Auszeit in der Wildnis

Den Alltagsstress einfach mal ausblenden und stattdessen tief durchatmen und Natur erleben. 

Genau das habe ich vergangenes Wochenende mit ein paar Freunden erlebt. Zusammen sind wir im Söderåsen Nationalpark wandern gewesen. Es war nicht strahlendes Oktoberwetter - eher bedeckt und ganz schön kalt. Aber zum Wandern war es wunderbar.

Nach einer entspannten kurzen Zug- und Busfahrt am Samstagvormittag betraten wir mit Rucksäcken, Verpflegung und sehr guter Laune den Park. Ein letzter Besuch im "Park-Bistro" und der zugehörigen Toilette - und dann erwartete uns nur noch Natur. Hin und wieder begegneten wir anderen Wanderern, aber der Nationalpark ist groß genug, dass man zum größten Teil seine Ruhe hat. Während die 6 Grad beim bloßen Herumstehen sehr kalt waren, wurde uns beim Wandern schnell warm. Bergauf, bergab ... da kommt man sogar bei winterlichen Temperaturen ins Schwitzen. Hin und wieder genossen wir von Plateaus und Abhängen die Aussicht über Täler, in denen die Baumkronen uns in Grün, Gelb und Orange entgegen leuchteten. Es war wunderschön!

Während wir staunten und bewunderten, geschah fast unbemerkt etwas Merkwürdiges: Die Zeit verschwand. Ich hätte nicht mehr mit Sicherheit sagen können, wie spät es war. Das Großartige war aber, dass das auch überhaupt nicht wichtig war. Wir waren im Hier und Jetzt, wanderten um des Wanderns wegen und unterhielten uns dabei über Gott und die Welt. 

Irgendwann erreichten wir eine Hütte, in der wie die Nacht verbringen wollten. Dort hatten allerdings schon andere Wanderer einen Großteil der einfachen Holzbetten belegt. Wir entschieden, dass es noch früh genug am Tag sei, um noch weiter zur nächsten Hütte zu wandern. 

Im typischen Schwedenrot begrüßte uns nach zwei Stunden unsere Bleibe für die Nacht und ein paar Wanderer, die schon zwischen aufgeschlagenen Zelten um Lagerfeuer herumsaßen. Mit Campingkocher und Brunnenwasser wurde Tee gekocht, hinter der Hütte lagen Baumstämme, Säge und Axt bereit - und so machten wir uns ans Holzhacken für unser eigenes Lagerfeuer. Eng zusammengerückt auf Baumstämmen saßen wir also am Waldrand um unser Feuerchen und bereiteten in der Abenddämmerung unser Abendessen zu.

Hättet ihr gedacht, dass man Taco-Wraps ohne Teller zubereiten und essen kann? Klingt unglaublich - hat aber sehr gut funktioniert. Zum Nachtisch gab es geröstete Marshmallows und im Lagerfeuer gegarte Schokobananen. es wurden Rätsel gelöst und viel gelacht, bis es stockfinster war und ein paar Regentropfen fielen. Wir beleuchteten einen der Schlafräume mit zwei Stirnlampen und spielten und lachten weiter, luden noch zwei andere Wanderer mit ein. 

Irgendwann machten wir uns mit der Lampe noch einmal über den Hof auf den Weg zum 100.000 Sterne Klo und krochen anschließend auf den Holzliegen oder auf dem blanken Boden in unsere Schlafsäcke. 

Morgens gab es Haferschleim und Brot zum Frühstück, umgeben von Morgentau und kalter Herbstluft. Die Schlafsäcke wurden wieder in die Rucksäcke gestopft und bei zaghaftem Sonnenschein ging es gemütlich weiter. 

Alsbald erreichten wir den Ausgang des Nationalparks, wo wir kurz darauf wieder den Bus bestiegen und nach Hause fuhren. 

Insgesamt waren wir so ziemlich genau 24 Stunden unterwegs - und doch fühlte es sich an wie eine Ewigkeit. Aber Ewigkeit im positiven Sinn. Zeit vergessen zu können und einfach mal sein zu dürfen, lässt sich wohl nur in der Wildnis so erfahren. Wir haben so viel erlebt ohne dass es anstrengend wurde. Aussichten genießen, tief durchatmen, tiefe Gespräche führen, eine flauschige Raupe beobachten, wie sie durch das Laub kriecht und um ein Lagerfeuer sitzen, bis die Nacht einbricht. So viel an einem Tag, und trotzdem war ich am Ende eines Tages noch nie so entspannt. 

Jetzt bin ich schon drei Tage wieder "zurück in der Zivilisation", aber ich zehre noch immer von diesem Wochenende. Sollte es mir hier zu stressig werden, vergrabe ich meine Nase in meinem Schal - denn der riecht immer noch nach dem Rauch unseres Lagerfeuers. 

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