11. Dezember

Finchen erwartete ihren großen Bruder mit in die Hüften gestemmten Armen. Herausfordernd sah sie ihn an und stellte sich so in den Türrahmen, dass es kein Vorbeikommen an ihr gab.

„Warum hast du gestern keinen Stern aufgehängt?“, fragte sie, noch bevor Oskar seine Schuhe ausgezogen hatte.

Finchen war bei einer Freundin zum Kindergeburtstag eingeladen gewesen und hatte später keine Zeit mehr gehabt, einen Stern ins Fenster zu hängen. Oskar war nach dem Ausflug mit Piet und Theo nachdenklich geworden und hatte so sehr über Theos Worte nachgedacht, dass er den Stern schlicht vergessen hatte. Aber natürlich war es Finchen nicht entgangen, dass ein Stern fehlte.

„Ich hab’s vergessen“, murmelte Oskar und schubste Finchen zur Seite, um in die Wohnung zu kommen.

„Wie kannst du das vergessen? Die Sterne liegen doch total sichtbar auf dem Küchentisch“, ereiferte sich Finchen.

„Jetzt mach doch nicht so einen Aufstand, dann hängen wir heute halt zwei Sterne auf“, antwortete Oskar und wollte sich in sein Zimmer verdrücken. Aber FInchen hielt ihn am Arm fest.

„Was hast du denn gestern so wichtiges gemacht, dass du das vergessen hast?“

„Hausaufgaben“, antwortete Oskar hastig.

Finchen sah ihn durchdringend an.

„Du lügst“, stellte sie dann fest.

Oskar seufzte. Seine Schwester gab einfach nicht auf. Na schön, wenn sie es unbedingt wissen wollte, würde er ihr die Wahrheit sagen. Doch Oskar wusste schon jetzt, dass ihr diese nicht gefallen würde.

„Okay, okay. Ich fand’s irgendwie albern“, sagte er.

„Albern? Was ist an Weihnachtssternen albern?“

„Glaubst du, das bringt irgendetwas? Als ob der 24. Dezember zurückkommt, nur weil bei uns Strohsterne im Fenster hängen.“

Finchen schüttelte ungläubig den Kopf. „Aber das war doch auch gar nicht der Plan“, rief sie. „Wir wollten doch einfach nur Licht ins Dunkel bringen und es weihnachtlicher werden lassen, auch wenn der Heiligabend ausfällt.“

„Ja, aber was nützt das denn? Mama und Papa fanden es am ersten Abend nett und jetzt schauen sie auch nicht mehr hin.“

„Und du auch nicht!“, sagte Finchen enttäuscht. „Du hast doch am Samstag auch mitgeplant und Ideen gehabt.“

Oskar zuckte mit den Schultern.

„Und jetzt willst du schon aufgeben?“

„Ich glaub einfach, dass wir das mit Weihnachten einfach zu ernst genommen haben“, sagte Oskar.

„Hä? Jetzt versteh ich gar nichts mehr. Irgendjemand muss Weihnachten doch ernst nehmen, wenn die Erwachsenen es schon nicht mehr tun.“

„Aber wir können Weihnachten doch nicht retten“, wandte Oskar heftig ein. „Das ist viel zu groß für uns. Und vielleicht wollen die Erwachsenen ja gar nichts mehr von Weihnachten wissen.“

„Gerade deshalb müssen wir ihnen zeigen, wie schön Weihnachten eigentlich ist, und wie wichtig!“ Finchen stampfte trotzig mit dem Fuß auf und funkelte Oskar an. „Wie kommst du jetzt eigentlich auf diese bekloppte Idee, dass wir gar nichts ändern können?“

„Ich war gestern mit Piet und seinem Bruder in der Stadt auf dem Wintermarkt“, erzählte Oskar und ging in die Küche.

Finchen folgte ihm auf dem Fuße. „Aha, und?“

„Naja, Theo hat uns erzählt, dass auch in anderen Ländern Weihnachten gefeiert wurde, wo es kein Christentum gibt und die Leute gar nichts von Jesus wissen.“

„Na siehst du“, sagte Finchen. „Wenn sogar die Leute Weihnachten feiern, die nicht an Jesus glauben, dann müssen wir doch erst recht feiern.“

Finchen öffnete den Kühlschrank und nahm einen Joghurtbecher heraus. Empört stellte Oskar fest, dass es sein Lieblingsjoghurt war, noch dazu der letzte Becher.

„Hej, das ist mein Joghurt“, rief er und versuchte, Finchen den Becher abzunehmen. Aber seine Schwester war schneller und zog blitzschnell die Hand zurück.

„Du kannst die Hälfte haben“, bot sie dann großzügig an. „Aber nur, wenn du mir sagst, warum du keine Sterne mehr aufhängen willst.“

Oskar verdrehte die Augen. „Hab ich doch gesagt. Weil es albern ist. Theo sagt auch, dass Weihnachten auch ohne Engel, Sterne und so weiter funktioniert.“

Langsam öffnete Finchen den Deckel des Joghurtbechers und suchte einen Löffel aus der Besteckschublade heraus.

„Vielleicht funktioniert das. Aber ich finde es unheimlich doof.“

„Theo meinte auch, dass uns Weihnachten offenbar nicht mehr wichtig ist.“

„Theo, Theo, Theo“, rief Finchen genervt. „Der ist doch auch schon fast erwachsen. Kein Wunder, dass der so einen Blödsinn redet. Warum glaubst du das plötzlich?“

„Vielleicht hat er ja recht“, sagte Oskar. „Es geht den meisten Menschen an Weihnachten einfach nicht mehr um das, was am wichtigsten ist, und deshalb fällt es einfach aus.“

Finchen rührte energisch mit dem Löffel im Joghurt herum und schob sich schließlich eine erste Portion in den Mund.

„Aber das war doch unser Plan, dass wir den Menschen zeigen, was wichtig ist und warum wir Weihnachten feiern“, sagte sie.

„Und wie sollen wir das schaffen? Die Erwachsenen hören uns doch nicht zu. Sie können uns gar nicht hören, wenn wir von Weihnachten sprechen“, erwiderte Oskar und versuchte abermals, Finchen den Joghurtbecher zu entwenden, aber sie drehte sich von ihm weg und wandte ihm den Rücken zu.

„Dann ist es natürlich die beste Lösung, wenn wir einfach aufhören, davon zu reden und Weihnachten selber ganz schnell vergessen“, sagte Finchen.

„Ja, so ähnlich hat Theo das auch gesagt“, bestätigte Oskar. Den ironischen Tonfall seiner Schwester hatte er schlichtweg überhört. „Er hat gesagt, dass es idiotisch ist, auf Traditionen zu bestehen, wenn sie keinem mehr etwas bedeuten.“

Ruckartig drehte Finchen sich zu ihm um. Ihre Augen schwammen in Tränen.

 

„Und du bist der Oberidiot“, rief sie verzweifelt und umklammerte den Becher so fest, dass er sich in der Mitte zusammendrückte. „Aber ihr werdet schon sehen. Weihnachten findet ganz bestimmt statt. Und wenn du mir nicht hilfst, dann rette ich Weihnachten eben allein!“