12. Dezember

Finchen war noch immer stinksauer, als sie an diesem Morgen aufwachte. Oskars Gleichgültigkeit hatte sie auch noch in ihrem Traum verfolgt. Wie konnte er nur so plötzlich seine Meinung geändert haben? Nur weil dieser blöde große Bruder von Piet fand, dass Weihnachten keinen 24. Dezember brauchte, wollte Oskar jetzt nicht mehr helfen, dass Fest zu retten. Der war ja wohl oberbescheuert. Und dieser Theo auch. Beim Frühstück strafte Finchen Oskar mit Nichtachtung und starrte in die Flammen der beiden Adventskerzen. Missmutig machte sie sich auf den Weg zur Schule. Sie hatte sich so gefreut, als sie am Samstag mit Oskar und Piet einen Plan ausgeheckt hatte, wie sie zumindest ihre Familien in Weihnachtsstimmung bringen konnten. Und jetzt machten die beiden einen Rückzieher. Aber nur weil die beiden einen Knall hatten, wollte Finchen nicht auf Weihnachten verzichten. Sie würde Weihnachten retten, wenn es sein musste, eben allein!

Während Mara und Kevin in der Schule aus ihren Lesetagebüchern vorlasen, malte Finchen gedankenverloren Sterne in ihr Heft und hoffte, dass ihr bald etwas einfallen würde. Doch die Erleuchtung blieb fürs Erste aus. Stattdessen fiel ihr klappernd der Buntstift auf den Boden und als ihre Lehrerin ihn aufhob, fiel ihr dummerweise das sternengeschmückte Schreibheft auf.

„Was soll das?“, fragte Frau Müller und sah Finchen tadelnd an. „Wir haben jetzt Lesen und nicht Kunst.“

„Ich weiß“, murmelte Finchen.

„Dann höre deinen Klassenkameraden bitte zu und verschiebe das Illustrieren deines Lesetagebuchs auf später.“

Grimmig steckte Finchen den Stift ins Etui und hörte halbherzig zu, was Mara und Kevin vorlasen. Kevin stellte sein Lieblingsbuch vor, in dem es um die Ferienerlebnisse von zwei Kindern mit ihrem Vater ging. Finchen kam ein Gedanke: Vielleicht waren die Erwachsenen einfach zu beschäftigt, um Weihnachten wahrzunehmen. Vielleicht war es gar nicht richtig verschwunden, sondern nur nicht Teil des Terminkalenders? Die Erwachsenen brauchten einfach Ferien und Zeit für Weihnachten!

Ja, das würde bestimmte helfen, dachte Finchen und  sie fasste einen Entschluss.

Gleich nach der Schule machte sie sich auf den Weg. Zum Glück lag das Büro, wo Papa arbeitete, nicht so weit weg. Im Büro in der zweiten Etage war es warm wie in einer Saune, fand Finchen. Sie öffnete ihre Jacke und lockerte den Schal. Der Flur war leer und ruhig, ein paar Türen standen offen, andere waren geschlossen. Vorsichtig schlich Finchen den Flur entlang. Hoffentlich hatte Papa die Tür zu seinem Zimmer geschlossen, sonst würde er merken, dass sie hier war – und dann wäre die Überraschung weg.

Ein Glück, die Tür war zu. Finchen lehnte ihr Ohr gegen die Tür. Es klang so, als ob Papa gerade telefonierte. Umso besser. Am Ende des Flurs lag das Büro vom Chef. Finchens Herz schlug schneller, als sie die Hand an die Klinke legte. War das nicht total sinnlos, was sie hier tat?

Nein, so durfte sie nicht denken. Sonst würde sie auch noch aufgeben, genau wie Oskar und Piet – und das kam überhaupt nicht in Frage. Entschlossen klopfte sie an die Tür.

„Ja!“, erscholl es von drinnen.

Der Chef sah sie überrascht an. „Hallo, Josefine, richtig?“

Finchen nickte.

„Suchst du deinen Vater? Der sitzt an seinem Platz, zwei Zimmer weiter den Gang runter.“

„Ich weiß“, sagte Finchen. „Aber ich wollte zu Ihnen.“

„Asch so?“ Der Chef wandte sich endgültig von seinem Computerbildschirm ab. „Was willst du denn von mir?“

„Ich habe eine Bitte. Demnächst ist ja Weihnachten und das würden mein Bruder und ich gerne mit Mama und Papa feiern. Aber dazu braucht Papa Urlaub. Können Sie Papa am 24. Dezember frei geben?“

Der Chef sah, wenn überhaupt möglich, noch überraschter aus. „Das habe ich ja auch noch nicht erlebt, dass die Kinder meiner Angestellten kommen und um Urlaub für ihre Eltern bitten“, sagte er.

„Bitte“, wiederholte Finchen. „Nur den 24. Dezember.“

Der Chef runzelte die Stirn und sah auf den kleinen Tischkalender, der neben seinem Computer stand.

„Den 24. Dezember, sagst du?“

„Ja, wenn das geht. Bitte, bitte.“

„Na, wenn du mich so bittest, soll dein Papa am 24. Dezember zu Hause bleiben“, sagte der Chef und lachte.

Finchen strahlte. „Vielen, vielen Dank! Aber sagen Sie meinem Papa noch nichts davon. Das ist eine Überraschung. Frohe Weihnachten!“

Sie ließ den Chef verdutzt zurück und verließ eilig das Büro. Draußen vor der Tür musste sie ein paar Mal auf und ab hüpfen, um ihrer Freude Luft zu machen. Der erste Teil für die Rettung des Familienfests war wohl geschafft.

Gut gelaunt kaufte Finchen zwei goldglitzernde Pappschachteln im Bastelgeschäft. Viel würde sie von ihrem Taschengeld nicht als Weihnachtsgeschenk kaufen können. Aber über ein paar selbstgebackene Weihnachtsplätzchen würden sich Mama, Papa und Oskar bestimmt freuen, da war Finchen sich sicher. Sie war so guter Stimmung ob des Versprechens von Papas Chef, dass sie entschlossen war, auch Oskar etwas zu schenken, obwohl er bescheuert war und sie, was Weihnachten anging, verraten hatte.

Das breite Lachen, das sich auf ihr Gesicht gelegt hatte, seit die Tür des Büros hinter ihr ins Schloss gefallen war, lag noch immer darauf, als sie zuhause ankam.

Mama kam ihr erleichtert entgegen.

„Finchen, da bist du ja endlich, wo warst du denn so lang?“

„Ich war bloß noch in der Stadt“, sagte Finchen und bemühte sich, die Tüte mit den Pappschachteln hinter ihrem Rücken zu verstecken.

„Was wolltest du denn da?“

„Weihnachtsgeheimnis“, flötete Finchen, was Mama natürlich, wieder einmal, nicht hörte. Sie blickte FInchen nur weiter verständnislos an.

„Ich musste etwas besorgen … Für die Schule“, erklärte Finchen und ließ ihre Einkäufe schnell in ihrem Zimmer verschwinden.

Als Oskar am späten Nachmittag nach Hause kam, baute Finchen sich mit vor Stolz geschwellter Brust vor ihrem Bruder auf.

„Das klappt doch noch mit Weihnachten“, sagte sie.

Oskar zog skeptisch die Augenbrauen in die Höhe. „Ach ja, und wie?“

Damit Mama nichts hörte, zog Finchen Oskar am Ärmel in ihr Zimmer.

„Ich war bei Papas Chef und hab ihn gefragt, ob er Papa Heiligabend Urlaub geben kann, damit wir als Familie Weihnachten feiern können.“

Mit einer Mischung aus Bewunderung und Misstrauen sah Oskar seine kleine Schwester an. „Du warst bei Papas Chef?“

„Ja!“

„Und was hat er gesagt?“, wollte Oskar wissen.

Sofort fing es in Finchens Magengrube wieder an zu kribbeln, sosehr freute sie sich noch immer über die Zusage von dem Büroleiter. Strahlend vor Freude hüpfte sie vor Oskar auf und ab.

„Er hat ja gesagt. Papa muss am 24. nicht arbeiten gehen!“

Oskar machte ein verblüfftes Gesicht. Einen solchen Erfolg hatte er Finchen nicht zugetraut. Doch dann fiel ihm etwas ein und er schüttelte spöttisch den Kopf.

„Na toll! Großartiger Erfolg“, sagte er verächtlich.

Finchen hörte irritiert auf zu hüpfen. „Warum bist du denn jetzt schon wieder so gemein? Das ist doch toll, wenn Papa nicht arbeiten muss.“

„Das muss er sowieso nicht“, entgegnete Oskar trocken. „Sein Chef gibt ihm am 24. Dezember bestimmt nur zu gern Urlaub. Weil es den Tag nämlich überhaupt nicht mehr gibt, und an Tagen, die nicht existieren, muss auch keiner arbeiten.“

 

Ohne seine Schwester eines weiteren Blickes zu würdigen, ging Oskar in sein Zimmer. Finchen blieb enttäuscht zurück und stand ein paar Sekunden wie gelähmt vor ihrer Tür. Schließlich trat sie wütend dagegen.