18. Dezember

 

Die Teller mit Spekulatius und Schokoladenlebkuchen konnten die Stimmung nicht heben. Das Ermittlungsteam saß gemeinsam im Büro und ging die Ergebnisse der letzten Tage durch. Doch das waren erschreckend wenige. Deborahs Anfrage bei der Busgesellschaft hatte keine neuen Erkenntnisse gebracht. Zwar hatten das Personal des ersten Advents ermittelt werden können, aber keiner der diensthabenden Fahrer und Fahrerinnen konnte sich daran erinnern, Magdalena gesehen zu haben. Auch die Befragung der Nachbarn von Frau Bebels Bekannter hatte keine Aufschlüsse gebracht.

 „Man könnte meinen, wir würden in einer Welt leben, die sich an diesen drei Affen orientiert; nichts sehen, nichts hören, nichts sagen“, versuchte Simon einen Witz. Deborah kam nicht einmal ein müdes Lächeln über die Lippen. Dabei hatte ihr Kollege ja recht. Dass niemand auch nur irgendetwas wusste, Frau Bebel einmal ausgenommen, war beängstigend.

 „Können wir noch stärker in die Medien gehen mit unserem Suchaufruf?“, fragte Klara.

 Kriminalhauptkommissar Lorenz Scherer zögerte. „In den sozialen Medien sind die Fotos der beiden Vermissten schon im Umlauf, auf den Websites der regionalen und überregionalen Zeitungen auch.“

 „Und was ist mit Fernsehen? Was wäre, wenn wir den Fall an die Vermissten-Sendung weiterleiten?“, überlegte Klara.

 „Das würde ich gern noch aufschieben …“

 „ … worauf willst du denn noch warten?“, unterbrach Tillman ihn. „Mittlerweile sind drei Personen verschwunden und wir haben keine Ahnung, wie und wo wir noch suchen sollen.“

 Simon sah von der Mandarine auf, die er gerade pellte. „Drei? Warum drei?“

 Lorenz Scherer winkte ab. „Tillman und Deborah sind der Meinung, dass der verschwundene Schäfer, dessen Herde vorgestern einen Unfall verursacht hat, mit den anderen beiden Vermisstenfällen zu tun hat.“

 Deborah kniff die Lippen zusammen. Ihr Chef machte keinen Hehl daraus, dass er von ihrem Bauchgefühl nicht viel hielt. Allein Tillman war bislang auf ihrer Seite. Aber ihr gemeinsames Argumentiren hatte gestern bei Scherer nicht gefruchtet.

 „Ist diese Schafherde nicht über 50 Kilometer von hier entfernt rumgelaufen?“, fragte Simon skeptisch.

 Lorenz Scherer hob bestätigend die Hand und nickte übertrieben. „Sag ich ja!“

 „Wie kommst du darauf, dass das etwas mit unserem Fall zu tun hat?“

 „Darf ich noch einmal an die Weihnachtsgeschichte erinnern? Ein junges, schwangeres Mädchen und ein Zimmermann sind bereits verschwunden. Wer gehört zur Krippenlandschaft noch obligatorisch dazu?“, fragte Tillman und beantwortete die Frage gleich selbst: „Mindestens ein Hirte.“

 „Ja, und Ochs und Esel und Könige“, fügte Simon spöttisch hinzu.

 Tillman warf ihm einen bösen Blick zu. „Du hast recht. Vielleicht sind weitere Personen in Gefahr.“

 Lorenz stellte mit einem Ruck seine Kaffeetasse ab. „Komm, jetzt mach mal halblang, Tillman. Soll ich jetzt ein Schutzprogramm für Viehbestände, Könige und Engel aufziehen?“

 „Nein, natürlich nicht“, schaltete Deborah sich ein. „Aber lass uns in diesem Ort ermitteln, wo die Herde geweidet hat. Ich habe das dringende Gefühl, dass uns das weiterbringt in unserem Fall.“

 „Gefühl!“, schnaubte Lorenz.

 „Naja, du kannst nicht verleugnen, dass auf Deborahs Gefühl bislang immer Verlass war“, gab Klara zu bedenken. Deborah schenkte ihr einen dankbaren Blick. Zwar sah die Kollegin noch etwas skeptisch aus, aber sie vertraute ihr. Das war schon einmal viel wert.

 Lorenz Scherer seufzte. „Also gut. Besprecht euch mit den örtlichen Kollegen und fahrt hin.“

 Tillman atmete hörbar aus und erhob sich von seinem Platz.

 Scherer hielt ihn zurück. „Leute, ich habe Weihnachtsurlaub mit meiner Frau gebucht. Ich will den Fall bis Heiligabend gelöst sehen!“

 Tillman salutierte. „Eye!“

 Deborah folgte ihm aus dem Besprechungsraum hinaus auf den Flur. „Weihnachtsurlaub“, brummte sie. „Als ob wir anderen kein Interesse daran hätten, den Fall zu lösen.“

 Tillman legte ihr die Hand auf die Schulter. „Hey, beruhig dich. Wir haben doch die Zusage, die wir wollten, oder?“

 Nach zwei Minuten hatten sie mit den Streifenkollegen, die den Unfall aufgenommen hatten, gesprochen. Tillman klatschte vergnügt in die Hände. „Komm, wir machen einen Ausflug aufs Land!“

 Mit den Kollegen trafen sie sich anderthalb Stunden später am Unfallort. Feiner Nieselregen fiel und wehte ihnen vom ungemütlichen Ostwind getrieben in die Gesichter, als sie aus dem Auto stiegen, das Deborah in einem Feldweg neben dem Streifenwagen geparkt hatte. Die Kollegen stiegen ebenfalls aus und stellten sich mit Daniel und Steffen vor.

 „An einen Kriminalfall haben wir ja vorgestern überhaupt nicht gedacht“, sagte Steffen, der ältere der beiden und zog an einer Zigarette.

 „Bislang ist es auch nur eine Vermutung“, gab Deborah zu. „Habt ihr schon herausgefunden, wem die Herde gehört?“

 Daniel nickte. „Nils Jensen heißt der Schäfer. 36 Jahre alt, hier in unserem Kreis gemeldet. Bislang war er nie auffällig.“

 „Hat er Familie?“, fragte Tillman.

 „Soweit wir wissen, nicht“, antwortete Daniel und zeigte über das Feld auf einen einige Meter entfernt stehenden Schäferwagen. „Dort hat er wohl zuletzt übernachtet, um näher bei seinen Schafen zu sein.“

 Sie tauschten ein paar Blicke aus und gingen auf den Wagen zu.

 „Ebenfalls unauffällig“, meinte Steffen, während sie durch das feuchte Gras stapften. „Wenn man davon absieht, dass die Tür nicht abgeschlossen war.“

 „Naja, viel zu holen gab es da jetzt auch nicht“, fügte sein Kollege hinzu.

 Damit mochte er recht haben, dachte Deborah, als sie die Stufen des Wagens emporstieg und einen Blick ins Wageninnere warf. Ein schmales Bett, ein schmaler Klapptisch, auf dem ein Gaskocher und eine Kaffeetasse stand und ein schmaler Schrank. Hier gab es wirklich nichts zu stehlen. Aber dennoch; wenn Nils Jensen freiwillig weggegangen wäre, hätte er doch bestimmt die Tür zu seinem Wagen abgeschlossen.

 „Was ist denn mit der Herde eigentlich passiert?“, erkundigte Deborah sich bei den Kollegen.

 „Wir haben uns mit dem Schäferverband in Verbindung gesetzt und die haben jemanden geschickt, der sich kümmert“, sagte Steffen. „Zwei Tiere, die der Autofahrer erwischt hat, mussten leider eingeschläfert werden, aber dem Rest der Herde geht es wohl gut.“

 Deborah schloss die Wagentür wieder und trat neben Tillman auf das Feld. Keine Schafe, keine Hunde, nicht einmal mehr ein Zaun. Nichts erinnerte daran, dass hier bis vor wenigen Tagen noch eine Herde gegrast hatte. Wie sollten sie da herausfinden, ob, und wenn ja, von wo, Nils Jensen verschwunden war? Und wohin?

 Sie machte ein paar Schritte über die Wiese und sah sich suchend um. Nichts sprang ihr ins Auge oder erregte ihre Aufmerksamkeit. Das sah hier alles so unauffällig und nichtssagend aus. Wenn sie wenigstens gewusst hätte, worauf sie achten sollte. Aber es hatte ja noch nicht einmal beim Verschwinden von Magdalena oder Anton Löbig irgendwelche Spuren gegeben.

 „Ist euch am Montag noch etwas aufgefallen?“, fragte sie.

 Steffen lachte kurz auf. „Nee. Wir waren mit den Schafen ganz gut beschäftigt, da hatten wir nicht noch Augen für irgendetwas anderes.“ Er winkte ab.

 Doch sein Kollege hakte ein: „Ich finde, der eine der Hunde hat sich etwas merkwürdig verhalten“, sagte er. „Jetzt bin ich zwar kein Experte, was das Verhalten von Hütehunden angeht, aber der Schäferhund ist immer wieder Richtung Wald gelaufen, auch als wir die Schafe längst beisammen hatten …“

 „Habt ihr nachgeschaut, was er da gewollt haben könnte?“, fragte Tillman.

 Steffen und Daniel schüttelten stumm die Köpfe. Deborah biss sich auf die Lippen. Sie hatte jedes Verständnis dafür, dass das Zusammentreiben der aufgescheuchten Schafherde wohl alles andere als leicht gewesen sein musste. Aber wenn ein Hirte nicht auffindbar war und ein Hund sich seltsam benahm – hätte man da nicht auf die Idee kommen können, dem mal nachzugehen?

 Sie behielt einen bissigen Kommentar für sich und stapfte über die Wiese auf den Waldrand zu. Tillman folgte ihr mit einigen Metern Abstand.

 „Glaubst du wirklich, dass wir hier etwas finden?“, rief er ihr hinterher, als sie gerade die ersten Schritte zwischen die Bäume wagte.

 „Keine Ahnung“, entgegnete Deborah und sah sich um. Sie stand vor einem Baum, dessen Rinde etwas angegriffen aussah. Als ob ein Tier daran geknabbert hätte. Fraßen Schafe Baumrinde?

 Deborah wandte den Blick hin und her. Neben dem Baum lag ein kurzer dicker Ast. Auf den ersten Blick vermutete sie, es könne ein Ast sein, der durch Sturm vom Baum abgeknickt und heruntergefallen war. Aber dann bemerkte sie die andersartige Rinde. Weiß und braun. Ein Birkenast. Seltsam. Hier im Umkreis stand keine einzige Birke.

 

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