Say goodbye to Hollywood!

Vollgefuttert mit Weihnachtsglück mache ich mich auf den Weg ins schwedische Zuhause. 

Eine neue Gastfamilie bekommen und eine alte besuchen; besser kann ein Jahr doch gar nicht enden!

Kann es wohl wirklich nicht - deshalb ist es auch noch nicht zuende, und hat noch einige Überraschungen für mich parat ...

Wie, um mich zu erinnern, dass der gemütliche Teil jetzt vorbei ist, und ich noch einen Haufen Arbeit zu erledigen habe, bimmelt mein Handy, sobald ich das Bahnhofsgelände betrete. Zwei Tage kein WiFi - und mein Messenger explodiert. 68 ungelesene Nachrichten! Whaaat?

Ich wusste nicht, dass ich so wichtig bin, und Zugreisen müssen genossen werden, weshalb ich mich noch eine Weile weigere, die Kurzmitteilungen zu lesen. 

Erst als ich mich wirklich nicht mehr auf mein Buch konzentrieren kann, weil die Sitznachbarin sich beim unentwegten Telefonieren die ganze Zeit mit ihren Fingernägeln beschäftigt und deshalb mit ihrer Quäkstimme, für die sie vermutlich nichts kann, nur abgehackte, unvollständige Sätze produziert, gebe ich auf. 

Ich öffne den Messenger. Meine Vermieterin hat eine neue Chatgruppe eröffnet. Sie, meine Mitbewohnerin und ich. 

Ich scrolle bis ins Unendliche, um die Ursprungsnachricht zu lesen, die 57 Kommentare zur Folge hatte.

"Meine ehemalige Mitbewohnerin war heute da und hat ihre Sachen abgeholt. Das meiste aus der Küche gehörte ihr. Deshalb haben wir für die letzten Wochen nur noch eingeschränkte Ausrüstung. Sorry."

Während meine Sitznachbarin weiterhin ihre Fingernägel begutachtet, lese ich, wie jene ehemalige Mitbewohnerin hinzugefügt wurde und die Frage der aktuellen Mitbewohnerin beantwortet, ob sie vielleicht auch ihren Teller mitgenommen hat. Fotos werden hin und her geschickt.

"Das?"

"Ja"

"Ups - schick ich dir..."

Ich schließe den Chatverlauf. Wird sich schon finden.

 

Ich dagegen finde nichts. Als ich nach Hause komme, stelle ich fest, dass "eingeschränkte Küchenausrüstung" gleichzusetzen ist mit keiner Küchenausrüstung. Kein Topf, keine Pfanne, kein Geschirr, kein Besteck.

Okay, drei Schneidebretter und zwei Fleischmesser ... 

Die letzten zwei Wochen meines Erasmus-Semesters werde ich also von Brot und Rohkost leben. (Oder Tiefkühlpizza - was angesichts meiner bisherigen Ernährung aus Bio-Gemüse-Kisten gar nicht geht.)

Silveseter! 

Die letzten Erkenntnisse des Jahres, erstens: Man kann tatsächlich ziemlich viel im Ofen machen - "müssen nur wollen." 

Und zweitens: Den Silvesterabend alleine verbringen, ist auch mal richtig schön. Auch wenn natürlich der romantische Gedanke da war, beim Feuerwerk an der Uni vielleicht doch zufällig Mr. Darcy oder so zu treffen. Aber das Leben ist nun einmal weder Jane Austen Roman, noch kitschige Hollywoodromanze. Es ist hart (siehe Vorfall oben.)

In Hollywood wäre der allein das Feuerwerk bestaunenden Studentin der attraktive Jungeselle auf den Fuß getreten, gerade in dem Moment, wo es zwölf schlägt.

"Oh, sorry. Frohes neues Jahr."

Alles weitere spielt sich im Kopfkino ab.

In der Realität stehe ich zwischen zwei Familien, die über die Smartphone-Uhr den Jahreswechsel begutachten. Keiner tritt mir auf die Füße - stattdessen fahre ich mit meinem Fahrrad Slalom um einen, betrunken leider überhaupt nicht attraktiven, Studenten, der torkelnd durch die Fußgängerzone wankt, mit der Sektflasche versucht, sein Gleichgewicht zu halten - und währenddessen irgendwem am Telefon seine Liebe oder so etwas ähnliches zu erklären versucht.

Im nächsten Jahr wird alles anders? Wer's glaubt!

 

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