12. Dezember

 

 Lorenz Scherer sah eindringlich in die morgendliche Runde.

 „Okay, wir stehen jetzt vor einer ganz neuen Situation“, fing er an. „Die Vermisstenanzeige von gestern stellt Magdalenas Verschwinden in ein ganz neues Licht.“

 Simon Hansen wirkte noch skeptisch. „Wo vermutest du einen Zusammenhang?“

 „Anton Löbig hat zuletzt an der Elisabeth-Kirche gearbeitet. So wie es aussieht, ist auch er, wie Magdalena, dort zum letzten Mal gesehen worden“, sagte Scherer

 „Das kann auch ein dummer Zufall sein“, gab Simon sich wenig überzeugt. „Vielleicht war er ja doch nicht so glücklich mit seiner Frau, oder überfordert von ihrer Schwangerschaft …“

 Deborah schüttelte den Kopf. „Natürlich ist das nicht völlig ausgeschlossen. Aber Frau Löbig machte schon den Eindruck, als würde sie ihren Mann sehr gut kennen. Und wir müssen jetzt wirklich jedem Hinweis nachgehen, selbst wenn er noch so klein zu sein scheint.“

 Lorenz nickte bekräftigend. „Danke, Deborah. Es ist mir etwas zu viel Zufall, dass zehn Tage nach Magdalenas Verschwinden eine weitere Person, die etwas mit der Gemeinde zu tun hat, wie vom Erdboden verschluckt ist.“

 „Ja, komisch ist es schon“, gab Simon zu.

 „Aber was haben Magdalena und Anton Löbig miteinander zu tun? Abgesehen davon, dass sie sich in letzter Zeit beide an der Elisabeth-Kirche aufgehalten haben?“, fragte Klara Tauber.

 „Vielleicht hatten die beiden ja was miteinander“, sagte Tillman.

 Augenblicklich waren alle Blicke ihm zugewandt. Mit einer Mischung aus Überraschung, Entsetzen und Fassungslosigkeit sahen die Kollegen ihn an.

 „Löbig ist doch gut zwanzig Jahre älter als Magdalena“, protestierte Klara. „Wenn sie schon mit ihrem Freund keinen Sex hatte, warum sollte sie dann ausgerechnet ihn ranlassen?“

 „Viel wichtiger; woher sollten sich die beiden kennen?“, hakte Simon ein.

 „Wissen wir denn, wie alt Josef war?“, fragte Tillman.

 „Welcher Josef?“, kam es wie aus einem Munde.

 Tillman seufzte und wedelte mit einem Tannenzweig, der sich von dem Dekogesteck auf dem Tisch gelöst hatte.

 „Der Mann von Maria. Ziehvater von Jesus“, erklärte er.

 Für einen Moment herrschte Stille im Büro. Niemand schien so recht fassen zu können, was Tillman da gerade gesagt hatte. Oder ging es den anderen wie ihr, und sie wussten einfach nicht, worauf ihr Kollege hinauswollte, überlegte Deborah.

 „Entschuldige, ich fürchte, du musst uns erklären, was du meinst“, sagte sie schließlich, als sich keiner äußerte.

 „Die Weihnachtsgeschichte ist euch doch ein Begriff, oder?“, fragte Tillman.

 Alle nickten. „Klar“, murmelte Simon, sah aber dennoch ziemlich irritiert dabei aus.

 „Josef wird in der Bibel nicht so sehr beschrieben. Bloß, dass er der Mann von Maria war und mit ihr nach Bethlehem ging. Und das, obwohl es nicht sein Kind war, das Maria erwartete. Er hätte sich eigentlich von ihr getrennt, aber weil ein Engel ihm erklärte, was Sache war, blieb er bei ihr und hat sich um seine Frau und das Kind gekümmert“, erzählte Tillman.

 „Ich verstehe immer noch nicht, was das mit unserem Fall zu tun haben soll“, sagte Klara.

 „Was war Josef denn von Beruf?“, fragte Tillman im Tonfall eines geduldigen Grundschullehrers.

 „Zimmermann“, antwortete Deborah trocken. Tillman zeigte triumphierend mit dem Finger auf sie.

 „Genau. Damals wie heute haben wir einen Zimmermann und ein junges Mädchen, jedenfalls wird Maria in der Bibel so beschrieben“, sagte Tillman.

 Lorenz kräuselte die Lippen und zog die Stirn in Falten. „Tillman, deinen Glauben in allen Ehren; aber du willst uns doch jetzt nicht etwa erzählen, dass Magdalena vom Heiligen Geist schwanger ist und die Wiedergeburt von Jesus kurz bevorsteht?“

 „Nein, natürlich nicht“, rief Tillman und hob beschwichtigend die Arme. „Aber was, wenn die beiden sich tatsächlich kennen und zumindest Anton Löbig nur auf eine günstige Gelegenheit gewartet hat, zu Magdalena zu kommen?“

 Lorenz schüttelte entschieden den Kopf. „Aber warum so auffällig? Angenommen, du hättest recht und die beiden haben tatsächlich ein wie auch immer geartetes Verhältnis – dann wäre es für Löbig doch viel einfacher gewesen, wenn er sich heimlich zu Magdalena abgesetzt hätte. Ausgerechnet von der Kirche aus zu verschwinden, ist doch wie ein Wink mit der Bahnschranke!“

 Deborah schoss ein Gedanke durch den Kopf. „Und wenn nicht Löbig selbst, sondern jemand anders das Verschwinden inszeniert hat?“

 „Du meinst, beide könnten entführt worden sein – mit dem biblischen Hintergrund?“, fragte Klara.

 „Eine Fremdinszenierung halte ich zumindest führ wahrscheinlicher als eine Inszenierung von Löbigs Seite aus. Wenn er aus seinem alten Leben wirklich wegwollte, hätte er sich sicher einen anderen Weg gesucht.“

 „Ich denke, Deborah hat recht“, stimmte Lorenz zu. „Wenn es einen Bezug zur Bibelgeschichte gibt, dann wird er von außen hergestellt und nicht von den möglicherweise Entführten.“

 „Aber warum sollte jemand ein junges Mädchen und einen Zimmermann entführen?“, fragte Simon verständnislos.

 „Viel wichtiger ist doch die Frage, wer?“, entgegnete Deborah. „Wir müssen herausfinden, ob es irgendwelche Personen gibt, die beide kennen.“

 Noch während sie es aussprach, überkam sie die dunkle Ahnung, wie viele Menschen sie würden befragen müssen. Pünktlicher Feierabend und gemütliche Adventszeit ade. Aber es blieb ihnen nichts anderes übrig. Auch wenn sie von Tillmans ausschweifender Interpretation der Weihnachtsgeschichte nicht ganz überzeugt war, glaubte sie, dass es einen Zusammenhang zwischen den beiden Vermisstenfällen gab. Nun galt es, das verbindende Puzzleteil zu finden.

 

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