18. Dezember

Oskar war es ganz recht, dass Finchen an diesem Morgen erst zur dritten Stunde Unterricht hatte und daher noch schlief, als er sich auf den Weg zur Schule machte. So kam er nicht in Verlegenheit, ihr von der Umbesetzung seiner Rolle zu erzählen.

Vermutlich würde FInchen ganz schön dumm gucken. Es war ja auch nicht gerade gewöhnlich, dass ein Obdachloser den Verkündigungsengel spielte. Normalerweis wurden die Engel ja eher als Mädchen mit langem Blondhaar dargestellt. Andererseits, dachte Oskar während er zur Straßenbahn lief, konnte man ja durchaus mal etwas Neues ausprobieren. Und da die Erwachsenen ja eh vergessen hatten, wie Krippenspiele und Weihnachten allgemein funktionierten, würde es sicher keinen besonders stören. Das hoffte er jedenfalls. Allein Finchen würde vielleicht meckern. Aber die schien ja ihrerseits noch irgendein Geheimnis zu planen. Gestern Nachmittag war sie wieder einmal länger unterwegs gewesen, hatte aber auf seine Nachfragen nur ausweichend „Weihnachtsgeheimnis“ gesäuselt.

Na bitte, dann würde dieser Nachmittag eben voller Überraschungen stecken. Da Finchen auch nach der Schule nicht mit der Sprache herausrücken wollte, war Oskar sehr gespannt, als sie um vier gemeinsam zum Jugendtreff der Kirche gingen. Oskar merkte, wie sein Herz mit jedem Schritt, den sie der Kirche näher kamen, schneller schlug. Er war neugierig, was Finchen geplant hatte. Zudem war er unsicher, ob Jonte wirklich kommen würde. Er hatte ihm gestern zwar gesagt, wo die Probe stattfinden würde, aber vielleicht hatte Jonte das ja ebenso vergessen wie zuvor das Wort Weihnachten.

Vor dem Jugendtreff warteten Tom, Sarah und Julia. Sarah hatte bereits ihre Puppenwiege mitgebracht und hielt eine in ein Spültuch gewickelte Puppe in ihrem Arm. Aus Julias Rucksack schaute der Kopf eines Stoffschafs.

„Cool, ihr habt die Requisiten ja schon mitgebracht!“, sagte Oskar begeistert und sah sich suchend um. Von Jonte war nichts zu sehen. Finchens Überraschung war, wenn sie denn schon vor Ort war, zumindest so klein, dass man sie nicht auf den ersten Blick erkennen konnte. Ehe er sich großartig Gedanken machen konnte, um was es sich bei dieser Überraschung handeln konnte, kamen Max und Johanna angelaufen und sie betraten gemeinsam das Gebäude.

Max hatte ebenfalls schon einen Teil seines Kostüms besorgt und schwenkte einen alten Wanderstab mit verschiedenen Abzeichen und Wanderplaketten in der Hand.   

„Eigentlich wollte ich auch noch Opas Filzhut haben, aber den wollte er nicht rausrücken“, sagte er und zog bedauernd die Schultern zu den Ohren.

„Ach, der Stab ist doch schon einmal ein guter Anfang“, meinte Tom.

„Wie machen wir das jetzt mit dem Stück?“, fragte Johanna. „So wie im letzten Jahr?“

„Hm, wird wohl schwierig, weil wir keinen haben, der den Text vorlesen kann“, sagte Max.

„Genau, wir müssen uns selbst vorstellen“, sagte Finchen. „Wir müssen unsere Rollen Sätze sagen lassen, die den Erwachsenen erklären, worum es geht.“

„Ich bin Herbergsvater, ich will keine schreienden Kinder hier haben“, sagte Julia und setzte dabei ein überzeugend mürrisches Gesicht auf.

„Ich bin ein Hirte und ich gehe mir das Kind in der Krippe angucken“, ahmte Tom das Beispiel seiner Schwester nach.

Finchen verzog das Gesicht und Max hob skeptisch die Augenbrauen.

„Das klingt irgendwie so wie die Selbsthilfegruppen in den Fernsehserien, wo immer jeder sagt, was er für ein Problem hat“, sagte er.

„Haha“, maulte Julia beleidigt.

Über Johannas Gesicht jedoch flog ein Lächeln. „Aber das ist doch die Idee!“, rief sie. „Wir erzählen die Weihnachtsgeschichte so, als ob wir alle in so einer Selbsthilfegruppe wären.“

„Sind wir ja auch irgendwie“, stimmte Oskar ihr zu. „Wenn wir uns Weihnachten nicht selber machen würden, würde es dieses Jahr ganz bestimmt ausfallen.“

„Und wie soll das dann gehen`“, fragte Sarah neugierig und schaukelte ihre Puppe wild im Arm. „Klopfen wir dann nicht an der Herberge an und lege ich das Jesuskind dann nicht in die Krippe.“

„Nein“, bestätigte Max. „Wir sitzen dann alle im Stuhlkreis und erzählen nacheinander, wie wir die Weihnachtsgeschichte erlebt haben.“

„Aber es müsste am Anfang so aussehen, als würden wir gar nicht verstehen, dass wir die gleiche Geschichte erlebt haben“, spann Max seine Gedanken weiter.

„Klingt ziemlich cool“, sagte Julia. „Aber ob die Erwachsenen das dann verstehen?“

„Keine Ahnung, und richtig weihnachtlich und heilig ist das ja auch nicht“, gab Finchen zu bedenken.

„Ach, das war es die ganze Adventszeit schon nicht“, erwiderte Oskar.

„Lass uns das doch mal probieren“, schlug Tom vor.

Sie setzten sich im Kreis auf den Boden und sahen sich eine Weile stumm an. Schließlich stand Max als Erster auf.

„Hallo, ich bin Josef.“

„Hallo Josef“, sagten Oskar, Tom und Julia.

„Ich hab neulich etwas sehr Seltsames erlebt“, sagte Max-Josef. „Seit einiger Zeit bin ich mit meiner Freundin verlobt, aber wir hatten noch keinen … Naja, ihr wisst schon …“

Johanna kicherte.

„Jedenfalls hat sie mir neulich dann erzählt, dass sie schwanger ist. Das fand ich schon ziemlich dreist. Ich meine, was würdet ihr denn sagen, wenn eure Freundin plötzlich von jemand anderem ein Kind kriegt?“

Sarah stand auf. „Ich bin Maria. Und das, was Josef passiert ist, ist ja lächerlich im Vergleich zu meinem Erlebnis. Bei mir stand neulich ganz plötzlich so eine leuchtende Gestalt im Wohnzimmer und hat mir erzählt, dass ich bald ein Kind bekommen soll. Und dieses Kind soll auch noch Gottes Sohn sein. Ich hab vielleicht einen Schrecken bekommen. Und jetzt bin ich echt schwanger …“

Oskar drehte sich nervös zur Tür um. Das, was Max und Sarah erzählt hatten, klang schon ziemlich gut. Aber würde Jonte bei so einer Version des Krippenspiels auch mitspielen wollen? Das was Piet und er ihm berichtet hatten, war schließlich meilenweit von dem entfernt, was sie hier gerade probten. Während Julia die Geschichte fortführte und stöhnend davon berichtete, dass ihr lauter Flüchtlinge beinahe die Bude eingerannt hätten und dann auch noch eine Frau bei ihr ihr Kind zu Welt bringen wollte, öffnete sich plötzlich die Tür.

Sie alle fuhren erschrocken zusammen. Oskar machte große Augen, als er nicht Jonte, sondern Oma und fünf andere Senioren ins Zimmer kommen sah. Finchen jedoch sprang auf und fiel Oma um den Hals. War das etwa ihre Überraschung?

„Finchen, was soll das?“

„Das ist unser Engelschor!“, sagte Finchen. „Ich hab doch gesagt, dass Oma total begeistert war vom Krippenspiel. Und weil sie und ihre Freunde die Weihnachtslieder so gern gesungen haben, habe ich gedacht, sie könnten doch einfach Johanna und dich als Engel unterstützen.“

Die anderen schienen von Finchens Idee zwar überrascht, hatten aber offenbar nichts dagegen einzuwenden.

„Aber wie bringen wir das jetzt in unserem neuen Krippenspiel unter?“, fragte Johanna zweifelnd.

„Spielt ihr ein anderes Stück?“, fragte Oma.

„Naja …“, antwortete Finchen gedehnt. „Wir spielen das etwas anders als in den letzten Jahren.“

„Aber es ist immer noch die Weihnachtsgeschichte“, versicherte Oskar hastig.

„Es gibt immer noch Engel?“, fragte ein alter Mann mit Schnurrbart.

„Ja, ihr seid alle Engel, wie wir es besprochen haben“, sagte Finchen.

Ein weiteres Mal öffnete sich geräuschvoll die Tür. Erstaunt sahen sich alle um. Finchen machte ein verdutztes Gesicht und Oskar ahnte, dass sie nicht damit rechnete, dass auch er eine Überraschung vorbereitet haben könnte. Er konnte sich jedoch ein Grinsen nicht verkneifen, als ein bärtiges Gesicht im Türrahmen auftauchte, das von einer roten Mütze mit nicht mehr ganz so weißem Bommel gekrönt wurde.

„Fürchtet euch nicht. Ich bringe eine große Freude“, nuschelte der Neuankömmling.

Max, Johanna, die Drillinge, Finchen und die Senioren rissen die Augen auf. In ihren Augen las Oskar Verwirrung, Überraschung, Belustigung und Entsetzen.

„Was ist das?“, fragte Finchen schließlich.

 

Oskar ging auf Jonte zu. „Darf ich vorstellen, das ist Jonte, unser neuer Verkündigungsengel!“