2. Dezember

Die Entdeckung am Abend hatte Oskar und FInchen schockiert, doch als sie am Morgen des 1. Advents erwachten, hofften sie beide noch, dass sie nur schlecht geträumt hatten.

Gleich nach dem Zähneputzen liefen sie in die Küche. Bestimmt war heute alles wieder normal. An der Wand unter dem Küchenbrett würden zwei Adventskalender hängen und der Familienkalender würde auch wieder den Heiligen Abend enthalten. Ein Tag konnte doch nicht so einfach verschwinden.

Aber die beiden wurden bitter enttäuscht. Die Wand war so leer wie gestern und nach dem 23. Dezember stand der 25. Dezember im Kalender.

„Das gibt’s doch nicht“, murmelte Oskar fassungslos.

„Vielleicht ist ja nur unser Kalender verkehrt“, meinte Finchen hoffnungsvoll.

Obwohl kein Adventskranz auf dem Küchentisch stand und nichts darauf hindeutete, dass es auf Weihnachten zuging, wollte auch Oskar die Hoffnung nicht aufgeben, dass es sich bei dem fehlenden Datum im Kalender um einen Irrtum handelte.

„Einen schönen 1. Advent“, sagte er, als er sich neben Finchen zu Mama und Papa an den Küchentisch setzte. Normalerweise sagte Mama das immer. Doch heute sagte sie einfach nur: „Guten Morgen.“

Das mit dem Advent schien sie völlig überhört zu haben.

Nachdenklich ging Oskar kurz darauf mit Finchen und Mama und Papa zur Kirche. Immerhin schien diese Sonntagstradition den Eltern nicht mehr fremd zu sein. Aber Oskar war sich nicht sicher, was er von alldem halten sollte. Warum gingen sie gemeinsam zur Kirche, wussten aber nichts mehr vom Advent? Wieso war der 24. Dezember aus dem Kalender verschwunden?

Oskar war so in Gedanken versunken, dass ihm gar nicht auffiel, wie Finchen sich wieder ihr blaues Halstuch um den Kopf wickelte. Gedankenverloren nahm er in der Kirche ein Gesangbuch aus dem Regal und kletterte hinter seiner Schwester in die Kirchenbank.

„Guck mal“, flüsterte Finchen ihm zu und zupfte ihn am Jackenärmel.

Oskar sah auf und schaute sich um. Was hatte seine Schwester entdeckt? Hier in der Kirche war doch alles so wie immer. Da begriff er. Es war alles so wie immer – dabei war doch der 1. Advent. Wenigstens hier in der Kirche hätte doch nun ein Adventskranz stehen müssen. Geschmückt mit lila Schleifen und großen, langen Kerzen aus goldgelbem Bienenwachs. So wie in den letzten Jahren.

Oskar schluckte. Das war alles überhaupt nicht festlich. Beklemmung breitete sich in ihm aus. Wenn selbst in der Kirche der Adventskranz fehlte und nichts auf Weihnachten hindeutete, was sollte dann nur werden? Und was würde aus dem Krippenspiel?

So aufmerksam wie noch nie lauschte Oskar auf die Worte des Pfarrers. Doch obwohl er aus der Bibel etwas davon vorlas, dass ein Spross für Gerechtigkeit sorgen würde, sagte der Pfarrer in seiner Predigt von Weihnachten kein Wort.

Nach der Messe blieben Oskar und Finchen noch in der Kirche ebenso wie die meisten anderen Kinder. Oskar war erleichtert, dass auch die anderen Kinder blieben. Vielleicht war das mit dem verschwundenen 24. Dezember und der fehlenden Weihnachtsdekoration doch nur ein Irrtum. Womöglich waren der Pfarrer und der Küster einfach nicht dazu gekommen einen Kranz zu binden und mit Kerzen und Schleifen zu schmücken. Er wollte glauben, dass es so war. Aber die Beklemmung in seiner Magengrube wollte sich einfach nicht verflüchtigen.

„Irgendwie merkwürdig, dass es keinen Adventskranz gibt, oder?“

Oskar drehte sich um. Neben ihm stand Max und sah zweifelnd in den Altarraum, an die Stelle, wo sonst immer der Adventskranz gestanden hatte. Oskar nickte.

„Ja, zuhause haben wir auch keinen“, erzählte er. „Und einen Adventskalender haben Finchen und ich auch nicht bekommen.“

„Ich auch nicht“, sagte Max. „Glaubst du, es gibt trotzdem ein Krippenspiel?“

Oskars Herz schlug einen Purzelbaum. Max klang so zweifelnd, genauso unsicher, wie er selbst sich fühlte. Schon während der Messe hatte er das ungute Gefühl gehabt, dass aus dem ersehnten Krippenspiel nichts werden würde. Aber er wünschte sich doch so sehr, dass es trotzdem klappte.

„Nanu, Kinder, was macht ihr denn noch hier? Ist es euch draußen zu kalt?“

Der Pfarrer hatte sein Talar abgelegt und kam nun in Hose und Pullover in die Kirche.

„Nein, wir wollten doch heute die Rollen für das Krippenspiel verteilen“, sagte Johanna und Finchen nickte eifrig dazu.

„Ja, ich wäre dieses Jahr so gern die Maria!“

„Na kommt, so kalt ist es ja nicht. Eure Eltern wollen sicher mit euch nach Hause zum Mittagessen.“

Oskars letzte Hoffnung brach wie ein Kartenhaus in sich zusammen. Selbst der Pfarrer schien von Weihnachten nichts mehr zu wissen und konnte ihre Einwände nicht hören. Einige der anderen Kinder protestierten und fragten, was denn aus Weihnachten werden sollte, aber der Pfarrer schob sie nur langsam zur Kirchentür.

Finchen liefen ein paar Tränen übers Gesicht, als sie sich auf den Weg nach Hause machten.

„Das ist überhaupt gar nicht weihnachtlich“, schluchzte sie.

Oskar legte tröstend einen Arm um seine kleine Schwester. Dabei hätte er am liebsten mitgeheult. Er hatte sich so auf den Advent und aufs Krippenspiel gefreut, und nun gab es das alles plötzlich nicht mehr. Liebend gern hätte er wieder einen stummen Herbergsvater gespielt. Ja, seinetwegen hätte sogar Finchen die Rolle der Maria haben können, wenn nur dafür alles wieder so wäre, wie es sein sollte.

Aber es sah nicht so aus, als würde es noch irgendwie weihnachtlich werden. In den letzten Jahren hatte Mama am 1. Advent immer das große Backbuch hervorgeholt und sie hatten die ersten Plätzchen gebacken. An jedem Adventssonntag zwei Sorten, sodass zum Weihnachtsfest ein bunter Teller mit Keksen auf dem Tisch stand.

An diesem Nachmittag blieb das Backbuch auf dem Küchenbrett stehen. Mama backte Waffeln. Die schmeckten zwar auch gut, aber es fühlte sich einfach nicht richtig an.

„Es gab noch nie Waffeln am 1. Advent“, murmelte Finchen und rührte lustlos Kandis in ihren Tee.

„Wollen wir nicht eine Kerze anzünden?“, schlug Oskar vor.

Nicht einmal das schienen seine Eltern zu hören. War es wirklich so schlimm? Kerzen hatten ja nicht einmal unbedingt etwas speziell Weihnachtliches an sich. Man konnte sie bei Dunkelheit ja auch einfach so aufstellen. Aber nun hatten Mama und Papa nicht mal ein Ohr oder ein Auge für ein kleines Licht.

Oskar stand auf und suchte in den Schubladen nach einer Kerze. Aber er konnte keine finden. Nicht einmal ein lumpiges Teelicht.

Enttäuscht ließ er sich wieder auf seinen Stuhl fallen. Dieser Tag war nicht mehr zu retten, der ganze Advent schien nicht mehr zu retten.

Finchen jedoch schien die Hoffnung noch nicht aufgegeben zu haben. Sehnsüchtig stand sie am Abend vor dem Wohnzimmerfenster und sah in den Nachthimmel hinauf.

„Findest du nicht auch, dass es wunderschön dort oben aussieht? Mit all den Sternen?“

„Hm“, murmelte Oskar. Was interessierten ihn die Sterne? Die konnten ihnen jetzt auch nicht helfen.

„Irgendwo da oben wohnen die Engel. Und das Christkind“, sagte Finchen.

Oskar verzog das Gesicht. Er glaubte nicht mehr an das Christkind. Schließlich war er schon elf Jahre alt. Er wusste, dass Mama und Papa die Geschenke aussuchten und unter den Baum legten. Erst jetzt wurde ihm schmerzlich bewusst, dass es dieses Jahr wohl keine Geschenke geben würde. Wenn Mama und Papa nicht einmal etwas vom Advent und von Adventskalendern wussten, würden sie an einen Weihnachtsbaum und Geschenke ganz gewiss nicht denken. Wie auch? Schließlich stand Weihnachten ja nicht einmal mehr im Kalender.

Finchen legte einen Zettel auf das Fensterbrett und sah noch einmal in den Himmel.

„Was ist das?“, fragte Oskar.

„Mein Wunschzettel natürlich“, sagte Finchen. „Das Christkind holt ihn immer von der Fensterbank ab.“