11. Dezember

 

 

Deborahs Frühstück beschränkte sich auf eine Aspirintablette und eine halbe Tasse Kaffee. Mehr brachte sie an diesem Morgen einfach nicht herunter. Die Ausweglosigkeit in dem Fall machte sie fertig. Sie hatten so sehr gehofft, dass Ernst irgendetwas wusste, ihnen irgendeinen Hinweis geben konnte. Stattdessen waren sie so schlau wie vorher und hatten einen verstörten Jugendlichen mehr. Und von Magdalena fehlte weiterhin jede Spur.

 

Das einzig Positive war, dass sich die Wogen zwischen ihr und Max wenigstens halbwegs geglättet hatten. Als sie gestern erschöpft von der Arbeit nach Hause gekommen war, hatte Max sie stumm in seine Arme gezogen und lange einfach nur festgehalten.

 

„Mach mal Pause“, hatte er schließlich geflüstert. „Du gehst noch kaputt.“

 

Wie recht er hatte. Ihre Kopfschmerzen heute waren offenbar das erste Anzeichen dafür. Trotzdem machte sie sich wie gewohnt auf den Weg ins Präsidium. Es beruhigte sie kaum, dass auch Tillman alles andere als das sprühende Leben aussah.

 

„Das Guten Morgen kann ich mir wohl sparen, was?“, fragte er lahm.

 

„Hm“, machte Deborah nur. Ihr Kollege hatte recht. Nichts deutete darauf hin, dass dieser Tag besser werden könnte als die vorangegangenen. Sie setzte sich auf ihren Schreibtischstuhl und blätterte durch die Vernehmungsprotokolle und Zeugenaussagen, die sie in den letzten Tagen angefertigt hatten. Wobei Zeugenaussage viel zu weit griff, dachte sie grimmig. Schließlich schien niemand auch nur irgendetwas gesehen oder gehört zu haben. Wort für Wort nahm sie sich die Protokolle vor. Vielleicht hatte sie ja irgendetwas übersehen.

 

Gegen Mittag hatte sie noch immer nichts gefunden und ihre Kopfschmerzen waren eher schlimmer geworden. Tillman saß ebenfalls seit geraumer Zeit still auf seinem Platz und hatte schon lange keinen dummen Spruch mehr von sich gegeben. Ein sicheres Zeichen dafür, dass die Stimmung absolut im Keller war.

 

„Von deinen Wunderschokoriegeln hast du nicht zufällig noch etwas übrig?“, fragte sie ihren Kollegen. Tillman schüttelte missmutig den Kopf.

 

„Wenn ich solche Riegel hätte, würde ich sie ohne Pause in mich hineinstopfen.“

 

Deborah schlug eine Akte zu und erhob sich seufzend von ihrem Platz. „Soll ich dir einen Kaffee mitbringen?“

 

Tillman nickte nur.

 

In der kleinen Küche fand Deborah nicht nur Kaffee, sondern auch noch eine angebrochene Tüte mit Spekulatius. Sie legte jeweils zwei Kekse quer über die Ränder der Kaffeetassen und verließ die Küche. Auf dem Flur kam ihr eine Frau entgegen, die sich suchend umsah.

 

„Kann ich Ihnen helfen?“, fragte Deborah.

 

Die Frau blickte von dem Büroschild zu Lorenz Scherers Büro auf und sah Deborah an.

 

„Hoffentlich. Ich möchte eine Vermisstenmeldung aufgeben.“

 

Deborah fuhr ein eisiger Schreck durch die Glieder. Sie schwankte. Ehe die Kaffeetassen aus ihren Händen fallen konnten, fing sie sich wieder. Doch für die Spekulatius kam jede Hilfe zu spät. Sie rutschten von den Tassenrändern, fielen zu Boden und wurden dort von einem ordentlichen Schluck Kaffee begossen.

 

„Mist“, entfuhr es ihr.

 

Die Frau sah sie fragend an. Hatte sie das jetzt auf sich bezogen? Na super! Deborah lief mit den nun nicht mehr ganz so vollen Kaffeetassen an der Frau vorbei und bedeutete ihr mit einem Kopfnicken ihr zu folgen.

 

„Kommen Sie hier herein, bitte. Mein Kollege kümmert sich um Sie, und ich bin auch gleich wieder da.“

 

Tillman sah etwas verwundert auf, sprang aber von seinem Stuhl auf, sobald die Frau das Büro betrat. Deborah eilte auf den Flur hinaus, holte ein paar Servietten aus der Küche und sammelte die aufgeweichten Spekulatius vom Flur auf.

 

Als sie ins Büro zurückkehrte, war Tillman gerade damit fertig, die Personalien aufzunehmen.

 

„Also, Frau Löbig, sie vermissen also Ihren Mann“, sagte er feststellend.

 

Frau Löbig nickte. „Ja, er ist gestern nicht nach Hause gekommen und ich kann ihn nicht erreichen.“

 

„Wann haben Sie ihn das letzte Mal gesehen?“

 

„Gestern Morgen, bevor er zur Arbeit gefahren ist.“

 

„Streit wegen irgendetwas hat es nicht gegeben?“, fragte Tillman.

 

Frau Löbig wirkte entrüstet. „Nein. Wir haben gerade unseren 8. Hochzeitstag gefeiert und vor zwei Wochen haben wir erfahren, dass wir unser erstes Kind erwarten. Ich habe meinen Mann noch nie so glücklich gesehen.“

 

Deborah verkniff es sich, ihren Glückwunsch zur Schwangerschaft auszusprechen. Frau Löbig saß ihr und Tillman zusammengekauert gegenüber, genau wie Magdalenas Eltern vor einigen Tagen. Sie hatte die Hände vors Gesicht geschlagen und machte sich nicht einmal die Mühe, sich ihre Tränen abzuwischen.

 

„Und Sie haben davor oder danach nie irgendwelche Anzeichen wahrgenommen, dass Ihr Mann woanders sein möchte? Sei es bei einer anderen Person oder an einem anderen Ort?“, fragte Deborah.

 

Frau Löbig schüttelte langsam den Kopf. „Nein, warum fragen Sie das alles?“

 

Deborah seufzte. Es war nicht das erste Mal, dass sie einem verzweifelten Angehörigen erklären musste, in welchem Fall sie von der Polizei verpflichtet waren, nach jemandem zu suchen. Es gefiel ihr ganz und gar nicht, aber sie konnte die Sachlage nicht ändern.

 

„Weil ein erwachsener Mensch seinen Aufenthaltsort selbst bestimmen darf und keinem mitteilen muss, wohin er geht“, sagte sie so ruhig wie möglich.

 

„Aber das geht doch nicht“, sagte Frau Löbig leise.

 

Tillman sah von seinen Notizen auf, die er sich gemacht hatte. „Wir dürfen erst nach Ihrem Mann fahnden, wenn der Verdacht besteht, dass er in Gefahr sein könnte ...“

 

„Was heißt das?“

 

„Wenn ein Verbrechen nicht ausgeschlossen werden kann, oder zum Beispiel auch, wenn Ihr Mann krank und auf Medikamente angewiesen ist, die er aber nicht bei sich hat“, erklärte Deborah.

 

„Oder ist Ihr Mann womöglich depressiv und/oder selbstmordgefährdet?“, fügte Tillman hinzu.

 

Frau Löbig wischte sich nun doch mit dem Handrücken übers Gesicht und schüttelte energisch den Kopf.

 

„Nein, ganz bestimmt nicht. Er ist Zimmermann und Dachdecker. Wenn er selbstmordgefährdet wäre, würde ihn doch kein Arbeitgeber einstellen. Er ist seit zwei Tagen an irgendeiner Kirche gewesen, wo er nach dem Sturm am Dachstuhl etwas reparieren sollte …“

 

Tillmans Kugelschreiber fiel klappernd auf den Tisch. Mit großen Augen sah er die Frau an.

 

„Was sagen Sie da? An einer Kirche? Wissen Sie, an welcher Kirche?“, fragte er.

 

Frau Löbig wirkte irritiert. „Da bin ich überfragt. Irgendwo im Süden der Stadt, glaube ich. St. Anna? St. Maria?“ Sie schüttelte ratlos den Kopf. „Ich weiß es nicht. Ich meine, es wäre irgendeine Heilige im Kirchennamen gewesen, aber …“

 

Tillman sammelte hektisch seinen Stift wieder auf und umklammerte ihn mit der Hand. „Können Sie das herausfinden? Hat Ihr Mann zuhause vielleicht irgendwelche Unterlagen? Oder sein Arbeitgeber?“

 

Überrascht nickte Frau Löbig. „Ja, bestimmt. Glauben Sie, die Arbeit meines Mannes könnte etwas mit seinem Verschwinden zu tun haben?“

 

Tillman verzog das Gesicht. „Das kann und will ich nicht versprechen. Aber womöglich ergibt sich daraus ein Verdachtsmoment.“

 

„In Ordnung, ich schaue zuhause gleich nach und erkundige mich bei Antons Arbeitgeber“, versprach Frau Löbig und erhob sich von ihrem Platz.

 

Deborah warf Tillman einen fragenden Blick zu. Wenn er wirklich das vermutete, was auch ihr gerade durch den Kopf geschossen war, dann entwickelte sich ihr Fall in eine ganz neue Richtung.