20. Dezember

Es fiel Oskar schwer, sich auf den Unterricht zu konzentrieren. Unruhig kaute er auf seinem Bleistift und starrte auf die Tafel, ohne zu sehen, was dort geschrieben stand. Wo war Jonte? Ob er gestern Abend noch in der Bahnhofsmission aufgetaucht war und ihre Nachricht gelesen hatte? Oder heute Morgen zum Frühstück vielleicht?

Was, wenn er nicht dort gewesen war. Wo konnte er dann hingegangen sein? Am liebsten wäre Oskar aufgesprungen und in die Stadt gelaufen, um erneut nach Jonte zu suchen. Aber ihm wollte kein Vorwand einfallen, unter dem er sich aus dem Unterricht hätte verabschieden können. Außerdem sah Piet neben ihm auf seinem Stuhl ebenfalls ziemlich miesepetrig aus. Ihn konnte Oskar auch nicht einfach sitzen lassen.

„Was ist los?“, fragte er ihn in der Pause.

Piet starrte missmutig auf den Boden und kickte mit der Fußspitze ein Stück gefrorenen Schnee über den Schulhof.

„Meine Eltern haben mir gestern von ihren Reiseplänen erzählt“, sagte er schließlich.

„Was für Reisepläne?“

„Für ihre nächste Geschäftsreise.“

Oskar schwante Schreckliches. „Und?“, fragte er vorsichtig.

„Sie fliegen am Samstag für vier Tage nach New York“, sagte Piet. „Sie meinten, ich sei ja jetzt schon groß, da könnten sie etwas länger wegbleiben. Und außerdem wär Theo ja auch da.“

„Oh Mann“, murmelte Oskar. Kein Wunder, dass sein bester Freund so schlechte Laune hatte. Nicht genug, dass Piets Eltern das ganze Jahr über nur wenig Zeit für ihren Sohn hatten, jetzt mussten sie ihn auch noch an Weihnachten allein lassen.

„Für mich ist Weihnachten also definitiv gestorben“, grummelte Piet. „Theo hat ja durchblicken lassen, dass ihm Weihnachten nicht mehr so wahnsinnig wichtig ist. Das heißt, es wird wohl richtig gemütlich, sollte der 24. doch wieder im Kalender auftauchen.“

„Oh Mann“, sagte Oskar noch einmal. „Das tut mir leid. Wirklich.“

„Hm. Schon okay“, murmelte Piet. „Musste ja früher oder später so kommen.“

„Nee, ist nicht okay. Deine Eltern sind oft genug weg“, entrüstete sich Oskar.

„Naja, sie werden jetzt kaum ihren Flug stornieren“, meinte Piet hoffnungslos.

Es zerriss Oskar beinahe das Herz, Piet so traurig zu sehen und er musste sich auf die Lippe beißen, sonst hätte er losgeheult. Das war so ungerecht! Zwar war immer noch nicht sicher, ob Weihnachten wirklich stattfinden würde, aber immerhin waren er und Finchen mit Mama und Papa zusammen und sie würden es sich schon gemütlich machen. Wenn Theo jedoch womöglich auch arbeiten würde, wäre Piet ganz allein.

„Du kommst einfach zu uns“, sagte er kurzentschlossen. „Und wenn Theo dann doch Lust auf Weihnachten hat, kommt ihr halt zu zweit.“

Piet machte große Augen. „Und was sagen deine Eltern dazu?“

„Was sollten sie dagegen haben?“

„Weihnachten ist doch das Fest der Familie …“

Oskar konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. „Aber das haben meine Eltern in diesem Jahr offenbar genauso vergessen wie deine Eltern. Außerdem gehörst du ja praktisch zur Familie. Und wenn ich Mama erzähle, dass deine Eltern ganz lange verreist sind, kommt sofort wieder ihr Kümmerinstinkt raus …“

Nun konnte Piet schon wieder ein bisschen Lächeln. „Das klingt schön. Vielleicht wäre das dann endlich mal ein richtiges Weihnachten.“

Ihre Launen, die sich gerade gebessert hatten, bekamen einen kleinen Dämpfer verpasst, als ihr Physiklehrer nach der Pause einen Test schreiben ließ. Oskar riet mehr, als er wusste, aber das war ihm für den Moment nun egal. Auch wenn er sich für seinen besten Freun gewünscht hätte, dass Piets Eltern endlich mal Zeit für ihn hätten, freute er sich darauf, den Weihnachtsabend mit ihm zusammen verbringen zu können. Wenn Jonte wieder auftauchen würde, könnte er ihn vielleicht auch noch einladen, überlegte Oskar. Hoffentlich erhielt er ihre Nachricht!

Zunächst einmal hatte aber Finchen eine Ankündigung für ihn.

„Johanna und Tom kommen gleich vorbei“, erzählte sie beim Mittagessen. „Wir müssen doch ein kleines Plakat mit Werbung für unser Krippenspiel machen.“

Oskar sah sie verblüfft an. Finchen dachte auch wirklich an alles. Sie hatte auch vollkommen recht. Ohne Werbung würde wohl niemand ihr Krippenspiel sehen und von Weihnachten erfahren.

„Vielleicht sollten wir vorher noch mit dem Pfarrer sprechen“, gab er zu Bedenken. „Schließlich wollen wir ja in der Kirche spielen.“

„Vielleicht können wir die Plakate ja bei ihm kopieren“, überlegte Finchen.

Während sie, Tom und Johanna kurze Zeit später in Finchens Zimmer die Plakate gestalteten, lief Oskar zur Kirche und klingelte beim Pfarrer an der Tür des Pfarrhauses.

„Oskar, das ist ja eine Überraschung. Du kommst mich ja ganz schon oft besuchen in letzter Zeit“, sagte der Pfarrer.

„Ich hab eine Bitte“, fing Oskar an. „Finchen und ich üben mit ein paar anderen Kindern ein Krippenspiel ein. Das würden wir gern in der Kirche aufführen.“

„Was übt ihr ein?“, fragte der Pfarrer verwundert.

„Ein Theaterstück“, umschrieb Oskar.

„Und worum geht’s da?“

„Um Jesu Geburt.“

„Ach, das ist ja eine schöne Idee“, sagte der Pfarrer. „Wie seid ihr denn auf die Idee gekommen?“

Oskar sank das Herz. Wieso konnte denn nicht wenigstens der Pfarrer mittlerweile kapiert haben, dass Weihnachten vor der Tür stehen sollte?

„Wir haben gedacht, es wäre schön, auch mal Jesus‘ Geburtstag zu feiern. Er ist schließlich Gottes Sohn und das Licht der Welt. Das muss doch gefeiert werden. Und wir dachten, jetzt, wo es so dunkel ist …“ Oskar sammelte alles zusammen, was er aus dem Religionsunterricht und den Weihnachtspredigten aus den letzten Jahren noch wusste, um den Pfarrer von ihrer Idee zu überzeugen.

Dieser sah ihn gerührt an. „Ja, da ist etwas dran. Wenn man das so sieht …“

„Wir würden gerne einen Gottesdienst feiern und da unser Theaterstück aufführen, das dauert nur ein paar Minuten“, beeilte Oskar sich zu sagen, als der Pfarrer etwas skeptisch dreinblickte.

„Einen Gottesdienst? Und wann soll das Ganze stattfinden?“

„Am Montag, am 24. Dezember“, sagte Oskar und hielt Finchens erstes Plakat in die Höhe, auf der alle wichtigen Informationen geschrieben standen.

„Das ist ja ganz schön spontan …“

„Sie müssen sich keine Sorgen machen. Das wird toll. Wir haben auch schon Lieder rausgesucht, die wir singen können.“

„Donnerwetter. Euch scheint das ja wirklich wichtig zu sein“, sagte der Pfarrer anerkennend. „Na schön. An mir soll es nicht scheitern.“

Er erlaubte Oskar, das Plakat bei ihm im Büro zu kopieren und  versprach, am Sonntag nach dem Gottesdienst die Gemeinde zum Geburtstagsgottesdienst für Jesus und dem Theaterstück einzuladen.

„Das mit dem Licht der Welt hast du übrigens sehr schön gesagt“, fügte der Pfarrer noch hinzu. „Offenbar hast du richtig gut aufgepasst in der Religionsstunde.“

Oskar lächelte geschmeichelt und nahm die Kopien des Plakats an sich. Wenn der wüsste, dachte er.