10. Dezember

Kurz hielt Oskar inne, bevor er sich an diesem Morgen auf den Weg zur Straßenbahn machte und sah von der Straße aus auf die Fenster des Hauses. Nirgendwo deutete ein erleuchtetes Fenster auf Weihnachten hin. Nur in ihrem Wohnzimmerfenster hingen neun Sterne. Heute Abend würde ein weiterer dazu kommen. Die Krippenfiguren, die Finchen und er unter den Sternen auf dem Fenstersims aufgestellt hatten, konnte er von hier aus nicht sehen, aber es war ein schönes Gefühl zu wissen, dass sie da waren.

Auch die ersten beiden Adventskerzen hatten sie zum Frühstück wieder angezündet. Und obwohl sie montagsmüde wie immer waren, hatte das Kerzenlicht doch eine schöne Stimmung geschaffen. Das war sogar Mama und Papa aufgefallen.

„Kinder, das war eine richtig schöne Idee mit den Kerzen. Da fühlt sich der Montag gar nicht mehr so schlimm an“, hatte Mama gesagt und Papa hatte bestätigend dazu genickt. Hoffnungsvoll machte Oskar sich endlich auf den Weg zur Haltestelle. Vielleicht würde mit dem Licht der Kerzen ja auch langsam die Erinnerung an Weihnachten zurückkehren.

Piet erwartete Oskar schon am Schultor. Oskar konnte ihm ansehen, dass er viel zu erzählen hatte.

„Hallo, wie war’s gestern?“, fragte er, um Piet gleich die Gelegenheit zu geben, von seinen Adventserlebnissen zu berichten.

„Gar nicht so schlecht“, fing Piet an. „Mama und Papa haben zwar immer noch keine Ahnung, dass Advent ist und eigentlich demnächst Weihnachten sein sollte. Aber ihnen gefällt das Kerzenlicht auf dem Tisch sehr gut. Stell dir vor, sie fühlen sich zwischen ihren ganzen Terminen sogar ein bisschen entspannt!“

„Das ist doch toll!“, fand Oskar. Wenn Piets Eltern neben ihrer Arbeit ein bisschen zur Ruhe kommen und Zeit für Piet haben würden, wäre das ja fast so gut wie Weihnachten.

„Außerdem ist Theo gestern zu Besuch gekommen“, erzählte Piet weiter.

„Cool, hat dein Bruder schon Weihnachtsferien an der Uni?“

„Nein, er macht ein Praktikum“, sagte Piet und setzte schon an, um noch mehr von seinem Bruder zu erzählen, als er plötzlich erschrocken auf der Schultreppe stehenblieb und Oskar am Ärmel hielt.

„Mensch, daran haben wir ja noch gar nicht gedacht“, sagte er. „Wenn Weihnachten ausfällt, gibt es dann überhaupt Weihnachtsferien?“

Oskars Mund wurde trocken. Daran hatten sie tatsächlich nicht gedacht. „Vielleicht ist es besser, wenn wir uns keine großen Hoffnungen machen“, sagte er, obwohl ihm der Gedanke widerstrebte, an Weihnachten – ob es nun stattfand oder nicht – in die Schule gehen zu müssen.

„Na toll. Das motiviert ja richtig für die nächsten Wochen“, maulte Piet missmutig. „Und was ist mit Silvester und Neujahr? Das hat ja mit Weihnachten nichts zu tun.“

„Dann haben wir hoffentlich wenigstens zwei Tage schulfrei“, sagte Oskar und lenkte das Thema wieder auf Piets großen Bruder.

„Weiß Theo eigentlich noch etwas von Weihnachten?“, wollte er wissen.

Piet nickte. „Ja, er hat die Kerzen noch als Adventskerzen erkannt. Aber er fand es, glaub ich, nicht wichtig, dass sie da auf dem Tisch standen. Wir können ihn ja heute Nachmittag noch mal danach fragen. Theo hat uns eingeladen, nach der Schule auf dem Wintermarkt mit ihm einen Punsch zu trinken und Crèpe zu essen.“

Mit dieser versöhnlichen Aussicht war der Montag in der Schule schon gar nicht mehr so schlimm. Eigentlich hätten Oskar und Piet gern noch nach den Ferien gefragt, aber sie machten sich keine Illusionen darüber, dass sie bei den Lehrern Gehör finden würden. Die wussten ja auch nichts mehr von Weihnachten. Aber vielleicht konnte Theo ihnen ja helfen, ihren Plan umzusetzen.

Piets Bruder erwartete sie auf dem Marktplatz und hatte bereits eine Tüte gebrannter Mandeln gekauft, aus der er Oskar und Piet anbot.

„Das ist doch das Schöne am Winter, dass man nach der Arbeit noch so gute Sachen auf dem Markt essen kann“, sagte Theo.

„Du meinst, das Schöne am Advent?“, verbesserte Piet.

Theo steckte sich gleichgültig eine gebrannte Mandel in den Mund. „Meinetwegen auch vom Advent. Ist doch letztlich egal, wie ihr das Kind nennt.“

„Find ich nicht“, widersprach Piet. „Denn ohne Advent gibt es kein Weihnachten.“

„Hast du noch nicht gemerkt, dass der 24. Dezember nicht mehr im Kalender steht?“, fragte Oskar überrascht.

„Doch, das ist mir aufgefallen“, gab Theo zu. „Aber ist das wirklich so tragisch? Überlegt doch mal; Weihnachten war doch immer ein Riesenstress. Zig Weihnachtsfeiern, Geschenke kaufen und von Besinnung zu Besinnung hetzen, jedes Mal die Diskussion, ums Festessen und wo gefeiert wird. Am Ende war immer irgendjemand beleidigt.“

„Aber wir hatten es doch immer schön“, wandte Piet ein.

„Ja, schon“, sagte Theo. „Aber ich glaube, dass das auch funktionieren kann, wenn es Weihnachten nicht gibt.“

„Du meinst, wir können auch ohne Fest nett zueinander sein?“, fragte Oskar.

„Ja, warum denn nicht?“, erwiderte Theo und zeigte auf die Marktbuden um sich herum. „Schaut euch doch um. Glühwein, Punsch und gebrannte Mandeln essen die Leute doch immer gern. Ob sie nun Weihnachten feiern oder nicht. Jesus und Engel sind dazu nicht unbedingt notwendig.“

Piet nahm sich die letzte gebrannte Mandel aus der Tüte und sah seinen großen Bruder zweifelnd an. „Aber wozu dann das alles? Wenn Jesus keine Rolle spielt, warum feiern die Leute dann überhaupt Weihnachten?“

„Weil es nett ist, es sich mit der Familie oder mit Freunden gemütlich zu machen“, sagte Theo. „Auch in vielen Ländern der Welt, in denen die Menschen keine Christen sind, wurde in den letzten Jahren trotzdem Weihnachten gefeiert. Obwohl es dort überhaupt nicht zur Tradition gehörte.“

Sie stellten sich am Bratwurststand dicht an einen Heizpilz und wärmten sich die Finger.

„Ob es eine Tradition gibt oder nicht, ist egal. Wenn die Menschen Lust haben, sich zusammenzusetzen und sich Geschenke zu machen oder gebrannte Mandeln zu essen, ist das schön. Aber dazu muss nicht Jesus geboren werden und ein Engelschor singen.“

„Aber momentan sieht es ja gar nicht so aus, als würde von den Erwachsenen irgendjemand daran denken, es sich gemütlich zu machen und Geschenke zu kaufen für einen Familienabend“, sagte Oskar.

Theo warf die Hände in die Luft. „Aber wurde nicht immer wieder gepredigt, dass es darum an Weihnachten überhaupt nicht geht? Dass nicht die Geschenke im Mittelpunkt stehen, sondern das Verbringen von gemeinsamer Zeit und so weiter?“

„Naja, schon“, sagte Oskar gedehnt. „Aber wenn nun alles wegfällt, was bleibt denn dann noch?“

Theo schwieg eine Weile und sah ihn und Piet nachdenklich an.

 

„Vielleicht ist es dann die Einsicht, dass uns das alles doch nicht so wichtig ist, wie wir immer behauptet haben, und dass das Beharren auf Tradition einfach nur idiotisch ist.“