Lady-Killer

Hatte ich gestern noch groß getönt, dass ich ab sofort mutiger werden will, musste ich heute wieder einmal feststellen, dass es Momente gibt, in denen mir einfach die Worte fehlen.

Da übernimmt die Wut überhand und ich wünschte, der Mut würde sich nicht vor dieser Wut verkrümeln - bin dann aber auch wieder ganz froh, dass er es doch tut, weil es sonst womöglich ein Unglück gäbe.

Ich bin auf der Arbeit. Meine Kolleginnen und ich haben genug zu tun, um das Geschäft für die nahende "Rush-Hour" fertig zu machen. 

Die Tür öffnet sich. Stammkunden kommen herein. Alte Männer. 

Ich erledige noch schnell eine kleine Arbeit und registriere aus dem Augenwinkel, wie einer der Männer sich an den Tresen stellt. 

"Auf Karte", sagt er ohne Begrüßung und anstelle einer anständigen Bestellung.

 

Er reagiert genervt, dass ich nicht an seinem Blick lesen kann, was er gerne hätte. Meine Kollegin gibt mir den richtigen Tipp und dem Kunden den Hinweis, dass ich das schließlich nicht wissen könne.

Der Mann bekommt, was er will und setzt sich zu seinen Begleitern an den Stammtisch.

Sie geben sich keine Mühe, zu verbergen, dass sie über meine Kolleginnen und mich sprechen.

Sie taxieren uns mit ihren Blicken. 

Einige Zeit später wechseln sie den Tisch. "Mein" Kunde sitzt nun genau in meinem Blickfeld, beobachtet gefühlt jeden meiner Handgriffe über den Rand seiner Brille hinweg.

So oft es geht, drehe ich mich weg, um ihren Blicken auszuweichen.

Eine meiner Kolleginnen muss an ihm und den Stammtischbrüdern vorbei. Er schnalzt mit der Zunge, spricht sie an. Sie gibt ausweichende Antworten. Beim nächsten Mal erledigt sie ihre Arbeit noch schneller, um nicht wieder angesprochen zu werden.

Er lächelt mich an, während ich freundlich die Bestellung anderer Kunden annehme. Und ich habe keine andere Chance, als zu ihm sehen zu müssen. Wünschte, ich wäre woanders. 

Nach zwei Stunden verlassen er und die anderen Männer das Geschäft.

Spürbar erleichtert atmen meine Kolleginnen und ich auf.

Immerhin wurde heute keine von uns unangenehm angefasst.

 

Ja, und dafür soll FRAU dann wohl auch noch dankbar sein?

 

Ich habe mich nie großartig für Alice Schwarzer interessiert, glaube nicht, dass es besser ist, wenn bei gleicher Qualifikation von männlichen und weiblichen Kandidaten, die Frau den Job bekommen muss, und ich fühle mich auch nicht ausgeschlossen, wenn jemand sagt "Liebe Studenten." Ohne großes I.

Ich fühle mich durchaus emanzipiert. Ich bin gerne Frau. 

Aber solange ich im öffentlichen Raum von geilen Blicken auf Brust, Beine, Po reduziert werde und MANN meint, nur weil ich über die entsprechenden Chromosomen verfüge, hätte ich unbedingt Lust auf Schäkern und anzügliche Kommentare (die mich gedanklich schon ausziehen) - wird Weiblichkeit mitunter zum Spießrutenlauf. 

Und bevor jetzt komische Kommentare von wegen Provokation und so weiter folgen:

Auf der Arbeit (und auch sonst) trage ich lange Hosen, geschlossene flache Schuhe, sehr dezentes Make-up und einen Ausschnitt, der kurz unterm Hals aufhört.

 

PS: Auch das Foto dieses Beitrags ist aus Neuseeland. Traurig, dass es solche Hinweise immer noch geben muss. (Das Wort, dass der Blitz meiner Kamera vor 10 Jahren geblendet hat, heißt übrigens "see".)

 

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