15. Dezember

 

Nach dem gemütlichen Samstag hätte Deborah am liebsten auch noch den ganzen Sonntag mit Max und Anna verbracht. Doch am späten Vormittag rief wieder die Arbeit. In der Elisabeth-Kirche sollte nach der Sonntagsmesse eine Gebetsstunde für die beiden Vermissten stattfinden, und da Deborah und Tillman nun schon Kontakte zu der Gemeinde geknüpft hatten, war Lorenz Scherers Auftrag an die beiden gegangen, an dieser Gebetsstunde teilzunehmen.

 Schon seltsam, dachte Deborah, als sie hinter ihrem Kollegen die Kirche betrat, in den letzten zwei Wochen war sie öfter mit Tillman in der Kirche gewesen als mit Max in den vergangenen Monaten. Für ihr Seelenheil machte das vermutlich keinen Unterschied. Es sei denn, Gott zählte ab, ob man aus freien Stücken oder gezwungenermaßen dienstlich den Gottesdienst besuchte. Aber vielleicht war es letztlich auch egal. Sie hatte ihren Glauben schon vor Jahren verloren und nur Max zuliebe hatte sie Anna taufen lassen und ging hin und wieder mit zur Kirche. Und wenn Gott wirklich so gütig und gnädig war, wie immer alle behaupteten, dann freute er sich jetzt bestimmt, dass sie hier war.

 Trotzdem fühlte es sich falsch an, dass sie diese Erfahrung mit Tillman teilte statt mit Max.

 „Ganz schön voll“, raunte Tillman ihr zu und riss sie damit aus ihren Gedanken. Er hatte recht. Zwar war die Kirche während der Messe in der vorigen Woche auch nicht unbedingt leer gewesen, aber zu dieser Gebetsstunde waren die Bänke eng besetzt. Ob die Leute nur aus Neugier gekommen waren? Oder war die Solidarität innerhalb der Gemeinde wirklich so groß, dass es allen ein Bedürfnis war, gemeinsam für Magdalena und Anton Löbig zu beten? Das konnte wohl nur Gott wissen.

 Deborah ließ ihren Blick schweifen. Im Altarraum hatte sich eine kleine Musikgruppe aufgebaut. Eine Frau mit Gitarre, ein Mädchen mit Flöte, ein Junge am Keyboard und ein Mann mit Geige saßen dort und schauten zwischen ihren Noten und der Gemeinde hin und her.

 „Guter Gott, wir haben uns versammelt, um für zwei Menschen zu beten, die seit Tagen verschwunden sind.“

 Deborah zuckte zusammen, als die Stimme erklang. Sie hatte erwartet, dass der Pfarrer wie auch zum Gottesdienst offiziell einziehen würde. Nun saß er offenbar mit Mikro irgendwo in einer der vorderen Bankreihen und sprach.

 „Es fällt uns schwer zu begreifen, was gerade geschieht. Nun ist nicht nur Magdalena verschwunden, sondern auch der Dachdecker Herr Löbig. Sei du uns allen in dieser schwierigen Zeit nahe.“

 Die Stimme des Pfarrers verklang und die Musiker nahmen ihre Instrumente auf. Sie spielten eine ruhige, getragene Melodie und schließlich stimmten sie einen Gesang an, in den die Gemeinde rasch mit einfiel.

 „Im Dunkel unser‘ Nacht entzünde das Feuer, das nie mehr erlischt, das niemals mehr erlischt.“

 Mehr Text gab es nicht, wie Deborah verwundert feststellte. Stattdessen wurde diese Zeile immer und immer wieder wiederholt. Die Melodie war schön. Irgendwann sang Deborah mit.

 Als das Lied schließlich verklang, fühlte Deborah sich etwas benommen. So sehr hatte sie sich in der Musik fallen lassen.

 Jemand übernahm das Mikrofon vom Pfarrer und las einen Bibeltext vor. Deborah bekam den Anfang nicht mit, so sehr war sie noch in der Musik gefangen. Erst nach einer Weile drangen die Worte zu ihr vor. Es ging um einen Mann namens Hiob, der alles verloren hatte, und nun Gott sein Leid klagte.

 „Allmächtiger, ewiger Gott. Wir können deine Wege nicht verstehen und sehen keinen Sinn in dem, was passiert. Hilf uns, trotzdem nicht zu verzagen und unsere Hoffnung nicht zu verlieren. Lass uns weiter auf deine Güte vertrauen.“

 Ein weiteres Lied wurde gespielt. Diesmal verstand Deborah den Text nicht, obwohl auch dieses Lied nur aus wenigen Zeilen zu bestehen schien, die wiederholt wurden. Irgendwann begriff sie, dass es wohl ein spanischer Text sein musste, doch die Worte konnte sie nicht unterscheiden. Kurz überlegte sie, Tillman zu fragen, doch auch ihr Kollege sang nicht mit.

 Nach dem Lied verging einige Zeit, bis wieder jemand das Mikro ergriff und aus dem Markusevangelium vorlas. Diesmal war Deborah der Text nicht unbekannt. Es ging um Jesus, der kurz vor seiner Verhaftung betete und seine Jünger bat, mit ihm zu wachen. Wurde die nicht eigentlich sonst vor Ostern vorgelesen? Erst im anschließenden Gebet, das mit dem Gesang „Bleibet hier und wachet mit mir“ unterbrochen wurde, erkannte Deborah den Zusammenhang. So wie Jesus im Garten Gethsemane vertrauten auch die Gemeindemitglieder sich ganz Gottes Gnade an.

 Ob sich ihr Vertrauen lohnte? Deborah wusste es nicht. Sie verließ sich lieber auf ihr Können und ihre Kollegen. Sie würden Magdalena und Anton Löbig schon finden. Mehr aus Höflichkeit betete sie das sich anschließende Vaterunser mit. Doch schon in der vierten Zeile stockte sie. Dein Wille geschehe. Das konnte ja alles bedeuten! Und wenn es nun Gottes Wille sein sollte, dass Magdalena nicht mehr lebte? Hieß das nicht, dass man als Christ alles mit sich machen lassen musste? Waren die Leute hier dann nicht alle nur Marionetten, die sich in das Schicksal fügen mussten, das ihnen vorbestimmt war?

 Noch ehe sie mit ihren Überlegungen weiterkommen konnte, war das Gebet beendet und sie erinnerte sich, warum sie eigentlich hier war. Sie sollte keine theologischen Überlegungen anstellen, sondern ermitteln. Es war ihre Aufgabe für die beiden Vermissten das Schlimmste zu verhindern. Sie musste sich konzentrieren!

 Die Gemeinde verfiel in Schweigen. Deborah sah einige, die niederknieten und ihr Gesicht hinter gefalteten Händen beugten. Andere blieben sitzen, senkten aber die Köpfe. Eine drückende Stille legte sich über die Reihen. Kein Husten, kein Schnäuzen, nicht mal ein Räuspern erklang. Als ob sie alle zu Stein geworden wären.

 Als der Pfarrer schließlich wieder sprach, war es fast, als würde er schreien. So ruhig war es zuvor gewesen.

 „Sie sind eingeladen, noch weiter zu verweilen und in aller Stille zu beten oder eine Kerze anzuzünden.“

 Sobald einige aufstanden und die Kirche verließen, sprang auch Deborah auf und strebte dem Ausgang zu. Endlich wieder Bewegung. Endlich nicht mehr nur still herumsitzen und auf ein Wunder hoffen. Tillman blieb noch in der Bank sitzen.

 „Ich beobachte noch ein bisschen“, flüsterte er ihr zu.

 Draußen vor der Kirche atmete Deborah erst einmal tief durch. Die kühle Luft tat gut und machte sie nach der Stille und dem fast einschläfernden Wiederholungsgesang wieder wach. Sie lehnte sich an die Kirchenwand und beobachtete die Gemeindemitglieder, die vor dem Portal beieinander stehen blieben.

 „ … wirklich furchtbar. Ihre Eltern sehen aus wie der Tod“, hörte Deborah eine Frau sagen.

 "Das kann man sich gar nicht vorstellen, was die beiden gerade durchmachen“, meinte eine andere.

 „Ist ja auch ein ziemlicher Hammer. Erst ist Magdalena verschwunden – und jetzt stellt sich auch noch heraus, dass sie schwanger ist. Mit 16!“, fügte ein Mann hinzu.

 Deborah ging ein paar Schritte auf die Gruppe zu.

 „Ja, ausgerechnet Magdalena. Das hätte ich von ihr ja am allerwenigsten erwartet!“

 „Vielleicht war es ja ein Unfall?“

 „Oder Rebellion. Vielleicht ist ihr das Elternhaus doch zu eng“, mutmaßte jemand.

 Deborah kniff die Lippen zusammen. Wie schnell die Besinnlichkeit in der Kirche dem Lästern gewichen war. Die, die eben noch gebetet hatten, standen hier und zerrissen sich das Maul über die Schwangerschaft eines jungen Mädchens. Gab es denn nichts Wichtigeres?

 „Jetzt haltet mal den Ball flach“, sagte die Frau, die von Magdalenas Eltern gesprochen hatte. „Das ist vielleicht nicht geplant gewesen und wird auch nicht leicht, wenn Magdalena ein Kind bekommt. Aber viel wichtiger ist doch, dass es ihr gut geht und sie bald wohlbehalten wieder zurückkommt!“

 „Ja … Schon …“, sagte einer. „Aber das hätte doch wirklich nicht sein müssen …“

 Das konnte sie sich nicht länger anhören. Ein Mädchen so zu verurteilen! Deborah atmete tief durch, schluckte ihren Ärger so gut wie möglich hinunter und trat auf die Gruppe zu. Vielleicht hatten sie ja auch etwas Konstruktives beizutragen.

 

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