaut. 

Es war beklemmend, ihren Erzählungen zuzuhören, die Hilflosigkeit zu spüren, die Angst zu sehen, in der sie ständig leben, und immer wieder zu bemerken, dass sie sich irgendwie mit ihrem Schicksal abgefunden haben. 

Es kam vor, dass Soldaten in ihrer Wohnung standen und die Kinder in den Lauf von Maschinengewehren sahen. 

"Ja, es ist furchtbar, aber man gewöhnt sich daran. Sie kennen es teilweise nicht anders."

Die Erlebnisberichte, die als Zeugnisse auf Platten an der Mauer befestigt sind, ließen mich nicht los.

Und als ich am nächsten Morgen im Gästezimmer erwachte und vorfreudig auf einen neuen Tag aus dem Fenster sah, blickte ich auf grauen Beton, über dessen Ende irgendwo die Sonne zu erahnen war. 

Unseren Weg nach Jerusalem am Nachmittag dieses Tages traten wir zu Fuß an. 

Mit unseren Rucksäcken gingen wir zum Checkpoint, uns darauf gefasst machend, dass wir durchsucht, ausgefragt und wer weiß was für Prozeduren erleben würden.

Wir legten Gepäck, Gürtel und Handys ab, die über die Sicherheitsbänder liefen, gingen durch ein Drehkreuz, noch ein Drehkreuz und noch einen Übergang, nahmen unsere Sachen wieder an uns und verließen den Grenzübergang in Verwunderung darüber, dass keiner der Grenzposten besonderes Interesse an uns gezeigt hatte. 

Wir hatten doch so viel anderes gehört. Davon, wie Menschen stundenlang am Check-point standen, ohne zu wissen, ob sie die Stadt würden verlassen dürfen oder nicht.

Ich hatte ein schlechtes Gewissen, als ich aufatmend "freien Boden" betrat., weil ich mich erleichtert fühlte, der Enge der Mauer entkommen zu sein. Gleichzeitig hatte ich das Gefühl, unsere Gastgeber irgendwie verraten zu haben, weil ich Bethlehem verlassen und betreten konnte, wie es mir gefiel.

Weil ich einen deutschen Pass habe.

 

Mir wurde erst durch diese Reise richtig bewusst, was der 9. November 89 für Deutschland tatsächlich bedeutete. 

Manche Dinge lassen sich aus der Ferne eben besser verstehen.

Es ist zwar ein großer Unterschied ob ein Volk ein- oder ausgesperrt ist, ob eine Mauer Flucht vermeiden oder Sicherheit garantieren soll, sicher ist aber, dass es aber immer ein diesseits und jenseits geben wird. Und solange nicht beide Seiten einen Sinn in dieser Grenze sehen, kann und darf sie keinen Bestand haben. 

Das galt für die Grenze in Deutschland, und ich hoffe, dass es eines Tages auch für die Sperrmauer in der Westbank gelten wird, wohlwissend, wie viel komplexer die Problematik dort im Vergleich zu der Deutschen Teilung ist. 

 

Für die Naivität meines 10-jährigen Ichs 1999 schäme ich mich nicht mehr. 

Ich bin unendlich dankbar, dass ich mir nicht vorstellen konnte, dass "nur eine Mauer" so viel Leid auslösen konnte.

Viel eher möchte ich jedoch darüber weinen, dass heute, da wir Deutschen uns so freuen, es noch immer 10-jährige gibt, die sich nicht vorstellen können, was Freiheit ist.  

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