19. Dezember

  

So sehr es in Deborah auch drängte, den Fall des verschwundenen Schäfers weiter zu verfolgen; der heutige Tag gehörte allein Anna. Heute war ihr siebter Geburtstag und für den Nachmittag hatte sie sieben Freunde zum Kindergeburtstag eingeladen. Als Geburtstagsessen hatte Anna sich Waffeln mit Schlagsahne gewünscht, für den Abend waren Pommes mit Würstchen geplant. Deborah war erleichtert, dass sich ihre Tochter bei den Essenswünschen an die Klassiker hielt. Waffeln backen war nicht so risikobehaftet wie Kuchenbacken und bei Pommes und Würstchen konnte sie auch nicht viel falsch machen. Allein vor dem anstehenden Programm zwischen Waffeln und Pommes graute es ihr Denn Anna wollte mit ihren Freunden unbedingt Plätzchen backen. Sie hatte in die Einladungen Schürzen und Ausstechförmchen gemalt, als Zeichen, dass ihre Freunde das bitte mitbringen sollten. Max hatte es dennoch vorsichtshalber dazugeschrieben. Zum Glück hatte auch er es übernommen, den Plätzchenteig vorzubereiten. Aber ob er auch rechtzeitig zum Backen wieder zurück sein würde?

 „Der Teig muss nur noch ausgerollt, ausgestochen und auf den Blechen verteilt werden. Das wirst du ja wohl schaffen!“, schrieb er ihr per Messenger.

 Hoffentlich, dachte Deborah, während sie das Wachstuch auf dem Küchentisch ausbreitete und Teller und Tassen darauf verteilte. Anna trug bereits ihre neue Schürze und rührte im Waffelteig herum.

 „Kann ich schon Teig ins Waffeleisen machen?“

 „Ist das denn schon heiß?“

 Eine Sekunde später stürzte sie auf Anna zu, um sie daran zu hindern, die Hand auf das Waffeleisen zu legen. Aber Anna schüttelte verständnislos den Kopf. Sie habe die Hand ja nur drüber und nicht drauf halten wollen. Trotzdem entschied Deborah, dass sie von jetzt an Anna und das Waffeleisen nicht mehr aus den Augen lassen wollte.

 Die Waffeln waren gerade fertig gebacken und die Sahne geschlagen, als es schon an der Tür klingelte und Annas erste Gäste eintrafen. Kurz darauf war die Wohnung von wildem Durcheinanderrufen und Toben erfüllt. Deborah nahm sich fest vor, sich bei nächster Gelegenheit vor Annas Klassenlehrerin zu verneigen. Wie hielt die es nur mit dreimal so vielen Kindern aus, die in dieser Lautstärke durcheinander redeten? Ihre Frage danach, wer Kakao trinken wollte, musste sie mehrmals stellen, bis sie von jedem Kind eine Antwort hatte.

 Die Waffeln waren bis auf den letzten Krümel verspeist – bis auf die eine, die Deborah für sich und Max noch rechtzeitig hatte zurückhalten können. Max war jedoch noch nicht wieder von der Arbeit zurück. Dann würde sie die Weihnachtsbäckerei wohl erst einmal ohne ihn eröffnen müssen.

 „So, dann geht noch mal schnell Hände waschen und zieht euch eure Schürzen über, dann kann es gleich losgehen“, rief sie mit übertriebener Fröhlichkeit. Die Kinder folgten Anna ins Badezimmer, Deborah sammelte schnell Teller und Becher vom Tisch und nahm den Teig aus dem Kühlschrank. Was war wohl am besten? Wenn sie jedem Kind einen Klumpen Teig zum Ausstechen gab? Oder sollte sie lieber eine große Teigfläche auf dem Tisch ausrollen und jeder stach von der Ecke aus, an die er am besten hinkam? Sieb betrachtete den riesigen Teigklumpen in ihrer Hand. Wahrscheinlich würde es ewig dauern, bis sie dieses große Stück so weit ausgerollt hatte, dass daraus anständige Plätzchen auszustechen waren. Also teilte sie es doch acht und legte an jeden Platz ein Stück Teig.

 „Ich mach ganz viele Sterne!“, rief Annas beste Freunden Svenja und fuchtelte schon ungeduldig mit ihrem Ausstechförmchen in der Luft herum. Aber sie musste warten, bis Anna mit dem Privileg des Geburtstagskindes ihr Teigstück zuerst ausgerollt hatte. Dann gab sie das Nudelholz weiter. Nach kurzer Zeit war das erste Blech wild durcheinander mit Sternen, Glocken, Eseln und Engeln belegt und Deborah schob es in den vorgeheizten Ofen. Ähnlich ging es mit dem zweiten Blech. Die Kinder arbeiteten voller Eifer und wie am Fließband. Was sollte sie nur machen, wenn gleich alle Plätzchen gebacken und verziert waren? Deborah hatte gedacht, das Backen würde viel mehr Zeit in Anspruch nehmen. Zusätzliches Programm hatte sie nicht eingeplant. Sie hörte, wie ein Schlüssel sich in der Haustür drehte. Max! Ein Glück! Hoffentlich hatte der noch eine Idee.

 „Oh, das duftet ja schon gut!“, rief Max gut gelaunt, als er die Küche betrat.    

 „Wir sind auch schon fast fertig!“, verkündete Anna und deutete auf all die ausgestochenen Teigstücke, die nur darauf warteten, auf dem nächsten freiwerdenden Blech Platz zu finden.

 „Da komme ich ja gerade rechtzeitig zum Verzieren!“

 Max schnappte sich Puderzucker und Zitronensaft aus dem Schrank und fing an, einen bilderbuchgleichen Zuckerguss zu rühren. Zusammen mit Streuseln, Perlen und Zuckerschneeflocken stellte er den Guss auf den Tisch. Anna und ihre Freunde fielen so gleich darüber her.

 Als alle Kekse gebacken und verziert waren, blieben nur och Zuckergussflecken, verstreute Streusel und Krümel auf dem Wachstuch am Küchentisch zurück.

 „Und was machen wir jetzt?“, fragte Anna, wohl selbst überrascht, dass sie schon fertig waren.

 „Na, jetzt wird gespielt, ist doch ganz klar!“, sagte Max.

 Deborah schreckte auf. Spielen? Was hatte er vor?

 „Kennt ihr Hänschen, piep mal?“

 Die Kinder schauten Max mit großen Augen an und schüttelten die Köpfe. Erst als Max sie verwundert ansah, stellte Deborah fest, dass auch sie ihren Kopf geschüttelt hatte.

 „Kommt mit ins Wohnzimmer, ich zeig’s euch!“

 Die Kinder stürmten davon. Max folgte ihnen, blieb in der Küchentür aber noch kurz stehen.

 „Ich beschäftige die Kinder und du räumst in der Zwischenzeit auf, okay?“

 Schon war er weg, ohne abzuwarten, ob Deborah mit seinem Vorschlag einverstanden war. Aber letztlich war sie Max doch dankbar. Wenn er die Kinder beschäftigen konnte, musst sie sich nicht den Kopf zerbrechen.

 Sie beseitigte die Zuckergussspuren, verteilte die Kekse in kleine Dosen, die sie extra besorgt hatte, und spülte die Ausstechförmchen. Wem welches Förmchen gehörte, wusste sie allerdings nicht mehr. Das mussten die Kinder später selbst wissen, wenn sie nach Hause gingen. Ihr Blick fiel auf ihr Handy, das sie auf der Kaffeemaschine geparkt hatte. Eigentlich war ja Geburtstag angesagt – aber wenn Max gerade auf die Kinder aufpasste … Deborah entsperrte das Handy. Tillman hatte geschrieben.

 Keine Spur vom Schäfer. Dafür ein Holzstapel aus Birkenstämmen. Aber sonst nix. Und dafür rennt man durch Eiseskälte. Hoffe, du hast wenigstens Spaß.

 Deborah seufzte. Sie hatte nicht ernsthaft geglaubt, dass Tillman und Klara, die ihn heute begleitete, den Schäfer finden würden. Aber ein paar Hinweise wären doch schön gewesen. Sie legte das Handy wieder beiseite und schaute ins Wohnzimmer. Die Kinder saßen auf dem Sofa und auf den Sesseln verteilt. Anna stand mit verbundenen Augen in der Mitte und wurde von Max im Kreis gedreht. Dann führte er sie durch den Raum und setzte sie Jana auf den Schoß.

 „Hänschen, piep mal“, forderte Anna.

 „Piep“, flüsterte Jana.

 Unter der Augenbinde verzog Anna nachdenklich das Gesicht. „Noch mal“, bat sie.

 „Piep“, kam es diesmal etwas lauter.

 „Jana, bist du das?“, fragte Anna.

 Die Kinder applaudierten und Anna riss sich jubelnd die Augenbinde vom Kopf. Deborah staunte. Dass die Kinder mit einem so einfachen Spiel so zu begeistern waren!

 Ihr kam eine Idee. Vielleicht mussten sie den geheimnisvollen Entführer auch aus der Reserve locken.

 

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