1 Monat Schweden

Es ist der Wahnsinn, wie schnell die Zeit vergeht. Nun bin ich schon einen Monat in Lund und es fühlt sich an wie eine Ewigkeit. Zum Glück im positiven Sinne. 

Der Arrival-Day am 16. August liegt nur vier Wochen zurück, aber in der Zeit habe ich so viel erlebt, dass es eigentlich auch für  zwei Monate reicht. Und EIGENTLICH habe ich mir auch vorgenommen, jeden Tag Tagebuch zu schreiben. Aber, was soll ich euch sagen, ich hinke zur Zeit fünf Tage hinterher... 

Deshalb an dieser Stelle auch nur ein paar Episoden, die mich dieser Tage besonders begeistert oder beschäftigt haben. 

 

1. Auftritt Mitbewohner

Ich wohne zusammen mit einem "Ersti." An sich nicht unbedingt eine Umstellung von zuhause. In Greifswald waren meine Mitbewohnerinnen ja zuerst auch Erstis. Aber es gibt wohl einen entscheidenden Unterschied zwischen Ersti-SIE und Ersti-ER. Oder wohne ich mit einem Spezialfall zusammen?

Der Mitbewohner ist eigentlich ein fescher Kerl. Einigermaßen groß, schlank, die Haare gerade lang genug, um sich einen Minizopf zu binden. Ein Typ, der in historischen Liebesschmachtfetzen den perfekten Gentleman und Schwarm sämtlicher guter Töchter und Schwiegermütter abgibt. Ungefähr so hatte ich mir immer Gideon de Villiers aus Kerstin Giers Edelsteintrilogie vorgestellt. Nur so rein äußerlich.

Wie gut er gebaut ist, präsentiert er oft und gerne - ob ich es sehen will oder nicht. Nicht ganz so wild, aber vom Outfit doch eher das Modell Tarzan. Außer es ist Themenabend von der Fachschaft. Dann erlebe ich nach recht ausführlichem Styling auch die Modelle "Grieche" (nach 10 verschiedenen YouTube-Schulungen in kunstvoll gewickeltem Bettlaken) , Franzose (O-Ton: "Findest du diesen Gürtel oder den anderen besser?") oder doch Gideon de Villiers  mit Anzug und Krawatte. Kleider machen eben Leute ... oder so.

Am Ordnungssinn arbeiten wir hingegen noch. Der Mitbewohner hat entweder Angst im Dunkeln oder kommt aus einem Haushalt mit Bewegungsmeldern. Den Lichtschalter zum Ausknipsen findet er jedenfalls selten. Die Theorie einer meiner Freundinnen: "Vielleicht ist das seine Art, sein Revier zu markieren?" Die pragmatische Diagnose der anderen Freundin: "So sind Männer halt."

Immerhin schafft der Mitbewohner es volle Müllsäcke zuzuknoten und neben die Wohnungstür zu stellen. Wie der Müll dann zur Sammelstation kommt... : Gute Frage. 

Ich glaube, er hat eine tolle Mitbewohnerin, die den Weg kennt. 

Aber den aktuellen Plastikmüll und Papierkorb lasse ich jetzt erst einmal dort neben der Tür stehen. Vielleicht schafft er den kleinen Ausflug zur Sammelstelle ja doch. 

Ich fürchte allerdings, dass er gewinnt und ich zu schnell einknicke. 

 

Erkenntnis meinerseits: 

a) Männererziehung ist sehr harte Arbeit. (Und ich werde es wohl bei dem Mitbewohner nicht 

     mehr schaffen. Denn er zieht in drei Wochen in eine eigene Wohnung.)

b) Es ist keine gute Idee, am Küchentisch beim Frühstück Chick-Lit zu lesen, während der 

     Mitbewohner nebenan im Bad, nun ja, unter der Dusche "singt" (zu viele ironische    

     Gedanken, sarkastisch in die Höhe gezogene Augenbrauen und wieder tausend Ideen für 

     die nächsten 10 Romane ...)

 

2. Sprachschule 

 

Zugegebenermaßen bin ich nach vier Wochen ein wenig frustriert, wie schnell sich mein Englisch wieder erholt. Ich hatte ja schon die Befürchtung, dass ich kaum noch einen Satz zustande bringe in dieser Lingua Franca. Die Sorge war einigermaßen unberechtigt. Es läuft sehr gut. Ich lerne immer wieder neue spannende Vokabeln (z.B. "lizard" und "potluck") und lese englische Fachliteratur für meine Uni-Kurse. 

So langsam mache ich mir allerdings Sorgen um mein Schwedisch. Denn eigentlich wollte ich ja mit meinem Schwedisch weiterkommen und so richtig fließend in der Sprache werden.

Doch egal wohin ich mich wende, es wird Englisch gesprochen. Der Uni-Kurs ist auf Englisch, im Chor wird (wegen der vielen Internationals) Englisch gesprochen, in der Mentor-Gruppe reden wird Englisch ... Und wenn ich mit den vielen tollen neuen lieben Menschen, die ich hier treffe, zusammen bin, rede ich auch Englisch, selbst mit den wenigen Schweden, die dabei sind. Immerhin wollen wir niemanden ausschließen. Es gibt einfach kaum einen Grund Schwedisch zu sprechen.

Aber das ist ja nicht Sinn der Übung. Deshalb suche ich mir jetzt immer kleine Aktivitäten, bei denen ich auf jeden Fall Schwedisch spreche. Und wenn es nur beim Einkaufen ist. Dabei erlebte ich vor ein paar Tagen folgende Episode, die zeigt, dass eine Sprachschule überall sein kann.

 

Ich war in einem dieser tollen schwedischen Einrichtungshäuser (nein, nicht das mit den 4 Buchstaben), hatte ein paar Teile zusammengesucht und ging damit Richtung Kasse. Vor mir wurde eine junge Frau bedient, die ohrenscheinlich noch nicht viel Schwedisch konnte.

Auf die schwedische Frage der Kassiererin, ob sie eine Tüte wolle, reagierte sie mit einem irritierten: "Sorry?"

Die Kassiererin wiederholte die Frage auf Englisch. Die Kundin verneinte, nahm ihr Wechselgeld entgegen und erkundigte sich auf Englisch, wie der schwedische Satz "von vorhin" lautete.

Die Kassiererin lächelte und sagte erneut vergnügt: "Vill du ha en påse?"

  Nach "Listen and Repeat"-Schema wiederholte die Kundin ...... (mir fehlt hier gerade das deutsche Adjektiv. Auf Schwedisch würde ich "noggrann") Ha! "Gewissenhaft" heißt es auf Deutsch! den Satz und steckte ihren Geldbeutel weg.

"Behöver du hjälp med barnvagnet?", wollte die Kassiererin wissen und deutete mit vielsagendem Blick auf den Kinderwagen der Kundin.

Ein weiterer irritierter Blick der Kundin, langsames Wiederholen des schwedischen Satzes seitens der Kassiererin, anschließend des englischen Satzes und ein selbstbewusstes, schwedisches "Nej tack" von der Kundin .

So schön kann Sprachschule sein. Es braucht geduldige und gut gelaunte Lehrer und verständnisvolle Mitschüler, die hinten in der Schlange warten. Hier in Schweden ist es offenbar möglich. 

 

Jag älskar Sverige :) 

 

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Kommentare: 1
  • #1

    Denise (Freitag, 16 September 2016 22:50)

    Ich bin gerade sehr neidisch. Also nicht auf den Mitbewohner. :D Wäre jetzt auch gerne in Schweden. Aber das Problem mit dem Englisch in Schweden haben wohl viele. ^^Bin schon sehr auf deine weiteren Berichte gespannt.