5. Dezember

Mit verzerrtem Gesicht hielt Hanne sich den Bauch und kaute auf den Lippen. Das Frühstück heute Morgen war ziemlich mager ausgefallen. Nur ein kleines Stück Brot und eine Tasse Tee. Dabei hatte sie sich schon nach dem Abendessen, zu dem ihr Vater ein paar trockene Kartoffeln und  Fisch zubereitet hatte, hungrig ins Bett gelegt. Sie wusste, dass ihre Eltern so lange wie möglich mit dem wenigen Geld haushalten wollten – doch das Verständnis für ihre Situation vertrieb leider das nagende Hungergefühl kein bisschen. Die Arbeitssuche ihres Vaters war am Vortag erfolglos verlaufen und Hanne bezweifelte, dass es heute besser gehen würde. Der einzige Hoffnungsschimmer an diesem Tag war der Musikunterricht, den Hanne von allen Schulstunden am liebsten mochte. Sie würden Weihnachtslieder singen und kleine Chorstücke für den Weihnachtsgottesdienst einstudieren. Vielleicht durfte sie ja sogar ein kleines Solo singen?

Endlich beendete der Lehrer seinen Geographieunterricht und führte Hannes Klasse in den Musiksaal. Für einen Moment schien Hannes Magen noch einmal ein Stück tiefer zu rutschen und rumorte heftig. Hanne schloss die Augen, konzentrierte sich auf die kommende Musikstunde und ignorierte das Hungergefühl so gut es eben ging. Die Gestalt, die der Klasse heimlich und auf leisen Sohlen folgte, bemerkte weder sie noch ihre Mitschüler. Die Musikbücher wurden verteilt und der Lehrer setzte sich an das Harmonium. Beim Singen vergaß Hanne ihren knurrenden Magen völlig. Aus voller Kehle sang sie das Gloria und Halleluja und fühlte sich beinahe wie ein Weihnachtsengel. Ihre Klassenkameraden waren indes nicht alle mit größter Begeisterung dabei. Manche brummelten die Textzeilen lustlos vor sich hin, andere schienen gar nicht zu singen.

„Ich muss doch sehr bitten“, sagte der Lehrer streng. „Bemüht euch mal ein bisschen. Wir proben für den Weihnachtsgottesdienst, nicht für eine Beerdigung.“

Ein paar der Schüler kicherten. Der Lehrer ging darüber hinweg und ließ Hanne und ihre Klassenkameraden eine neue Seite im Buch aufschlagen.

Ihr Kinderlein kommet Jetzt konnte Hanne es sogar einigermaßen nachvollziehen, dass ihre Mitschüler nicht begeistert mitsangen. Dieses Lied gehörte nun auch nicht unbedingt zu ihren Lieblingsliedern. Sie ließ sich von den Spaßvögeln mitreißen, die versuchten, schneller zu singen, als der Lehrer die Töne auf dem Harmonium anschlug. Plötzlich waren alle mit Freude dabei und schließlich musste auch der Lehrer lachen.

„Das war ja nun mehr Ihr Kinderlein raset. Ihr wolltet wohl die ersten an der Krippe sein? Aber gut, ich sehe ein, dass ihr für dieses Lied vielleicht doch schon etwas zu alt seid. Also gut, singen wir Engel auf den Feldern singen.“  

Nachdem die Klasse das Lied einmal gemeinsam gesungen hatte, sah der Lehrer aufmerksam in die Runde.

„Dieses Lied sollte bei der Weihnachtsfeier besonders feierlich klingen. Deshalb möchte ich gern, dass jemand von euch die Strophen allein singt, und der Chor das Gloria umso lauter erschallt.“

Er schenkte Hanne einen langen prüfenden Blick. „Möchtest du die Strophen singen, Hanne? Du hast eine wunderschöne Stimme!“

Obwohl sie insgeheim darauf gehofft hatte, ein Solo zu bekommen, errötete Hanne unter dem Lob des Lehrers und senkte den Kopf. Dann aber nickte sie und konnte ihre Freude nicht länger verbergen.

„Engel auf den Feldern singen / stimmen an ein himmlisch Lied / und im Widerhall erklingen / auch die Berge jauchzen mit“, sang sie, sobald der Lehrer ihr den Einsatz gab. Beinahe hätte sie selbst gejauchzt, so glücklich war sie. Sogar das Gloria ihrer Klassenkameraden klang nun wunderschön.

„Sagt mir, Hirten, wem die Freude / wem das Lied der Engel gilt! / Kommt ein König, dass die Weite / so von Jubel ist erfüllt?“

Ob die Weite von Jubel erfüllt war, kümmerte Hanne nicht, ihr Herz war es allemal.

Beseelt von anerkennenden Worten des Lehrers und einiger Mitschüler verließ Hanne schließlich den Musiksaal. Als sie jedoch alle anderen in den Speisesaal laufen sah, verflog ihre Freude urplötzlich und ihr Magenknurren war überdeutlich zu hören. In der Eingangshalle traf sie auf Bo, der schon in seiner Jacke da stand und auf sie wartete.

„Kommst du mit mir spazieren?“, fragte er.

Hanne versuchte, das Hungergefühl wieder beiseite zu schieben, nahm ihren Mantel vom Haken und schlüpfte hinein. Sie vergrub die Hände tief in den Taschen und folgte ihrem Bruder nach draußen auf den Schulhof. Plötzlich stutzte sie. Was war das in ihrer Tasche? Hanne griff fester um den kleinen rundlichen Gegenstand, den ihre Finger auf einmal gefunden hatten. Sie staunte, als sie ein goldgelbes Karamell in ihrer Hand fand. Auch Bo machte große Augen.

„Das ist ja merkwürdig. Wo kommt das denn her?“, murmelte Hanne verblüfft.

„Du hast auch eins bekommen?“

„Wieso auch?“

„Ich habe vorgestern auch so eins in meiner Tasche gefunden. Und als wir die Schaufeln aus dem Keller geholt haben, habe ich an der Treppe noch mehr davon gefunden“, berichtete Bo. „Du musst es unbedingt probieren. Es schmeckt wunderbar!“

Eigentlich hätte Hanne ihrem Bruder böse sein wollen, dass er Süßigkeiten gehabt und nicht mit ihr geteilt hatte. Aber dafür war sie nun viel zu neugierig auf den Geschmack des Karamells. Sie steckte ihn in den Mund und sofort schmolz die süße Substanz zart auf ihrer Zunge. Wärme breitete sich in ihr aus, als sich der cremige Geschmack entfaltete.

Hanne schloss verzückt die Augen. „Das ist ja wirklich himmlisch“, schwärmte sie.

„Ich wünschte, ich hätte noch mehr davon“, gab Bo zu. „Ich hab Hunger.“

Urplötzlich war der Zauber verflogen und Hanne gelangte widerwillig in die Realität zurück. „Ich weiß“, sagte sie traurig. So gut das Karamell auch gewesen war, den Hunger stillte es leider nicht.

„Nanu, was macht ihr denn hier? Solltet ihr nicht im Speisesaal sein?“, erklang da plötzlich die Stimme des Hausmeisters hinter ihnen.

„Wir haben kein Geld für das Mittagessen“, sagte Bo leise und ließ den Kopf hängen.

Bekümmert sah der Hausmeister auf die beiden herab. „Und Brote habt ihr auch keine dabei?“

Stumm schüttelten Hanne und Bo die Köpfe ohne den Hausmeister anzusehen. Dieser dachte einen Augenblick nach und sagte dann: „Wollt ihr zwei mir wohl noch einmal helfen Schnee zu schaufeln? Heute Nacht ist ja doch wieder einiges runtergekommen. Wenn wir fertig sind, spendiere ich euch das Mittagessen.“

Hanne zögerte noch einen Moment, während Bo schon eifrig nickte. Würde der Hausmeister wirklich Wort halten und ihnen zu essen geben oder wollte er nur billige Arbeitskräfte haben? Schließlich nickte sie ebenfalls. Was hatte sie schon groß zu verlieren? Wenn sie Schnee schaufelte, wäre sie wenigstens eine Weile von ihrem Hunger abgelenkt. Ganz gleich, ob es später eine warme Mahlzeit gab oder nicht.

Sie folgte dem Hausmeister also gemeinsam mit Bo in den Keller und holte sich eine Schaufel. Der Hausmeister trug ihnen auf, an der Rückseite der Schule vor dem Speisesaal zu kehren und den Schnee an den Seiten des Gebäudes aufzuhäufen. Ergeben zogen Hanne und Bo los und begannen zu schaufeln. Der Schnee war pappig und schwer. Manchmal musste Hanne ihre Schaufel heftig in den Schnee rammen, um den verharschten Schnee zu lösen. Als sich endlich eine größere Menge Schnee gelockert hatte, nahm sie etwas davon auf ihre Schaufel und trug es zur Seite des Gebäudes.

Erstaunt ließ sie den Schnee von der Schaufel fallen. Sie sah sich kurz zu Bo um, der ebenfalls Schnee auf seiner Schüppe balancierte, und winkte ihn zu sich heran. Gleichzeitig bedeutete sie ihm leise zu sein. Als er sie erreicht hatte und in die ihm gewiesene Richtung sah, machte auch Bo ein erstauntes Gesicht.

 

Dort, neben dem Gebäude stand eine merkwürdige kleine Gestalt und lugte auf Zehenspitzen stehend durch die Fenster des Speisesaals.