Wenn ich sterbe

Am heutigen Karfreitag gedenken Christen des Todes Jesu. Auch für mich ist heute ein Feiertag, den ich still und ohne den sonst üblichen Trubel begehen möchte. 

Oft wird der Tod in unserer Gesellschaft ausgeblendet und aus unserer Mitte verbannt. Dass er aber zum Leben gehört, und daher, wie die Geburt eines Kindes, auch seinen Platz haben sollte, davon bin ich überzeugt. 

Am Karfreitag sind wir eingeladen uns auch mit unserer eigenen Endlichkeit auseinanderzusetzen. 

Für meine Familie und mich rückte der Tod ein Stückchen näher, als vor zwei Wochen mein Großvater starb.

Nach einem langen und erfüllten Leben ist er friedlich eingeschlafen. Die Trauer war groß und wird wohl in verschiedenen Situationen immer wieder aufwallen, aber wir alle waren uns einig, dass er einen schönen Tod hatte und im Frieden gegangen ist. 

Mir war es wichtig, vor der Beerdigung noch einmal in die Leichenhalle zu gehen und mich am offenen Sarg von meinem Opa zu verabschieden - so wie ich es auch schon bei meinen Omas getan hatte. 

Viele finden es unbehaglich, einen Toten zu sehen, manche scheuen daher auch den Besuch in der Leichenhalle. Fürwahr, es gibt gemütlichere Orte als eine Leichenhalle.

Mir hilft es jedoch, den Toten noch einmal zu sehen, ja, auch, ihn anzufassen. Noch einmal über die kalten, wächsernen Hände und das erkühlte, eingefallene Gesicht zu streicheln. Ich kann im wahrsten Sinne des Wortes begreifen, dass der Mensch nun nicht mehr lebt, und kann dann auch besser loslassen. 

An den Tagen um die Beerdigung kam ich mit meiner Familie ins Gespräch, darüber, was mit uns geschehen soll, wenn wir sterben. Feuer- oder Erdbestattung? Welche Blumen sollen aufs Grab? 

Es ist gut, frühzeitig über so etwas zu reden und hilft bei der eigenen Trauerarbeit. Auch wie man sterben möchte, war Thema. Keine Schmerzen haben, einfach einschlafen und nicht mehr wach werden, möglichst bei klarem Verstand.

All das haben wir nur sehr bedingt in der Hand.

Aber wenn ich es mir wünschen könnte ...

Wenn man stirbt, lassen die einzelnen Funktionen des Körpers Stück für Stück nach. Das Gehör jedoch soll bis zum Schluss recht gut funktionieren.

Vielleicht fänd ich es schön, Musik zu hören, wenn ich sterbe. Haydns Schöpfung.

Wenn diese Welt langsam verschwimmt, aber man noch Streicherklänge hört, die Stimme des Chores "Und Gott sprach, es werde Licht. Und - es - wart - LICHT!"

In diesem Moment zu gehen, das Irdische verlassen und zum Schöpfer zurückkehren.

Bei meiner Beerdigung fände ich es schade, wenn die Blumen ins Grab geworfen werden. Lieber mag ich Samenbomben, die nach einigen Wochen sprießen und einen bunten Teppich über mir ausbreiten. Ein Bäumchen auf meinem Grab ...

 

Ich hoffe, dass mir bis dahin noch Zeit bleibt und noch viel Leben vor mir liegt.

Am Karfreitag sehe ich, dass der Tod essentiell ist. Auch Jesus ist es nicht leicht gefallen zu gehen, auch er hatte Angst vor dem Sterben und rief: "Mein Gott, warum hast du mich verlassen?"

In unserer Todesstunde werden wir vielleicht auch wanken und zweifeln, ob da wirklich noch etwas kommt. Aber als Christen dürfen wir hoffen.

Das wusste auch mein Opa trotz seiner Demenz noch am Lebensende. Als meine Tante sich nach ihrem letzten Besuch bei ihm von ihm verabschiedete, sagte er:

"Geh du nur, Christen sehen sich nie zum letzten Mal!"

Ich glaube, meine Großeltern haben nun schon Wiedersehen gefeiert.  

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