Bitte reden Sie in ganzen

"Kennt ihr ...?" 

Was auch immer gemeint ist, bleibt im Raum stehen - oder wird nonverbal mit Gesten dem angebrochenen Satz hinzugefügt.

Nein, ich will mich hier nicht grundsätzlich über Sprachverfall aufregen, und anprangern, dass es in der deutschen Sprache zu viele Angli- und sonstige -ismen gibt. Auch wäre es sicherlich ein ergiebiges Thema, über fehlende Kasusangleichungen oder überhaupt korrekte Kasusnutzung zu lamentieren. Das wurde an anderer Stelle aber schon ausführlichst von anderen übernommen. 

Was mich viel mehr stört, sind unterlassene Höflichkeitsformen und einzelne Worte, die Sätze ersetzen sollen. 

 

In meinem Nebenjob erfahre ich das regelmäßig. Nicht nur, weil mein Arbeitgeber mich dazu anhält, sondern auch aus meinem ganz persönlichen Verständnis von Freundlichkeit und Kundenorientierung begrüße ich jeden einzelnen Kunden der jeweiligen Tageszeit entsprechend. 

"Schönen guten Tag, was kann ich für Sie tun?"

"Dinkelbrötchen."

 

Dieses Substantiv ist Begrüßung und Wunschäußerung in einem. Allerdings ist das reine Interpretation. Das ist das, was ich als geschulte Mitarbeiterin aus diesem Wort heraushöre. Es könnte auch sein, dass der Mensch auf der anderen Seite des Tresens gar kein Kunde ist, sondern nur zufällig dort rumsteht und festgestellt hat, dass dort in der Auslage Dinkelbrötchen rumliegen. Ich bleibe trotzdem freundlich und fahre einfach mit meiner Verkaufsstrategie fort.

"Welche Sorte darf es denn sein? Und wie viele?"

Offenbar habe ich mit dem richtigen Ohr gehört, denn der Kunde bohrt seinen Finger gegen die Scheibe, zeigt auf die Brötchen und sagt "Sechs."

Nachdem ich die Ware verpackt habe, lautet meine Frage: "Darf es außerdem noch etwas für Sie sein?"

"Ne."

Ich nenne den Preis, bekomme das Geld auf den Zahlteller gelegt und schaffe es

"Danke schön. Einen angenehmen Tag ..." zu sagen.

Das "... wünsche ich Ihnen noch" geht in dem "10 Brötchen" unter, das der nächste Kunde mir an den Kopf knallt.

Ja, auch Ihnen einen wunderschönen guten Tag, denke ich. Manchmal fühlt man sich wirklich wie in diesen fragwürdigen Fernseh-Quiz-Sendungen. "Vervollständigen Sie den Satz: Ohne Fleiß ..." 

Hätte ich für jeden vervollständigten Satz die versprochenen 15.000€ bekommen, bräuchte ich in den nächsten Jahren nicht mehr arbeiten ...

 

Dass Sprache rhetorisch genutzt wird, ist keine Neuigkeit. Genausowenig, dass man sprachlich Druck aufbauen kann. Das funktioniert natürlich auch schriftlich.

So, wie die einen nicht in der Lage sind, ganze Sätze zu sprechen, um Wünsche zu äußern, sind andere der Meinung, dass man ständig verfügbar sein müsste, um sich konsequent in Kleinschreibung verfasste Halbsätze durchzulesen.

Auf dem Onlinemarktplatz bekomme ich eine Anfrage zu einer meiner Anzeigen.

7:56 Uhr: "ist das teil noch da"

7:59 Uhr: "???"

8:35 Uhr: "hab intresse"

Ich lese die Nachricht, als ich Abends um sieben zum ersten Mal meinen Computer einschalte und meine e-Mails lese. Anstatt direkt die Nachricht direkt zu beantworten, analysiere ich den Verlauf.

Ist dem Schreiber drei Minuten nach der ersten Nachricht aufgefallen, dass er das Satzzeichen in der ersten Nachricht vergessen hat? Und war ihm das vielleicht so peinlich, dass er im Nachgang gleich drei geschickt hat, nur um mir zu verdeutlichen, dass er grundsätzlich weiß, dass Fragen schriftlich mit einem Fragezeichen am Ende markiert werden? 

Doch ich ahne, welche Wahrheit sich tatsächlich hinter den Fragezeichen verbirgt. Der Interessent ist ganz offenbar verwundert darüber, dass ich morgens früh nicht direkt auf seine Nachricht geantwortet habe. Ist ja auch irgendwie fragwürdig, schließlich will ich ja etwas verkaufen, und dieser jemand hängt immerhin auch schon so früh an seinem Rechner oder - was wahrscheinlicher ist - mobilen Endgerät. 

Aber selbst wenn ich meine Mails über mein Handy abrufen würde, kann ich dem Interessenten an meinem Online-Artikel nicht so früh so direkt auf seine Fragezeichen antworten. Denn ich bin zur selben Zeit arbeiten und vervollständige Sätze. Höre Fragezeichen, wo gar keine sind und ersetze Ausrufezeichen durch "Bitte" und "Danke".

 

Zwei Mädchen stehen vor mir. Die eine bestellt: "Einen Tee, bitte."

Immerhin ein "Bitte", konstatiere ich. Das war zwar kein ganzer Satz, aber ich lasse es durchgehen, da der selten genug benutzte Akkusativ das "Ich möchte ..." impliziert. 

Ich reiche ihr das Gewünschte über den Tresen und wende mich dem anderen Mädchen zu.

"Hallo, könnte ich bitte einen mittleren Eistee bekommen?"

Etwas irritiert entgleisen mir die Gesichtszüge und ich halte mich am Tresen fest. Wo ist hier die Lücke, die ich vervollständigen muss? 

Stück für Stück gehe ich den Satz durch und untersuche die Bestandteile:

- Begrüßungsformel

- korrekter Konjunktiv, der den Wunsch ausdrückt

- Höflichkeitselement "bitte"

- korrekter Kasus inklusive korrekt angeglichenem unbestimmten Artikel

- ein Fragezeichen am Schluss 

Das ist er; ein Satz, wie er im Buche steht. 

Ich strahle glücklich vor mich hin, erfülle dem Mädchen seinen Wunsch und verzichte in diesem Fall gerne auf die Siegerprämie von 15.000€. 

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Kommentare: 3
  • #1

    Mama (Freitag, 23 Juni 2017 23:38)

    Eine wunderbare Schilderung dessen, womit wir im täglichen Kundenverkehr konfrontiert sind. Manchmal kann man wirklich nur staunen, dass man aus den Halbsetzen oder Einzelwörtern tatsächlich noch einen Zusammenhang oder Auftrag raushören kann. Freuen wir uns also über unsere Intelligenz, diese Minimalismen zu verstehen.

  • #2

    Annette Weber (Freitag, 30 Juni 2017 09:54)

    Köstlich. Stehe hier ebenfalls hinter einer Brötchentheke. Erwarte morgens keinen vollständigen Satz. Wäre aber trotzdem nett...

  • #3

    Luise (Freitag, 30 Juni 2017 18:16)

    Das ist einfach ein großartiger Artikel :D :D
    Und ja, als Mensch auf der anderen Seite der Theke werde ich in Zukunft vielleicht öfter daran denken, dass Verkäufer und Verkäuferinnen den ganzen Tag hinter dem Tresen stehen und es sehr wohl einen Unterschied macht, WIE man ein Brot kauft.:D