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Tatsache, es ist soweit. Mit 27 mache ich meine erste Steuererklärung.

Irgendwann muss man ja mal damit anfangen. Und immerhin habe ich im letzten Jahr tatsächlich 100 Euro Lohnsteuer gezahlt - ungefähr. 

Weil man so etwas in der Schule oder in der Uni aber nicht lernt, frage ich den Steuerberater meines Vertrauens, also Papa, wie so was geht.

"Es gibt eine vereinfachte Steuererklärung. Die druckst du aus und gibst die mit den Kopien der jeweiligen Monate beim Finanzamt ab."

Das klingt echt einfach.

 

Ist auch wirklich nicht schwer (wenn man außer Acht lässt, dass ich eigentlich immer in der Uni-Bib drucke, das aber gerade nicht geht, weil die Firma der Druck- und Kopiermaschinen insolvent gegangen ist und neue Drucker erst zu Semesterbeginn angeschafft werden ...)

Schließlich habe ich also Ausdruck und Kopien beisammen und mache mich auf den Weg ins Finanzamt.

Es herrscht gähnende Leere auf den Fluren. Ein Zettel an der ehemaligen Infotheke informiert mich, dass ich eine Wartenummer ziehen soll. 

Nach einigem Suchen finde ich auch einen Automaten, der Nummernzettel ausspuckt. 

Das "Wartezimmer" ist leer. Im Schneckentempo kriecht ein Info-Text durch den Bildschirm, auf dem die Wartenummern den Räumen zugeordnet werden. Es dauert allein zwei Minuten bis der Text "Herzliche Willkommen!" von rechts nach links gewandert ist. Irgendwann erschallt eine herzliche Melodie "Glückwunsch, Sie haben gewonnen!" in ohrenbetäubender Lautstärke.

Mit meiner ersten Steuererklärung betrete ich Raum NR.2 

Ein kleiner Raum, vollgestellt mit Schreibtisch, Regal mit viiieeeelen Aktenordnern, und noch zwei Beistelltischen.

Irgendwo dazwischen eine Beamtin, die uninteressiert und deprimiert von ihrer Arbeit aufblickt.

"Guten Tag, ich möchte meine vereinfachte Steuererklärung abgeben."

"Zeigen Sie mal her. Vereinfachte Steuererklärung?", fragt sie mit großen Augen. "Die nehmen wir gar nicht mehr entgegen. Wo haben Sie die denn her?"

Sie blättert durch meine Papiere. "Bei uns wird alles eingescannt, und die vereinfachten Steuererklärungen kann unser Scanner nicht lesen. Sie können das jetzt gerne hierlassen, wenn Sie wollen, aber bei uns wird alles eingescannt..."

Sie wiederholt ihren Text genau wie der Bildschirm im Wartezimmer.

"Hm... und wie soll das dann gehen?"

"Nehmen Sie sich da draußen einen Mantelbogen und einen Antrag für Rentenversicherung und einen Antrag N ..."

Sie blättert weiter. "Und dann brauchen wir natürlich die Kopien von allen Monatsabrechnungen des Jahres."

"Aber ich hab nur in den vier Monaten Steuern zahlen müssen."

"Hm. Aber wir brauchen trotzdem alles, weil das ja immer für das ganze Jahr gilt."

(Mein persönlicher Steuerberater hatte gesagt, dass ich eigentlich noch nicht mal die vier Monatsabrechnungen beilegen müsste, weil die im Amt ja über meine Steueridentifikationsnummer schon einsehen könnten, wann ich wie viel Steuern gezahlt habe. Aber vielleicht ist das auch nur zuhause so und in anderen Bundesländern geht das nicht...)

"Okay."

Frustriert nehme ich meine Kopien und meinen Ausdruck wieder mit und verlasse Raum Nr.2. 

Im Wartezimmer stehe ich vor der Regalwand mit den verschiedenen Vordrucken, Bögen, Anhängen A-Z, Appendixen und suche zusammen, was ich vielleicht davon brauchen könnte.

Neulich erst habe ich einen Artikel darüber gelesen, dass Studenten dem Staat jährlich Milliarden an Steuergeldern schenken.

 

Anhand der grün-grau-weißen Vordrucke kann ich mir gut vorstellen, womit das zusammenhängt... 

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