2. Dezember

 

Ein Gähnen unterdrückend, zog Deborah den Autoschlüssel und stieg aus dem Dienstwagen. Tillman folgte ihrem Beispiel und war schon auf halbem Weg zur Tür des Mehrfamilienhauses. Noch gestern Abend hatten sie nach dem Gespräch mit den Eltern des verschwundenen Mädchens ihren Chef informiert, der für heute Morgen um sieben die Dienstberatung angesetzt hatte. Jetzt war es kurz nach acht. Tillman drückte auf einen der vier Klingelknöpfe und kurz darauf stiegen sie die Treppen hinauf in den ersten Stock zur Wohnung der Familie Jungblut.

 

Herr Jungblut stand auf der Schwelle und begrüßte sie mit einem heiseren „Guten Morgen.“ Dann ließ er Deborah und ihren Kollegen eintreten und führte sie in die Küche. Dort saß Frau Jungblut am Tisch, sprang jedoch sofort auf, als die Polizisten den Raum betraten.

 

„Möchten Sie einen Kaffee?“

 

Deborah schüttelte den Kopf. „Danke, machen Sie sich keine Umstände. Haben Sie inzwischen etwas von Ihrer Tochter gehört?“

 

Frau Jungblut schüttelte den Kopf und schlug die Hand vor den Mund. „Ich glaube nicht, dass Magdalena weggelaufen ist. So etwas tut sie nicht.“

 

„Haben Sie in ihrem Zimmer einmal nachgesehen, ob etwas fehlt?“, fragte Tillman.

 

Wieder schüttelte Frau Jungblut den Kopf. „Sie ist nicht weggelaufen!“, beharrte sie.

 

Fragend sah Deborah zu Herrn Jungblut.

 

„Ich habe, ehrlich gesagt, nicht so den Überblick über Magdalenas Kleiderschrank. Vielleicht fehlen zwei, drei Pullover oder eine Hose. Aber die könnten auch in der Wäsche sein …“

 

Seine Frau schluchzte auf. Herr Jungblut setzte sich auf den Küchenstuhl neben sie und zog sie in seine Arme.

 

„Bitte schauen Sie nach“, sagte Deborah. Auch wenn die Eltern des Mädchens noch so sehr darauf bestanden, dass ihre Tochter nicht weggelaufen war, durften sie die Möglichkeit nicht außer Acht lassen. Genauso wenig wie die Alternative, dass Magdalena tatsächlich etwas zugestoßen sein könnte.

 

„Wann haben Sie Ihre Tochter zum letzten Mal gesehen?“, nahm Tillman das ermittelnde Gespräch wieder auf.

 

„Gestern Mittag nach der Kirche“, antwortete Magdalenas Vater. „Wir waren nach der Messe gemeinsam im Pfarrhaus. Der Gemeinderat lädt am 1. Advent immer zum Mittagessen ein …“

 

„Und dort waren Sie die ganze Zeit zusammen?“, hakte Deborah nach.

 

„Nicht direkt. Magdalena hat mit drei oder vier Freunden aus der Gemeindejugend zusammen am Tisch gesessen. Das machen sie immer so.“

 

„Sie sind später nicht gemeinsam nach Hause gegangen?“, fragte Deborah.

 

„Nein“, sagte Herr Jungblut. „Magdalena saß noch mit ihren Freunden zusammen. Sie haben geredet und gelacht. Sie sagte, sie würde später nachkommen. Wenn wir gewusst hätten …“

 

Ihm versagte die Stimme. Deborah konnte nur ahnen, was in ihm vorging. Die Vorwürfe, die Magdalenas Eltern sich machten, waren ihnen deutlich anzusehen. Aber obwohl sie im Laufe ihre Dienstjahre bei der Kriminalpolizei schon mit vielen Vermisstenfällen zu tun gehabt hatte, konnte Deborah sich nicht vorstellen, wie es sich anfühlen musste, jemanden auf diese Weise zu vermissen. Und sie hoffte, dass sie und Max niemals in die gleiche Situation kommen würden, wie die beiden Eltern, die ihr und Tillman nun am Küchentisch gegenübersaßen und verzweifelt schwiegen.

 

„Mit wem hat Ihre Tochter beim Essen zusammengesessen? Ist sie vielleicht mit einem von ihnen nach Hause gegangen?“

 

Frau Jungblut wischte sich mit dem Handrücken über die Augen. „Ich habe nicht so genau darauf geachtet“, sagte sie und schluckte einige Male. „Justus und Lasse waren dabei, Esther bestimmt und Hanna.“

 

„Hanna habe ich nicht gesehen“, widersprach ihr Mann, „aber Felix und Miriam.“

 

Deborah fing Tillmans Blick auf. Die Zeugenbefragung würde sich schwierig gestalten, wenn nicht einmal klar war, wer mit Magdalena zuletzt zusammen gewesen war.

 

„Sind die Jugendlichen, die Sie genannt haben, mit ihrer Tochter in einer Klasse oder auf der gleichen Schule?“, fragte Tillman.

 

„Nein, nur Esther ist in der Parallelklasse. Die anderen sind nicht auf der gleichen Schule“, sagte Frau Jungblut.

 

„Hat Magdalena in ihrer Klasse eine beste Freundin oder einen Freund, der vielleicht etwas wissen könnte?“

 

„Wir haben schon bei Chantal angerufen. Sie weiß nichts“, sagte Herr Jungblut. „Wie auch? Unsere Tochter ist nicht weggelaufen! Wir hatten keinen Streit, sie hat gute Noten in der Schule …“

 

„ … vielleicht hat sie ja Sorgen oder Ängste gehabt, die sie nicht mit Ihnen geteilt hat“, fiel Tillman ihm ins Wort.

 

„Magdalena hat keine Geheimnisse vor uns, sie hat uns immer alles anvertraut“, widersprach Herr Jungblut heftig. „Suchen Sie endlich nach ihr!“

 

„Die Suche läuft bereits. Und wir werden nicht aufhören, ehe wir Magdalena gefunden haben, das versichere ich Ihnen“, sagte Deborah und erhob sich vom Küchenstuhl.

 

Tillman verstaute das Foto, das Magdalenas Eltern ihnen von ihrer Tochter mitgegeben hatten, im Handschuhfach. Die Namensliste, mit den Jugendlichen, mit denen Magdalena zusammen gewesen war, behielt er in der Hand.

 

„Na, hoffentlich können die uns etwas mehr sagen als ihre Eltern“, sagte er und tippte auf den obersten Namen. „Ihre Eltern scheinen ja mehr als ahnungslos zu sein.“

 

Deborah sah ihren Kollegen strafend an. „Sie sind verzweifelt, Tillman. Und wenn sie recht haben und Magdalena wirklich nicht weggelaufen ist, besteht auch aller Grund zur Sorge. Also, nimm es ernst.“

 

„Entschuldige, mach ich ja. Ich bin nur so müde und hatte gehofft, etwas Handfesteres als eine Namensliste zu bekommen. Also, wen von denen befragen wir als erstes?“

 

„Wir fahren zur Schule und sprechen mit Chantal“, bestimmte Deborah und startete das Auto.

 

Die große Pause musste gerade vorbei sein, denn die Schulflure lagen still und wie ausgestorben vor ihnen, als sie das Gebäude des Gymnasiums betraten. Sie durchquerten das Foyer und Deborah führte Tillman auf gut Glück in einen Flur, in dem sie hoffte, das Sekretariat zu finden. Und richtig, an der dritten Tür hing ein Schild mit der Aufschrift Sekretariat. Tillman klopfte und öffnete die Tür, ohne ein „Herein“ abzuwarten.

 

Eine Sekretärin mittleren Alters sah überrascht auf.

 

„Deborah Lukas, Kriminalpolizei. Das ist mein Kollege Tillman Berger“, fing Deborah das Gespräch an und zeigte der Sekretärin ihren Ausweis. „Wir sind wegen Magdalena Jungblut hier. Sie wurde gestern von ihren Eltern als vermisst gemeldet.“

 

„Die Magdalena ist verschwunden? Wie furchtbar!“

 

Die Hände der Sekretärin flogen zu ihrem Mund und sie sah die Polizisten mit schreckgeweiteten Augen an.

 

„Wir wollen jetzt noch nicht vom Schlimmsten ausgehen“, versuchte Tillman sie zu beschwichtigen. „Aber wir müssen mit Magdalenas Freundin Chantal Riedel sprechen.“

 

Die Sekretärin nickte mechanisch. „Ich schau mal nach, wo die Klasse gerade Unterricht hat.“

 

Sie kehrte an ihren Computer zurück und erhob sich nach ein paar Mausklicks wieder. „Ich bin gleich wieder zurück“, versprach sie und verließ das Zimmer.

 

Es dauerte nur wenige Minuten, bis die Tür sich wieder öffnete und die Sekretärin gefolgt von einem dunkelhaarigen Mädchen den Raum betrat.

 

„Das ist Chantal“, sagte sie.

 

Chantal machte ein paar unsichere Schritte auf Deborah und Tillman zu. Ihr Gesicht war halb hinter dem großen bunten Schal verborgen, den sie sich um den Hals gewickelt hatte. Zögerlich schüttelte sie die Hand, die Deborah ihr entgegenstreckte.

 

„Hallo, Chantal. Ich bin Deborah Lukas. Kannst du uns ein paar Fragen beantworten?“

 

Chantal zuckte die Schultern und sah auf ihre Boots. Dankbar nahm sie das Angebot der Sekretärin an, im angrenzenden Besprechungszimmer die Befragung durchzuführen.

 

„Wann hast du das letzte Mal etwas von Magdalena gehört?“, fragte Deborah.

 

„Samstagabend irgendwann. Wir haben bei mir zusammen gebacken und sie hat vergessen, ihre Ausstechformen wieder mitzunehmen“, erzählte Chantal leise. „Ich hab ihr bei WhatsApp geschrieben und sie hat gesagt, dass ich ihr die heute mitbringen soll.“

 

„Aber danach hast du nichts mehr gehört?“

 

Chantal schüttelte den Kopf. „Nein. Ich war gestern bei meinem Vater, da gibt’s immer viel zu tun …“

 

„Hast du ihr heute Morgen noch einmal geschrieben?“

 

„Ja klar. Eben in der Pause. Normalerweise ist sie nie krank, und wenn sagt sie Bescheid.“

 

„Hat sie geantwortet?“

 

„Nein. Ihr Handy ist ausgestellt. Oder sie hat keinen Empfang.“

 

„Hat Magdalena irgendwelche Probleme oder Sorgen gehabt, von denen sie dir erzählt hat? Hätte sie einen Grund von zuhause wegzulaufen?“, erkundigte sich Deborah und versuchte, Blickkontakt mit Chantal aufzunehmen. Doch die vergrub ihr Gesicht noch immer hinter ihrem Schal und sah auf die Tischkante.

 

„Sie hat nichts gesagt“, murmelte sie. „Ihre Eltern sind ein bisschen streng, aber …“

 

„Was meinst du damit?“

 

„Naja, Magdalena darf zum Beispiel nie mit uns feiern gehen. Oder immer nur bis zehn“, erklärte Chantal. „Aber das hat Magda meistens nicht gestört.“

 

„Du glaubst also nicht, dass sie ausgerissen sein könnte?“

 

„Hm … Ich weiß nicht, eigentlich nicht. Aber irgendwie war sie merkwürdig in letzter Zeit.“

 

Deborah horchte auf. „Seit wann? Und inwieweit merkwürdig?“, fragte sie eindringlich.

 

Chantal knetete ihre Hände. „Ich kann das schwer beschreiben. Vielleicht ist es mehr so ein Gefühl. Sie war stiller als sonst.“

 

„Wie lang ging das schon so?“

 

Chantal zuckte die Schultern. „Vielleicht zwei oder drei Wochen?“

 

„Hast du sie danach gefragt?“

 

„Schon. Aber sie hat gesagt, dass sie viel zu tun hat. Sie lernt ja auch immer viel. Und dann hat sie noch ihre Jugendgruppe aus der Kirche und die Lerngruppe hier in der Schule …“

 

Sie sah auf, ihre Augen glänzten und ihre Stimme zitterte, als sie weitersprach. „Glauben Sie, ihr ist etwas Schlimmes passiert?“