7. Dezember

Ein lieblicher Geruch kitzelte Hanne in der Nase. Sie zog die Nase kraus und schnupperte. Frisches Gebäck, genauer Lebkuchen. Ja, ganz eindeutig. Das mussten Lebkuchen sein. Der Geruch nach Zimt, Kardamom und Nelken war unverkennbar. Verzückt kniff Hanne die Augen zusammen und kuschelte sich noch einmal fest in ihre Decke. Das war ein wundervoller Traum und sie war noch nicht bereit, diesen aufzugeben. Wenigstens im Schlaf konnte sie ja an Märchen glauben. Da war zuerst ein Außerirdischer namens Kalle gewesen, der ihr und ihrem Bruder Karamell geschenkt hatte. Und jetzt auch noch Lebkuchen. Auch wenn es erst Anfang Dezember war – in ihrem Traum war es schon Weihnachten.

Laut rasselte der Wecker und drang unaufhaltsam in ihre Phantasien ein.

„Nein, bitte nicht“, murmelte Hanne enttäuscht ins Kissen. „Nur noch fünf Minuten.“

Aber es war wohl zu spät, nun war sie wach und jeder Weihnachtstraum unweigerlich verflogen. Oder doch nicht? Sie schnupperte.

Das war doch nicht möglich. In der Stube roch es tatsächlich nach Lebkuchen. Neugierig schlug Hanne die Augen auf. Wirklich und wahrhaftig – auf dem Stubentisch lagen Lebkuchen!

Mit einem Satz war sie aus dem Bett. Ähnlich wie Bo, den es bei dem verführerischen Geruch auch nicht mehr in den warmen Federn hielt. Sie liefen zum Tisch und jubelten, als sie die Lebkuchenmänner erblickten. Bo nahm den Lebkuchenmann, der an seinem Platz lag, in die Hände und sah ihn vergnügt an. Hanne suchte den Blick ihres Vaters, der von hinten an sie und Bo herangetreten war und ihnen die Hände auf die Schultern legte.

„Papa, wieso… Die sind wunderbar!“

„Ihr solltet doch nicht auf euer Sonntagsfrühstück zum zweiten Advent verzichten“, sagte ihr Vater liebevoll.

„Aber woher hattest du das Mehl?“

Der Vater verzog ein wenig beschämt das Gesicht. „Es war das letzte, das wir in der Vorratskammer hatten.“

Hanne sah ihren Vater vorwurfsvoll an. „Aber, Papa …“

Ihr Vater schüttelte bestimmend den Kopf. „Schau mich nicht so an, Hanne. Eure Mutter hat mir schon genug Vorwürfe deswegen gemacht. Aber ich konnte nicht anders. Ich musste etwas für euch backen. Wir kommen schon noch an neues Mehl. Und so besonders schön sind die Lebkuchenmänner ja auch nicht. Für die Verzierungen hat es nicht mehr gereicht. Schau sie haben nicht einmal Rosinenaugen.“

Hanne sah auf ihren Lebkuchenmann und dann wieder zurück zu ihrem Vater. „Sie sind trotzdem wunderschön.“

„Wisst ihr was, ich erzähle euch einfach, wie ich sie verziert hätte“, schlug ihr Vater vor. „Zieht euch nur schnell an, dass ihr nicht friert.“

In Windeseile hatten Hanne und Bo ihre Nachthemden ausgezogen und sich ihre Kleider übergestreift. Alsbald saßen sie wieder am Tisch, wo ihr Vater schon mit einer Tasse saß. Aufmerksam sah er die Lebkuchenmänner und dann Hanne und Bo an.

„Jetzt sind es nur einfache Lebkuchenmänner“, fing ihr Vater an zu erzählen. „Aber stellt euch Folgendes vor. Sie bekommen eine Hose aus weißer Zuckerschnur. Von der Hüfte abwärts geht der weiße Zuckerfaden am rechten Bein hinunter bis zum Fuß und an der Innenseite wieder hinauf, am linken Bein hinunter bis zum Fuß und hoch zur Hüfte. In ihren Hosentaschen stecken Schokoladenkaramelle, und in ihren Händen halten sie Spazierstöcke aus rotgeringelten Zuckerstangen. Passend zur Hose tragen sie beide weiße Rüschenhemden aus Zuckerschnur, und kleine karamellisierte Mandeln als Zierknöpfe. Aus ihren freundlichen Gesichtern blitzen je zwei süße Rosinenaugen und ein breiter Schokoladenmund lacht euch entgegen, und ihre Nasen sind kandierte Kirschen. Könnt ihr es sehen?“

Hanne und Bo hatten die Augen geschlossen. Sie konnten die Lebkuchenmänner mit all den wunderbaren Verzierungen in ihren Phantasien nur zu deutlich vor sich sehen. Gang genau wussten sie, wie ihr Vater das Gebäck verziert hätte, wenn nur das notwendige Material vorhanden gewesen wäre. Die Lebkuchen waren wunderschön, die schönsten der Stadt. Auch wenn niemand außer ihnen das würde sehen können.

„Gefallen sie euch?“, fragte der Vater in die entstandene Stille hinein, in der sie ihren Träumen nachgingen.

„Oh ja“, flüsterte Bo andächtig.

„Dann solltet ihr sie nicht nur ansehen, sondern auch probieren“, ermunterte ihr Vater sie.

Hanne hielt die Augen geschlossen, führte den Lebkuchenmann zum Mund und biss vorsichtig hinein. Verblüfft hielt sie inne, als das Gebäck auf ihrer Zunge lag und seinen Geschmack entfaltete. Sie schmeckte nicht nur den saftigen Lebkuchen mit all seinen Gewürzen, sondern auch eindeutig süßen Zuckerguss. Feine Schokolade, die auf ihrer Zunge schmolz – und sie roch den lieblichen Duft von gebrannten Mandeln.

Verwundert öffnete sie die Augen und sah den Lebkuchenmann in ihren Händen an. Dunkler, saftiger Lebkuchen. Sonst nichts. Keine Zuckerschnur, keine Mandeln, keine Schokolade. Aber das war genau das, was sie schmeckte. Sie nahm einen weiteren Bissen. Vielleicht hatte sie sich ja getäuscht. Nein – eindeutig. Sie schmeckte Schokolade und Zuckerguss. Und der Geruch von gebrannten Mandeln ließ sich nicht aus ihrer Nase vertreiben.

Auch Bo machte große Augen und untersuchte seinen Lebkuchenmann immer wieder.

„Papa, du bist ein Zauber-Konditor“, sagte er kauend. „Das sind die allerbesten Lebkuchenmänner.“

„Ja, vielleicht bin ich das“, meinte ihr Vater schmunzelnd. „Nur neues Mehl herbeizaubern kann ich leider nicht, dann würde alles gut werden“, fügte er dann leise traurig hinzu.

Es war doch zum Verrücktwerden. Wieso konnte nicht einfach der Moment so wunderbar bleiben, wie er war? Warum musste immer diese lähmende Traurigkeit über alles ihre Decke legen?

„Komm, Papa“, sagte Hanne tröstend, „lass uns einen Spaziergang machen. Es ist so ein schöner Tag draußen.“

Sie brach ein Stück von ihrem Lebkuchen ab und gab es ihrem Vater. Dankbar nahm er es an. „Vielleicht habt ihr recht.“

Zu dritt liefen sie durch die engen verschneiten Gassen ihres Viertels bis zur Stadt. Immer wieder begegneten ihnen Menschen auf dem Weg von der Kirche nach Hause in die warmen Stuben, Spaziergänger und Schlittenfahrer. Bo war ganz aufgeregt, als er auf dem Marktplatz wieder den Bläserchor entdeckte. Eilig lief er hin und hörte zu.

Hanne schlenderte derweil zwischen den Marktständen hin und her, die zu dieser Tageszeit noch verwaist waren. An der Ankündigungssäule in der Mitte des Platzes hingen einige Plakate, die Weihnachtskonzerte, Feiern oder Aktionen anpriesen. Viele der Plakate hingen offensichtlich schon länger hier. Das Papier war feucht, manche Buchstaben konnte Hanne nur noch mit Mühe entziffern. Ein Plakat aber strahlte zwischen allen anderen hervor. Es war aus dickem Papier und edle rote Schrift war darauf zu sehen. Die Ränder waren aufwändig verziert und unten prangte das Siegel des Königs. Neugierig sah Hanne näher hin.

„Aufruf!“, stand da geschrieben. „Der König sucht einen neuen Zuckerbäckermeister für seinen Hof. Zu diesem Zweck wird ein Wettstreit zwischen den besten Zuckerbäckern und Konditoren des Landes ausgerufen. Die Teilnehmer versuchen in mehreren Runden den König von ihren Künsten zu überzeugen. Wer das beste Weihnachtsgebäck präsentiert, wird neuer Hofzuckerbäckermeister. Interessierte melden sich bitte schriftlich beim König.“

 

Hannes Herz schlug augenblicklich höher. Das war es! Das Weihnachtswunder, auf das sie alle gewartet hatten. Hofzuckerbäckermeister. Ihr Vater musste einfach teilnehmen! – Und gewinnen …