1. Dezember

 

Oskar wurde davon wach, dass die Wohnungstür ins Schloss fiel. Durch die Wand seines Zimmers, das an das Treppenhaus grenzte, hörte er das Klappern des Schuhschranks und kurz darauf ein Bellen.

„Pssst“, drang Papas Stimme gepresst durchs Treppenhaus.

Oskar seufzte zufrieden. Er konnte sich noch einmal umdrehen, bevor er aufstehen müsste. Es war Samstag. Papa würde eine ausgiebige Morgenrunde mit Twist gehen, unterwegs beim Bäcker Brötchen holen und frühestens in einer halben Stunde zurücksein. Genüsslich streckte Oskar die Beine aus und rollte sich in seiner Decke ein.

Doch dann setzte er sich ruckartig auf. Heute war ja nicht nur Samstag. Es war auch der 1. Dezember.

Seit Tagen freute er sich schon auf dieses Wochenende. Heute Nachmittag würde er mit seiner Familie mit einem Spaziergang den Advent einläuten. Und morgen nach dem Gottesdienst würde er sich mit den anderen Kindern aus der Gemeinde mit dem Pfarrer treffen, der die Rollen für das diesjährige Krippenspiel verteilen wollte. Oskar hoffte sehr, dass er dieses Jahr den Josef spielen durfte. Letztes Jahr hatte er nur ein Herbergsvater sein dürfen, der mit dem Kopf geschüttelt hatte, als Maria und Josef an seine Herbergstür aus Pappmaché geklopft hatten.

„Bitte, lasst uns herein. Meine Frau soll bald ihr Kind bekommen“, sagte Oskar und sah seinen Teddy bittend an.

Der Teddy zeigte sich von Oskars Textprobe völlig unbeeindruckt.

„Bitte, lasst uns ein“, bat Oskar erneut und gab seiner Stimme einen noch flehenderen Klang. Ja, so klang das gut. So würde er den Satz nachher vorbringen. Das musste den Pfarrer einfach davon überzeugen, dass er der beste Josef war.

Oskar schlug die Decke zurück und lief zum Fenster. Nach Winter sah es draußen noch nicht aus. Nieselregen und graue Wolken hingen über den Häusern.

„Naja, bis Weihnachten ist ja noch ein bisschen Zeit. Es wird schon noch schneien“, murmelte Oskar optimistisch.

Auf dem Weg ins Bad unterdrückte er den Wunsch, schon einen Abstecher in die Küche zu unternehmen. Was es dieses Jahr wohl für einen Adventskalender geben würde? Vielleicht Spielfiguren für sein Fantasy-Spiel? Die wünschte er sich schon lange. Gespannte Vorfreude breitete sich in ihm aus. Zu wissen, dass da etwas auf ihn wartete, aber nicht genau sagen zu können, was es war – das war schon jetzt wie ein kleines Weihnachten. Und so würde es nun die ganzen nächsten Tage sein.

Die Wohnungstür ging auf und Oskar konnte gerade noch rechtzeitig zur Seite springen, als Twist, der Collie, durch den Türspalt huschte und direkt in die Küche lief.

„Guten Morgen, Oskar“, sagte Papa, der mit der Brötchentüte unterm Arm die Wohnung betrat.

„Morgen, Papa!“

Aus dem Zimmer neben der Tür kam Oskars jüngere Schwester Josefine auf den Flur gehopst. Um den Kopf trug sie ein großes blaues Tuch und um ihre Schultern hatte sie ihren Wintermantel gelegt.

„Papa, hast du Rosinenbrötchen mitgebracht?“

„Natürlich, FInchen. Kein Samstagsfrühstück ohne Rosinenbröchten.“

Papa ging mit den Brötchen in die Küche und Finchen wollte schon hinterher, doch Oskar hielt sie fest.

Misstrauisch sah er seine kleine Schwester an.

„Sag mal, was soll dieser Aufzug?“

„Das ist mein Kostüm“, erklärte Finchen. „Für’s Krippenspiel“, fügte sie hinzu.

Oskar riss den Mund auf. „Du willst doch nicht etwa die Maria spielen?“

„Na klar!“

„Nur über meine Leiche“, erwiderte Oskar entsetzt. Das wäre ja noch schöner, wenn er mit seiner kleinen Schwester die Heilige Familie geben müsste.

„Du bist viel zu klein, um die Maria zu spielen. Du kannst doch wieder ein Engel sein.“

„Die echte Maria war auch noch ganz jung, hat der Pfarrer gesagt. Außerdem war ich die letzten Jahre schon Engel.“

Finchen verschränkte trotzig die Arme und funkelte Oskar kampflustig an.

„Ich werde bestimmt nicht mit dir Maria und Josef spielen“, sagte Oskar wütend.

„Und mir ist es pupsegal, wer den Josef spielt. Ich bin auf jeden Fall Maria“, entgegnete Finchen gleichgültig und schritt zurück in ihr Zimmer.

„Blöde Kuh“, murmelte Oskar ihr hinterher.

Als er kurz darauf angezogen in die Küche kam, saßen seine Eltern bereits am Frühstückstisch. Papa verschwand beinahe hinter der Tageszeitung und Mama genoss mit geschlossenen Augen die erste Tasse Kaffee des Tages. Erwartungsvoll sah Oskar an die Küchenwand. Auf dem Küchenbrett standen die Kaffeemühle, die Keksdose und eine Reihe Kochbücher, ganz am Rand hing der dicht beschriebene Familienkalender. Alles sah so aus wie immer.

Das konnte doch nicht sein! Oskar kniff die Augen zusammen, schüttelte den Kopf und öffnete die Augen wieder. Nichts. Unter dem Küchenbrett hingen keine Adventskalender.

„Ist heute nicht der 1. Dezember?“

Oskar zuckte zusammen. Von ihm unbemerkt war Finchen in die Küche gekommen und starrte ebenso ungläubig wie er auf den leeren Platz unter dem Küchenbrett. Ihr Maria-Kostüm hatte sie wieder abgelegt, aber das tröstete Oskar in diesem Moment nur wenig. Konnte es denn möglich sein, dass die Eltern die Adventskalender vergessen hatten? Das war doch noch nie passiert. Ob Papa wohl vorhin ihren Streit über die Rollenverteilung mitbekommen und deshalb die Adventskalender wieder abgenommen hatte? Es war schon hin und wieder vorgekommen, dass er damit gedroht hatte, dass es keine Geschenke geben würde, wenn sie nicht gehorchten. Aber Ernst gemacht hatte er nie.

Doch wenn es heute das erste Mal war? Mit zerknirschtem Gesicht ging Oskar zum Küchentisch und ließ sich auf seinen Platz fallen.

„Tut mir Leid, dass ich mich mit Finchen gestritten habe. Das war blöd“, sagte er.

Seine kleine Schwester schien seine Gedanken zu erraten. „Mir auch“, sagte sie hastig und angelte sich ein Rosinenbrötchen aus dem Brotkorb.

Papa las weiter seine Zeitung und Mama griff nach der Teekanne und schenkte Oskar und Finchen Tee in ihre Tassen. Sie schienen nichts gehört zu haben, von dem, was Oskar und Finchen gesagt hatten.

„Kann jetzt bitte wieder der 1. Dezember sein?“, bat Finchen mit weinerlicher Stimme.

Wieder reagierten die Eltern nicht. Waren sie denn so sauer?

„Können wir heute Nachmittag zusammen spazieren gehen und danach Kakao trinken?“, fragte Oskar. Der Adventsspaziergang war schließlich genauso Tradition wie die Adventskalender. 

„Na klar“, sagte Mama, wirkte aber etwas überrascht.

Oskar und Finchen seufzten erleichtert. So sauer schienen ihre Eltern also nicht zu sein. Vielleicht gäbe es ja doch noch eine Adventsüberraschung.

Die gab es tatsächlich, doch ganz anders als Oskar und Finchen geglaubt hatten. Der Spaziergang am Nachmittag war durch den Nieselregen richtig ungemütlich. Die adventliche Stimmung, die sich bei ihnen sonst breitmachte, wenn sie danach die Wohnung betraten, wollte sich einfach nicht einstellen. Und auch einen Adventskalender bekamen weder Oskar noch Finchen. Schließlich hielt Finchen es nicht mehr aus.

„Mama, warum haben wir dieses Jahr keinen Adventskalender bekommen?“

Doch auch, als Finchen ihre Frage wiederholte, schien Mama sie nicht zu hören. Es war, als ob sowohl sie, als auch Papa, alles, was mit Advent zu tun hatte, vergessen hatten und nicht hören konnten.

Traurig standen Finchen und Oskar an der Küchenwand und sahen auf die leeren Plätze unter dem Brett. Das war der traurigste 1. Dezember, den sie je erlebt hatten. Oskar ließ seinen Blick über den Familienkalender wandern. Arzttermine, Chorproben und Sportkurse – alles war darin eingetragen. Aber plötzlich stutzte er.

„Finchen, schau mal“, sagte er und deutete auf eine Zeile am unteren Ende des Kalenderblatts.

Finchen sah hin und riss die Augen auf. „Das geht doch gar nicht!“, rief sie erschrocken aus.

Auf dem Kalenderblatt fehlte der 24. Dezember. Heiligabend war verschwunden.