Anfang ohne Ende

Jeder Schriftsteller hat Romanideen, Notizen zu Romanen und angefangene Manuskripte in der analogen oder digitalen Schublade liegen. Ich bin da keine Ausnahme. 

Bevor man überhaupt die Chance hat, das eine wirklich fertig zu stellen, kommen schon wieder tausend neue Ideen.

Das ist wohl das Kreuz der Kreativen ...

Ein weiteres Problem ist der berühmte erste Satz. Man weiß, worüber man schreiben will, womöglich sogar auch den letzten Satz. Aber wie man dahin kommen soll, ist überaus fraglich. Und ob der erste Satz, den man da im Eifer des Gefechts niedergekritzelt hat, wirklich der beste ist?

Ich kenne allerdings auch die andere Seite. Oft gehen mir Sätze durch den Kopf, die nichts mit einem meiner Projekte zu tun haben. Aber sie klingen nach den Anfängen von Geschichten. Nicht nach Romanen, die ich schreiben wollte - bitte nicht, ich habe wirklich schon genug offene Manuskripte! Ganz anders als Plots, die mir plötzlich einfallen, habe ich bei diesen "ersten (Ab)Sätzen" keinerlei Ahnung zu welcher Art Geschichte sie den Anfang machen könnten. 

Deshalb teile ich heute mit euch ein paar dieser Sätze. Wenn sich jemand berufen fühlt, daraus einen literaturpreisverdächtigen Roman oder ähnliches zu schreiben; bitte sehr. 

Sagt mir dann gerne Bescheid, wenn ihr zu schreiben beginnt :)

 

1.

Zuhause hatten die Mangold-Stauden noch reichlich Blätter getragen. Hier war alles schon abgeerntet und die Stiele ragten bucklig in die kalte Dezemberluft.

2. 

Das Hinterzimmer, das gleichzeitig als Büro, Lager und Soziallraum diente, roch nach abgestandenem Zigarettenrauch, alten Pappkartons, kaltem Kaffee, Scheuermilch und Resten von Wunderbäumen, die vielleicht einmal Waldfrische oder ähnliches hatten verbreiten sollen. Noch heute wurde ihr schlecht, wenn ihr der Geruch unwillkürlich in die Nase stieg. 

3.

Mein Psychologe hat gesagt, ich soll alles einmal aufschreiben. Genau definiert hat er dieses „alles“ nicht. Wann ich aufstehe und ins Bett gehe, ob ich erst aufs Klo gehe oder zuerst das Radio anschalte? Was ich einkaufe? Und wo? Wann ich mit wem weswegen telefoniert habe? Vielleicht auch nur meine Gedanken. Ich habe keine Ahnung. Er hat gesagt, „Schreiben Sie alles auf.“ Was er sich davon verspricht, weiß ich genauso wenig. Vermutlich würde er sagen, dass ich das ja nicht für ihn mache, sondern immer nur für mich. Aber ich bin mir sicher, er macht sich insgeheim Hoffnungen, dass unserer Sitzungen dadurch strukturierter werden. Ich müsste nicht mehr lange überlegen, was ich ihm erzähle, sondern könnte en, was ich aufgeschrieben habe. Dann frage ich mich wiederum, was ihn das angeht. Sich in psychologische Beratung zu begeben heißt doch nicht, dass man wirklich ALLES offenbaren muss? Kann man nicht wenigstens eine kleine Ecke seines Lebens für sich behalten?

„Nein“, sagt die Stimme, die ich nicht zuordnen kann, von der ich aber sicher bin, dass sie irgendwo aus meinem Innern kommt.

4.

An dem Tag, an dem ich mit meinen Wollmäusen zusammenzog, war der Himmel strahlend blau. 

 

5.

Bitte springen Sie zum letzten Satz und lesen Sie dieses Buch rückwärts.

 

6. 

„Die von Ihnen gesuchte Adresse befindet sich außerhalb des Routenverzeichnisses. Ihr Ziel befindet sich in Pfeilrichtung.“  Verunsichert lauschten wir der Stimme des Navigationsgeräts. Wie konnte sich Chantal, so nannten wir das Navi, so sicher sein? Und wie sicher konnten wir uns dann sein?

 

7.

Kackwurst. Ich bin sehr dafür, Romane progressiv zu beginnen. Wenn es sein muss mit einem verstörenden oder irritierenden Wort. Nun schauen Sie nicht so komisch und lassen Sie sich darauf ein. Ja, Sie haben keine Ahnung, was das soll. Vermutlich unterstellen Sie mir sogar, dass ich nur Aufmerksamkeit will und dass dieses Wort mit dem Rest des Romans überhaupt nichts zu tun haben wird. Wenn es so wäre, könnten Sie sich mit der Antwort trösten, dass in der Kunst so ziemlich alles möglich ist, wenn man nur will und bereit ist, etwas in seinem Sein zu akzeptieren. Für den Fall, dass Ihnen das nicht reicht, kann ich aber versprechen, dass dieses Wort im weiteren Verlauf durchaus noch eine Rolle spielen wird.

 

8.

Wenn ich Tomaten kaufe, frage ich mich regelmäßig, was den armen Früchten passiert ist, damit sie den Titel „Passierte Tomaten“ verdienen. Genauso wie ich früher mit dem Begriff  Bandscheibenvorfall nichts anfangen konnte. Vorfall bedeutete für mich stets Ereignis. Dass sich der Bandscheibenvorfall von dem Verb vorfallen im buchstäblichen Sinne ableiten könnte, ging mir erst Jahre später auf. 

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Kommentare: 1
  • #1

    FLB (Montag, 15 Januar 2018 21:16)

    Wie wäre es mit einem Eintrag in Citavi? Da kann man doch alles so schön ordnen und sich sogar Aufgaben abspeichern. Dieses Citavi ist sooo toll, man braucht nur die Zeit, es auch zu bestücken! zu 2) Das klingt nach dem Beginn eines Schwedenkrimis - da lässt sich was draus machen: .....es war ihr erster Einsatz an einem Tatort und diese Eindrücke sog sie auf wie ein Schwamm.....