Wo geht's hier zur Komfortzone?

Okay, okay, okay, wir wissen alle, dass das Leben kein Ponyhof ist. Macht nichts, weil die wenigsten von uns reiten können. 

Ja, wir wissen auch; Lehrjahre sind keine Herrenjahre.

Und ja; hätten wir einen Job mit einem Jahreslohn von 70.000€ gewollt, hätten wir uns vielleicht auch sinnigerweise für ein Ingenieursstudium entschieden. 

Aber nur weil man ja im Leben nie auslernt, heißt das nicht, dass man mit knapp 30 von seinem Einkommen nicht leben können darf.

Nur weil wir Geisteswissenschaftler sind, arbeiten wir nicht weniger hart - auch unsere Arbeitstage dauern 8 und mehr Stunden. 

Von der grundsätzlichen Ungerechtigkeit, dass Frauen immer noch weniger verdienen als Männer, fangen wir gar nicht erst an.

 

Als ich gestern mit meiner lieben Freundin Anja skypte, mussten wir wieder einmal feststellen, dass sich seit unserem letzten Gespräch nichts geändert hat. Stets beenden wir unsere Gespräche nach zwei Stunden mit "Es bleibt spannend."

Sie lebt in der Großstadt, wo sie 20€ für den Quadratmeter Miete zahlt, für Gehaltserhöhungen muss sie kämpfen, um dann 150€ brutto mehr zu bekommen. 

Ich zahle in der Provinz die gleiche Miete wie sie, aber meine Wohnung ist doppelt so groß. Dafür brauche ich zurzeit  zwei Jobs, um nicht nur über die Runden zu kommen, sondern auch etwas zur Seite legen zu können. 

Keine von uns hat das so geplant, wir haben uns natürlich Gedanken gemacht, was wir mit unserem Master of Arts so anfangen können. Aber wie das Leben so spielt, haben wir nicht in der Hand. Und so leben wir seit Jahren in einem andauernden Zustand des Sich-Arrangierens.

"Dann heißt es immer; du musst aus deiner Komfortzone rauskommen", empörte Anja sich. 

Ja, wir wären doch schon froh, wenn wir überhaupt erst einmal reinkommen würden. Die Komfortzone scheint mittlerweile so begehrt, wie eine 120 m² Eigentumswohnung in der Münchener Innenstadt. Man kann froh sein, wenn man überhaupt zum Besichtigungstermin eingeladen wird.

Wenn es eine Sammelkarte gäbe, mit der man Punkte sammeln könnte, die dann zum Zutritt zur Komfortzone berechtigten, wären wir schon ganz gut im Rennen. Aber vielleicht braucht man einfach exorbitant viele Punkte. Meine Aussichten, Zugang zum bahn.comfort zu bekommen, sind da schon besser. Noch ungefähr sechsmal zum Zweitjob pendeln und dreimal nach Hause fahren, dann habe ich genug Punkte für bahn.comfort. Was auch immer das dann ist. 

Da nützt auch das schönste Hygge- und Lagom-Postulat nichts, das uns in trendigen Magazinen mit dickem, flauschigem Papier präsentiert wird. Eine kleine Blume hier, ein Teelicht da, zwischendurch Blaubeeren sammeln und alles wird gut. Das Leben da draußen nicht zu wichtig nehmen. 

Schön und gut, Anja und ich sind voll dafür. Wir lieben Kerzen und essen gerne Blaubeeren. Wenn für die Zeit, in der wir im Kerzenschein Blaubeeren essen dann auch bitte unsere Konten nicht belastet werden könnten?

"Aber ich sag dir", meint Anja zum Schluss, "wenn ich irgendwann einmal in dieser Komfortzone bin, dann versteck ich den Schlüssel und komm für mindestens drei Jahre nicht mehr raus!" 

 

Bis dahin, wie gesagt, bleibt es spannend … 

 

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