2. Dezember

Auch an diesem Morgen hingen Eiskristalle vor den Fenstern und glitzerten im Kerzenlicht. Doch heute konnte Hanne nichts Schönes daran finden. Heute war das Eis einfach nur kalt und ein weiteres überdeutliches Zeichen dafür, dass in diesem Jahr Weihnachten wohl ganz anders sein würde als zuvor. Ihr Vater hatte gestern kein Wort darüber verloren, warum er früher nach Hause gekommen war, obwohl Hanne einen bösen Verdacht hatte. Am späten Abend, als sie und Bo schon in ihren Betten gelegen hatten und die Mutter nach Hause gekommen war, hatten die Eltern am Tisch leise gesprochen. Vermutlich hatten sie gedacht, Hanne und Bo würden schon schlafen. Aber Hanne hatte jedes Wort gehört.

Der Konditor hatte ihrem Vater gekündigt. Fristlos. Er hatte etwas von schlechter Auftragslage und wenig Geld geredet. So ein Blödsinn, hatte Hanne gedacht.

„So ein Blödsinn“, hatte auch ihre Mutter gemurmelt. „So kurz vor Weihnachten … Er ist doch nur eifersüchtig, weil die Leute deine Kreationen lieber mögen als seine.“

„Vielleicht“, hatte der Vater hilflos geantwortet. „Trotzdem kann ich nicht gegen ihn ankommen. Selbst wenn meine Torten und Zuckerkringel jetzt nicht mehr zum Verkauf stehen. Die Leute werden dennoch nicht wegbleiben.“

Hanne hatte schnell ihren Kopf ins Kissen gedrückt, als die Mutter leise aufgeschluchzt und zu weinen begonnen hatte. Am liebsten hätte sie laut geweint, aber sie wollte ihren Eltern nicht verraten, dass sie gelauscht hatte. Sie konzentrierte sich auf die Figuren, die das Eis an die Fensterscheibe gemalt hatte. Wenn alles noch gut gewesen wäre, hätte sie vielleicht wieder etwas Schönes daran finden können. Aber jetzt?

„Guten Morgen, Hanne. Komm, steh auf. Ihr müsst zur Schule.“

Wie oft hatte Hanne sich gewünscht, morgens einmal von ihrem Vater geweckt zu werden. Nicht immer mit ihrem Bruder allein zu sein, wenn sie aufstand. Aber unter den jetzigen Umständen hätte sie gerne auf die Erfüllung dieses Wunschs verzichtet. Lieber wäre sie noch hundertmal und öfter morgens mit Bo allein gewesen, wenn ihr Vater dafür nur immer noch eine Arbeit gehabt hätte.

„Was soll nun werden, Papa?“, fragte sie.

Nun hatte sie sich verraten. Aber die Tatsache, dass ihr Vater noch hier zuhause war, war schließlich auch Beweis genug. Ihr Vater zuckte nur mit den Schultern.

„Ich weiß es nicht“, sagte er leise. „Ich werde in die Stadt gehen und mich nach anderer Arbeit umsehen. Vielleicht kann ich in einer Bäckerei noch unterkommen. Oder irgendwo anders.“

„Aber Papa, du bist Konditor. Der Beste! Du kannst nicht irgendetwas anderes arbeiten“, widersprach Hanne.

Ihre Worte entrangen ihrem Vater ein kurzes dankbares Lächeln. Aber dann wurde sein Gesicht wieder ernst.

„Mach dir keine Sorgen. Das findet sich schon alles. Und bitte, sag Bo nichts.“

Hanne sah ihren Vater verständnislos an. „Papa, wie soll das denn gehen. Bo ist nicht blöd. Willst du ihm etwa erzählen, dass du ganz plötzlich Urlaub bekommen hast?“

„Du hast recht. Ihr seid beide zu groß, um so etwas zu glauben“, gab ihr Vater zu und nahm den Teekessel vom Herd.

 

Stumm liefen die Kinder durch die vereisten Straßen. Gerade eben hatte Hanne ihrem Bruder erklärt, warum ihr Vater an diesem Morgen nicht arbeiten gewesen war. Bo hatte ein erschrockenes Gesicht gemacht, aber nichts geantwortet. Es war Hanne nur recht so. Was sollten sie auch groß darüber reden? Davon würde es sicher nicht besser werden.

„Glaubst du, der Weihnachtsmann schickt mir trotzdem eine Trompete zu Weihnachten?“, fragte Bo plötzlich leise.

„Vergiss doch deine blöde Trompete“, fuhr Hanne ihren Bruder unwirsch an. „Wir haben wirklich andere Sorgen.“

Bo blieb stehen und stampfte wütend mit dem Fuß auf. „Aber das ist gemein. Ich hab mir schon so lange eine gewünscht.“

„Ich weiß“, antwortete Hanne leise.

„Vielleicht…“, sagte Bo leise und kratzte sich an der Mütze. „Vielleicht können wir mit dem Konditor noch einmal reden. Vielleicht kann er Papa ja doch wieder einstellen. Wenigstens bis Weihnachten.“

„Ziemlich viel vielleicht, wenn du mich fragst“, entgegnete Hanne. Aber sie konnte sich nicht helfen; Bos Hoffnung war ansteckend. „Also gut“, sagte sie daher. „Wir können es wenigstens versuchen.“

Sie nahmen den Weg über den Marktplatz und gingen auf die Konditorei zu. In den Fenstern standen bunte Torten, Lebkuchenmänner, und bunte Zuckerstangen hingen auf Girlanden neben Schokoladenherzen und Zuckerkringeln. Hanne lief das Wasser im Mund zusammen, als sie mit Bo das Geschäft betrat. Der Geruch war zu köstlich. Aber sie hatten von ihren Eltern keinen Taler zugesteckt bekommen, um sich ein Stück Zuckergebäck kaufen zu können. Und außerdem hatten sie etwas ganz anderes zu tun, als Süßigkeiten zu essen, rief sie sich selbst streng zur Ordnung. Hinter dem Tresen stand Nils, der Lehrling und verkaufte die Kuchen und Pralinen an alle, die da kamen und danach verlangten. Nils war nett, aber stets etwas schusselig. Seine weiße Konditormütze saß schief auf seinem strubbeligen Haar und seine Schürze war übersät mit Schokoladen- und Zuckergussflecken.

„Hallo, Nils“, sprach Hanne ihn an, als sie endlich an der Reihe waren. „Ist Frantz da?“

„Hallo Hanne“, begrüßte Nils sie freundlich. „Der Chef ist da“, er machte ein trauriges Gesicht. „Wegen eures Vaters?“, fragte er dann. „Tut mir wirklich leid…“

Hanne nickte dankbar und wollte gerade mit Bo zur Hintertür, um zu Frantz, dem Konditor zu gehen, als eben dieser durch die Tür in den Laden trat. Erschrocken blieb sie auf der Schwelle stehen. Frantz sah mit finsterem Gesicht auf sie herab.

„Was macht ihr denn hier?“, bellte er.

„Bitte Frantz, wir wollten Sie bitten…“, fing Hanne leise an.

„Kann Papa nicht noch ein bisschen hier arbeiten? Nur bis Weihnachten?“, fragte Bo und sah den Konditor mit Engelsmiene an. Doch der zuckte nicht einmal mit der Wimper und ließ sich von den bittenden Kinderaugen nicht bekümmern.

„Nein, kann er nicht. Ich hab kein Geld, um noch jemanden durchzufüttern. Die Zeiten haben sich geändert.“

„Aber Papa braucht doch so dringend Arbeit!“, bettelte Bo. „Und ich wünsche mir doch so sehr eine Trompete“, heulte er dann auf, als Frantz keinerlei Reaktion zeigte.

„Das ist nicht mein Problem“, grunzte er. „Wünschen kann man sich viel.“

„Bitte, können Sie nicht noch einmal darüber nachdenken?“, bat Hanne. „Unser Vater hat doch immer gut für sie gearbeitet.“

Frantz trat einen Schritt näher auf sie zu, sodass Hanne und Bo zurückweichen mussten.

„Jetzt hab ich aber genug von eurem Gejammer. Ich kann und ich werde euren Vater nicht wieder einstellen. Ende der Diskussion. Und nun – raus mit euch!“, polterte er.

Hanne und Bo stolperten aus dem Laden und wären beinahe die zwei Treppenstufen hinuntergestürzt.

„Das war wohl nichts“, sagte Hanne enttäuscht, als sie sich von dem Schrecken erholt hatte.

„Hm“, machte Bo traurig. „Aber immerhin hat es angefangen zu schneien.“

Richtig, aus dem dunklen Nachmittagshimmel fielen dicke Flocken auf die Welt und hatten Teile der Straße schon einen weißen Flaum aufgesetzt. Eine Weile sahen Hanne und Bo dem Schneetreiben zu. Aber so richtig konnten sie sich nicht darüber freuen. Ohne Arbeit und nach den unfreundlichen Worten von Frantz war der Schnee überhaupt nicht märchenhaft, fand Hanne.

Plötzlich zog ein helles Licht über den Himmel.

„Schau mal“, sagte Bo. „Das war bestimmt der Weihnachtsstern. Wenn ich mir jetzt etwas wünsche, geht es bestimmt in Erfüllung.“

Hanne lächelte. Wie schön wäre es gewesen, wenn ihr Bruder recht gehabt hätte. Aber an Sterne, die Wünsche erfüllten, konnte man doch nicht wirklich glauben. Nur, weil sie Bo den Spaß nicht verderben wollte, schloss sie ebenfalls die Augen und wünschte sich etwas.

 

Wenn sie nur geahnt hätte, woher dieses Licht am Himmel gekommen war – vielleicht hätte Hanne doch wieder an Märchen geglaubt.