Wegbegleiter

Ein weiteres Jahr ist wie im Fluge vergangen. Ein Jahr mit Höhen und Tiefen, Freude und Trauer.

Aber keine Sorge, ich verschone euch mit einem weiteren Jahresrückblick. Davon gibt es an anderen Stellen wahrlich genug. 

Ich finde, es ist genau der richtige Zeitpunkt, um über treue Wegbegleiter zu sprechen; über Schuhe. 

WTF?!?

Typisch Frau vielleicht - dabei hab ich gar nicht so einen schlimmen Schuhtick (ihr wisst schon, 120 Paar, zu jedem Rock und jeder Handtasche das passende Paar.)

Meine Schuhe trage ich lange, wenn die Sohlen kaputt sind, bringe ich sie, ganz altmodisch, zum Schuster. Und ich trauere tatsächlich ein wenig, wenn ein Paar wirklich nicht mehr zu retten ist.

In diesem Jahr musste ich mich von drei Paar Schuhen trennen.

Als erstes musste ein paar schwarzer Chucks dran glauben - vor zehn Jahren, 2006, habe ich sie im Oktober in Wellington, der Hauptstadt von Neuseeland gekauft. Sie haben mich einige Male meinen 4 Kilometer langen Schulweg in Nelson hin und zurück getragen. Einmal bin ich mit ihnen sogar aus der Innenstadt bis zum Haus meiner Gasteltern gelaufen. 15 Kilometer! Zu vielen Freunden haben sie mich getragen - und schließlich steckten sie auch zur Beerdigung meiner Oma an meinen Füßen. Im letzten Jahr habe ich sie tagein, tagaus auf der Arbeit getragen. Mehr als einmal wurden sie in der Küche vom Spülwasser überschwemmt, in den Resten des Sohlenprofils traten sich unzählige Brotkrümel fest - und Mehlstaub sorgte dafür, dass meine treuen Begleiter eher grau als schwarz waren.

 

Gemeinsam mit meinen Chucks mussten auch die roten Leinenschuhe entsorgt werden, die mich immerhin fünf Jahre begleitet haben. 2012 gekauft, haben sie mich erst zum Praktikum begleitet und meinen Füßen Entspannung geschenkt, nachdem ich mir in anderen Schuhen zuvor furchtbare Blasen gelaufen hatte. Die Sohle war nicht die beste und nach vier Wochen schon abgelaufen. Der Schuster klebte eine wunderschöne neue Sohle auf. Anschließend haben sie mich durch Israel getragen; durch Nazareth, Bethlehem, Jericho und Jerusalem. In Leinenschuhen auf Jesu Spuren, sozusagen. Sie haben mich zur Klagemauer, in die Geburtskirche und in die Grabeskirche begleitet und dank der neuen Sohle im israelischen Sand Sternchenmuster hinterlassen.

2014 haben sie mich durch Südnorwegen getragen; Oslo, Lillehammer, Stavanger - sie waren immer dabei.

In diesem Frühsommer taten sie noch einen guten Dienst während des Festivals in Greifswald. Mit ihnen an den Füßen bin ich hunderte Kilometer zwischen Berlin und Greifswald hin und her gefahren, habe Künstler betreut und Catering vorbereitet.

Sie haben richtig was gesehen von der Welt, bevor sie in diesem Sommer wirklich auseinander fielen. Es tat mir wirklich leid, sie entsorgen zu müssen - es war eins der bequemsten Paare, die ich je hatte.  

Schließlich musste ich mich auch noch von meinen alter Wanderschuhen trennen. Auch sie haben mich seit 2006 durch die Welt getragen und mir auf steilen Wegen den nötigen Halt gegeben. Der erste große Ausflug war wohl damals in Neuseeland der 3-Tage-Trip in den Kahurangi National Park. Ich war fix und fertig, aber ich hatte warme Füße und bin sicher an mein Ziel gekommen. Auch beim Trip durch den Able Tasman waren sie dabei und haben bei strömendem Regen meine Füße trocken gehalten. Die Wachsschicht, die ich vor dem ersten Trip aufgetragen hatte, tat Wunder!

2008 waren wir gemeinsam in Albanien, haben Berge erklommen und sind Strände entlanggewandert (ja, normalerweise macht man so etwas barfuß, aber es war noch früh im Jahr und der Strand war sehr dreckig.) Auch ein Jahr später war ich froh, dickes, festes Schuhwerk zu haben, als es in Schweden zu schneien begann und ich meine AuPair-Kinder durch tiefen Schnee zum Kindergarten bringen musste. Auf meinen Spaziergängen durch Wald und Flur haben sie mich getragen, sie boten mir halt in der fränkischen Schweiz, waren in Aarhus dabei, als ich mir die Universität dort ansah, und auch vor zwei Jahren in Norwegen haben sie mich auf so manchen Berg getragen. Meine Wanderschuhe boten mir Halt, als ich 900 Meter über dem Erdboden auf einem Stein stand, oder die Aussicht auf den Geiranger-Fjord genoss. Schnee, Regen, Sonnenschein, glatte straßen, unebene Wege - meine Wanderschuhe konnten alles ab.

Nur der Hang in Südschweden, auf dem Weg zu Nimis war ihnen in diesem August wohl zu viel - die Sohle brach, noch bevor ich die Holzkonstruktion in Nimis betreten hatte.

Hoffnungsvoll trug ich sie zum Schuster - aber der schüttelte bedauernd den Kopf: Da sei nichts mehr zu machen. Leider, das wären wirklich schöne Wanderschuhe.

Wie recht er hatte.

Ich wünschte, ich könnte den Wanderschuhen ein ähnliches Denkmal setzen, wie jenen auf dem Foto oben. Aber die Blumen - Blüten der Erinnerung - werden jedoch wohl in meinem Kopf wachsen.

Ich weiß, wie unheimlich kitschig das klingt. Aber so ist das halt mit mir und meinen Schuhen. Vielleicht habe ich doch einen Schuhtick. Ich habe nicht viele, aber die Paare, die ich habe, trage ich lange und gerne. 

Gute Wegbegleiter findet man halt nicht an jeder Straßenecke ;) 

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