15. Dezember

Als es an der Tür klingelte, fuhr Oskar erschrocken hoch. Er war tatsächlich eingeschlafen. Dabei war er sich so sicher gewesen, dass er keinen Schlaf finden würde, solange Finchen verschwunden war. Zwar war er müde gewesen, doch als Mama irgendwann gesagt hatte, er solle sich ins Bett legen, hatte er dennoch protestiert.

Aus dem Flur hörte er eilige Schritte. Oskar sprang aus dem Bett und lief zur Zimmertür, die einen spaltbreit offen stand. Mama und Papa hatten offenbar die ganze Nacht in der Küche gesessen. Mamas Zopf hatte sich halb aus dem Haarband gelöst und Papas Haar stand in alle Richtungen vom Kopf ab. Oskar blinzelte gegen das Licht. Wie spät war es nun eigentlich? Er sah sich nach seinem Wecker um, doch im Zimmer war es zu dunkel, um das Ziffernblatt zu erkennen. Egal, viel wichtiger als die Uhrzeit war, wer geklingelt hatte. Der Türsummer ging und kurz darauf stieß Mama einen erstickten Schrei aus.

„Finchen!“

Oskar konnte den Stein, der ihm vom Herzen fiel, buchstäblich hören. Finchen war wirklich wieder zurück. Die Polizisten hatten recht gehabt.

Wenige Sekunden trat Finchen in den Flur, gefolgt von einer Frau mit kurzen grauen Haaren.

Mama schloss Finchen in die Arme und drückte sie fest an sich. „Wo warst du denn so lange?“

Finchen murmelte etwas  vor sich hin, schien aber zu müde, um noch deutlich reden zu können.

„Frau Lewin?“, fragte Papa und sah die Frau mit den grauen Haaren ungläubig an. „War Finchen etwa bei Ihnen?“

Frau Lewin nickte. „Ich habe sie gerade im Zimmer Ihrer Mutter entdeckt, wie sie mit ihr redete und wie wild gebastelt hat.“

Ein erleichtertes Lachen stieg in Oskar auf und bei dem Versuch, es zu unterdrücken, musste er husten. Mama und Papa sahen überrascht zu ihm herüber.

„Das gibt’s doch nicht“, sagte Papa.

„Ist das wahr, Finchen?“, fragte Mama.

Finchen nickte.

„Ich kam heute erst zur Nachtschicht“, schaltete Frau Lewin sich nun wieder ein. „Bei der Übergabe erzählte meine Kollegin mir, dass Finchen schon den ganzen Tag bei uns im Altenheim gewesen sei und mit den Senioren gebastelt und gesungen habe.“

Oskar konnte sich nun ein Grinsen nicht mehr verkneifen. Das war doch zu typisch für seine Schwester. Wenn sie sich einmal etwas in den Kopf gesetzt hatte, setzte sie das auch mit allen Mitteln durch. Dass Finchen bei Oma im Altenheim ihre Weihnachtsrettungsaktion starten würde, hätte ihm eigentlich auch einfallen können, dachte Oskar nun. Immerhin hatte Oma ja für sie beide ein offenes Ohr gehabt, als sie ihr von Weihnachten erzählt hatten.

Mama und Papa schienen jedoch nichts zu verstehen. Fassungslos sahen sie zwischen Finchen und Frau Lewin hin und her.

„Gebastelt?“, fragte Mama.

„Gesungen?“, fügte Papa hinzu.

„Wussten Sie nichts davon?“, sagte Frau Lewin nun ebenfalls überrascht. „Das war doch ein Schulprojekt, hat Finchen erzählt. Die Kinder wollten in sozialen Einrichtungen die Bewohner kennenlernen und etwas mit ihnen unternehmen.“

Was war Finchen nur für ein Fuchs, schoss es Oskar durch den Kopf. Ein Schulprojekt zu erfinden, war doch die glaubwürdigste Sache der Welt, um ungestört einen Tag mit den Senioren verbringen zu können. Mama und Papa schienen so etwas Ähnliches zu denken, aber sie klärten Frau Lewin nicht darüber auf, dass es dieses Projekt überhaupt nicht gab.

„Josefine hat mit unseren Bewohnern unendlich viele Sterne gebastelt. Alle Tische in der Cafeteria sind voll davon …“

„Was hast du nur mit all diesen Sternen vor?“, wollte Mama wissen.

Wieder murmelte Finchen etwas, doch das, was aus ihrem Mund kam, war noch unverständlicher als das zuvor.

„Na, du gehst jetzt wohl besser ins Bett“, sagte Frau Lewin. „Und ich muss auch zurück zu meiner Schicht.“

Papa bedankte sich bei ihr und Mama führte Finchen in ihr Zimmer.

„So, ich rufe noch rasch bei der Polizei an und gebe Entwarnung“, sagte Papa, nachdem er hinter Frau Lewin die Tür geschlossen hatte. „Und dann gehen wir alle noch einmal ausgiebig schlafen.“

Oskar nickte und trottete zurück in sein Zimmer. Aber nun konnte er nicht mehr so leicht einschlafen. Er war so froh, dass Finchen wieder da war, dass sie nicht wie der 24. Dezember verschwunden war. Oskar war sogar ein bisschen stolz auf seine kleine Schwester. Sie hatte ihren Traum von Weihnachten nicht aufgegeben. Das würde er ihr sagen, wenn sie ausgeschlafen hatten. Und er würde ihr versprechen, dass er ihr wieder helfen würde, Weihnachten zu retten.

Doch so glücklich Mama und Papa auch über Finchens Rückkehr waren, eine Standpauke musste sie sich nach dem späten Frühstück dennoch anhören.

„Du kannst doch nicht einfach so weglaufen“, sagte Mama vorwurfsvoll.

„Du hättest doch wenigstens einen Zettel schreiben können, dass du bei Oma bist“, sagte Papa.

„Hab ich vergessen“, antwortete Finchen mit gesenktem Kopf. „Tut mir leid.“

„Aber jetzt sag mal, was hattest du denn mit all den Sternen vor, die du mit Oma und den anderen gebastelt hast?“, wollte Papa wissen.

Und nun sprudelte es nur so aus Finchen heraus. Oskar hörte gespannt zu und auch Mama und Papa lauschten aufmerksam, wobei Oskar nicht sicher war, wie viel sie tatsächlich vom Inhalt mitbekamen.

„Ich wollte mit den alten Leuten basteln, weil sie sich immer freuen, wenn jemand etwas mit ihnen unternimmt. Die Pflegerinnen haben sich auch sehr über meine Hilfe gefreut. Mit den Sternen wollen wir die Stadt dekorieren, damit es weihnachtlicher aussieht. Es ist ja schon in einer Woche soweit und bislang sieht man noch gar nicht, dass Weihnachten vor der Tür steht.“

„Naja, noch steht ja gar nicht fest, ob der 24. Dezember wiederkehrt“, gab Oskar zu bedenken. „Aber die Idee ist trotzdem klasse“, fügte er hastig hinzu.

„Oma hat auf jeden Fall schon versprochen zu helfen. Wir wollen heute Nachmittag gemeinsam die Sterne aufhängen“, verkündete Finchen.

„Ihr habt wirklich bis heute Nacht um elf gebastelt?“, fragte Mama dazwischen.

„Ja, und ich habe Oma die Weihnachtsgeschichte erzählt“, sagte Finchen. „Die fand Oma besonders toll und ich musste sie ihr immer wieder erzählen.“

„Hat sie wieder von Maria erzählt?“, fragte Oskar.

„Nur einmal“, entgegnete Finchen. „Aber weißt du, was das beste ist? Oma findet, dass wir unbedingt ein Krippenspiel aufführen sollen. Sie liebt Theater, hat sie gesagt, und die Geschichte von Maria und Josef muss aufgeführt werden, hat sie gesagt.“

Oskar konnte seine Schwester nur perplex anstarren. Wie hatte sie an nur einem Tag so viel für Weihnachten tun können? Sie hatte Oma und die anderen Senioren glücklich gemacht, Sterne gebastelt und Oma nun auch noch vom Krippenspiel erzählt – und Oma schien verstanden zu haben, worum es ging.

 

„Das grenzt ja schon fast an ein Weihnachtswunder“, sagte er.