Hafenbericht

Ich finde Handwerk und Berufe, die mittlerweile Seltenheitswert haben, unheimlich spannend. Deshalb habe ich in der Redaktion des Hochschulmagazins vorgeschlagen, etwas über die ortsansässigen Fischer zu schreiben. Einen Tag lang einen Fischer bei seiner Arbeit begleiten. Um zu fragen, ob die Fischer überhaupt dazu bereit sind, war ich heute am Hafen. Ich hatte Glück und traf auf zwei Fischer, die in einer der Hütten hinter ihren Kuttern gerade den frischen Fang ausnahmen. 

So ganz überzeugt waren sie anfangs nicht, als ich fragte, ob wir über sie schreiben dürften. Sie hätten schon mal Journalisten und "welche von den Medien" mit rausgenommen. Aber was die dann manchmal schrieben, mit irgendwelchen Behauptungen, die sie sonst woher gepflückt hätten. 

Ich merke, sie sind skeptisch, haben nicht die besten Erfahrungen gemacht. Gleichzeitig ist da der Wunsch, zu erzählen und Freude über ehrliches Interesse. Das sagen sie so nicht, aber ich erkenne es daran, dass mir einer von ihnen dann doch eine halbe Stunde lang etwas erzählt. Ich schreibe noch nicht mit, schließlich wollte ich ja bloß mal nachfragen, ob Interview und/oder Reportage überhaupt möglich ist. 

Stattdessen höre ich gespannt zu. Höre viel Enttäuschung über Politik, fehlendes Geld und Richtlinien, die die Arbeit erschweren. Ärger über die Mentalität unserer Gesellschaft, die Essen möglichst billig will. 

Auch der Satz "verraten und verkauft" fällt einmal, und dass sie heute Millionäre sein könnten, wenn sie 89 gewusst hätten, was sie heute wissen. 

Sie haben viel selbst auf die Beine gestellt, sind längst nicht mehr nur einfache Fischer, sondern betreiben auch selbständig zwei Geschäfte, eine Räucherei und kümmern sich selbst um das Marketing - weil das heute ja so wichtig ist. 

Während der Eine erzählt, nimmt der andere die Fische aus. In Gummistiefeln, Gummihose und langen Handschuhen hockt er vor den Kisten mit den zappelnden Tieren. Ein gezielter Schlag auf den Kopf, zwei routinierte Schnitte mit dem Messer und schon stapeln sich bilderbuchgleiche Filets in einer der Kisten. 

Zwischendurch kommen Passanten vorbei und raten munter drauflos, welche Fischart das sein könnte.

"Nee, ein Hecht wird das nicht mehr", sagt der Fischer. 

Ich verstehe von Fischen leider auch zu wenig, um mit sie mit Sicherheit erkennen zu können. 

"Zander ist das", werden wir aufgeklärt. 

Womit der Fischer und ich wieder beim Thema wären. Heutzutage kennen die meisten Menschen ihr Essen gar nicht mehr. Wenn sie an den Fischkuttern vorbeikommen, sagen viele Leute, dass es stinke. 

"Aber wenn ich ein Tier essen will, muss ich es schlachten oder ausnehmen. In einem Hühnerstall riecht es nicht besser." 

Es ist das sich immer wiederholende Thema vom kleinen Bauern, oder eben Fischer, der mit seiner Arbeit kaum mehr Geld verdienen kann. Weil es billig sein muss, weil alles nach Schema F und Norm sortiert sein soll.

"Naja, Sie können ja Anfang Oktober nochmal vorbeischauen", sagt einer der Fischer, "dann ist es hier ein bisschen ruhiger."

Vermutlich werden durch eine Reportage im Hochschulmagazin nicht schlagartig die Probleme unserer örtlichen Fischer gelöst. Trotzdem freue ich mich, wenn es mit dem Artikel klappt.  

 

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