Supergirl

"Und sonst, alles klar?", fragen sie mich, als ich komme, um meinen Schlüssel und Mitarbeiterkarte abzugeben.

"Viel zu tun", antworte ich nichtssagend, bevor man mich auch noch fragen kann, ob ich meinen Urlaub bislang genossen habe. 

Natürlich ist alles klar, selbstverständlich genieße ich meinen Urlaub. 

Ich habe mir selbst einen 10-Stunden-Tag aufgebürdet, stehe morgens um 7 Uhr auf und gehe abends erschöpfter ins Bett, als nach jedem bisherigen Arbeitstag.

 

Obwohl ich jeden Tag hart arbeite, habe ich nicht das Gefühl, vorwärts zu kommen. Ich kann nicht abschließen. Denn jeden Morgen liegt da wieder die Zeitung mit den Stellenanzeigen. Das Spiel geht von vorne los. Anzeigen checken, Unternehmensseite anschauen, Profil mit Fähigkeiten abgleichen, Anschreiben verfassen, Bewerbung erstellen, abschicken und hoffen, dass ich nicht erst in drei Monaten eine Antwort erhalte. 

Da ich zwangsläufig im Home-Office arbeite, kann ich keine Tür zumachen, hinter der ich die Arbeit verschließe. Deshalb verfolgt mich die Stimme beim Essen, beim Duschen, beim Schlafengehen.

"Und wenn das alles nichts nützt?"

Die Tränen kommen und fließen, bis ich irgendwann doch einschlafe.

 

Trotzdem stehe ich am nächsten Morgen wieder früh auf. Beim Zähneputzen singt Reamonn aus dem Radio heraus.

"Supergirls don't cry."

Ich schlucke, trinke meinen Tee und schalte den Computer an. Auf ein Neues. In den Nachrichten haben sie gerade gesagt, dass der Arbeitsmarkt gerade gut aussieht. Dass aber gerade junge Leute dennoch meistens befristet eingestellt werden. Frauen nochmal häufiger als Männer. 

"Supergirls don't cry", klingt die Musik in meinen Ohren nach. 

Wenigstens glaubt ein Lied an mich, während alle anderen nur erwarten. 

Man erwartet von mir, dass ich die Zähne zusammenbeiße, die Hoffnung nicht aufgebe, Bewerbungen schreibe, flexibel bin, jede zumutbare Arbeit annehme. 

Ich erwarte besser nichts - das macht nur unglücklich. 

 

Stattdessen arbeite ich so motiviert wie möglich weiter. Ich bin ein Supergirl. 

Weil ich jeden Morgen früh wieder aufstehe. Weil ich auch auf langweilige Ausschreibungen noch ein motiviertes Anschreiben verfasse, weil ich mich selbst diszipliniere, weil ich irgendwo tief in mir noch die Hoffnung habe, dass ich nicht sechs Jahre umsonst studiert habe. Dass ich etwas leisten kann.

 

"Bist du verrückt, hier so etwas zu schreiben?"

Man weiß doch, dass Personaler mittlerweile Facebook-Profile checken, Tweets lesen. Von einer im Lebenslauf angegebenen Website ganz zu schweigen.

Warum sollte ich nicht darüber schreiben? Ich bin ehrlich. Zu beschönigen, wie toll es ist, arbeitslos zu sein und Bewerbungen zu schreiben, wäre schlichtweg gelogen.

"Supergirls don't hide."

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