3. Dezember

Niemand hatte gesehen, was sich in der Nacht draußen am Stadtrand ereignet hatte. Und niemand hatte die Gestalt gesehen, die sich, nachdem ein heller Lichtstreif über den Himmel gezogen war, durch das Schneetreiben gekämpft hatte. Nun hockte die Gestalt in einem Keller und überlegte, wie es weitergehen sollte. Das Wetter, das ihn empfangen hatte, war schrecklich gewesen. Gegen die Kälte hatte die Gestalt ja nichts einzuwenden, aber der feuchte Schnee war alles andere als schön gewesen. Es hatte Stunden gedauert, bis sein Haar wieder trocken gewesen war. Vorsichtig fühlte die Gestalt nach, ob auch tatsächlich alles getrocknet war. Ja, die Zeit hatte mal wieder Wunder gewirkt. Zufrieden sah die Gestalt im Halbdunkel auf ihre Fußspitzen, die in braunen Lederstiefeln steckten, die vorne spitz zuliefen und sich leicht nach oben wölbten.

Plötzlich hörte sie etwas. Aus den Räumen über dem Keller drang vielfaches Stimmengewirr zu ihr hinunter. Was war dort wohl los? Die Gestalt sprang auf die Füße und klopfte sich etwas Staub von der Kleidung. Die Stimmen wurden lauter, kamen aber nicht näher. Aber die Gestalt war neugierig geworden und wollte nun wissen, wer sich hinter diesen Stimmen verbarg. Vorsichtig und mit leisen Schritten setzte sie einen Fuß vor den anderen und schlich die Kellertreppe hinauf. Ein heller Lichtschein fiel auf die oberste Stufe, als sie die Kellertür am Ende der Treppe einen spaltbreit öffnete.

In der großen Halle vor der Tür liefen unzählige kleine Menschen hin und her. Manche trugen Mützen auf den Köpfen, andere trugen kleine Hüte. Aber alle hatten Taschen, die sie auf dem Rücken oder über die Schulter gehängt trugen. Aufgeregt redeten sie miteinander und verteilten sich in kleinen Grüppchen, die in unterschiedliche Richtungen liefen. Die Gestalt auf der Kellertreppe war zu fasziniert von dem Anblick, als dass sie auf die Gespräche hätte achten können. Nach einer Weile waren all die kleinen Menschen über die Treppe, die nach oben in das Gebäude führte, oder in einem der Gänge, die nach rechts und links abgingen, verschwunden und Stille kehrte ein in der Halle. Die Gestalt wollte gerade durch den Spalt in die Halle huschen, als die große Eingangstür plötzlich aufgerissen wurde und noch zwei Kinder hineinstürzten. Rasch zog die Gestalt sich wieder hinter die Kellertür zurück und beobachtete weiter das Geschehen.

„Oh je, wir sind viel zu spät“, rief das Ältere, ein Mädchen mit langen blonden Zöpfen. Es streifte seine Tasche und den Mantel ab und hängte letzteren an einen Haken neben all die anderen Mäntel, die dort schon in der Halle hingen.

„Beeil dich, Bo. Sonst gibt es richtigen Ärger.“

Der kleine Junge, der neben dem Mädchen stand, streifte sich die Mütze vom Kopf und warf sie auf den Haken über den Mantel des Mädchens.

„Hanne, bringst du mich zur Klasse? Vielleicht wird der Lehrer nicht zu böse, wenn du ihm alles erklärst.“

Das Mädchen schüttelte den Kopf. „Das geht jetzt nicht, Bo. Du schaffst das schon. Wir sehen uns später in der Pause.“

Mit diesen Worten stürmte das Mädchen, Hanne, die Treppen nach oben, während Bo in den linken Gang abbog. Nach einer Weile hörte die Gestalt eine Tür ins Schloss fallen und wagte sich nach einer Weile schließlich in die Halle. Leise ging sie den Gang entlang, von dem drei Türen abgingen. Hinter einer dieser Türen musste Bo verschwunden sein. Ob der Lehrer, von dem er gesprochen hatte, wohl wirklich so böse geworden war? Wenn die Türen doch nur Fenster gehabt hätten… Da hörte die Gestalt plötzlich eine laute Stimme.

„Bo, warum kommst du so spät?“

„Es tut mir Leid, Herr Lehrer. Ich… ich …“, hörte die Gestalt Bo stammeln.

„Setz dich auf deinen Platz und höre auf rumzustottern.“

„Ja, Herr Lehrer.“

„Und in der Pause wirst du dem Hausmeister beim Schneeschippen helfen.“

Das klang wirklich nicht sehr nett, dachte die Gestalt und lauschte, ob sie noch mehr von Bo würde hören können. Aber hinter der Tür war nur noch die Stimme des Lehrers zu hören. Der Junge tat der Gestalt leid. Sie kramte in ihrer Jackentasche und fand, was sie gesucht hatte; ein buntes Honigkaramell. Auf leisen Sohlen lief die Gestalt in die Halle zurück, wo die Kinder ihre Mäntel zurückgelassen hatten. Welcher war noch gleich der Mantel von Bo gewesen? Richtig, die schwarze, etwas zerschlissene Jacke, die dort über dem grauen Mantel hing! Aufmerksam sah die Gestalt sich um und ließ, als keiner zu sehen war, langsam das Karamellbonbon in die Manteltasche gleiten. Vielleicht würde Bo sich ja darüber freuen, wenn er es fand.

Die Gestalt durchquerte die Halle zu der großen Tür, öffnete sie und sah hinaus. Es hatte aufgehört zu schneien. Doch der Schneefall während der Nacht hatte die Welt in eine durch und durch weiße Wattelandschaft verwandelt. Die Tannenzweige, die auf den Treppenstufen zum Gebäude lagen, waren auch kaum noch zu erkennen, ebenso wenig die Farben der Häuserfassaden. Überall lagen hohe Schneewehen. Die Gestalt überlegte gerade, nach draußen in diese weiße Welt zu treten, als ein lautes Klingeln ertönte. Urplötzlich setzte wieder Stimmengewirr ein. Die Gestalt erschrak und flitzte zurück zur Kellertür, die sie mit einem Ruck hinter sich schloss, bevor sie die Kellertreppe hinunter sprang. Auf der letzten Stufe stolperte die Gestalt und fiel der Länge nach hin. Sie fluchte, rappelte sich aber direkt wieder auf und versteckte sich hinter ein paar alten Tischen und gestapelten Stühlen. Dass bei dem Sturz die Jackentasche eingerissen war, und sie auf ihrer Flucht etwas verloren hatte, bemerkte die Gestalt nicht.

Plötzlich fiel Licht in den Keller und Stimmen ertönten.

„Na, dann kommt mal mit.“

Schritte auf der Treppe wurden laut, die sich näherten, und ängstlich zog die Gestalt sich noch weiter hinter die Tische und Stühle zurück. Auf dem Treppenabsatz machten die Schritte Halt und wieder ertönte die Stimme, die eben gesprochen hatte.

„Hier stehen die Schneeschaufeln, ich hab sie in weiser Voraussicht schon hierher gestellt.“

„Ich trag die Schaufeln schon“, hörte die Gestalt eine zweite Stimme. War das die von Hanne gewesen? Die Gestalt beugte sich ein Stück vor, um einen Blick auf die Menschen zu erhaschen, die dort standen. Dabei stieß sie gegen eines der Tischbeine. Es rumpelte. Erschrocken hielt die Gestalt in ihrer Bewegung inne.

„Was war das?“, hörte sie Bo fragen.

„Ach, manchmal jagt eine Katze eine Ratte und reißt dabei schon einmal etwas um“, erklärte die tiefe Stimme. „Jetzt kommt schon. Der Schnee schaufelt sich nicht von selbst.“

Geklapper ertönte. Vermutlich hatte Hanne nun die Schneeschaufeln genommen. Erleichtert atmete die Gestalt auf. Die Gefahr war erst einmal gebannt. Doch da knarrten die Treppenstufen und sie hörte, wie jemand die Treppe noch weiter herunter kam.

Die Gestalt beobachtete, wie Bo die letzten Stufen nahm und sich neugierig umsah. Plötzlich hielt er inne und bückte sich, hob etwas vom Boden auf.

„Das ist ja seltsam. Genau das gleiche, wie in meiner Jackentasche“, murmelte er.

Die Gestalt schlug erschrocken die Hand vor den Mund. Nun erkannte sie, was passiert war. Ihre Jackentasche hatte einen Riss und auf dem Weg von der Treppe zu ihrem Versteck, hatte sie einige der Karamellbonbons verloren, die sie mit sich getragen hatte. So führte eine Spur direkt von der Kellertreppe bis zu ihrem Versteck. Bo hob ein Bonbon nach dem nächsten auf.

„Und noch eins“, sagte Bo vergnügt, als er das letzte Bonbon aufgehoben hatte.

Die Gestalt war alles andere als vergnügt. Ihr Herz schlug bis zum Hals. Gleich würde Bo sie entdecken.

 

„Bo, kommst du!“, rief Hanne in den Keller.