Die und wir - du und ich

Mit einer schwedischen Reisegruppe war ich gestern auf Usedom unterwegs. Die meisten Teilnehmer waren 70 und älter. Gemeinsam machten wir unter anderem einen Ausflug ins alte Kraftwerk Peenemünde, wo sich ab 1936 die Heeresversuchsanstalt und die Erprobungsstelle der Luftwaffe befanden. Hier wurden Raketen entwickelt, produziert und abgeschossen.

Heute erinnert eine umfangreiche Ausstellung an die Geschehnisse. Auf den Tafeln werden einerseits die politischen Entwicklungen des NS-Regimes aufgeführt, darunter die Entwicklung der Waffen und des Militärs. 

Eine der Reiseteilnehmerinnen machte mich auf die Tafel aufmerksam, auf der von der Besetzung Dänemarks und Norwegen berichtet wurde.

"Ich bin nicht weit entfernt von der norwegischen Grenze aufgewachsen", erzählte sie. "Schweden war nicht besetzt, weil wir ja Eisenerz nach Deutschland geliefert haben. Dafür schäme ich mich - obwohl ich damals ja noch klein war."

Sie zeigte auf der abgebildeten Landkarte auf die besetzten Gebiete. 

"Es ist so dumm die Welt in "die" und "wir" aufzuteilen", fuhr sie dann fort. Die und wir gibt es nicht. "Es gibt nur "du" und "ich". Unterhalte dich mal mit einem anderen Menschen aus einem anderen Land."

Ich erzählte ihr von den Erfahrungen, die ich mit meiner Familie gemacht habe. Wir haben mit Menschen aus vielen Ländern gesprochen - Schweden und Finnland, China und Dänemark, Albanien und Australien. Es dauerte nie lange, bis wir merkten: egal, woher wir kommen, wir wünschen uns alle das gleiche: Frieden, Gesundheit, ein Dach über dem Kopf, eine sättigende Mahlzeit und dass es unseren Kindern gut geht. 

"Ja", sagte auch die Schwedin gestern, "wenn man miteinander spricht, merkt man, dass es mehr Ähnlichkeiten gibt als Unterschiede. Ihr seid jetzt jung, die Zukunft ruht auf euren Schultern, das ist jetzt eure Verantwortung."

Sie sagte es mit einem Ernst in der Stimme, der eines Initiationsritus würdig gewesen wäre. Ein bisschen fühlte es sich auch so an. 

Am Sonntag ist Europawahl - dort haben wir die Chance, unsere Verantwortung wahrzunehmen. Und jedes Mal, wenn wir uns entscheiden, mit einem fremden Menschen zu reden, können wir dazu beitragen, dass aus "die" und "wir" ein "du und "ich" wird. 

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