10. Dezember

 

 Das Aufnahmegerät einschaltend nahm Deborah neben Tillman im Vernehmungszimmer Platz. Ernst saß ihnen gegenüber, mit gesenktem Kopf und in sich zusammengesunken. Ein einziges Häufchen Elend. So wie er jetzt aussah, mochte man kaum glauben, dass er gerade erst das Büro des Kindernotdienstes verwüstet hatte.

 „So, Ernst. Was hast du dir denn bei der Aktion eben gedacht?“, begann Tillman die Vernehmung.

 Ernst zuckte mit den Schultern. „Keine Ahnung“, sagte er schließlich. „Eigentlich nichts. Ich war nur so sauer, als ich die Nachricht vom Notdienst bei uns zuhause gesehen habe. Da bin ich ausgetickt …“

 „So sah das aus“, meinte Tillman.

 „Ich bin doch für meine Geschwister verantwortlich“, sagte Ernst.

 Tillman lachte bitter auf. „Und deshalb hast du die beiden allein gelassen?“

 „Wollte ich ja gar nicht. Ich wollte eigentlich schon am Samstag wieder zurück. Aber ich hatte Angst. Und irgendwie habe ich gehofft, dass meine Mutter es einmal gebacken bekommt …“

 „Wie oft hat deine Mutter es denn schon gebacken bekommen“, fragte Tillman und hob beide Zeige- und Mittelfinger, um das Zitat zu markieren.

 Ernst seufzte. „Noch nie“, gestand er.

 „Wie lange geht das denn schon so?“

 „Dreieinhalb Jahre, seit sie mit Rosi schwanger war und mein Stiefvater sie verlassen hat“, erzählte Ernst. „Erst war es eine Schwangerschaftsdepression – aber die ging nie mehr weg.“

 „Und seitdem kümmerst du dich um alles?“

 „Wer soll es denn sonst machen?“

 Tillman schüttelte den Kopf und gab einen Laut von sich, den Deborah irgendwo zwischen Fassungslosigkeit und Anerkennung einordnete.

 „Du hast nie daran gedacht, für euch Hilfe zu suchen?“

 „Dann hätten sie uns doch schon vor Jahren in verschiedene Heime gesteckt“, empörte sich Ernst. „Als Marius damals abgehauen ist, hab ich mir geschworen, dass ich das hinkriege.“

 Sein Ehrgeiz ehrte ihn, aber ob er sich und seinen Geschwistern damit einen Gefallen getan hatte, überlegte Deborah. Doch nun war nicht der richtige Zeitpunkt, dies zu kommentieren. Tillman führte die Vernehmung. Sie hoffte, dass er bald auf Magdalena zu sprechen kommen würde.

 „Aber das war doch mehr, als du gedacht hattest?“

 „Eigentlich ging’s ganz gut. Aber jetzt ist Rosi in der Trotzphase. Carlo will mir zwar helfen, aber er schafft es einfach noch nicht und Rosi lässt sich von ihm nicht wickeln und wir kriegen sie einfach nicht trocken …“

 Deborah schluckte. Das war kein gewöhnlicher 16-Jähriger, der hier vor ihnen saß. In seinem Alter sollte er sich nicht solche Gedanken machen müssen. In seiner Stimme klang die Verzweiflung eines erwachsenen Elternteils, der nicht mehr wusste, wie er mit seinem Kind umgehen sollte. Und Ernst hatte nicht nur ein, sondern zwei Kinder betreut, obwohl er selbst gerade erst den Kinderschuhen entwachsen war. Eigentlich erstaunlich, dass er den Haushalt überhaupt so lange zusammengehalten hatte.

 „Bist du deshalb am Freitag weggelaufen?“, fragte Tillman.

 Ernst sah für einen Moment auf und sah auf Tillmans Handgelenk, das er noch immer bandagiert hatte.

 „Tut mir leid, das mit der Hand“, murmelte er. „Ich war einen Tag vorher containern, um uns etwas zu Essen zu besorgen. Irgendjemand hat mich gesehen. Ich hab gedacht, Sie wären deshalb gekommen.“

 „Das ist zwar hierzulande nicht die legale Art der Nahrungsbeschaffung, aber darum ging es uns nicht“, winkte Tillman ab. „Es geht um deine Freundin. Um Magdalena.“

 Ernst zuckte zusammen. „Woher wissen Sie …? – Chantal?“

 Tillman nickte.

 „Tratschtante“, murmelte Ernst.

 „Ach komm“, stöhnte Tillman, „hast du wirklich gedacht, das könnte für immer geheim bleiben? Magdalena ist seit über einer Woche verschwunden. Machst du dir keine Sorgen um sie?“

 „Jede Minute“, flüsterte Ernst gepresst.

 „Wie würdest du eure Beziehung denn beschreiben? Wie lange seid ihr schon zusammen?“

 „Drei Monate“, sagte Ernst. „Ich fand sie ja schon lange toll, aber sie war anfangs nur meine Lernpartnerin. Seit Anfang des Schuljahres war sie aber ganz anders. Sie ist die erste, die mich so sieht, wie ich bin. Nicht nur den schlechten Matheschüler oder so …“

 Seine Wangen glühten und Deborah musste ein Lächeln unterdrücken.

 „Und was siehst du in ihr?“

 Ob diese Frage nicht schon etwas zu privat war, überlegte Deborah. Aber nun war sie gestellt und Ernst zögerte keinen Augenblick mit der Antwort.

 „Sie ist so herzlich und offen, und sie hat einen wunderbaren Humor“, sagte er. „Ich weiß, das klingt vielleicht naiv – aber sie ist es, mit der ich mein Leben verbringen will.“

 Tillman schürzte die Lippen und zog die Augenbrauen in die Höhe. „Interessant. Würdest du mit ihr auch eine Familie gründen?“

 „Eines Tages bestimmt“, meinte Ernst. „Wenn sie es will.“

 „Aber nicht schon nächstes Jahr?“

 „Nein? Warum?“

 „Magdalena ist schwanger. Wir haben in ihrem Zimmer einen Schwangerschaftstest gefunden.“

 Ernsts Kopf flog ruckartig in die Höhe, ähnlich wie bei Chantal vor einigen Tagen. Mit aufgerissenen Augen sah er zwischen Tillman und Deborah hin und her.

 „Überrascht?“, fragte Tillman. „Ging dann jetzt vielleicht doch schneller als beabsichtigt?“

 Ernst schüttelte fassungslos den Kopf. „Ich weiß von nichts. Aber ich bin definitiv nicht der Vater!“

 „Wie kannst du dir da so sicher sein?“

 Ernst sah Tillman finster an. „Weil Magda und ich noch keinen Sex hatten. – Und auch kein Petting, wenn Sie darauf hinauswollen.“

 Tillman nickte, faltete die Hände vor dem Mund und sah Ernst über die Handrücken hinweg an.

 „Du wusstest also bis eben nicht, dass deine Freundin ein Kind erwartet? War es nicht vielleicht eher so, dass sie dir gesagt hat, dass sie schwanger ist, aber das Kind nicht von dir ist? Bist du da vielleicht auch ausgetickt, so wie eben beim Kindernotdienst?“

 „Nein, ich habe es nicht gewusst“ beharrte Ernst auf seinem Standpunkt. „Ich glaub‘ das nicht. Warum sollte sie schwanger sein? Von wem denn?“

 Er sank in sich zusammen und vergrub sein Gesicht in den Händen. „Hoffentlich geht es ihr gut!“

 Ein Zittern ging durch seinen Körper und er schluchzte auf. Tillman setzte zu einer Frage an, aber Deborah war ihm einen scharfen Blick zu. Ernsts Reaktion war nicht gespielt, das wusste sie instinktiv. Er war wirklich verzweifelt und besorgt um Magdalena. Tillman nickte einlenkend.

 „In Ordnung. Dann war es das fürs Erste“, sagte er.

 „Hast du jemanden, bei dem du bleiben kannst?“, erkundigte Deborah sich. Sie hielt es für keine gute Idee, wenn Ernst in die leere Wohnung zurückkehrte.

 „Vielleicht kann ich bei einem Freund bleiben“, murmelte er.

 Deborah erhob sich von ihrem Platz. „In Ordnung, dann besorgen wir vielleicht ein paar deiner Sachen und ich bring dich bei ihm vorbei.“

 

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