1. Dezember

Frost und Nebel hingen über der kleinen Stadt an jenem 1. Dezember, an dem unsere Geschichte beginnt. Dicht um die weißen Rahmen hatten sich Eisblumen an den Fenstern gebildet und verzerrten die Sicht nach draußen – oder nach drinnen, je nachdem, von welcher Seite man nun sah.

Hanne jedenfalls sah die Eiskristalle von innen, als sie den Kopf an diesem Morgen unter der Bettdecke hervorstreckte. Für einen Moment bewunderte sie die Zacken und Sterne, die sich ineinander verhakten und silbern gegen die Dunkelheit draußen absetzten. Das Licht der Kerze, die auf dem Tisch in der Stube stand, ließ die Figuren glitzern. Wie schön es war! Beinahe märchenhaft, dachte Hanne. Wenn ihr Leben ein Märchen wäre, wäre dies ein wunderschöner Anfang. Die Beschreibung von einem Morgen, an dem Eiskristalle im Kerzenlicht glitzern.

Aber leider war ihr Leben kein Märchen. In einem Märchen hätte mit Sicherheit kein Wecker geklingelt, und die Hauskatze hätte vermutlich auch nicht gefüttert werden wollen, sondern hätte sich selbst irgendwo eine Maus gefangen. Nein, Hannes Leben war kein Märchen. Denn der Wecker schepperte unbarmherzig auf dem Tisch, und Minou, die Katze, stromerte maunzend an Hannes Bett entlang. Für einen Moment versuchte Hanne noch, das Betteln der Katze zu ignorieren. Doch als Minou mit einem Satz auf das Bett sprang und ihr mit der Pfote einen unsanften Nasenstüber versetzte, war es mit der Gemütlichkeit vorbei. Seufzend packte Hanne Minou und beförderte sie auf den Boden. Dann schlug sie die Decke zurück und stand auf. Als erstes stellte sie den Wecker ab und drehte die Petroleumlampe etwas auf. Bibbernd vor Kälte nahm sie die Reste vom Fisch aus der Speisekammer und legte sie Minou auf einen Teller. Die Katze machte sie sofort darüber her und kümmerte sich nicht weiter um Hanne.

„Katze müsste man sein“, murmelte Hanne neidisch.

Aber dann hellte sich ihre Miene etwas auf. In der Brotschüssel fand sie ein kleines Bündel, aus dem es verführerisch duftete. Hanne schlug die Seiten des Tuchs zurück und erblickte, was sie schon erahnt hatte: Zuckerkringel! Ihr Vater, der bei dem großen Konditor in der Stadt angestellt war, hatte Wort gehalten und wieder für sie gebacken, so wie er es jedes Jahr am 1. Dezember tat. Die Zuckerkringel sollten ihr und ihrem Bruder den Start in die Adventszeit versüßen.

Bei dem Gedanken an ihren Bruder ließ Hanne rasch das Tuch mit den Zuckerkringeln sinken. Sie musste Bo ja noch wecken! Der war besonders im Winter immer schwer aus dem Bett zu bekommen. Aber vielleicht würden die Zuckerkringel ja Wunder wirken. Hanne nahm einen der Kringel aus dem Tuch und lief damit zu Bos Alkovenbett, das direkt neben ihrem eigenen stand. Sie hielt den Kringel dicht vor Bos Nase und wedelte etwas damit herum.

„Bo“, flötete sie. „Aufstehen.“

Ihr jüngerer Bruder zog die Nase kraus, öffnete die Augen aber keinen Millimeter.

„Es ist Dezember.“

Noch immer machte Bo keine Anstalten aufzustehen, sondern kuschelte sich demonstrativ noch einmal in seine Decke. Damit hatte er sich verraten. Hanne wusste genau, dass er schon wach war.

„Gut“, sagte sie schnippisch. „Dann esse ich halt alle Zuckerkringel allein auf. Auch gut.“

Mit einem Satz war Bo aus dem Bett, wobei er die Decke achtlos mitriss und auf den Boden warf.

„Das ist gemein, ich will auch Zuckerkringel!“

„Hol ihn dir doch“, rief Hanne herausfordernd und streckte die Hand, in der sie den Zuckerkringel hielt, hoch über ihren Kopf. Bo hüpfte auf und ab, um ihn zu erreichen, Hannes Arm zuckte nach unten, nur um gleich darauf wieder in die Höhe zu schießen. Sie machte einen Sprung nach hinten und lief durch die Stube, um den Tisch herum, schlug einen Haken und lief in entgegengesetzter Richtung wieder davon. Bo jagte ihr hinterher.

„Jetzt gib schon her“, rief er.

„Hol ihn dir, hol ihn dir!“

Jäh wurde ihr Spiel von dem Schlag der Wanduhr unterbrochen. Der Kuckuck schoss aus seinem Gehäuse und rief achtmal. Hanne blieb erschrocken stehen und ließ die Hand sinken, was Bo sofort ausnutzte, um sich den Zuckerkringel zu schnappen.

„Los, Beeilung, wir müssen zur Schule!“, rief Hanne und stürzte zum Stuhl, wo sie am Vorabend ihre Kleider abgelegt hatte. Sie streifte sich das Nachthemd ab und schlüpfte in Strumpfhosen und Kleid, während Bo genüsslich seinen Zuckerkringel verspeiste.

„Jetzt mach schon“, trieb Hanne ihren Bruder erneut zur Eile an, während sie ihren eigenen Zuckerkringel in ihrer Schultasche verstaute.

„Papa macht die besten Zuckerkringel“, schwärmte Bo mit vollem Mund und achtete dabei sorgsam darauf, dass keine Krümel herunterfielen, sondern sämtlich in seiner Hand landeten.

„Husch!“, rief Hanne erneut, als auch der letzte Krümel verzehrt war und stülpte ihrem Bruder schon einmal die Mütze über.

 

Langsam biss Hanne kleine Stücke von ihrem Zuckerkringel ab, während sie neben Bo durch die kalte Stadt lief. Der Unterricht hatte heute zum Glück nicht allzu lange gedauert, und so hatten sie Zeit, an den ersten Verkaufsständen des Weihnachtsmarkts vorbeizubummeln. Hier und da roch es schon nach gebrannten Mandeln, Zuckerstangen und heißen Getränken. Der Nebel des Morgens war verflogen, aber die Kälte war geblieben. Kleine Wölkchen stiegen vor ihren Nasen und Mündern auf und verflogen in der Luft, als Bo auf dem Marktplatz plötzlich stehen blieb. Hanne ahnte, warum.

Vor dem Rathaus stand eine Gruppe Musikanten. Mit Trompeten, Posaunen und Hörnern standen sie in dicken Wintermänteln da, und spielten Weihnachtslieder. Verträumt sah Bo den Bläsern zu und Hanne sang ein paar Zeilen der Lieder mit. Wie schön die Musik war! Schon wieder so märchenhaft. Als wäre Weihnachten schon da – oder zumindest schon greifbar. Bo ging langsam auf den Bläserchor zu und stupste einen der Männer vorsichtig an, als ein Lied beendet war. Irritiert sah sich der Mann zu Bo um.

„Das war schön! Nächstes Jahr möchte ich auch bei euch mitspielen!“, sagte Bo.

„So“, erwiderte der Mann. „Spielst du etwa auch Trompete?“

Bo ließ den Kopf hängen. „Nein, noch nicht. Aber ich wünsche mir eine zu Weihnachten.“

Der Mann lachte. „Dann musst du wohl den ganzen Sommer Weihnachtslieder üben, damit du nächstes Jahr mitspielen kannst.“

Und wieder war alles Märchenhafte mit einem Schlag vorbei, musste Hanne feststellen. Bo wusste doch genau, dass der Wunsch nach einer Trompete wohl für immer ein Wunsch bleiben würde. Ihre Eltern hatten einfach nicht genug Geld, um ein solches Instrument kaufen zu können. Sie zog ihren Bruder von dem Mann weg.

„Entschuldigen Sie bitte“, sagte sie beschämt und lächelte den Mann verlegen an. „Komm mit nach Hause, wir müssen noch putzen“, sagte sie dann zu Bo und zog ihrem Bruder am Arm. Nur widerwillig folgte Bo ihr, und es missfiel Hanne selbst, den Bläsern nicht mehr weiter zuhören zu können. Aber ihre Eltern würden erst spät am Abend von der Arbeit zurückkehren und dann keine Zeit mehr zum Aufräumen haben. Das war ihre Aufgabe, und Bos. Auch wenn ihr Bruder nur begrenzt eine Hilfe war.

 

Als sie am Ende des Marktplatzes angelangt waren, hielt Hanne jedoch plötzlich inne. Aus der Konditorei trat ihr Vater auf die Straße. Wie ungewöhnlich. Er musste doch den ganzen Tag arbeiten. Ob er etwas ausliefern musste? Aber ihr Vater hatte keinen Karton oder ähnliches in der Hand, was darauf schließen lassen konnte. Stattdessen trug er seine Tasche über der Schulter, in der er immer sein Mittagessen mit zur Arbeit nahm. Ihr Vater blieb vor der Konditorei kurz stehen und sah sich nach links und rechts um. Hanne fing seinen Blick. Wie müde und traurig er doch aussah. Was hatte das nur zu bedeuten?