14. Dezember

 

Eine Tasse Kaffee, die man in aller Ruhe trank, schmeckte einfach um Längen besser als der lauwarme, hastig hinuntergestürzte. Wenn er dann noch aus der Lieblingstasse getrunken werden konnte, war das ein wichtiger Baustein zum Glück. Deborah umklammerte ihren großen Kaffeepott mit beiden Händen, schloss die Augen und sog den Duft dieses Morgens ein. Frisch gemahlener Zimtkaffee, butterweiche Croissants, Kerzenwachs und ein bisschen Tannengrün. Und noch dazu Zeit. Zugegeben, die konnte sie nicht wirklich riechen, aber wenn Zeit einen Geruch gehabt hätte, würde sie genau so riechen, dachte sie.

 Der erste freie Samstag seit einer gefühlten Ewigkeit. Sie würde ihn genießen. Mit Anna und Max. Max hatte am Vorabend noch gegrummelt, er würde dem Braten noch nicht so ganz trauen.

 „Ich glaube erst, dass du frei hast, wenn der Samstag vorbei ist“, hatte er gesagt.

 Still hatte sie ihm recht gegeben, ganz sicher sein konnte sie in diesen Tagen wohl nie. Aber sie hatte fest beschlossen, sich heute nicht aus der Ruhe bringen zu lassen. Heute war Familienzeit angesagt.

 Anna kam in die Küche und machte sich gleich an ihrem Adventskalender zu schaffen. Neben dem täglichen Teelicht zog sie eine Schokoladenkugel und ein Stück Papier aus dem Häuschen.

 „Wasch isch dasch?“, nuschelte sie mit der Schokokugel im Mund und wedelte mit dem Zettel.

 „Lies doch mal!“, forderte Max sie auf.

 Anna lutschte hastig ihre Schokolade zuende, setzte sich auf ihren Platz und buchstabierte.

 „W… wiiii ... rr ... Wir. Ge… geheeeen … zzzuuum … Wee … iii… Weih … naachts … maar … kt. Weihnachtsmarkt?“

 Max nickte begeistert. „Ja, richtig!“

 Es dauerte einen Moment, bis Anna begriff, was sie da gelesen hatte. Dann sprang sie mit einem Satz von ihrem Stuhl wieder auf.

 „Wir gehen auf den Weihnachtsmarkt“, jubelte sie. „Wir alle zusammen?“, fragte sie und warf Deborah einen skeptischen Blick zu.

 Deborah konnte sich ein Seufzen nicht verkneifen. Natürlich war es ihrer Tochter nicht entgangen, wie wenig Zeit sie in letzter Zeit hatte. Dabei war sie neben Max doch eigentlich die wichtigste Person in ihrem Leben. Warum bekam sie es einfach nicht gebacken, ihr das auch zu zeigen? Egal wie anstrengend der Job war? Sie war gerade richtig überrascht gewesen, wie gut Anna nach ein paar Monaten Schule schon lesen konnte. An ihrer Leseförderung war sie jedoch nicht beteiligt gewesen. Die Gute-Nacht-Geschichten hatte immer Max vorgelesen – meistens weil sie zu spät von der Arbeit nach Hause gekommen war. Das musste dringend anders werden. Und heute würde der erste Tag sein!

 „Ja, ich komme mit!“, sagte Deborah und hob feierlich schwörend die Hand.

 So leicht wie sie und Max sich das mit dem Weihnachtsmarktbesuch gedacht hatten, wurde es allerdings nicht. Anna wollte unbedingt in die Nachbarstadt, weil es dort eine Eisbahn auf dem Weihnachtsmarkt gab. Sie setzte ihren ganzen Charme ein und bettelte so lange, bis Max nachgab. Deborah war durch ihr schlechtes Gewissen schon früher dazu bereit gewesen in die Nachbarstadt zu fahren.

 Mit Mühe ergatterten sie im Parkhaus noch einen freien Parkplatz. Dreimal ermahnte Deborah ihre Tochter, dass sie ihre oder Max‘ Hand halten sollte, damit sie nicht verloren ging zwischen all den Menschen, die zwischen Weihnachtsshopping und Glühweinständen hin und her drängten. Anna ergriff Max‘ linke und Deborahs rechte Hand und so bahnten sie sich ihren Weg durch die Menge. Zuerst ging es, vorbei an Buden mit Weihnachtsschmuck und Kerzen, zur Eisbahn und fanden glücklicherweise ein Paar Schlittschuhe in Annas Größe, das sie ausleihen konnten. In Deborahs Größe war gerade kein Paar mehr übrig. Das hatte man nun davon, wenn man die weibliche Standartschuhgröße hatte, dachte Deborah. Sie stellte sich also an den Rand der Bahn und beobachtete Max und Anna, wie sie, erst noch etwas unsicher, ihre Runden auf dem Eis zogen. Zunächst blieben die beiden in einer wenig frequentierten Ecke der Eisbahn, aber schließlich fuhren sie an der Bande entlang und nutzten die ganze Fläche aus. Deborah folgte ihren Bewegungen – und stutzte plötzlich.

 An der Plakatwand neben der Eisbahn hingen mehrere Aushänge. Suche, tausche, biete … Und ein Plakat mit Polizeilogo, das Deborah nur zu bekannt vorkam. Ein Foto mit Beschreibung von Magdalena, sowie ein Foto von Anton Löbig samt Beschreibung. Deborah ging ein paar Schritte auf die Plakatwand zu, um die Unterzeile zu lesen. „Hinweise nimmt die Polizei unter Tel. … entgegen.“

 Schon vor über einer Woche hatten sie Magdalenas Vermisstenanzeige an die Polizeidienststellen der Nachbarstädte und Gemeinden versandt. Dass auch das Foto von Anton Löbig schon so weit im Umlauf war, hatte Deborah indes noch nicht mitbekommen.

 Ein Paar mittleren Alters blieb vor der Plakatwand neben Deborah stehen und sah auf die Aushänge. Der Mann riss von einem Angebot für eine gebrauchte Digitalkamera einen Schnipsel mit Telefonnummer ab.

 „Du, das Mädchen habe ich, glaube ich gesehen“, sagte die Frau und nickte mit dem Kopf in Richtung des Plakats, während ihr Mann die Telefonnummer einsteckte.

 Deborah zögerte keinen Augenblick. In ihrer Jackentasche fingerte sie nach ihrem Dienstausweis.

 „Entschuldigen Sie“, sprach sie die Frau an, „Deborah Lukas, Kriminalpolizei. Ich bearbeite den Vermisstenfall. Wann haben Sie Magdalena gesehen und wo?“

 Die Frau schreckte ein Stück zurück und sah Deborah verblüfft an.

 „Oh, das ist schon einige Zeit her“, sagte sie schließlich. „Bestimmt zwei Wochen … Ich glaube, das war am 1. Advent.“

 Sie machte ein nachdenkliches Gesicht, nickte dann langsam. „Ja, es muss der erste Advent gewesen sein, ich kam gerade von einem Besuch bei einer alten Nachbarin.“

 „Hier in der Stadt?“, fragte Deborah.

 „Am Stadtrand, ja“, bestätigte die Frau.

 „Wissen Sie noch die Uhrzeit?“

 „Das muss so gegen fünf gewesen sein.“

  „Sind Sie sicher, dass es Magdalena war?“, fragte Deborah und deutete auf das Foto.

 Die Frau verzog das Gesicht. „Naja, dunkle lange Haare gibt es sicherlich öfter und es war ja auch schon dunkel … Aber ich bin ziemlich sicher, dass es das Mädchen auf dem Foto war“, bestätigte sie.

 „War sie allein?“

 „Sie stand allein an der Bushaltestelle. Aber dann kam ein Mann und sie sind zusammen weggegangen.“

 „War es dieser Mann?“ Deborah deutete auf Löbigs Foto.

 „Hm … Schwer zu sagen. Darauf habe ich wirklich nicht so genau geachtet. Zu dem Zeitpunkt wusste ich ja auch noch gar nicht, dass das Mädchen vermisst wird, sonst hätte ich bestimmt genauer hingesehen …“

 „Nein, das konnten Sie nicht wissen. Aber können Sie sich an irgendetwas erinnern?“

 Die Frau schaute noch einmal auf das Suchplakat. „Also, der Mann dort war es nicht, denke ich. Er hatte keinen Bart. Aber sonst, einigermaßen schlank, mittelgroß …“

 Deborah nickte. Die typische Beschreibung, wenn jemand nicht wusste, wie ein anderer aussah. Dann waren die Leute immer in allem so mittel. Trotzdem war die Aussage der Frau schon mehr als sie in all den letzten Tagen Arbeit herausgefunden hatten. Sie gab ihr ihre Visitenkarte und bat sie, sich im Kommissariat zu melden, um die Aussage zu wiederholen.

 Jemand sprang sie von hinten an und umfasste ihre Hüften. Anna und Max waren vom Eislaufen zurück. Max schaute dem Paar, das zwischen den Buden verschwand, hinterher und warf Deborah einen misstrauischen Blick zu.

 „Wer war denn das?“

 Er hatte also gesehen, dass sie mit den beiden gesprochen und ihnen ihre Karte mitgegeben hatte. Na super. Hoffentlich ging jetzt nicht die nächste Diskussion los.

 „Mögliche Zeugen. Ich hab ihnen gesagt, sie sollen sich im Kommissariat melden“, erklärte sie hastig und sah sich um. Ihr Blick fiel auf den Crêpe-Stand. Vielleicht eine gute Möglichkeit, um von ihren heimlichen Ermittlungen am freien Tag abzulenken.

 „Wie sieht es aus, habt ihr Hunger nach der sportlichen Betätigung? Ich lade euch zu einem Crêpe ein.“

 „Au jaaa!“

 Anna war sofort begeistert und auch Max ließ sich darauf ein. Für Anna gab es Crêpe mit Schokolade und Banane, Max zog die deftige Variante mit Käse, Speck und Zwiebeln vor und Deborah blieb beim Klassiker mit Zimt und Zucker. Doch während sie langsam den heißgebackenen Teig zerkaute und den Zimtgeschmack auf der Zunge zergehen ließ, wanderten ihre Gedanken doch immer wieder zu der möglichen Zeugin.

 Wenn die Frau wirklich Magdalena gesehen hatte – vielleicht hatten sie dann endlich eine Spur!

 

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