Kindheitsträume

"Zieh die Gummistiefel an, wir gehen Drachen steigen lassen!"

Mit diesen Worten steht meine Freundin vor der Tür und lacht von einem Ohr zum anderen. 

Es ist Mai, zum ersten Mal in diesem Frühling richtig schön warm, und für Küstenverhältnisse überdies extrem windstill.

Drachensteigen?

"Egal, irgendwo ist immer Wind. Ansonsten pusten wir!"

Totschlagargument - außerdem habe ich ja außer meiner Masterarbeit sowieso nichts zu tun. 

Also ziehen wir los ins Feld und nehmen Olli mit. Olli ist der Kinderdrachen, den meine Freundin letzte Woche gekauft hat. Er ist ein Oktopus mit sechs (?) Flattertentakeln. Er ist noch ganz neu und mindestens so aufgeregt wie wir. Als wir ihn zusammengebaut haben, ist gerade auch die letzte Brise Wind davon geweht. 

"Wir müssen schnell laufen, dann fliegt der schon."

Aber in Gummistiefeln kann man nicht schnell rennen, zumindest nicht so so schnell, dass sich ein Oktopus-Drachen in die Lüfte erhebt. Also werden die Gummistiefel ausgezogen und auf Socken über den Feldweg gerannt. Und siehe da, Olli fliegt! 

Wir laufen mit Olli den Feldweg rauf und runter. Olli lacht. Wir lachen auch.

Irgendwann sind wir ganz außer Puste. Wir lassen es also wieder etwas langsamer angehen und machen einen Spaziergang durch die Stadt. Olli tragen wir stolz neben uns her. Wir sind am Höhepunkt unserer Coolness angelangt und sprechen überdies Walisch miteinander.

Manche Leute schauen uns vielleicht etwas seltsam an. Aber was soll's? Es ist nie zu spät für eine glückliche Kindheit!

 

Außerdem: hin und wieder Kind sein, lohnt sich absolut. Ich bin gleich viel motivierter und schreibe eine dreiviertel Seite für meine Masterarbeit!