13. Dezember

 

Tillman schien sich an diesem Morgen weder aus dem angeblichen Unglückstag (an den Deborah eigentlich auch nicht glaubte), noch aus der zu erwartenden Suche etwas zu machen. Gut gelaunt kam er ins Kommissariat, zog seine Jacke aber gar nicht erst aus, sondern trieb Deborah zur Eile an.

 „Los, los. Auf zur Kirche“, flötete er.

 „Egal, was du genommen hast, ich will es auch!“, sagte Deborah etwas gequält und ließ ihren angefangenen Kaffee auf dem Schreibtisch zurück.

 „Sollst du haben“, versprach Tillman.

 Im Auto zog er eine Blechdose hervor. „Hier, das dürfte deine Laune ebenfalls steigern“, sagte er.

 Deborah öffnete den Deckel. Sofort strömte ihr ein würzig-schokoladiger Duft in die Nase. Selbstgebackene Lebkuchen. Schon in den letzten Jahren hatte Tillman das Team mit seinen selbstgemachten Weihnachtsleckereien begeistert. Jetzt durfte sie als Erste in den Genuss kommen. Sie nahm einen runden mit Schokolade überzogenen Lebkuchen aus der Dose und biss ein großes Stück davon ab.

 „Himmlisch“, sagte sie, schon wieder mit der Welt versöhnt. „Wann machst du das eigentlich immer? Du hast doch genauso lang Dienst wie ich?“

 Tillman zuckte die Schultern, während er das Auto durch den Straßenverkehr lenkte. „Ach, das braucht eigentlich gar nicht so lang“, winkte er ab. „Teig zusammenrühren, einen Tag stehen lassen und am nächsten Abend fix ausstechen.“

 Fix! Deborah verspeiste den Rest des Lebkuchens. Wenn das wirklich so leicht ginge, müsste sie das doch auch hinkriegen. Bislang hatte sie in dieser Adventszeit allerdings noch keinen einzigen Keks gebacken. Dabei gehörte das doch einfach dazu! Lebkuchenherzen und Stollen aus dem Supermarkt waren gut und schön – aber es ging doch nichts über selbstgemachte Plätzchen.

 „Nächste Woche backe ich auch Kekse“, sagte sie entschlossen.

 Tillman lachte amüsiert. „Du? Ich traue dir ja viel zu, aber Kulinarik war bislang nicht so dein Spezialgebiet.“

 Verstimmt sah Deborah aus dem Fenster. Musste Tillman jetzt auf ihren verunglückten Geburtstagskuchen von vor zwei Jahren anspielen? Es war damals wirklich Pech gewesen, dass sie statt Zimt drei Esslöffel Muskat in den Teig gerührt hatte …

 „Wetten, dass ich es schaffe?“

 „Okay“, nahm Tillman die Herausforderung an. „Um was wetten wir?“

 „Wer verliert, muss für den anderen die alten Protokolle digitalisieren“, schlug Deborah vor und dachte mit Schrecken an den Stapel alter Akten und Mitschriften, die sie noch digital abspeichern musste.

 „Na dann streich schon mal einen Urlaubstag“, meinte Tillman siegessicher und parkte das Auto vor der Elisabeth-Kirche.

 Schon auf dem Kirchplatz begegneten sie dem Mann, den sie sonntags bereits in der Sakristei gesehen hatten. Mit einem Eimer Streugut kam er ihnen entgegen.

 „Guten Morgen, Sie sind doch die beiden Beamten von der Kriminalpolizei“, stellte er fest.

 Deborah nickte verblüfft. Dass er sich daran erinnerte! Sie stellte sich und Tillman noch einmal vor.

 „Thomas Mayer, ich bin hier der Küster der Gemeinde“, sagte der Mann, stellte seinen Eimer ab und schüttelte Deborah und Tillman die Hand.

 „Wir würden uns gern noch einmal umsehen. Können Sie uns die Stelle zeigen, wo Herr Löbig die Dacharbeiten ausgeführt hat?“

 Thomas Mayer nickte. „Sicher. So langsam bekommt man es ja doch mit der Angst zu tun“, gestand er. „Der zweite Mensch innerhalb von zwei Wochen, der so plötzlich verschwindet“, fügte er hinzu und führte Deborah und Tillman die Wendeltreppe zur Orgelempore und noch ein Stück weiter den Kirchturm hinauf.

 „Hat er seine Arbeit denn abgeschlossen?“, fragte Tillman und stieg hinter Herrn Mayer auf den Dachboden. Es war staubig, etwas muffig, kühl und dunkel. Der Küster schaltete das Licht an.

 "Als ich ihn Dienstag sprach, sagte er, es wäre im Prinzip fertig. Er wollte am Mittwoch wohl nur noch ein spezielles Öl auf den Balken auftragen …“

 Deborah sah sich um. Die von dem Küster gezeigte Stelle, wo der Dachdecker den Balken repariert hatte, sah aufgeräumt und unscheinbar aus. Die Staubschicht war hier von vielen Fußspuren abgetreten. Auch Umrisse eines Werkzeugkastens oder etwas ähnlichem Eckigen konnte sie erkennen. Sie fotografierte die Fußspuren. Das hatten die Kollegen von der Spurensicherung zwar schon gemacht, aber vielleicht waren ja Spuren dazugekommen.

 „Kannten Sie Herrn Löbig bereits vor dem Auftrag?“, fragte Tillman indessen.

 „Nein. Aber seine Firma hat vor einigen Jahren schon einmal Sturmschäden hier beseitigt. Wir hatten gute Erfahrungen gemacht, deshalb habe ich dort am Montag wieder angerufen“, berichtete Thomas Mayer. „Ich wusste nicht, wer kommen würde. Aber Herr Löbig war sehr nett und hat gut gearbeitet.“

 „Haben Sie ihn noch gesehen, als er am Dienstagabend ging?“

 Wieder verneinte der Küster. „Ich war an dem Nachmittag noch unterwegs, um Material für die Krippe zu besorgen. Das hat leider länger gedauert, als ich beabsichtigt hatte.“

 „Das heißt, Sie wissen nicht, wann er gegangen ist?“, hakte Deborah nach.

 „Genau kann ich ihnen das nicht sagen. Aber es muss gegen halb fünf gewesen sein. Er rief mich auf dem Handy an und sagte, dass er fertig sei und am nächsten Tag noch dieses Öl auftragen wollte …“

 „Hat sich zu dieser Zeit noch jemand hier aufgehalten, der vielleicht etwas bemerkt haben könnte?“

 Der Küster dachte einen Moment nach. „Hier oben wird sicher keiner gewesen sein. Der Chor probt im Gemeindehaus, da sind auch die Noten … Und hier oben hat wirklich niemand etwas verloren, der hier nicht arbeiten muss. Dienstagsabends trifft sich die Jugendleitung. Aber das auch immer erst um halb acht oder so …“

 Tillman nickte Thomas Mayer zu und sie folgten ihm die Wendeltreppe wieder hinunter. Konnte es denn sein, dass schon wieder niemand etwas mitbekommen hatte? Deborah dachte an die Lebkuchen im Dienstwagen. Davon brauchte sie jetzt mindestens zwei.

  

Bumm. Bumm. Bumm. Der Schmerz pochte hinter seiner Schläfe. Was war nur passiert? War er von der Leiter gefallen? Er versuchte, die Arme und Beine zu bewegen. Es klappte problemlos. Nur sein Kopf schmerzte. Oder hatte er sich gestoßen? Aber woran? Er war doch gar nicht mehr auf dem Dachboden gewesen? Oder? Er versuchte sich an die letzten Schritte zu erinnern. Doch da war nichts. Nur Dunkelheit und dieser verdammte Kopfschmerz. Langsam tastete er mit der Hand nach seiner Schläfe. Es fühlte sich staubig an, aber trocken. Offenbar blutete er nicht.

 Tapp. Tapp. Tapp. Leise Schritte, die näher kamen. Sie schienen auf seltsame Weise von oben zu kommen. War das denn möglich? Es fiel ihm schwer, einen klaren Gedanken zu fassen. Ein Klicken. Dann wurde es plötzlich hell. Das Licht drang bis hinter seine geschlossenen Augenlider. Er blinzelte.

 Viel konnte er gegen das Licht nicht erkennen. Eine große, schlanke Gestalt. Ganz in weiß gekleidet. Um sie herum unheimlich viel Licht. Was war das?

 „Fürchte dich nicht, Anton. Dir wird nichts geschehen. Gott ist bei dir. Mit deiner Hilfe wird die Welt verstehen, welches Unrecht geschehen ist. Hab keine Angst.“

 Die Stimme sprach langsam und ruhig. Für einen Moment vergaß Anton sogar seine Kopfschmerzen und er hatte tatsächlich keine Angst. Aber wer sprach da zu ihm? Konnte das denn wirklich …

 … ein Engel sein?

 

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