1. Dezember*

 

Keuchend fuhr er hoch und sah sich um. Das vertraute Schlafzimmer. Doch die Bilder, die ihm gerade noch durch den Kopf gegangen waren, ließen ihn noch nicht los. Wie automatisch waren seine Füße den Weg gegangen, den er schon so oft beschritten hatte. Er wusste nicht einmal, wo sich dieser Flur befand, den er immer entlang ging, ja, ob es ihn überhaupt gab. Aber stets trieb ihn etwas unbeirrt auf die Tür am Ende des Flurs zu.

 Jedes Mal raste ihm das Herz in der Brust. Hinter der Tür erwartete ihn immer das Gleiche. Geballte, kalte Angst. Er wusste, dass er diese Tür nicht öffnen und durchschreiten durfte. Er wollte es auch nicht. Und doch ging er jedes Mal wie im Zwang drauf zu.

 Einmal hatte er versucht zu widerstehen. Doch die Wände des Flurs hatten sich auf einmal in Bewegung gesetzt und waren immer näher gekommen. Es blieb nur die Flucht nach vorn. Durch diese verdammte Tür. Warum musste er immer erst all das in diesem Raum durchstehen – Enge, Angst, Hilflosigkeit – wieder und wieder, bevor die Erlösung kam? Warum konnte er nicht schon aus dem Flur entfliehen?

 Er versuchte die Bilder abzuschütteln, indem er sich auf die Schrankwand vor sich konzentrierte, und schlug die Decke zurück.

 Als er aufstand, merkte er, dass seine Hose nass war.

 

 Deborah Lukas tauchte eine Printe in ihre Kaffeetasse. Der Zucker, der massenweise in dem Gebäck verarbeitet sein musste, glitzerte im Licht der Neonröhre über ihrem Schreibtisch. Gierig sog sie den Kaffee aus der Printe und ließ den aufgeweichten Teig noch etwas auf der Zunge zergehen. Das machte den Geschmack nicht besser, aber vielleicht hatten Zucker und Koffein so wenigstens die Chance sich noch weiter auszubreiten und würden ihr Hirn schneller erreichen. Wie konnte man nachmittags um drei nur schon so müde sein? Noch war es nicht dunkel und der Dienst hatte gerade erst begonnen. Ihr fehlten einfach ein paar Stunden Schlaf. Noch bis in die Nachtstunden hinein hatte sie mit Max an dem Adventskalender für ihre gemeinsame Tochter Anna gebastelt.

 „Hätte ein einfacher Schokokalender nicht genügt?“, hatte sie zwischendurch halblaut gefragt. Nein, hatte es nicht. Denn Anna hatte mit ihren sechs Jahren eine ausgeprägte Abneigung gegenüber Langeweile und fand Adventskalender, in denen jeden Tag stets das gleiche zu erwarten war, doof. Und Max mit seiner kreativen Ader konnte das nur zu gut nachvollziehen und hatte eine Stadt aus Papierhäusern geplant, in denen jeweils ein Säckchen mit einer kleinen Überraschung versteckt werden sollte. Natürlich mussten die Häuser auch noch eine zweite Funktion erfüllen; wenn das Überraschungssäckchen entnommen war, wurde ein Teelicht in das Häuschen gestellt, das dann durch die Fenster aus Transparentpapier scheinen sollte. Also hatte Deborah stundenlang mit Max einen Straßenzug aus 24 Häusern geklebt und auf dem Fensterbrett in der Küche dekoriert. Erst um kurz nach eins war alles fertig gewesen und Debbie mit verkrampften Fingern und bleischweren Augen ins Bett gewankt …

 … Nur um dann heute Morgen von Annas begeisterten Jubelrufen und der Bläserkapelle, die Weihnachtslieder spielend durch die Straßen zog, geweckt zu werden.

 „Wir sagen euch an, den liiiiieben Advent …“

 Deborahs Kollege Tillman Berger kam pfeifend mit einer Kerze in der Hand ins Büro.

 „Bitte, nicht so laut!“

 Tillman stellte die Kerze auf seinen Schreibtisch und schenkte Deborah einen bedauernden Blick.

 „Was ist denn mit dir los? Ich dachte, du freust dich über ein bisschen Weihnachtsstimmung hier im Büro.“

 „Hm, ob eine Kerze da so viel ausrichten kann?“, fragte Deborah schlechtgelaunt. „Die fällt doch gegen die Neonröhre überhaupt nicht auf.“

„Ich kann doch am ersten Advent nicht schon vier Kerzen anzünden“, rechtfertigte Tillman sich. Er stand auf, durchquerte das Büro und betätigte den Lichtschalter. Augenblicklich erlosch die Neonröhre. Nur von den Computerbildschirmen, dem Fluchtwegschild und der Kerze auf Tillmans Schreibtisch ging nun noch Licht aus. Das warme Licht der Kerze verlieh dem Raum nun eine fast gemütliche Atmosphäre.

„Da kannst du mal sehen, wie viel so eine kleine Kerze bewirken kann“, sagte er und entlockte Deborah damit sogar ein Lächeln.

„Pass nur auf, dass der Chef das nicht sieht“, gab sie zu bedenken.

„Der hat erst morgen wieder Dienst“, frohlockte Tillman, „solange können wir es uns noch gemütlich machen.“

„Wir zwei, hier im Kerzenschein?“, entgegnete Deborah skeptisch.

„Nicht sooo“, sagte ihr Kollege. Kurz darauf zog er eine Packung Schokoriegel aus seiner Tasche und warf Deborah quer durch das Büro einen zu.

Der Kerzenschein reichte nicht aus, um lesen zu können, was auf dem Papier geschrieben stand. Deborah entschied sich, es einfach auf den Versuch ankommen zu lassen und biss ein Stück vom Riegel ab. Mandel-Zimt. Auch unvorstellbar süß, aber im Mund doch gefälliger als die Printe, mit der sie sich bislang versucht hatte über Wasser zu halten. Sie leckte sich genüsslich die Lippen.

„Großartig, so etwas habe ich jetzt gebraucht.“

„Du siehst auch gleich viel besser aus“, meinte Tillman, der seinerseits bereits den zweiten Schokoriegel in seinen Mund schob.

„Als ob du das im Kerzenschein sehen könntest“, spottete Deborah.

„Doch doch, ich habe dafür eine Wahrnehmung …“

Vom Flur drang der Knall einer zufallenden Tür zu ihnen herüber, und näherkommende Schritte erklangen. Deborah schluckte ihre Antwort auf Tillmans Bemerkung hinunter und sprang auf, um das Licht einzuschalten.

Gerade noch rechtzeitig. Durch das Türglas sah sie einen Mann und eine Frau, die auf ihr Büro zusteuerten. Sie im Wintermantel und grüner Baskenmütze, er mit offener Jacke und lockerem Schal, trugen sie beide besorgte, fast panische Gesichter zur Schau. In dem Moment, als Deborah ihnen die Tür zum Büro öffnete, beschlich sie das Gefühl, dass es mit der adventlichen Gemütlichkeit in diesen Wänden für heute Nachmittag und auch für die kommenden Tage vorbei sein würde.

Angesichts der besorgten Gesichter der beiden kam Deborah ein „Guten Tag“ nicht über die Lippen. Der Tag der beiden war nicht gut, egal wie freundlich und gut gemeint sie diesen Gruß auch meinen würde. Also bat sie die beiden nur mit einer Handbewegung herein und stellte sich vor.

„Was kann ich für Sie tun?“

Die Frau schluckte heftig und krallte ihre Hände um die Stuhlkante.

„Unsere Tochter ist verschwunden.“