4. Dezember

Es widerstrebte Hanne, an diesem Morgen das warme Bett zu verlassen. Eis und Schnee hatten die Stubenfenster beinahe vollständig bedeckt und das Flackern der Kerze entlockte ihr nun wirklich kein Lächeln mehr. Aber sie wollte nicht noch einmal zu spät zur Schule kommen. Das Schneeschippen gestern hatte ihr vollkommen gereicht. Zwar hatte ihr die Strafe fürs Zuspätkommen bohrende Fragen und dumme Kommentare von Klassenkameraden erspart, warum ihr Vater nun keine Arbeit mehr hatte. Doch der tiefe Schnee hatte ihre Strumpfhosen und das Kleid nass und schmutzig gemacht – und es war wirklich kein Spaß gewesen, in nassem Kleid im Unterricht zu sitzen. Hoffentlich bekam sie keine Erkältung!

Eilig sprang sie daher nun aus dem Bett, obwohl der Wecker noch nicht geklingelt hatte, zog sie sich an und trank von dem Tee, den ihre Mutter auf den Tisch gestellt hatte. Auf einmal hörte sie die Stimmen ihrer Eltern, die offenbar in dem kleinen Flur standen und leise miteinander sprachen.

„Ich frage bei den Herrschaften, ob Sie noch weitere Aufträge für mich haben“, hörte Hanne ihre Mutter sagen. „Aber ich fürchte …“

„Das ist lieb von dir. Aber ob das hilft?“

Die Mutter antwortete nicht.

„Vielleicht finde ich ja auch noch eine Anstellung bei der Stadt. Es soll noch mehr Schnee fallen, da können sie mit Sicherheit Leute gebrauchen, die helfen, die Straßen freizuräumen.“

„Dein Wort in Gottes Ohr … Wenn du nicht bald etwas findest, wird es wirklich eng. Du weißt selbst, dass unsere Ersparnisse nicht weit reichen werden. Hungern wir jetzt, können wir im Januar noch die Miete bezahlen, wollen wir satt werden, müssen wir uns nach Weihnachten eine neue Bleibe suchen.“

„Ich weiß“, antwortete der Vater leise. „Du musst los, sonst kommst du zu spät zu deiner Kundschaft.“

Kurz darauf hörte Hanne, wie die Tür geöffnet und wieder geschlossen wurde. Ein kalter Windhauch wehte in die Stube und ließ Hanne noch einmal zusätzlich erschaudern. Ihr Vater betrat mit sorgenvoller Miene die Stube und machte ein erschrockenes Gesicht, als er Hanne erblickte.

„Du bist schon wach?“

„Ich konnte nicht mehr schlafen“, murmelte Hanne.

Ihr Vater nickte nur kurz und ging auf Bos Bett zu, um ihn zu wecken.

„Ich hab gehört, worüber du und Mama geredet habt“, flüsterte Hanne über den Rand ihrer Teetasse ihrem Vater zu, als er zurück an den Tisch trat. Wieder sah er sie erschrocken und sorgenvoll an, sagte aber: „Mach dir keine Sorgen.“

„Tu ich aber. Papa, ich will nicht umziehen.“

„Vielleicht geschieht ja noch ein kleines Weihnachtswunder“, seufzte ihr Vater.

Weihnachtswunder, so ein Blödsinn, dachte Hanne hoffnungslos. Das musste schon ein Weltwunder sein, das sie aus ihrem Unglück retten könnte. Selbst wenn ihr Vater beim Schneeräumen helfen könnte, viel Geld würde das nicht einbringen, und die Hoffnung der Mutter, als Wäscherin mehr Aufträge zu bekommen, war auch nicht gerade begründet. Wenn es mehr Aufträge gegeben hätte, hätte sie diese ja längst schon angenommen.

Nein, es würden karge und traurige Weihnachten werden, da war Hanne sich leider sicher.

Trübsinnig ließ sie den Unterricht an diesem Morgen an sich vorbeiziehen und schließlich hätte sie beinahe noch ihr Tintenfass über ihren Heften ausgeschüttet. Nur in letzter Sekunde konnte ihre Banknachbarin das Fass zur Seite ziehen und so Schlimmeres verhindern.  

Wie jeden Tag wartete sie nach dem Unterricht vor dem Schultor auf ihren Bruder. Doch Bo kam nicht. Wie merkwürdig. In der Pause hatte sie ihn noch gesehen. Sie lief zurück ins Schulgebäude und suchte Bo in seinem Klassenzimmer. Nichts – nur leere Bänke und ein verlassenes Pult. Besorgt lief Hanne in den Keller. Doch auch dort fand sie ihren Bruder nicht. Was sollte sie jetzt nur tun? Wo konnte Bo sein? Sie konnte doch nicht ohne ihn nach Hause gehen. Nachdem sie den Schulhof noch einmal gründlich abgesucht hatte, ohne eine Spur von Bo zu entdecken, beschloss sie, in der Stadt nach ihm zu suchen. Vielleicht war Bo ja wieder auf dem Markt, wo zwei Tage zuvor die Bläsergruppe gespielt hatte?

Hanne verwünschte den Schnee, der nun wieder in dicken Flocken vom Himmel fiel und ihr die Sicht versperrte. Eilig stapfte sie durch die Straßen. Hoffentlich war Bo nichts passiert! Vielleicht war er auch noch einmal zur Konditorei gelaufen, um Frantz erneut darum zu bitten, ihren Vater wieder einzustellen? Sie rieb mit dem Handschuh über die beschlagene Scheibe der Konditorei und sah ins Innere. Doch in Frantz‘ Geschäft tummelten sich nur Frauen und Männer – von Bo war nichts zu sehen.

Hanne ging weiter zum Marktplatz. Dort hatten inzwischen einige Händler ihre Stände aufgebaut und verkauften duftende Mandeln, Pasteten, Zuckerstangen und Haushaltswaren. Es roch richtig schön weihnachtlich und es wäre himmlisch gewesen, wenn sie nur einen Taler gehabt hätte, um sich nur eine der Köstlichkeiten zu kaufen. Ihr Magen knurrte verdächtig – das Mittagessen war auch schon so spärlich ausgefallen. Nein, sie durfte jetzt nicht ans Essen denken. Sie musste Bo finden!

Energisch wischte sie sich ein paar Schneeflocken aus den Wimpern und suchte zwischen den Ständen weiter nach ihrem Bruder. Sie konnte ihn jedoch nicht entdecken. Weder beim Krämer, noch beim Fleischer oder Töpfer. An der Ecke, wo der Bläserchor neulich gestanden hatte, war nichts zu sehen. Weder von den Musikanten noch von Bo. Erschöpft von der Suche und zitternd vor Kälte lehnte Hanne sich an eine Hauswand und schaute zu, wie der Schnee zwischen den Passanten auf die Erde fiel. Wo konnte Bo nur sein? Ihre Eltern würden sich die größten Sorgen machen, wenn sie ohne ihn nach Hause käme. Und Sorgen hatten sie nun wahrlich schon genug.

Plötzlich hörte sie eine leise Musik, die der Wind aus einer der Gassen auf den Marktplatz trug. Liebliche Töne und zarte Harmonien drangen an Hannes Ohr. Wie wunderschön das klang! Ein kleiner Trost in all diesem Elend. Verzaubert ging Hanne der Musik nach und blieb wie angewurzelt am Eingang der Gasse stehen.

Dort neben einer Laterne stand Bo und spielte auf seiner Weidenflöte, die er im vorigen Sommer geschnitzt hatte. Vor sich hatte er seine Mütze auf den Boden gelegt. So stand er da und spielte versonnen weihnachtliche Melodien. Erleichtert stürzte Hanne auf ihren Bruder zu.

„Bo! Da bist du ja“, rief sie. „Ich hab mir schon Sorgen um dich gemacht. Du kannst doch nicht einfach weglaufen!“

Bo nahm die Flöte von den Lippen und sah seine Schwester mit großen Augen an. Hanne konnte das schlechte Gewissen daraus deutlich ablesen.

„Was hast du denn vor, um Himmels willen?“, fragte sie, obwohl es ihr mit einem Blick auf Bos Mütze eigentlich klar war. Sie schaute genauer hin. Ein einziger Groschen lag darin.

„Ich wollte ein bisschen Geld verdienen“, murmelte Bo und bückte sich nach seiner Mütze. „Aber das ist sinnlos. Im Winter mag niemand Weidenflöten hören.“

Enttäuscht ließ er die Flöte sinken, steckte den Groschen in die Tasche und klopfte den Dreck von der Mütze. Tröstend nahm Hanne ihn in den Arm.

 „Du hast trotzdem wunderschön gespielt“, versicherte sie ihm. „Und so habe ich dich zum Glück gefunden.“