Die Entdeckung der Einfachheit

Irgendjemand meiner Mitschüler hat mich in unserer Abizeitung in den Kurzkommentaren mit dem Stichwort "Öko" betitelt. Ich gehe aus Gründen davon aus, dass das nicht unbedingt nett gemeint war. Dabei gab es damals, meines Erachtens noch gar keinen Anhaltspunkt, der mich als "Öko" hätte charakterisieren können. Aber sei es drum. 

Ich würde gern wissen, was dieser mir namentlich nicht bekannte Mitschüler heute über mich sagen würde ...

Gerade in den letzten Monaten habe ich mich sehr intensiv mit den Themen Nachhaltigkeit, DIY, Minimalismus und "Teilen statt Neukaufen" beschäftigt. (Mitunter ein Grund, warum ich das Schreiben etwas vernachlässigt habe.)

Es hat vermutlich angefangen durch meine Erfahrungen mit der Wollspinnerei im letzten Sommer. In diesem Sommer habe ich meinen ersten Pullover aus der selbst gesponnenen Wolle fertig gestrickt. Zugegeben, dass aus der Rohwolle ein Pullover wird, ist alles andere als einfach, im Sinne von schnell gemacht. Aber ich war noch nie so entspannt bei einer Arbeit, wie während des Spinnens und Strickens. Jetzt kann ich es beinahe kaum erwarten, bis es kalt wird, und ich meinen Pullover tragen kann. Aber noch nutze ich die warmen Spätsommertage, um draußen bereits neue Wolle zu kardieren, die ich dann im Winter verspinnen kann. 

 

Trotzdem kündigt der Herbst sich überdeutlich an. Morgens riecht die Luft ganz anders, das Licht verändert sich, und auf den Straßen liegen Kastanien, Eicheln und Bucheckern, der Holunder ist reif. Eine Reichhaltigkeit an Nahrung und Haushaltshelfern.

Ich bin weit davon entfernt, mich mit Kräutern und Pflanzen auszukennen, und deshalb umso glücklicher, Blogs entdeckt zu haben, die Rezepte und Gebrauchsanweisungen bieten. Aber meine Neugier ist geweckt und ich arbeite daran, mein Wissen in dieser Hinsicht zu erweitern.

 

Bereits Anfang August war der Tag, der Anlass zur Trauer bot: Der Welterschöpfungstag. Seit dem 8. August sind alle Ressourcen aufgebraucht, die der Menschheit für dieses Jahr zur Verfügung stehen.   Da wir aber deshalb nicht aufhören zu essen, zu trinken, Auto zu fahren usw., leben wir auf Kosten zukünftiger Generationen. Und jedes Jahr wird dieser Tag früher kommen. Bis wir irgendwann, vermutlich leider in nicht allzu ferner Zukunft, über Jahre im Minus leben. 

Mir macht diese Entwicklung Angst. Vielleicht stimmt es ja und ich bin tatsächlich ein "Öko", vor allem aber bin ich Mensch, wie noch 7 Milliarden andere Erdenbewohner. Und als solche sollten wir alle Grund genug haben, uns Sorgen zu machen und gegen diese besorgniserregende Entwicklung zu arbeiten. 

Ja, theoretisch sind wir ja alle dafür den Klimawandel aufzuhalten. Aber dass wir dabei alle ganz praktisch verzichten müssen und vor allem (*ach du Schreck*) Rücksicht nehmen müssen, wollen wir nicht wahrhaben und schon gar nicht wahr machen. 

Dabei geht es ja gar nicht darum sich wieder ins Mittelalter zu katapultieren und auf jeglichen Luxus zu verzichten. 

Wir müssen nicht zwangsläufig in Lehmhütten wohnen und in Kartoffelsäcken durch die Gegend laufen. Aber vielleicht können wir Luxus neu definieren?

Ist Luxus, drei Autos in der Garage stehen zu haben, die dort hauptsächlich gut aussehen, oder kann Luxus auch bedeuten, ein Auto zur Verfügung zu haben, wenn ich es tatsächlich brauche? 

Ist Luxus, im Winter in die Karibik zu fliegen, oder kann Luxus auch sein, dick eingewickelt die ersten Sonnenstrahlen durch den Winternebel glitzern zu sehen? 

Ist Luxus, zu jeder Jahreszeit Orangen, Erdbeeren und genormtes, ewig frisches Gemüse im Überfluss zu haben? Kann Luxus nicht auch sein, im Herbst das reife Obst von den Bäumen zu pflücken und eigenes Apfelmus zu kochen, das man dann im Winter genüsslich löffelt?

Wir streben nach immer mehr, wollen alles, am liebsten jetzt sofort, und fragen selten, ob wir das wirklich alles brauchen. 

Ich glaube, es war bei Jostein Gaarder, bei dem ich einen Satz gelesen habe, der mich seitdem begleitet:

"Wem genug zu wenig ist, dem ist nichts genug."

Dabei ist es erstaunlich, wie wenig man tatsächlich vermisst, wenn man sich einmal mit einfachen Dingen beschäftigt, und wie schnell in dem Zuge auch Bedürfnisse sinken.

Ich freue mich ehrlich gesagt über diese Erfahrung und fange an, die Einfachheit zu lieben. Und das heißt nicht, dass ich in absoluter Askese lebe und außer Bett, Schrank und Tisch alles aussortiert hätte. Ich habe immer noch genug Krempel, von dem ich mich nicht trennen kann oder will. Aber ich habe auch noch lange nicht ausgelernt. 

Wenn man dieses Wort unbedingt gebrauchen möchte, sage ich, "Ja, ich bin ein Ökö."

Ich nehme es nicht als Schimpfwort auf, sondern als Zeichen dafür, dass ich um meine Verantwortung weiß. 

Ich bin verantwortlich für das, was ich tue, und damit für meine Mitmenschen, für die Welt, in der wir leben, und vor allem für die Welt, in der meine und unsere Kinder eines Tages leben werden.

Wer von euch mal ein bisschen nachvollziehen möchte, was mich in den letzten Monaten umgetrieben und beschäftigt hat, und welche Blogs ich zu den Themen lese, der kann sich die folgenden Links zu Gemüte führen:

 

Prince Ea: Dear Future Generations

 

Experiment Selbstversorgung

 

Ideenportal für einfaches und nachhaltiges Leben: Smarticular

 

Tiny House Bewegung: Living Big in a Tiny House und Exploring Alternatives 

 

und vor allem, als täglicher Begleiter: Ecosia - die Suchmaschine, die Bäume pflanzt. 

 

 

 

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