Welt der Wunder - Werbung, die erste

Meine Mitbewohnerin und ich sitzen am Küchentisch über den Resten vom Mittagessen. Zum Nachtisch blättern wir durch die Prospekte des Anzeigenblatts, das allwöchentlich im Briefkasten liegt, jeden Aufkleber von "Bitte keine Werbung" ignorierend.

"Ach, lass uns doch mal schauen, was wir uns als Studenten alles nicht leisten können", sagt die Mitbewohnerin und schlägt den ersten Katalog auf.

Rasenmäher, brauchen wir nicht - haben eh keinen Garten. Werkzeugkiste, haben wir. Die Arbeitslatzhosen für Männer und Kinder, die es letzte Woche in dem roten Supermarkt gab, gibt es diese Woche im blauen Supermarkt. Dafür kann man im roten Supermarkt jetzt Balance-Bretter erwerben.

"Was soll das denn sein?"

"Das sind so Bretter mit einer Halbkugel drunter. Wenn du dich draufstellst und nicht umfällst, bist du für den Zirkus geeignet."

Aber auch wenn wir in Klausurphasen eigentlich für jede Form der Ablenkung dankbar sind, ganz so artistisch muss es dann auch nicht ausfallen.

Die Seite mit den Karnevalskostümen wird da schon eher interessant.

Wir diskutieren kurz über die unmögliche Gender-Ungerechtigkeit, weil es für Mädchen nur Prinzessinnen-Kostüme, aber keine Darth-Vader oder Ninja-Kutten gibt. Viel spannender, weil unglaublich hässlich, ist das quietschgrüne Plüsch-Froschkostüm mit gelber Plüschkrone.

Nicht, dass wir ernsthaft Interesse an dem Kostüm hätten, viel mehr an dem Typ, der sich als Model dafür zur Verfügung gestellt hat.

Ein Mann, der bereit ist, so etwas scheußliches zu tragen, ist entweder unheimlich bescheuert oder verdammt mutig. Wir hoffen auf letzteres und überlegen, ob wir schon morgens um 7:00 vor dem Supermarkt stehen müssen, um diesen Traumtypen für unschlagbare 14,95€ ergattern zu können.

Der Mitbewohnerin fällt noch auf, dass der Slogan "Ein Herz für Erzeuger" auf der nächsten Seite durchaus auch anders verstanden werden kann, als von der Supermarktkette beabsichtigt. Doch schon beim nächsten Prospekt ist das Thema vom Tisch.

"Schau mal, hier gibt es Pediküre-Socken."

"WAAAAS?"

Wir schauen dreimal nach, ob wir uns auch wirklich nicht verlesen haben. Nein, es steht da wirklich: PEDIKÜRE-Socken.

Zum Glück gibt es eine Abbildung, sonst hätten wir keine Ahnung, was das sein sollte. Es handelt sich um Socken ohne Spitze, also so, dass die Zehen frei sind. Stattdessen gibt es einen "eingearbeiteten Zehenteil aus Frottee". 

Der Mitbewohnerin und mir geht ein Licht auf. Sowas trägt Frau also, wenn sie sich auf dem Balkon die Fußnägel lackieren will, aber im lauen Frühlingswind immer so schnell kalte Füße bekommt.

Wir haben das Gefühl, einen offenbar wichtigen Teil des Frauseins verpasst zu haben. Wir hatten ja keine Ahnung, dass Fußnägellackieren im Frühlingswind soooo einfach sein kann. Und wir müssen auch nie wieder dabei frieren. Da soll noch mal einer sagen, wer schön sein will, müsse leiden. Pah, mit Pediküre-Socken wird das Nägellackieren zum Spaziergang - allerdings erst wenn der Lack trocken ist, sonst verschmiert vielleicht doch noch was.

Ganz ehrlich - ich fand die Variante mit den Yoghurt-Gums zwischen den Zehen netter. Mit denen kann ich auch etwas anfangen, wenn ich mir gar nicht die Nägel lackiere.

Einziger Trost; die Pediküre-Socken sind rosa.

Natürlich!

 

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