17. Dezember

Piet grinste breit übers ganze Gesicht, als Oskar ihm in der Schule gestand, dass er die Rolle des Verkündigungsengels im Krippenspiel übernehmen sollte.

„Verkündungsengel, haha!“, lachte er. „Normalerweise hab ich’s ja nicht so mit Kirche, aber für diesen Auftritt komme ich extra vorbei.“

Piet breitete die Arme aus und sagte mit salbungsvoller Stimme: „Fürchtet euch nicht, ich verkünde euch eine große Freude!“

Oskar starrte missmutig vor sich hin. „Besten Dank“, erwiderte er grummelnd. „Wenn du willst, kannst du die Rolle ja spielen, wenn du den Text sowieso schon kannst. Ich wette, du siehst mit weißem Nachthemd und goldenem Glitzerhaarreif auch super aus.“

„Hey, sei nicht sauer“, sagte Piet und schlug Oskar kumpelhaft auf die Schulter. „So schlimm wird es wohl nicht werden. Und wenn du nicht willst, dass ich komme, dann bleib ich auch zu Hause.“

„Passt schon“, murmelte Oskar einigermaßen versöhnt und wollte Piet gerade von dem Ausflug auf den Wintermarkt erzählen, als Herr Sahlmann das Klassenzimmer betrat und mit dem Unterricht begann.

In der Pause machte Piet dann jedoch große Augen, als Oskar von Finchens Erfolg im Altenheim und der nun weihnachtlich geschmückten Stadt berichtete.

„Ehrlich? Das will ich mir auch anschauen“, rief Piet.

Also zogen die beiden nach dem Unterricht gemeinsam los und machten sich auf den Weg in die Stadt. Am Stadttor hingen zwei große Sterne aus rotem Transparentpapier. Die Ecken hingen ein bisschen herunter, weil das Papier durch den Schnee und die Kälte feucht geworden war, aber Piet war dennoch beeindruckt.

„Wow, nicht schlecht. Das sieht schon richtig gemütlich aus“, sagte er.

Oskar lachte. „Du hast gerade erst einmal zwei Sterne gesehen. Wart’s ab, bis wir hinter der Stadtmauer sind. FInchen, Oma und die anderen Senioren haben ungefähr tausend Sterne gebastelt.“

Piet war sich sicher, dass Oskar übertrieb – aber als er seinem besten Freund durch das Stadttor folgte, war er doch geneigt seinen Worten Glauben zu schenken. Beinahe an jeder Laterne hing ein Stern aus Papier oder Stroh.

„Kein Wunder, dass Finchen so lange weg war“, sagte Piet staunend. „Haben die Senioren denn verstanden, was FInchen mit ihnen gebastelt hat?“

„Ja, Oma hat sich sogar immer wieder die Weihnachtsgeschichte erzählen lassen und hat gesagt, dass wir unbedingt ein Krippenspiel machen müssen. Aber ich glaube, auch bei Mama und Papa kommt so langsam etwas wie Weihnachtsstimmung auf.“

Piet ließ den Kopf hängen. „Bei meinen Eltern leider nicht. Die sind beschäftigt wie eh und je. Ich glaube, die merken gar nicht, dass ich jeden Tag die Adventskerzen anzünde, geschweige denn, dass jede Woche eine mehr brennt.“

Oskar wusste nicht, was er darauf sagen sollte. Es war nicht neu, dass Piets Eltern viel arbeiteten. Aber in den letzten Jahren hatten sie immerhin noch Weihnachten gefeiert, auch wenn sie am Tag danach schon wieder zu einer Geschäftsreise aufgebrochen waren.

„Vielleicht brauchen sie einfach noch ein paar Tage …“, machte er einen Versuch, doch noch etwas Ermunterndes zu sagen.

„Hm“, erwiderte Piet nur tonlos.

„Wenn deine Eltern Weihnachten wirklich ausfallen lassen, kommst du halt zu uns, wir feiern auf jeden Fall – Schau mal!“

Ganz plötzlich hatte Oskar zwischen zwei Wintermarktbuden etwas aufleuchten sehen und aufgeregt deutete er darauf. Piet sah in die gewiesene Richtung, konnte aber nichts entdecken.

„Was ist denn da?“

Oskar zog ihn am Jackenärmel in Richtung der Buden.

„Hey, wo willst du hin? Was hast du denn gesehen?“

„Den Weihnachtsmann.“ Eilig stürmte Oskar drauflos und Piet blieb nichts anderes übrig, als ihm zu folgen. Nahe des alten Brunnens auf dem Marktplatz blieb Oskar schließlich stehen und nun erkannte Piet, was Oskar so zur Eile getrieben hatte.

„Der Obdachlose mit der Weihnachtsmütze!“

Der Mann hatte sich mit einer Tasse Glühwein auf die Stufen des Brunnens gesetzt und nahm gerade einen kräftigen Schluck, als Oskar und Piet auf ihn zuliefen.

„Hallo“, sagte Oskar.

Der Mann blickte sie an. „Oh, hallo, euch kenne ich doch!“

„Ja, hallo“, sagte Oskar noch einmal, weil ihm nicht einfiel, was er sonst darauf sagen sollte.

„Wie geht’s?“, fragte Piet.

„Och, mit so’ner Tasse Glühwein lässt es sich gut aushalten“, meinte der Mann und nahm einen weiteren Schluck.

„Was macht euer Fest?“, wollte er dann wissen.

„Naja, im Kalender fehlt es immer noch“, sagte Oskar kleinlaut. „Aber wir haben verschiedene Vorbereitungen getroffen …“

„Haben Sie denn etwas herausgefunden?“, funkte Piet dazwischen.

Der Mann schüttelte den Kopf. „Nee, nicht so richtig. Ich konnte mich nicht mehr erinnern, wie dieses Fest hieß, nach dem ihr gefragt hattet“, gab er zu.

„Weihnachten!“

„Ach so“, murmelte der Mann. „Aber ich hab‘ was andere mitgekriegt. Es scheint, als würden alle Menschen irgendeine Art Sehnsucht in sich tragen. Sie wissen nicht so richtig, was. Aber alle sehen sich nach … tja, keine Ahnung, Frieden, Ruhe, Familie … irgendwie sowas.“

„Wie haben Sie das herausgefunden?“, fragte Oskar überrascht.

„Jonte ist nicht blöd“, sagte der Mann und zeigte auf sich. „Ich seh das den Leuten an. Passt das, was ich da gesehen habe zu euerm Fest?“

Oskar und Piet nickten einstimmig. „Ja, darum geht’s an Weihnachten!“

„Wenn Sie möchten, können Sie ja zu unserem Krippenspiel kommen“, lud Oskar Jonte spontan ein. Er war sich sicher, dass ihm das gefallen würde.

„Krippenspiel? Was ist denn das?“

Oskar stürzte sich in eine Erklärung, während der Jontes Augen immer größer wurden.

„Klingt ja toll! Theater find ich gut!“, sagte er. „Worum geht’s in dem Stück?“

„Na, um die Weihnachtsgeschichte“, antwortete Piet.

„Erzählt ihr mir die?“

Etwas perplex sahen Oskar und Piet Jonte an. Doch der Obdachlose sah sie so neugierig an, dass sie gar nicht anders konnten, als ihm den Wunsch zu erfüllen. Gebannt lauschte er, während Oskar von der Volkszählung und Maria und Josef erzählte. Piet fügte die Herbergssuche und die Geburt im Stall hinzu und Oskar berichtete von den Hirten und den Engeln.

„Toll“, sagte Jonte. „Die Geschichte gefällt mir. Sagt mal, Jungs. Ich würde total gern mal wieder schauspielern. Kann ich noch mitmachen?“

Oskar und Piet standen wie vom Donner gerührt da und konnten nicht so recht glauben, um was Jonte sie gerade gebeten hatte. Aber Jonte wirkte nicht, als ob er nur einen Scherz gemacht hätte. Erwartungsvoll sah er die beiden aus wachen Augen an.

„Ähm … tja …“, stammelte Oskar. „Warum eigentlich nicht? Wir könnten tatsächlich noch einen zusätzlichen Hirten gebrauchen.“

Jonte strich sich erst durch seinen Bart, dann über die Weihnachtsmütze auf seinem Kopf.

 

„Also, wenn ich mir was wünschen darf, wär ich gern dieser Verkündigungsengel.“