14. Dezember

„Oskar, aufstehen!“

Die Stimme seiner Mutter drang so plötzlich an sein Ohr und in seinen wirren Traum ein, dass Oskar erschrocken hochfuhr.

„Mama, was’n los?“, murmelte er. Mama hatte ihn schon lange nicht mehr geweckt, normalerweise stand er immer allein auf, sobald sein Wecker klingelte. Verschlafen sah er auf den Wecker neben seinem Bett.

„Zwanzig vor sieben? Och Mama, ich könnte noch fünf Minuten schlafen“, sagte Oskar empört und wollte sich wieder in sein Kissen zurückfallen lassen. Aber Mama rüttelte etwas unsanft an seiner Schulter.

„Ist Finchen bei dir?“, fragte sie und hob prüfend die Bettdecke.

„Mama!“, Oskar sah Mama entsetzt an. Wie kam sie nur auf die verrückte Idee, dass Finchen sich bei ihm im Bett versteckt haben könnte? Warum hätte sie das tun sollen? Und viel wichtiger; unter welchen Umständen hätte er das erlaubt? Finchen plapperte im Schlaf dauernd vor sich hin und hatte lebhafte Träume, während dieser sie wild mit den Armen um sich schlug. Er hätte schön blöd sein müssen, wenn er Finchen freiwillig in sein Bett gelassen hätte.

„Warum sollte sie bei mir sein?“, fragte er missmutig und zog die Bettdecke zurück über seine Beine.

„Finchen ist weg“, rief Mama aufgebracht.

„Weg? Wie weg?“

„Sie ist nicht in ihrem Zimmer, nicht im Bad und auch nicht in der Küche. Ihre Schultasche ist auch verschwunden.“

Der Wecker rasselte los. Oskar schaltete ihn aus. Er war nun hellwach.

„Ist sie gestern vielleicht noch zu einer Freundin gegangen und hat da übernachtet?“, überlegte er.

Mama schüttelte den Kopf. „Nein, gestern beim Abendessen war sie doch noch hier und ich hab sie doch ins Bett gebracht.“

Die Tür zu Oskars Zimmer flog auf. Papa stand auf der Schwelle.

„Ist sie hier?“

„Nein“, sagten Mama und Oskar gleichzeitig.

Twist steckte seine Schnauze ins Zimmer und schnüffelte. Aber auch er konnte Finchen nicht finden.

„Macht Finchen heute einen Schulausflug und musste deshalb schon früher los?“

Mama schüttelte erneut den Kopf. „Das hätte sie uns doch gesagt, und dann hätten wir sie doch auch zur Schule gebracht. Finchen kann doch nicht mitten in der Nacht allein durch die Stadt laufen!“

„Vielleicht sollten wir doch besser die Polizei rufen“, sagte Papa.

Oskar fiel vor Schreck beinahe aus dem Bett. „Was? Die Polizei? Glaubt ihr, ihr ist etwas Schlimmes passiert?“

Ein schwerer Klumpen schien sich urplötzlich in seinem Bauch zu bilden. Sein Mund fühlte sich ganz trocken an. Konnte Finchen wirklich etwas passiert sein? Aber sie war doch gestern noch da gewesen. Es war wohl eher unwahrscheinlich, dass jemand sie aus ihrem Bett entführt hatte.

„Erst rufen wir bei Sarah an. Vielleicht ist Finchen ja doch dort“, sagte Mama, klang dabei aber wenig hoffnungsvoll.

Oskar trottete ins Bad. Während er sich die Zähne putzte, spitzte er die Ohren. Aber Mama hatte sich mit dem Telefon ins Wohnzimmer oder in die Küche verzogen, jedenfalls konnte er nichts von dem Gespräch mit Sarahs Eltern mithören. Als er jedoch zum Frühstück in die Küche kam, konnte er seiner Mutter ansehen, wie die Antwort ausgefallen war. Auch bei ihrer Schulfreundin war Finchen nicht.

„Und wenn ihr doch etwas passiert ist?“

Mama rollten ein paar Tränen aus den Augen und sie zupfte nervös an einer Ecke der Tischdecke.

„Bestimmt gibt es eine ganz logische Erklärung“, sagte Oskar, wusste aber nicht, ob er mit dieser Antwort versuchte, sich selbst zu überzeugen, oder Mama zu beruhigen.

„Ich helfe euch, sie zu suchen“, versprach Oskar, als Mama laut aufschluchzte.

„Kommt nicht in Frage, Oskar“, sagte Papa. „Du gehst gleich auf direktem Weg zur Schule und kommst anschließend sofort wieder hierhin zurück. Ist das klar?“

Papa sah ihn so streng an, dass Oskar nur ergeben nicken konnte. Aber Papa hatte gut reden. Wie sollte er sich denn jetzt auf den Unterricht konzentrieren, wenn von seiner kleinen Schwester jede Spur fehlte?

Piet bemerkte seine besorgte Miene sofort.

„Was ist los?“

„Finchen ist verschwunden“, sagte Oskar tonlos und erzählte seinem besten Freund von den Aufregungen des Morgens.

„Aber sie kann doch nicht einfach weg sein“, sagte Piet verwundert.

„Doch, sie ist einfach weg“, bestätigte Oskar.

In diesem Moment überlief es ihn plötzlich eiskalt. Finchen war verschwunden. Genau wie der 24. Dezember und alles, was mit Weihnachten zu tun hatte. 

„Vielleicht ist sie verschwunden, weil sie an Weihnachten geglaubt hat. Alles, was mit Weihnachten zusammenhängt ist weg – und jetzt auch Finchen.“

Piet zog misstrauisch die Augenbrauen in die Höhe. „Oskar, jetzt spinnst du echt ein bisschen. Wer auch immer Weihnachten aus dem Kalender gestrichen hat, entführt doch keine kleinen Kinder!“

„Vielleicht doch.“

„Und warum ist dann nur Finchen weg und nicht auch wir? Wir haben doch auch an Weihnachten geglaubt.“

„Aber nicht so sehr wie Finchen“, widersprach Oskar. Nun tat es ihm leid, dass er seine Schwester ausgelacht hatte, weil sie sich so sehr um Weihnachten bemühte. Sie hatte es doch nur gut gemeint. Wenn er ehrlich war, wünschte er sich doch genauso sehr wie sie, dass alles wieder so war wie in den letzten Jahren.

„Mach dich nicht verrückt. Finchen taucht schon wieder auf“, versuchte Piet ihn zu beruhigen. Aber nach der vierten Stunde hielt Oskar es nicht mehr in der Schule aus. Er musste einfach wissen, was los war.

Vor der Tür stand ein Polizeiwagen. Oskar wurde es gleichzeitig heiß und kalt. Hastig zog er den Schlüssel aus seiner Tasche. Erst beim dritten Versuch gelang es ihm, die Tür aufzuschließen, so sehr zitterte seine Hand.

Mama und Papa saßen am Küchentisch, zwei Polizisten ihnen gegenüber.

„Ist Finchen wieder da? Ist ihr was passiert?“

Mama, Papa und die Polizisten sahen überrascht auf. Einer der Polizisten hatte sich als erster wieder gefangen.

„Du bist Oskar, richtig?“

Oskar nickte.

„Wir haben gerade schon mit deinen Eltern gesprochen. Glaubst du, dass deine Schwester weggelaufen sein könnte? Hatte sie vor irgendetwas Angst?“

„Nein“, sagte Oskar bestimmt.

„Oder hat es Streit gegeben?“

Oskar zögerte. Sollte er den Polizisten wirklich davon erzählen? Mama und Papa würden wahrscheinlich ziemlich sauer sein, und obendrein würde er Finchens Überraschung versauen. Aber wenn es half, Finchen zu finden …?

„Ja“, sagte er langsam. „Aber das war schon vor zwei Tagen.“

„Worum ging es in eurem Streit?“

Verdammt, von Weihnachten konnte er den Polizisten doch gar nichts erzählen. Sie würden ihn doch genauso wenig hören können, wie Mama und Papa.

„Um etwas, das sie gebastelt hatte. Ich fand das blöd und dann war sie beleidigt“, erfand Oskar eine Ausrede und schämte sich sogleich seiner Lüge. Er wollte doch, dass die Polizisten Finchen finden konnten. Aber sie hatten doch keine Ahnung.

„Oskar“, sagte Mama vorwurfsvoll.

„Hm, ich glaube nicht, dass Finchen deswegen verschwunden ist“, sagte Papa.

„Vermutlich nicht“, fügte einer der Polizisten seufzend hinzu. „Haben Sie denn keine Ahnung, wo sie hingegangen sein könnte? Oder du, Oskar?“ 

Oskar schwieg, Mama und Papa zuckten hilflos die Schultern. Die Polizisten versuchten sie zu beruhigen. „Jetzt machen Sie sich mal nicht so große Sorgen. Die meisten Kinder, tauchen innerhalb von 24 Stunden wieder auf. Josefine kommt bestimmt bald zurück.“