Die WG über uns

Seit ich wieder in meiner alten WG wohne, kann sich mein Smartphone eigentlich zur Ruhe setzen. Zumindest, was die Weck-Funktion betrifft. Und das nicht, weil ständig jemand etwas von mir wollte, sondern weil jemand anders nicht aufstehen mag. 

Der Mensch, der in der WG über mir wohnt, nutzt gerne und ausgiebig die Weck-Funktion seines Handys. Irgendwann nachts legt er es neben sein Bett und scheint die genaue Position über Nacht zu vergessen und morgens obendrein das Klingeln zu überhören.

Vielleicht klingelt es auch gar nicht. Aber so ein Vibrationsalarm ist ja auch was Feines. Verstärkt durch die Hohlräume in unserer Decke, entfaltet das Vibrieren einen grandiosen, vollen Klang, und weckt zwar offenbar nicht den Urheber, aber dafür mich. Ich versuche es mit Decke-über-die-Ohren-ziehen. Hört bestimmt gleich wieder auf das Geräusch.

"Wwwmmmmm, wwwwwmmmmmmmm, WWWWWWWMMMMMMMM!", vibriert das Handy im Zimmer über mir energisch weiter. 

Ich seufze, stehe auf - weiterschlafen geht ja doch nicht. Als ich zwanzig Minuten später aus dem Bad komme, vibriert meine Zimmerdecke immer noch... 

 

So schwer wie die Menschen über uns morgens aus dem Bett kommen, so aktiver werden sie im späten Nachmittag und Abend. Dann wird staub- gesaugt mit dazugehörigem Möbelrücken. Schwungvoll werden Tische und Stühle an den Beinen ein paar Meter über den Boden gezogen und eine halbe Stunde später wieder zurückgeschoben. Der Staubsauger singt dazu fröhlich weiter. Zwischendurch muss man noch von einem Zimmer ins andere laufen. Gesehen habe ich die WG-Bewohner über uns noch nicht - aber den Laufgeräuschen nach zu urteilen, handelt es sich nicht um Elfen. Eher um Elefanten beim Basketball-Spiel. 

Bumm-bumm-Quietsch. Bumm-bumm-Quieeetsch. Dobbeldribbling Bumm-bumm-bummbumm. 

Das Gerenne geht bis tief in die Nacht weiter. Kein Wunder, dass sie morgens um sieben den Wecker nicht hören ...

 

Beim Frühstück läuft meine Mitbewohnerin mir über den Weg. Sie hockt wegen derzeitiger Klausurenphase eigentlich nur in ihrem Zimmer und lernt, verlässt es nur, um zu Essen oder für kurze Stippvisiten ins Bad. Sie macht ein zerknautschtes Gesicht.

"Das Pärchen über mir hatte wieder eine tolle Nacht", murmelt sie finster.

"Ich will auch mal soviel Spaß haben", mault sie weiter.

"Du schreibst jetzt eine Klausur in deinem Lieblingsfach", versuche ich sie zu ermutigen.

Sie verzieht missmutig das Gesicht. "Nicht lustig."

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