16. Dezember

Zum ersten Mal in diesem Advent kam am Frühstückstisch richtig Weihnachtsstimmung auf. Mama und Papa sahen glücklich drein, weil Finchen wieder da war und hoch und heilig versprochen hatte, sich zukünftig immer abzumelden, wenn sie länger weg bleiben wollte. Gerührt sahen sie zu, als Oskar die dritte Kerze anzündete.

„Kinder, ich versteh ja immer noch nicht so richtig, was das mit den Kerzen und den Sternen soll“, sagte Papa, „aber es ist richtig schön. Es fühlt sich an, als käme bald etwas ganz Besonderes auf uns zu.“

Finchen nickte eifrig. „Ganz bestimmt, Papa. Es wird sehr besonders werden“, versprach sie und zwinkerte Oskar heimlich zu.

Sie war glücklich, denn in seiner Freude darüber, dass sie wieder da war, hatte Oskar gestern versprochen, ihr wieder bei den Weihnachtsvorbereitungen zu helfen. Piet wäre sicher auch wieder dabei, wenn er ihm am Montag in der Schule erzählen würde, was Finchen im Altenheim alles erreicht hatte. Aber heute hatten sie erst noch etwas anderes geplant.

Bestärkt durch Omas Begeisterung für ein Krippenspiel, hatte Finchen neuen Mut geschöpft.

„Wir üben einfach trotzdem ein Krippenspiel ein“, sagte Finchen. „Nur weil der Pfarrer vergessen hat, dass er das mit uns vorhatte, müssen wir ja nicht darauf verzichten. Und irgendetwas müssen wir ja machen, wenn wir die Erwachsenen zum Weihnachtsgottesdienst einladen.“

Die Idee fand Oskar gut und hoffte, sie könnten die anderen Kinder ebenfalls von ihrer Idee überzeugen. Allzu viele Kinder waren jedoch heute nicht in der Kirche. Nur Max, Johanna und die Drillinge Tom, Julia und Sarah konnte Oskar von seinem Platz aus entdecken.

„Das wird aber ein sehr kleines Krippenspiel“, flüsterte er Finchen während der Predigt zu.

Finchen sah ihn geheimnisvoll an. „Vielleicht …“, säuselte sie leise.

Nach dem Gottesdienst winkte sie die anderen Kinder zu sich heran.

„Wir haben eine Idee“, sagte sie. „Wir wollen am 24. trotzdem ein Krippenspiel aufführen für die Erwachsenen.“

„Aber den 24. gibt’s doch gar nicht mehr“, warf Johanna mutlos ein.

„Ich hoffe, dass er doch noch wiederkommt“, entgegnete Finchen. „Ansonsten feiern wir halt am 25. Weihnachten.“

„Seid ihr dabei und macht mit?“, fragte Oskar.

Die anderen Kinder sahen sich an und nickten schließlich zustimmend. Finchen jubelte. Sie hatte es gewusst. Alle hatten sich schließlich auf das Krippenspiel gefreut und waren enttäuscht gewesen, als der Pfarrer sie nur verständnislos angesehen hatte.

In einer Ecke des Kirchplatzes rückten sie nun alle etwas enger aneinander und diskutierten angeregt.

„Wir sind ja nicht so besonders viele, aber die wichtigsten Rollen bekommen wir schon verteilt“, sagte Oskar.

„Wir brauchen  Maria und Josef, einen Verkündigungsengel und Hirten und einen Herbergsvater, der Maria und Josef wegschickt“, zählte Finchen auf.

„Und was ist mit den Heiligen drei Königen?“, fragte Max.

„Die kommen doch eh erst im Januar“, meinte Oskar.

„Ja, lieber mehr Hirten und Engel“, stimmte Johanna ihm zu.

„Ich will Maria sein!“, rief Julia.

Finchen und Sarah machten beide ein enttäuschtes Gesicht.

„Ich wollte aber schon beim ersten Treffen Maria sein“, sagte Finchen. „Außerdem war es meine Idee mit dem Krippenspiel.“

„Aber ich möchte auch Maria sein“, sagte Sarah.

Oskar verdrehte die Augen. „Ihr könnt aber nicht alle Maria sein. Wir losen einfach aus, wer welche Rolle bekommt“, schlug er vor.

„Och nö, das ist blöd“, maulte Julia. „Dann muss man irgendwas Blödes machen …“

„Na gut“, lenkte Finchen ein. „Aber nur, wenn alle Rollen ausgelost werden!“

Max sah sie entsetzt an. „Was? Und wenn ich Pech habe, muss ich die Maria spielen?“ No way!“

„Vielleicht hast du ja Glück und darfst Verkündungsengel sein“, spöttelte Oskar und zog einen Stift aus seiner Jackentasche.

Sie hockten sich im Kreis zusammen und ließen den Stift auf dem Boden kreisen.

„Erste Rolle; Maria. Auf wen die Spitzstifte zeigt, bekommt die Rolle.“

Sarah jubelte, als der Stift ganz eindeutig auf sie zeigte. Finchen und Julia schmollten einen Augenblick, während Max sehr erleichtert aussah und sich freute, als er die Rolle des Josef bekam.

„Als nächstes losen wir den Verkündigungsengel aus“, sagte Finchen eifrig und drehte en Stift. Ein Grinsen breitete sich auf ihrem Gesicht aus.

„Oskar!“

Oskar schüttelte den Kopf. „Niemals“, sagte er.

„Oh doch“, bestimmte Finchen. „Du warst auch für losen.“

Oskar lag schon ein „Aber“ auf den Lippen, konnte allerdings nicht wirklich gegen seine Schwester argumentieren. „Na gut“, sagte er. Spielschulden waren Ehrenschulden.

Julia wurde schließlich zum Herbergsvater auserkoren, Tom und Finchen wurden Hirten und Johanna sollte Oskar als Engel Gesellschaft leisten.    

„Ein bisschen mickrig wird das ja auf dem Feld sein“, sagte Johanna. „Zu zweit sind wir ja kein Engelschor, sondern höchsten ein Engelduett.“

Über Finchens Gesicht huschte ein verschmitztes Lächeln. „Lasst das meine Sorge sein. Wir werden schon noch ein paar mehr Engel bekommen“, sagte sie.

Sie bestimmten, sich am Dienstag zur ersten Probe zu treffen und wollten sich gerade trennen, als Sarah rief: „Halt, was ist mit Kostümen und Kulisse?“

„Können wir nicht einfach die Kirchenkrippe aufbauen?“, überlegte Tom.

Oskar schüttelte den Kopf. „Die Krippe ist weg“, berichtete er. „Ich hab mit dem Pfarrer schon nachgesehen.“

„Dann müssen wir uns halt was basteln“, sagte Finchen.

„Ich kann meine Puppenwiege als Krippe mitbringen“, schlug Sarah vor.

„Und wir haben ganz viele Stoffschafe zuhause“, fügte Julia hinzu.

„Ich versuch mal, einen Ochsen und einen Esel aus Pappe auszuschneiden“, sagte Max.

„Perfekt. Das wird das tollste Krippenspiel, das wir je hatten“, jubilierte Finchen.

Nach diesem erfolgreichen Treffen hätte Finchen nicht geglaubt, dass der Tag noch besser werden könnte. Sie würden ein Krippenspiel aufführen und es damit ganz wunderbar weihnachtlich werden lassen. Das war mehr, als sie zu hoffen gewagt hatte.

Aber es kam noch besser. Mama und Papa schlugen vor, einen Nachmittagsspaziergang in die Stadt auf den Wintermarkt zu unternehmen.

Während Twist aufgeregt voraus lief und im schneeüberzogenen Unterholz herumschnüffelte, gingen Mama, Papa, Oskar und Finchen Hand in Hand durch den Park auf die Stadt zu.

Am Stadttor leuchteten ihnen die ersten Sterne entgegen, die Finchen gestern noch mit Oma, ein paar anderen Senioren und Frau Lewin aufgehangen hatte.

„Ist das schön“, sagte Mama. „Das sieht richtig einladend und gemütlich aus!“

Sie nahm Finchen in den Arm. „Das habt ihr toll gemacht.“

Papa lud sie auf dem Markt zu Crêpe und Punsch ein und als Mama auch noch eine große Tüte gebrannter Mandeln kaufte und wieder ein paar Schneeflocken vom Himmel fielen, war das Glück perfekt.

Es war fast schon so wie früher, dachte Oskar. Seinetwegen hätte auch heute schon Weihnachten sein können.