19. Dezember

Zu Oskars Enttäuschung waren weder Finchen, noch Oma noch die anderen Teilnehmer des Krippenspiels sonderlich begeistert von Jontes Auftreten. Julia hatte die Nase gekräuselt und Tom demonstrativ die Luft angehalten, als Jonte den Raum durchquert hatte.

Und obwohl Jonte den Text des Verkündungsengels wirklich schön vorgetragen hatte, waren die anderen nicht zu überzeugen gewesen, die Rolle umzubesetzen.

„Na dann halt nicht“, hatte Jonte enttäuscht gemurmelt und ehe Oskar ihn hatte aufhalten können, war er zur Tür hinaus gewesen.

„Mit was für Leuten treibst du dich nur herum?“, hatte Oma tadelnd gefragt.

„Ehrlich, wo hast du den denn aufgegabelt?“, fragte auch FInchen am Nachmittag.

„In der Stadt, davon habe ich doch erzählt“, sagte Oskar.

„Ja stimmt“, murmelte Finchen zerknirscht. „Aber irgendwie habe ich mir den da ganz anders vorgestellt.“

Oskar sprang empört von seinem Stuhl auf und hätte dabei beinahe seine Tasse mit Tee umgestoßen. Ein guter Schluck schwappte über den Rand und landete auf der Tischdecke.

„Aha, und weil Jonte nicht so der klassische Weihnachtsmanntyp ist, so wie du ihn dir vorgestellt hast, darf er nicht beim Krippenspiel mitmachen?“

Finchen senkte den Kopf und schwieg eine Weile. Zwischen den Fingern zerbröselte sie einen ihrer selbstgebackenen Weihnachtskekse.

„Naja“, sagte sie schließlich. „Du musst zugeben, dass er nicht besonders gut riecht. Und du hast Oma ja gehört, Mama und Papa und die anderen Leute wären bestimmt nicht so begeistert, wenn ein Obdachloser mit uns auf der Bühne steht …“

Oskars Gesicht wurde heiß und er ballte die Fäuste. Obwohl er wütend über Omas und FInchens Worte war, fühlte er sich dennoch ertappt. Schließlich hatte er bei ihrer ersten Begegnung auch nicht besonders viel von Jonte gehalten. Und hatte er sich am Montag nicht selbst noch gefragt, was die anderen wohl dazu sagen würden, wenn Jonte beim Krippenspiel dabei wäre?

„Die Leute, die Leute“, schimpfte Oskar und war sich für einen Moment nicht sicher, ob er mit Finchen schimpfte oder auch über sich selbst. „Du hast doch selbst gesagt, dass Gnade an Weihnachten total wichtig ist, und dass es darum geht, gut zu den Menschen zu sein.“

„Ja, stimmt“, gestand Finchen. „Aber irgendwie ist das viel leichter zu sagen, als zu tun.“

„Da hast du auch wieder recht“, gab Oskar zu und setzte sich endlich wieder auf seinen Stuhl. „Aber hast du nicht gesehen, wie enttäuscht Jonte gestern war, als er gemerkt hat, dass ihr nicht wolltet, dass er mitmacht?“

Finchen schüttelte betreten den Kopf.

„Er hätte sich so gefreut.“

Nun rollten Finchen Tränen über die Wangen. „Es tut mir leid!“, rief sie. „Das war doof von uns, dass wir ihn so behandelt haben.“

Oskar seufzte. Er nahm Finchen ihre Reue ab. Aber was half ihnen das jetzt? Jonte war gegangen, und obwohl Oskar ihm nachgelaufen war, hatte er ihn nicht mehr gesehen.

„Er war der einzige von den Erwachsenen, der uns zugehört hat, als wir über Weihnachten gesprochen haben. Und er hat herausgefunden, dass alle Menschen eine Sehnsucht danach haben …“

Finchen schluckte und wischte sich mit dem Handrücken die Tränen vom Gesicht.

„Glaubst du, er würde wieder mitmachen, wenn ich mich bei ihm entschuldige?“, fragte sie leise.

„Weiß ich nicht“, antwortete Oskar achselzuckend. „Vielleicht. Aber wie willst du dich bei ihm entschuldigen. Ich habe keine Ahnung, wo er ist. Das war ja purer Zufall, dass Piet und ich ihn Montag getroffen haben.“

„Dann suchen wir ihn halt“, sagte Finchen und stand entschlossen auf. Ihre Augen waren noch immer leicht glasig, blickten Oskar jedoch entschlossen an.

„Was, jetzt noch?“ Es war kurz vor vier und bereits dunkel. Wenn es schon im Hellen schwierig würde, Jonte zu finden, würde es i Dunkeln sicher nicht einfacher werden.

„Wir versuchen es“, sagte FInchen entschieden.

Mama sah sie verdutzt an, als sie beide sich in ihre Winterjacken hüllten.

„Wo wollt ihr denn noch hin?“

„Wir müssen nochmal kurz in die Stadt“, erklärte Oskar und zog sich sein Stirnband über die Ohren.

„Was habt ihr nur immer vor in letzter Zeit?“, wunderte Mama sich. „Gut, fahrt in die Stadt, wenn ihr wollt. Aber um sieben seid ihr wieder hier.“

„Jaja“, versprach Finchen hastig.

Sie hatten Glück und erwischten gerade noch den Bus, der in die Stadt fuhr, und so standen sie fünfzehn Minuten später im Dunkeln vor dem Rathaus.

„Und wo suchen wir jetzt zuerst?“, fragte Finchen und drehte sich zweimal um sich selbst.

„Vielleicht am Marktplatz?“, schlug Oskar vor. „Vielleicht trinkt Jonte ja wieder einen Glühwein.“

Doch obwohl sie dreimal um die Glühweinstände herumgingen und sich die Gäste mit den blauen Glühweintassen genau ansahen, konnten sie Jonte nicht entdecken.

„Okay, vielleicht wäre das auch zu leicht gewesen“, sagte FInchen.

Planlos liefen sie in eine der Gassen, vorbei an Wintermaktsbuden, aus denen es verführerisch roch. Aber dafür hatten Oskar und FInchen nun keine Zeit.

„Wo hast du Jonte das erste Mal gesehen?“, fragte Finchen.

„Am Museum.“

„Dann lass uns da doch mal gucken.“

Aber der Platz vor dem  Museum gähnte ihnen dunkel und verlassen entgegen. Auch in der Nebenstraße, wo Jonte nach Flaschen in den Mülleimern geangelt hatte, war keine Spur von ihm.

„Wir könnten ja irgendjemanden nach ihm fragen“, überlegte Finchen laut vor sich hin.

„Aber wen? Und wie sollen wir fragen. Hallo, kennen Sie den obdachlosen Jonte?“

Oskar glaubte nicht, dass sie das auf ihrer Suche weiterbringen würde.

„Naja, die Leute an den Marktbuden brauchen wir nicht fragen“, lenkte Finchen ein. „Aber vielleicht treffen wir ja einen anderen Obdachlosen, der ihn kennt.“

„Oder wir fragen bei der Bahnhofsmission.“

Sie machten sich auf den Weg zum Bahnhof und hielten unterwegs immer Ausschau, ob sie jemandem begegneten, der Jonte vielleicht können könnte. Aber zwischen den umhereilenden Geschäftsleuten und Kunden, die Schuhe und Kleider im Winterangebot kauften, sah niemand so aus, als ob er nähere Bekanntschaft mit einem Obdachlosen hätte.

Oskar klopfte das Herz, als sie vor der Tür der Bahnhofsmission standen und er zögerte, die Hand nach der Klinke auszustrecken.

„Na los“, gab Finchen sich schließlich zuerst einen Ruck und öffnete die Tür.

Eine schon etwas ältere Frau in blauer Weste und dickem Strickpullover darunter sah sie freundlich an.

„Hallo, Kinder. Kann ich euch helfen? Habt ihr euch verlaufen?“

Oskar schüttelte den Kopf. „Nein, wir suchen jemanden.“

„Eure Mutter? Habt ihr euch auf dem Weg zum Zug aus den Augen verloren?“

Finchen verzog irritiert das Gesicht. Für wie dämlich hielt die Frau sie denn?

„Nein. Wir suchen einen Obdachlosen. Jonte heißt er. Vielleicht kennen Sie ihn?“, sagte sie.

„Er hat einen grauen zerzausten Bart und trägt meistens so eine rote Mütze“, beschrieb Oskar ihn.

Über das Gesicht der Frau flog ein Lächeln. „Ja, den kenne ich. Der kommt immer mal wieder hierher für eine Tasse Tee oder ein bisschen Suppe. Ist ein netter Kerl.“

„War er heute schon hier oder wissen Sie, ob er noch kommt?“, fragte Finchen.

Die Frau schüttelte bedauernd den Kopf. „Nein, tut mir leid. Das kann man nie genau wissen, wer an einem Tag kommt. Manchmal kann man es abschätzen, wenn es besonders kalt war. Aber manchmal suchen sich Leute wie Jonte auch einen anderen Ort, wo sie bleiben können.“

„Haben Sie eine Idee, wo wir sonst nach ihm suchen könnten?“

Wieder sah die Frau sie bedauernd an und schüttelte kurz den Kopf. Oskar ließ enttäuscht den Kopf hängen. Vielleicht hatten sie jetzt einfach Pech gehabt. Sie hatten Jonte vergrault und nun war unauffindbar. Das hatten sie sich wohl selbst zuzuschreiben.

Aber Finchen gab noch nicht auf.

„Können wir vielleicht eine Nachricht für ihn hierlassen?“

„Meinetwegen gerne. Aber wie gesagt, ich kann euch nicht versprechen, dass Jonte heute oder in den nächsten Tagen kommt.“, sagte sie und hob beinahe abwehrend die Hände.  „Aber wenn ich ihn sehe, leite ich eure Nachricht gern weiter.“

 

Sie reichte Finchen einen Block und Finchen kritzelte ein paar Zeilen. Dann zog sie aus ihrer Jackentasche eine kleine Tüte mit Weihnachtskeksen und stellte sie dazu.