13. Dezember

Der Weihnachtsmann bog sich vor Lachen und konnte gar nicht mehr damit aufhören. Der buschige weiße Bart zitterte und das Lachen dröhnte in Finchens Ohren.

„Hahaha, Urlaub am 24. Dezember. Das gibt’s ja gar nicht. So ein dummes Kind!“, lachte der Weihnachtsmann und kugelte sich amüsiert auf dem Boden.

„Ich bin nicht dumm!“, rief Finchen. „Den 24. Dezember gibt es, du wirst schon sehen!“

Aus dem Nichts tauchte eine Kiste auf, in die der Weihnachtsmann noch immer lachend verschwand. Zitternd starrte Finchen auf die Kiste. So einen Weihnachtsmann hatte sie noch nie erlebt. Ein Weihnachtsmann sollte Kinder nicht auslachen. Sie machte ein paar Schritte zurück. Am besten war es, wenn sie diesen Weihnachtsmann so schnell wie möglich vergaß.

Der Deckel der Kiste sprang auf und ein Springteufel schnellte in die Höhe.

„Hahahaha“, schrie der Teufel, der erschreckende Ähnlichkeit mit dem Weihnachtsmann hatte.

Schreiend fuhr Finchen hoch und sah sich um. Sie saß in ihrem Bett in ihrem Zimmer. Nur ein Traum. Aber was für einer! Finchen zitterte noch immer ein bisschen, der Schreck über die plötzliche Verwandlung des Weihnachtsmanns saß ihr noch immer in den Knochen. Finchen knipste die Nachttischlampe an. Zum Glück war hier in ihrem Zimmer weit und breit nichts von so einem komischen Weihnachtsmann zu sehen.

Der Blick aus dem Fenster versöhnte sie wieder mit dem Morgen. In der Nacht hatte es geschneit und auf der Straße und im Vorgarten lag eine weiße Decke.

„Ätsch, du blöder Weihnachtsmann. Weihnachten gibt’s wohl. Und der 24. Dezember kommt auch zurück!“, murmelte Finchen in die kalte Morgenluft.

Schnee war ein guter Anfang für ein gelungenes Weihnachtsfest und für den Rest würde sie schon sorgen.

„Leise rieselt der Schnee, still und starr ruht der See. Weihnachtlich glänzet der Wald, freue dich, Christkind kommt bald“, sang sie beim Frühstück vor sich hin. Die Flammen der Adventkerzen flackerten kaum, sondern leuchteten senkrecht in die Höhe. Eine friedliche Stimmung. Finchen glaubte sogar, dass Papa sein Gesicht von der Tageszeitung abwandte und mit einem Ohr Finchens Gesang lauschte. Es durchströmte Finchen warm bis in die Fingerspitzen und sie schöpfte wieder neuen Mut; vielleicht konnte es ihr ja wirklich gelingen, Mama und Papa wieder an Weihnachten zu erinnern.

Nach der Schule hatte sie es ziemlich eilig wieder nach Hause zu kommen. Aus den Küchenschränken suchte sie Mehl, Zucker, Butter und Eier hervor und vom Küchenbrett zog sie das dicke Rezeptbuch. Zum Glück hatte Mama heute Nachmittag ihren Sportkurs, und Oskar hatte angekündigt, den Nachmittag mit Piet verbringen zu wollen. Finchen war erleichtert, so würde sie ganz in Ruhe backen können, dachte sie und schlug das Rezeptbuch auf.

Aber, was war das? Die Seiten auf denen sonst immer die Rezepte für ihre Lieblingsweihnachtsplätzchen gestanden hatten, waren leer und gähnten ihr weiß entgegen.

„Oh nein“, murmelte sie entsetzt. Dass sie daran nicht gedacht hatte! Genauso wie das Datum aus dem Kalender und alle Informationen über Weihnachten aus dem Internet und den Gedächtnissen der Menschen verschwunden war, war natürlich in den Rezeptbüchern keine Rede mehr von Weihnachtsbäckerei.

„Naja, dann muss es halt so gehen.“

Finchen blätterte nach anderen Keksrezepten im Backbuch und fand tatsächlich ein paar Anleitungen. Immerhin – die Ausstechförmchen waren nicht verschwunden, die meisten zumindest. Finchen war sich sicher, dass es in ihrer Sammlung auch einen Tannenbaum gegeben hatte, doch von dem fehlte jede Spur. Dann musste es halt bei Sternen, Herzen und Kreisen bleiben. Besser als nichts.

„In der Weihnachtsbäckerei, gibt es manche Leckerei, zwischen Mehl und Milch macht so mancher Knilch eine riesengroße Kleckerei …“, sang Finchen vergnügt, während sie Teig ausrollte und die ausgestochenen Plätzchen aufs Backblech verteilte. Als das Blech im Ofen war, sah sie sich um. Ein bisschen gekleckert hatte sie tatsächlich, aber das Chaos hielt sich noch in Grenzen, fand sie. Und sicher würden Mama und Papa ein bisschen Unordnung entschuldigen, wenn sie sähen, wie schön alles war; mit Kerzen, Sternen am Fenster und Plätzchen auf dem Tisch.

„Fröhliche Weihnacht überall, tönet durch die Lüfte froher Schall. Weihnachtslied, Weihnachtsbaum, Weihnachtsduft in jedem Raum …“

Finchen hielt in ihrem Gesang inne und ließ ihren Blick abermals durch die Küche schweifen. Hier sah es nun wirklich sehr weihnachtlich aus. Zwei große Sterne aus Stroh hingen im Küchenfenster und zwölf Papiersterne schmückten das Fenster im Wohnzimmer. Auf dem Küchentisch standen die vier Adventskerzen und der Duft von frischgebackenen Plätzchen drang aus der Küche langsam in alle Winkel der Wohnung vor. Ja, hier konnte man glauben, dass Weihnachten werden sollte.

Aber war es wirklich Weihnachten, wenn es nur in dieser Wohnung stattfand? Finchen überlegte. Weihnachten war doch deshalb so besonders, weil alle Menschen es feierten. Eben so, wie es in dem Lied hieß: Fröhliche Weihnacht überall.

Weihnachten war zu schön, um es für sich zu behalten. Und hatte der Pfarrer nicht auch immer gesagt, dass man die Weihnachtsfreude teilen sollte?

Je länger Finchen darüber nachdachte, desto mehr ahnte sie, dass es nur dann richtig Weihnachten werden konnte, wenn es auch an anderen Stellen weihnachtete. Finchen schloss die Augen und erinnerte sich, wie es in den letzten Jahren gewesen war. In Gedanken ging sie durch die Straßen der Stadt und sah die weihnachtliche Beleuchtung ganz deutlich vor sich. Sterne und Glocken aus Lichterketten, die zwischen den Häusern gespannt waren und auf die Straßen hinabschienen. In diesem Jahr beleuchteten nur die Laternen die Stadt. Wie schön wäre es, wenn die Lichterketten wieder aufgehängt würden. Aber das war für sie unmöglich zu bewerkstelligen, dachte Finchen traurig.

Wie sollte sie allein die ganze Stadt in Weihnachtsstimmung versetzen? Das konnte sie doch gar nicht schaffen.

Ein markanter Duft stieg ihr in die Nase. Finchen blinzelte und riss dann entsetzt die Augen auf. Die Plätzchen!

Sie eilte zum Ofen und holte das Blech heraus. Ein paar der Sterne hatten gefährlich dunkle Spitzen bekommen. Aber zum Glück waren sie nicht völlig verkohlt. Einen Schönheitspreis würden diese Kekse sicher nicht gewinnen. Selbst mit Verzierung würden sie nicht so schön aussehen wie die von Oma.

 

Finchen hielt mitten im Zuckergussanrühren inne. Oma! Sie war die Lösung. Nun wusste sie, wie sie es schaffen konnte, es überall etwas weihnachtlicher werden zu lassen.