6. Dezember

Vorsichtig schlichen Hanne und Bo an die Gestalt heran. Sie sah ungewöhnlicher aus, als alles, was sie bisher gesehen hatten. Die Gestalt war nicht viel größer als Bo, nur der spitze, unförmige Hut, der auf dem Kopf Nase saß, ließ sie zuerst größer erscheinen. Sie trug rote Hosen und die Füße steckten in braunen Stiefeln, die vorn spitz zuliefen und sich etwas wölbten. Über den Schultern lag ein grauer Umhang mit braunen Streifen.

Noch hatte die Gestalt Hanne und Bo nicht entdeckt und sah noch immer, scheinbar fasziniert durch die Fenster des Speisesaals. Ob drinnen jemand von den Mitschülern die Gestalt wohl schon bemerkt hatte?

„Was ist das?“, flüsterte Bo Hanne leise zu.

„Keine Ahnung“, antwortete Hanne ebenso leise.

Sie waren nun ganz dicht an die Gestalt herangetreten, doch Hanne zögerte noch, die Hand auszustrecken. Was sollten sie denn sagen?

„Hallo, wer bist du denn?“ Bo hatte die Frage für sich offenbar schon geklärt.

Die Gestalt wirbelte herum und sah sie mit großen, bernsteinfarbenen Augen erschrocken an. Doch die großen Augen in der Farbe, die an das Karamell erinnerte, das Hanne in ihrer Tasche gefunden hatte, waren nicht das einzige ungewöhnliche an der Gestalt. Die Ohren ragten spitz unter den schulterlangen weißen Haaren hervor und die Nase war lang und schmal wie ein Streichholz. Wenn sie an Märchen geglaubt hätte, wäre Hanne sicherlich der Überzeugung gewesen, einen Zwerg oder Troll vor sich zu haben. Aber dies war kein Märchen. Sonst hätte sie hier nicht mit einer Schneeschaufel in der Kälte gestanden. Nur wie sonst war diese Erscheinung zu erklären?

„Ich bin Kalle Kräm“, sagte die Gestalt schließlich mit weicher Stimme, die aber, wohl vor Schreck, immer noch leicht zitterte.

„Woher kommst du? Bist du aus einem … Märchen?“

Es kostete Hanne Überwindung diese Frage zu stellen. Wie klang denn das? Bo und dieser Kalle mussten sie doch für völlig bescheuert halten!

„Ich komme von dem Stern, der jedes Jahr um diese Zeit den euren passiert“, erklärte Kalle.

„Ein Stern?“, fragte Hanne ungläubig. Das klang ja mindestens so verrückt wie ihr Vorschlag mit dem Märchen.

„Natürlich!“, rief Bo aus. „Weißt du nicht mehr, der Stern den wir vor ein paar Tagen gesehen haben? Der so hell durch den Schnee schien?“

Sicher, Hanne erinnerte sich an den Stern. Sie hatte Bo zuliebe so getan, als wäre es der Weihnachtsstern, der Wünsche wahr macht. War dieser Kalle nun das Resultat des Wunsches? Sie konnte es nicht fassen.

„Warum bist du hier? Und wieso schaust du durch die Fenster in den Speisesaal?“

Kalle warf einen kurzen Blick über die Schulter und sah dann wieder zurück zu Hanne und Bo, die ihre Schneeschaufeln längst vergessen hatten.

„Jedes Jahr um diese Zeit fliegt mein Stern an eurem vorbei, und jedes Mal sehen wir, dass etwas ganz Besonderes hier zu geschehen scheint. Ich wurde nun geschickt, um herauszufinden, was das ist“, erklärte Kalle.

„Es ist bald Weihnachten“, antwortete Bo, „und alle bereiten sich darauf vor.“

Kalle sah sie neugierig an. „Wollt ihr mir erzählen, was Weihnachten ist?“

Hanne starrte Kalle an und schüttelte fassungslos den Kopf. Hier stand tatsächlich ein Außerirdischer vor ihnen, der allen Ernstes von seinem Stern gekommen war, um herauszufinden, was Weihnachten war. Das war doch zu toll!

Doch plötzlich kam ihr ein ganz anderer Gedanke. Wenn Kalle tatsächlich das war, was er behauptete zu sein, sollten sie das Gespräch über Weihnachten vielleicht nicht hier führen, wo sie jeder sehen könnte. Was würde das für einen Aufruhr geben – ein Wesen von einem anderen Stern in der Schule!

Offenbar war der Außerirdische der gleichen Meinung, denn er sah sich etwas ängstlich um und sagte dann: „Es ist wohl besser, wenn ihr mir an einem sicheren Ort von Weihnachten erzählt.“

„Und vor allem an einem wärmeren Ort“, sagte Bo und rieb sich die kalten, erröteten Wangen.

Sich nach allen Richtungen umsehend führten Hanne und Bo in den Keller, in den Raum wo das Holz für die Öfen, die in jedem Klassenzimmer standen, gelagert wurden. Hier war es zwar nicht kuschelig warm, aber doch wenigstens angenehmer als draußen auf dem Schulhof. Sie ließen sich auf einigen Holzscheiten nieder und stellten die Petroleumlampe in ihre Mitte, die ihnen im Keller den Weg geleuchtet hatte.

„Also, was ist Weihnachten?“, fragte Kalle. „Ich bin schon seit drei Tagen hier und habe noch nichts herausgefunden, außer, dass alles von dem großen Fest redet und aufgeregt ist.“

Bo nickte eifrig. „Ja, Weihnachten ist ein Freudenfest. Man erinnert sich daran, dass Jesus, der Sohn Gottes geboren wurde. Das feiern alle damit, dass man Geschenke bekommt, ein Festmahl kocht und mit der Familie zusammen ist – so wie Maria und Joseph früher mit Jesus. Und es werden Lieder gesungen.“

„Solche Lieder, wie ihr sie gerade hier gesungen habt?“, fragte Kalle.

„Ja, woher weißt du das?“, wollte Hanne überrascht wissen.

Kalle lächelte. „Ich habe an der Tür gestanden und gelauscht. Du hast wunderschön gesungen, Hanne.“

Hanne errötete. Im gleichen Augenblick fiel ihr auf, dass sie sich Kalle überhaupt noch nicht vorgestellt hatten. Woher kannte er ihren Namen? Kalle schien zu erraten, was sie dachte.

„Ich habe euch reden hören, als ihr neulich die Schaufeln aus dem Keller geholt habt. Und als der Lehrer mit dir geschimpft hat, weil du zu spät gekommen bist, Bo“, erklärte er. „Weil du so traurig warst, und weil du so schön gesungen hast“, Kalle sah dabei Bo und Hanne abwechselnd an, „habe ich euch etwas von meinem feinsten Karamell geschenkt.“

„Das war von dir?“ Bo machte große Augen. „Es ist das beste Karamell, das ich je gegessen habe!“

„Vielen Dank“, beeilte Hanne sich zu sagen. „Das war wirklich sehr nett. Es schmeckt himmlisch – so, als ob jetzt schon Weihnachten wäre.“

Kalle hatte den Ausführungen der Kinder gespannt zugehört. Nun jedoch sah der Außerirdische Bo und Hanne  prüfend an und schien nicht so ganz zufrieden zu sein.

„Das klingt wunderschön“, gab er zu. „Aber, um ehrlich zu sein, ihr seht nicht so aus, als wärt ihr besonders fröhlich. Freut ihr euch nicht auf Weihnachten?“

Hanne senkte den Kopf und sah in die helle Flamme der Petroleumleuchte. Sie warf einen runden Lichtschein in den Kellerraum und leuchtete unbeirrt weiter, obwohl Hanne glaubte, dass die Lampe bei dem traurigen Thema, das Kalle nun ansprach, eigentlich hätte dunkler werden müssen. Sie schwieg, ebenso wie Bo.

„Sagt mir, was euch bekümmert“, bat Kalle eindringlich und sah sie aus seinen karamellbraunen Augen gütig an.

Bo seufzte. „Dieses Jahr wird es kein fröhliches Weihnachten geben“, murmelte er und tatsächlich kullerten dabei ein paar Tränen aus seinen Augen. Hanne nahm ihn in den Arm und erzählte anstelle ihres Bruders weiter.

„Unser Vater hat vor ein paar Tagen seine Arbeit verloren. Dabei ist er der beste Konditor, den es gibt. Aber sein Chef will ihn nicht wieder einstellen. Deshalb haben wir bald kein Geld mehr. Wir können nicht mehr viel zu essen kaufen, von einem Festmahl können wir nur träumen. Und Geschenke wird es dieses Jahr auch nicht geben. Schon gar keine Trompete für Bo.“

Im gleichen Moment, da sie es aussprach, bereute Hanne schon ihren letzten Satz. Bo schluchzte verzweifelt auf und vergrub seinen Kopf noch tiefer in Hannes Mantel. Auch Kalle machte ein betrübtes Gesicht.

„Das klingt wirklich nicht nach einem Freudenfest. Ich wünschte, ich könnte euch helfen…“

Hanne lächelte schwach. „Das ist lieb von dir, Kalle. Aber du hast wohl keine Arbeit für unseren Vater.“

Kalle Kräm schüttelte den Kopf. „Nein, das habe ich nicht.“

 

Doch dann leuchtete es in seinen Augen auf. „Aber vielleicht …“