Morgen, ein Tag ohne Sorgen

... nur nicht für dich, Kind aus dem Krieg!"

So heißt es in einem Kinderlied, das ich früher gern gehört habe. 

Auch in den letzten Tagen ging mir dieses Lied immer wieder durch den Kopf.

Schließlich jährte sich gestern das Ende des zweiten Weltkriegs zum 70. Mal.

Dass die Sorgen mit der Kapitulation Deutschlands nicht vorbei waren, wissen wir durch Berichte von Zeitzeugen heute nur zu genau.

Auch 1945 wird sich wohl niemand Illusionen darüber gemacht haben, dass mit Kriegsende alles gut ist. 

Die Auswirkungen des "totalen Kriegs" waren nur zu deutlich sichtbar; die Zerstörung ganzer Städte, Hungersnöte, Vertreibung und Verlust von Heimat waren Sorgen der Bevölkerung, die sich mit dem 8. Mai nicht von jetzt auf gleich ausradieren ließen.

Manches hält an bis heute.

So stimmt es mich jedes Mal nachdenklich, wenn ich auf der Fronleichnamsprozession ältere Leute sehe, die in schlesischer oder ostpreußischer Tracht gekleidet sind und ein Banner vor sich tragen, auf dem zu lesen ist: "Unvergessene Heimat."

Vermutlich werden wir in spätestens 20 Jahren diese Banner nicht mehr sehen, weil die Leute, denen Schlesien, Ostpreußen und andere Regionen bis 1945 Heimat war, nicht mehr leben.

Aber ihre Kinder werden, bewusst oder unbewusst, den Schmerz ihrer Eltern über den Heimatverlust noch in sich tragen.

Aber auch diejenigen, die das Glück hatten nicht von Vertreibung und Flucht betroffen zu sein, vielleicht sogar noch nicht einmal ausgebombt waren, hat der Krieg geprägt.

 

Tatsächlich haben meine Großeltern mir davon erzählt, was sie im Krieg erlebt haben. Oftmals beschränkten sich diese Berichte aber auf Momente, in denen sie Glück gehabt haben, mit einem blauen Auge davon gekommen sind oder in denen absurderweise etwas einmal wirklich komisch war.

Die furchtbaren Erlebnisse von Bombennächten, Phosphorleichen auf den Straßen und militärischem Drill hat meine Oma erst berichtet, als sie ihre Erinnerungen vor Jahren verschriftlicht hat. - Mein Opa lässt Erlebnisse dieser Art bis heute aus.

Manchmal frage ich mich, in wie vielen Nächten meine Großeltern und ihre Generation von Alpträumen geplagt wurde. Ob sie noch immer zusammenzucken oder mit Schaudern an früher denken, wenn irgendwo eine Sirene aufheult. 

Wann war für sie der erste Tag ohne Sorgen nach dem Krieg?

Ohne Angst vor Bomben.

Ohne Angst vor Vergewaltigung durch alliierte Soldaten.

Ohne Angst vor einer neuen Diktatur.

Ohne Sorgen darüber, wie man hungrige Mäuler satt bekommt?

Ich bin dankbar, dass ich diese Sorgen nie haben musste, und ich hoffe und bete, dass ich nicht nur morgen, sondern auch übermorgen, nächste Woche, nächstes Jahr und noch länger mir diese Sorgen nicht machen muss. 

Aber auch wenn wir in Deutschland seit 70 Jahren einen Friedenszustand genießen können, wissen wir nur zu gut, dass es in anderen Teilen der Welt ganz anders aussieht.

Das, wovon meine Großeltern mir erzählt haben, ist für viele Menschen heute bittere Realität. 

Hier in Mitteleuropa haben wir es geschafft, seit 70 Jahren keinen Krieg mehr zu beginnen. Doch sollte das kein Grund sein, sich entspannt zurückzulehnen, sondern vielmehr jeden Tag aufs Neue daran zu arbeiten, dass kein neuer Krieg ausbricht.

Bei manchen politischen Parolen kann einem jedoch Angst und Bange werden, und ich frage mich, ob ein anhaltender Frieden wirklich immer das oberste politische Ziel ist. 

"Noch haben die Erwachsenen nichts gelernt ..."

Wenn wir uns umschauen, müssen wir Europa nicht einmal mehr verlassen, um die aktuellen Kriegsgebiete zu sehen. 

Sind 70 Jahre schon zu lang, um zu vergessen, was der Krieg mit den Menschen macht? Zeigt die Erfahrung nicht, dass nichts besser wird?

 

Offenbar nicht - denn auch heute stehen wieder Menschen vor unseren Türen, die aus ihrer Heimat vertrieben wurden oder geflohen sind. 

Sie kommen nicht mehr aus Königsberg, sondern aus Syrien, Libyen oder der Ukraine.

Aber sie erzählen die gleichen Geschichten wie unsere Großeltern. 

Keiner von ihnen hat sein Land gern verlassen. 

Sie wissen nicht, ob sie hier bleiben können, wo sie sich niederlassen dürfen, und werden zudem noch misstrauisch beäugt.

Ich frage mich, ob sie es sind, die, wenn sie bleiben dürfen, vielleicht in einigen Jahren bei unseren Prozessionen in ihren Trachten mitgehen und Banner vor sich hertragen mit dem Schriftzug "Unvergessene Heimat."

Man kann niemandem die Heimat ersetzen, aber wir können helfen, den Kriegsflüchtlingen von heute wenigstens ein neues Zuhause zu geben.

Denn eins ist unbestritten:

Auch sie träumen heute von morgen, einem Tag ohne Sorgen.

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