Zettel(selbst)sammlung

Nicht nur fürs Einkaufen kann es sinnvoll sein, Zettel zu schreiben. In diversen Unternehmen ist es üblich, an großen freien Wänden Zettel anzubringen, um Pläne zu verbildlichen. 

Einen konkreten Plan habe ich noch nicht - aber Zettel habe ich schon mal geschrieben. Für meine persönliche Findungsphase nämlich. Nachdem ich gestern wieder stundenlang vor Jobbörsen saß und nicht wusste, wonach ich eigentlich suchte, schien es sinnvoll sein, erstmal bei mir zu beginnen und abzuwägen, was will ich, was kann ich, was brauch ich - und was will ich nicht? 

Bewaffnet mit Stift und alten Diddl-Blöcken setzte ich mich an den Küchentisch und ließ mir von meinen Mitbewohnerinnen erzählen, was ich alles kann. Das war gar nicht so schlecht. Zwar weiß ich auch selbst, dass ich Talente habe - aber ich neige dazu, es noch mehr zu glauben, wenn mir andere das auch bestätigen. 

Bunt gemischt schrieb ich auf, was mich auszeichnet und wo meine Talente liegen. 

Ich fühle mich in 3 -4 Sprachen ziemlich sicher und habe Kenntnisse in weiteren 7 Sprachen, die ich bei Bedarf ausbauen kann. Ich bin in Handarbeit nicht komplett unbegabt und interessiert, mir weitere Techniken anzueignen. Ich bin gut im Organisieren, Gestalten und Planen. Ich kann schreiben, Verantwortung übernehmen, backen und kochen und den Überblick behalten. Ich bin kreativ, emphatisch, pragmatisch und zielstrebig und kann mich langfristig für eine Sache einsetzen und begeistern. Ich habe musische Talente - und nicht zuletzt: Wenn es drauf ankommt, kann ich richtig malochen, wie man bei uns im Ruhrpott sagt.

Insgesamt keine allzu schlechte Ausbeute an Fähigkeiten. Daraus muss sich doch irgendetwas machen lassen.  

Schon schwieriger war die zweite Frage: Was will ich?

Die Frage musste ich mir selbst beantworten. Meine Lieblingsmitbewohnerinnen konnten da nur bedingt helfen. Also legte ich mich auf meine nicht vorhandene Couch und horchte in mich selbst hinein. 

Das Erste, das mir einfiel, war tatsächlich Wertschätzung

(Lakonischer Kommentar meiner Mitbewohnerin: "Auf dem Arbeitsmarkt? Vergiss es!") 

Damit meine ich nicht, dass mir mein potentieller Arbeitgeber nach jedem kleinen Schritt anerkennend auf die Schulter klopft und sagt: "Das hast du aber toll gemacht."

Vielmehr geht es mir darum, dass es eben nicht egal ist, ob ich den Job mache oder Lieschen Müller. Nicht, weil ich glaube, dass ich den Job besser machen könnte, als Lieschen, sondern weil ich mit meinen Talenten und mit meinem Charakter wahrgenommen und respektiert werden möchte. Ich wünsche mir, dass man weiß, wer ich bin, und dass man mich gerade deswegen einstellt und mit diesen oder jenen Aufgaben betraut. 

Weitere Punkte, die mir relativ schnell einfielen, waren dann Entfaltungs-, Gestaltungs- und Weiterbildungsmöglichkeiten. Ich wünsche mir, dass ich meine Talente in meinem Job ausleben und weiterentwickeln kann, denn um mich auf das zu konzentrieren, was ich kann, dafür bin ich viel zu neugierig. 

Wenn ich mir überdies Freiraum und Verantwortung wünsche, heißt das nicht, dass ich machen können will, worauf ich gerade Lust habe, oder dass ich direkt Chef sein möchte. Gerade in kreativen Prozessen halte ich es aber für wichtig, nicht direkt von Beginn vorgegeben zu bekommen, wie etwas auszusehen hat. Ich muss probieren und wieder verwerfen können, umdenken und umgestalten, um hinterher zu einem Ergebnis zu kommen, womit alle Beteiligten zufrieden sein können. Wichtige Aspekte, die dazu gehören, sind Austausch, Fairness und Vertrauen. Ich möchte nicht ausschließlich allein im stillen Kämmerlein hocken und vor mich hin wurschteln. Für manche Prozesse kann das recht zielführend sein, aber ab einem gewissen Punkt wird man betriebsblind und dann tut Input von Außen ganz gut. Fairness meint, dass jedem im Austausch seine Meinung zugestanden wird und ein fairer Umgang miteinander gepflegt wird. Das bezieht sich nicht nur auf dem Umgang mit den Kollegen, sondern auch auf die Kunden. Wenn es Leitbilder oder Unternehmenswerte gibt, sollten die nicht nur aus Marketinggründen nach außen kommuniziert, sondern auch nach innen aktiv gelebt werden. Wenn dies berücksichtigt wird, kommt das Vertrauen (hoffentlich) automatisch. 

Was mir überdies wichtig ist, ist Zeit. Das beinhaltet sowohl Freizeit, die mir neben meiner Arbeit bleibt - vor allem aber auch Zeit für das, was ich in meinem Job tue. Nicht, weil ich nicht auch unter Zeitdruck arbeiten könnte. Aber ich bin überzeugt davon, dass Dinge, die gut werden sollen, einfach ihre Zeit brauchen. Und gerade größere Events plant und organisiert man nun einmal nicht innerhalb einer Woche. Gut Ding will eben Weile haben. Das heißt ja nicht, dass man herumtrödelt und nur mit dem Bleistift spielt (wobei auch das durchaus zu neuen Erkenntnissen führen kann.) 

Bewegung ist ebenfalls etwas, das ich mir wünsche. Sowohl wörtlich, als auch im übertragenen Sinne. 40 Stunden nur vor dem PC zu hocken ist nicht mein Ding. Zwischendurch mal etwas "Handfestes" zu machen, wirkt ausgleichend.

Wichtig bei Allem, was ich in meinem künftigen Job mache, ist ein Sinn, der hinter allem steht. Ich will nicht arbeiten, um zu arbeiten. Genauso wenig möchte ich Produkte entwerfen, die kein Mensch braucht und die nur Ressourcen verschwenden. 

Schließlich wünsche ich mir Perspektive(n). Nach vielen Praktika, beinahe doppelt so vielen Umzügen und noch mehr gesammelten Erfahrungen und Austausch mit anderen, ist dies wohl ein Punkt, den ich eigentlich ganz oben auf meine Prioritätenliste setzen sollte. Zwar ist mir klar, dass es heutzutage hochgradig unwahrscheinlich ist, einen Job zu bekommen, auf dem ich dann bis zur Rente sitzen bleibe. Das ist auch nicht das, was ich mir zwangsläufig unter Perspektive vorstelle. Aber ein befristetes Arbeitsverhältnis von einigen Monaten in einer neuen Stadt, in der die Wohnungssituation eine Katastrophe ist, und in der man sich unter Umständen erst einmal komplett neu orientieren muss - das ist keine Perspektive. Ich möchte nicht nur Dinge anstoßen und erste Schritte bei einem Projekt mitgehen, sondern ich möchte säen, pflegen, Wachstum sehen und hinterher ernten. Perspektive ist dabei für mich eng mit Weiterentwicklung verknüpft.

Zuletzt bedeutet Perspektive für mich auch, eine Zukunft zu sehen. In dem entsprechenden Berufsfeld (siehe Sinn), aber auch für mein Privatleben. 

 

Nachdem mir so viel eingefallen war, was ich alles will, fiel es mir erstaunlich schwer, aufzuschreiben, was ich nicht will. Immer wiegelte ich, sobald mir ein Gedanke kam, gleich wieder ab, und sagte mir: "Ja, aber das kommt ja drauf an ..." 

Natürlich, es kommt immer auf irgendetwas an. Manche Dinge stehen höher auf der Prioritätenliste, vieles lässt sich gegeneinander abwägen und vielleicht lassen sich auch irgendwo Kompromisse schließen. Aber erst einmal, so sagte ich mir, sollte es darum gehen, Dinge aufzuschreiben, die mir spontan Unbehagen bereiten, wenn ich an einen potentiellen Job denke.

Bedingt durch den Sinn, den ich mir für meine Arbeit wünsche, war es nur logisch, dass ich (unnötige) Verschwendung nicht will. Weder von Ressourcen, noch von Zeit, Geld oder Arbeitskraft. Ich möchte nachhaltig arbeiten und dabei Rücksicht auf unseren Planeten, auf unsere Gesellschaft und mich persönlich nehmen können. 

Damit einher geht Ausbeutung, die ich ablehne. Ich will nicht verheizt werden - was aber auch ein Auftrag an mich ist. Ich muss bei allem Engagement darauf achten, dass ich mich nicht verheizen lasse. Dazu gehört, dass ich nicht 24/7 für meinen Arbeitgeber zur Verfügung stehen muss und will. Natürlich sind hin und wieder Überstunden notwendig. Aber einen Job, der von mir verlangt, dass ich auch nach vermeintlichem Feierabend oder sogar im Urlaub über Handy oder Laptop meine Arbeitsmails lesen und beantworten muss, macht mich auf Dauer wohl nicht glücklich (und auch nicht gesünder.)

Da ich mir Vertrauen, Fairness und Austausch wünsche, tue ich mich mit einer Ellbogen-Mentalität schwer. Das heißt nicht, dass ich mich nicht durchsetzen könnte oder wollte. Aber ein "Ohne Rücksicht auf Verlust"-Agieren widerstrebt meinen persönlichen Überzeugungen.  

Auf zwei weitere Zettel habe ich Stillstand und "Fließbandarbeit" geschrieben. Zum einen möchte ich nicht immer nur das gleiche machen, dafür bin ich viel zu neugierig. Zum anderen möchte ich nicht Arbeit einfach nur abfertigen. Ich möchte sowohl mich persönlich weiterentwickeln. Gleichzeitig bin ich davon überzeugt, dass auch ein Unternehmen nur dann Bestand haben kann, wenn es sich, getreu seiner Richtlinien und Werte, weiterentwickelt und mit der Zeit geht. 

Ein letzter Punkt schließlich, den ich aufgeschrieben habe, auch wenn er wieder mit viel "ja, aber es kommt ja auch drauf an" verbunden ist: Wenn es möglich ist, möchte ich nicht in der Großstadt leben und arbeiten. Ich mag es lieber übersichtlich. 

Weil ich noch Zettel übrig hatte, habe ich zuletzt auch noch aufgeschrieben, was ich brauche, um effektiv arbeiten zu können. 

Ganz oben steht dabei Menschlichkeit. Ich denke, durch meine Ausführungen oben, muss ich das nicht weiter erklären. 

Auch ein Ausgleich (neudeutsch auch gern Work-Life-Balance genannt) ist für mich wichtig. Aber auch innerhalb der Arbeit währe ein Ausgleich von Theorie und Praxis, Stress und Ruhe etc. schön. Zu dem Ausgleich gehört auch der Wunsch nach sozialem Umfeld, das möglichst nicht nur virtuell, sondern auch real vor Ort existiert. 

Um kreativ sein zu können, braucht es Input und Output, der zu neuem Input führt. Ich hätte auch noch einmal Austausch schreiben können - aber den Zettel hatte ich ja schon. 

Ein Ambiente, in dem es sich gut arbeiten lässt, fördert ebenso meine Leistungsfähigkeit. Ich brauche kein hochwertig ausgestattetes Büro, das nach Feng-Shui eingerichtet wurde, keine Kaffeemaschine, die mir 30 verschieden Kaffeesorten auf Knopfdruck ausspuckt. Je nach Arbeitsphase sind Ruhe, Platz oder kreatives Chaos gleichermaßen wichtig. Nette Kollegen sind ein Plus :) 

Und ganz zum Schluss: Ich bin ein Mensch, der unter gesundem Druck richtig gut arbeiten kann.

 

Jetzt habe ich also all diese Zettel geschrieben - nun folgt der nächste Schritt. Das Prioritäten-Setzen. Was ist für mich absolut wichtig, worauf bin ich bereit unter bestimmten Umständen auch zu verzichten? 

Letztlich stellt sich natürlich die Frage: Wie finde ich aus diesen Aspekten einen Job? 

Suchkriterien schlägt mir diese Zettelsammlung natürlich nicht vor. Aber es hilft mir, bei Stellenanzeigen abzuwägen, ob etwas für mich überhaupt in Frage kommt. 

Vielleicht klingt vieles in dem Punkt "Was will ich?" auch utopisch. Aber mal ganz ehrlich; was man teilweise in Stellenanzeigen so liest, was man als Bewerber alles können soll, ist manchmal auch ganz schön hoch gegriffen. 

Und ist es schließlich nicht auch so: Wollen und wünschen kann man viel - man kann nur nicht alles kriegen. 

 

In diesem Sinne werde ich weiter forschen, mich sammeln und auf Arbeitssuche gehen. Wenn jemand Tipps oder konkrete Jobangebote hat, meldet euch gern bei mir ;) 

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Kommentare: 1
  • #1

    Karin (Mittwoch, 06 September 2017 20:01)

    Viel Erfolg, drück dir die Daumen