16. Dezember

 

 Kalter Nebel hing über der Wiese. Noch war es viel zu dunkel, um den Nebel mit bloßem Auge erkennen zu können. Aber Thorsten Düber konnte ihn riechen, als er die Tür seines kleinen Bauwagens öffnete. Er griff nach der großen Taschenlampe, die neben der Tür lag und das Licht der Glühlampe durchbrach die grauen Schwaden, die über die Felder waberten. Thorsten Düber wusste, dass sich der Nebel spätestens mit der Dämmerung verziehen würde. Eigentlich schade. Er mochte es, wenn Nebel über den Feldern lag und die Welt einhüllte. Es verlieh der Gegend eine mystische Stimmung, machte alles ruhig. Aber seine Arbeit war ohne Nebel natürlich um einiges leichter.

 Thorsten Düber ließ den Lichtkegel über die Weide wandern. Durch den Nebel hatte er die Weide, auf die er seine Herde vor zwei Tagen geführt hatte, nicht vollständig im Blick. Aber sein Hund hatte das Licht sofort bemerkt und kam auf den Zaun zugelaufen. Thorsten Düber nahm die zwei Stufen vor dem Wagen und ging auf das Tier zu, das hechelnd am Zaun stand.

 „Guten Morgen, Goethe. Hast du wieder gut aufgepasst heute Nacht!“

 Es war keine Frage, sondern eine Feststellung. Goethe war ein absolut verlässlicher Hütehund. Wenn es auch nur den Hauch einer Gefahr oder eine Auffälligkeit gegeben hätte, hätte er sofort angeschlagen. Thorsten Düber steckte ihm ein Stück Trockenfleisch zu, das der Schäferhund hastig hinunterschlang. Er ließ den Lichtkegel der Taschenlampe über das Feld wandern. Weit reichte das Licht durch den Nebel nicht, aber bis zur Baumgrenze konnte Thorsten Düber gerade so sehen. Dort war alles ruhig. Die Herde hatte sich im Schatten der Bäume zusammengedrängt. Kein Schaf rührte sich. Auch Schiller, der Collie, lag ausgestreckt daneben. Ein friedliches Bild. Thorsten Düber sog den Anblick in sich auf. Momente wie dieser waren unbezahlbar. Eng aneinander gekuschelte Schafe, ein bisschen Nebel und kühle, frische Morgenluft. Kein Künstler der Welt hätte diese Stimmung besser festhalten können. Thorsten Düber genoss den Moment noch einen kurzen Moment, dann kehrte er in den Schäferwagen zurück. Sobald es heller wurde, musste er den Zaun abbauen und sich anschließend mit der Herde wieder auf den Weg machen. Der heutige Tag brachte eine Menge Arbeit. Aber jetzt war es erstmal Zeit für einen heißen Kaffee.

 Der Zaun war abgebaut und gut verstaut. Der Schäfer schaute über die Weide und sah seine Tiere friedlich nach saftigen Gräsern und Trieben suchen. Ein paar Minuten wollte er ihnen noch geben, dann mussten sie los. Gut zwei Stunden würde die Wanderung zur nächsten Weide dauern. Goethe und Schiller saßen mit gespitzten Ohren neben ihm und hatten die Herde mindestens so gut im Blick wie er selbst. Der Nebel hatte sich, so wie er vermutet hatte, verzogen, sodass der Blick über die Wiesen und Bäume frei war.

 Gerade wollte Thorsten Düber seinen Hunden das Zeichen zum Zusammentreiben der Herde geben, als er am Rand der Baumschonung eine Bewegung registrierte. Eines der Lämmer entfernte sich von der Gruppe und stakste auf der Suche nach Futter vorwitzig zwischen die Bäume. Es schien keine Angst zu haben, sah sich nicht nach seiner Mutter um. Der Schäfer seufzte. Er kannte seine Schafe genaue und wusste; dieses junge Tier musste er genau im Blick behalten. Es war schon häufiger mutig davon gelaufen. Wenn es sich auf der Weide von den anderen Schafen entfernte, war es erst einmal unproblematisch. Aber jetzt, wo er eigentlich die Herde beisammen haben wollte, war der Ausflug eines einzelnen Tieres unpassend.

 Thorsten Düber hieß die Hunde auf die Herde aufpassen und lief dem kleinen Ausreißer hinterher. Es waren gut hundert Meter, die er überwinden musste. Kein allzu großer Abstand, aber für das Lamm bot er dennoch genug Zeit, um sich ein paar Meter in das Wäldchen vorzuwagen. Der Schäfer entdeckte das Lamm am Stamm einer Buche knabbernd. Vorsichtig näherte er sich dem Tier. Wenn er es jetzt erschreckte, lief es womöglich noch tiefer zwischen die Bäume. Es fehlten nur noch zwei Schritte. Es knackte. Das Lamm spitzte die Ohren und hielt im Fressen inne. Auch Thorsten Düber verharrte in seiner Bewegung. War er auf ein Stück Holz getreten? Oder war dort im Gebüsch irgendein Tier? Ein Vogel vielleicht? Egal, er musste das Lamm jetzt einfangen. Der Schäfer machte einen beherzten Schritt auf sein Schaf zu, schlang die Arme um seine Beine und hob es auf.

 „Und wenn ein Hirte 100 Schafe hat und eines geht im verloren, wird er dann nicht die 99 zurücklassen, um das eine Schaf zu suchen?“

 Thorsten Düber gefror das Blut in den Adern. Woher kam plötzlich diese Stimme? Langsam drehte er sich, mit dem Schaf auf dem Arm, um. Er erkannte einen großen Schatten, nahm eine rasche Bewegung aus den Augenwinkeln war. Ein harter Schlag auf seine Schläfe. Seine Beine gaben unter ihm nach.

 Dass das Lamm erschrocken blökte und eilig davonsprang, bekam er nicht mehr mit.

 

 Deborah saß an ihrem Schreibtisch und ging noch einmal Stück für Stück das Vernehmungsprotokoll durch. Das Ehepaar, das sie am Samstag auf dem Weihnachtsmarkt getroffen hatte, war tatsächlich ins Präsidium gekommen und die Frau hatte ihre Aussage wiederholt.

 Leider ließ sich aus der Aussage nicht so viel ziehen, wie Deborah und ihre Kollegen gehofft hatten. Frau Bebel hatte nicht beschwören wollen, dass es wirklich Magdalena gewesen war, die sie am ersten Advent an der Bushaltestelle gesehen hatte.

 „Aber es kommt schon hin“, hatte sie mit erneutem Blick auf das Foto gemeint.

 Wenn es also wirklich Magdalena gewesen war, mussten sie noch einmal an die Busgesellschaften herantreten und konkret herausfinden, wer zum fraglichen Zeitpunkt Dienst gehabt hatte. Vielleicht konnte sich ein Busfahrer oder eine Busfahrerin ja daran erinnern, Magdalena mitgenommen zu haben. Aber Deborah hatte keine große Hoffnung, dass das zum Erfolg führen würde. Selbst wenn die Busse sonntags für gewöhnlich nicht so voll waren wie morgens um sieben … wie groß war die Wahrscheinlichkeit, dass ein Busfahrer sich eine Person, die ein- und wieder ausstieg genau ansah und einprägte? Da musste schon etwas besonders auffällig sein. Aber laut jetzigem Ermittlungsstand deutete nichts auf eine Besonderheit hin. Zumindest nicht, was den Tag von Magdalenas Verschwinden betraf. Alles andere war mehr als merkwürdig.

 Wenn Magdalena überdies nur zufällig an der Bushaltestelle gestanden hatte, wäre die Befragung in den Busgesellschaften trotzdem für die Katz. Aber es half nichts, sie mussten jeder Spur nachgehen, und wenn sie noch so klein war.

 Deborah suchte im Internet den Fahrplan des Stadtverkehrs und der angrenzenden Städte heraus. Welchen Bus konnte Magdalena möglicherweise genommen haben, wenn sie um halb fünf in der Nachbarstadt an der besagten Bushaltestelle gewesen war? Nach ein paar Klicks hatte sie die gesuchten Buslinien gefunden. Als sie in einem neuen Fenster die Kontaktdaten der Busgesellschaft heraussuchte, wurden ihr aktuelle Nachrichten angezeigt.

 Im Landkreis war es zu einem Verkehrsunfall gekommen. Ein Autofahrer hatte versucht einer unbeaufsichtigten Schafherde auszuweichen und war mit seinem Wagen von der Fahrbahn abgekommen. Die örtlichen Polizisten waren offenbar seit einer Stunde dabei, die panischen Tiere zusammenzutreiben und einzufangen.

 Deborah schüttelte den Kopf. Die Kollegen beneidete sie nicht. Schafe einzufangen war sicher keine leichte Aufgabe. Sie tippte ihre Suchanfrage ein und wählte kurz darauf eine Telefonnummer.

 

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