17. Dezember

 

 Zum ersten Mal seit Wochen schaffte es Deborah an diesem Morgen die Zeitung zu lesen. Nicht nur wenige Überschriften, sondern ganze Artikel. Anna saß ihr gegenüber am Küchentisch und aß in aller Seelenruhe ihr Müsli. Deborah lächelte verschmitzt, während sie den Artikel über den Streik der Erzieher las. Wenn die wüssten, dass sie ihr damit eigentlich einen großen Gefallen und endlich einmal wieder einen ruhigen Morgen mit ihrer Tochter bescherten …

 Annas Unterricht begann heute erst zur dritten Stunde und da der Hort wegen des Streiks geschlossen blieb, hatte Deborah sich für die ersten Stunden auf der Arbeit freigenommen. Wenn es nach ihr ginge, durften die Erzieher ruhig noch einen oder zwei Tage länger streiken.

 „Mama, können wir gleich die Krippe aufbauen?“

 Deborah ließ ihre Zeitung sinken und sah Anna erstaunt an. „Heute schon? Es ist doch noch eine Woche bis Weihnachten!“

 „Na und? In der Stadt steht sie auch schon auf dem Weihnachtsmarkt. Außerdem haben wir jetzt gerade Zeit“, sagte Anna.

 Totschlagargument. Darauf wusste Deborah nichts zu erwidern. Sie nickte ergeben. „Also gut!“

 „Juhu!“ Anna sprang von ihrem Stuhl auf, ließ die letzte Pfütze Milch in der Müslischale zurück und flitzte in den Keller. Deborah hatte kaum die Zeitung zusammengelegt und die Frühstücksutensilien weggeräumt, als ihre Tochter schon wieder in der Küche stand, einen großen Schuhkarton in ihren Händen. Ungeduldig tänzelte sie von einem Bein auf das andere.

 „Kommst du, Mama?“

 „Ja, lass mich doch wenigstens schnell die Butter in den Kühlschrank stellen. Du kannst ja im Wohnzimmer schon einmal die Fensterbank frei räumen.“

 Anna verschwand eiligst.

 „Aber pass mit den Blumentöpfen auf!“, rief Deborah ihr noch hinterher. Schnell räumte sie den Rest vom Frühstück auf und folgte ihrer Tochter ins Wohnzimmer. Anna hatte das Radio angestellt und summte einen Weihnachtsklassiker der Popgeschichte mit, während sie vorsichtig einen Blumentopf mit Orchidee von der Fensterbank hob.

 Deborah wischte mit dem Lappen einmal darüber und öffnete den Wohnzimmerschrank, um die moosgrüne Unterlage hervorzuholen, auf der sie die Krippe immer aufbauten. Kaum lag das Tuch auf der Fensterbank, machte Anna sich daran den kleinen Stall aus Holzbrettern zusammenzusetzen. Deborah nahm die Krippenfiguren aus dem Karton.

 „8:30 Uhr. Die Nachrichten …“, klang es aus dem Radio. „Im Bundestag …“

 Polternd fiel der Stall in sich zusammen.

 „Menno!“, rief Anna. „Das hält nicht.“

 Deborah sprang auf. „Warte, ich helf dir!“

 Sie hob das heruntergefallene Stalldach vom Boden auf und setzte es auf die Stallwände, die Anna nun hochkonzentriert festhielt. Noch ein Kontrollblick, ein vorsichtiges Anstupsen – es hielt. Der Stall stand fest. Mit glänzend Augen setzte Anna Maria und Josef in die Krippe.

 „ … Die Schafherde, die gestern auf der Landstraße 109 einen Verkehrsunfall verursacht hat, ist wieder vollständig eingefangen. Der Schäfer, der die Herde betreut, hatte die Tiere nur von zwei Hunden beaufsichtigt zurückgelassen. Von ihm fehlt bislang jede Spur.“

 Deborah entglitt das Holzschaf, das sie gerade aus dem Schuhkarton genommen hatte. Klappernd rutschte es unter das Sofa. Das war doch der Unfall, von dem sie gestern im Newsticker kurz gelesen hatte! Der Autofahrer, der einer Schafherde hatte ausweichen müssen und von der Fahrbahn abgekommen war. Und der Schäfer war nicht auffindbar?

 Tillmans Überlegung zur Weihnachtsgeschichte ging ihr durch den Kopf. Ein junges Mädchen war verschwunden, seit kurzem auch ein Zimmermann. Wenn nun wirklich der mutmaßliche Entführer wieder zugeschlagen und auch den Schäfer entführt hatte? Aber zu welchem Zweck? Warum sollte jemand Menschen entführen, die irgendeinen Bezug zur Weihnachtsgeschichte hatten? Und war der Ort, wo der Unfall mit den Schafen geschehen war nicht viel zu weit weg? Vielleicht war das nur ein dummer Zufall. Schäfer waren ja nicht gerade überbezahlt, wenn Deborah sich richtig erinnerte. Womöglich waren dem Schäfer seine Arbeit und seine Herde einfach über den Kopf gewachsen und er hatte sich abgesetzt.

 „Mama, kann ich das Schaf haben?“

 Anna streckte fordernd ihre Hand nach der Holzfigur aus. Deborah langte unter das Sofa und legte das Schaf in die Hand ihrer Tochter. Aber nun war sie nicht mehr richtig bei der Sache. Sie überließ Anna die Entscheidung darüber, wie die Figuren angeordnet werden sollten und nahm es hin, dass die Heiligen Drei Könige erst einmal ihren Platz auf Max‘ Plattenspieler fanden.

 „Die sind ja erst noch auf dem Weg“, meinte Anna. Mit derselben Argumentation wechselten auch Maria und Josef wieder den Platz. Deborah ließ es geschehen. Der Gedanke an den verschwundenen Schäfer ließ sie nicht los.

 Sobald sie Anna eine Stunde später an der Schule abgesetzt hatte, rief sie Tillman an.

 „Nanu, Deborah, warum rufst du denn an? Ich dachte, du kommst gleich?“, meldete sich ihr Kollege verwundert.

 „Ja, ich bin auf dem Weg, aber ich muss diesen Gedanken jetzt schon los werden“, sagte sie und berichtete von ihrem Verdacht.

 „Das mit der Schafherde habe ich gehört“, bestätigte Tillman. „Ich hatte, ehrlich gesagt, auch kurz den Gedanken. Aber dieses Kaff ist ganz schön weit weg. Eine gute Stunde fährt man doch dahin …“

 „Ich weiß“, gab Deborah zu. „Aber ich werde das Gefühl nicht los, dass der Schäfer trotzdem ein weiteres Opfer oder Puzzleteil in unserem Fall ist.“

 Tillman lachte auf. „Und wie willst du dieses Gefühl Lorenz erklären? Du kennst doch unseren Chef; der will Fakten, Fakten, Fakten.“

 Deborah hörte Tillman bei den letzten drei Worten die Hände ineinander schlagen. „Eben. Ich brauche deine Hilfe. Wir müssen Lorenz überzeugen, dass wir uns mit den Kollegen in dem Ort in Verbindung setzen. Zur Not fahre ich auch selbst hin und schau mir das an.“

 „Du bist unverbesserlich“, seufzte Tillman. „Aber okay, ich denk mir was aus!“

 

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