20. Dezember

 

 Noch ein wenig verschlafen ging er durch den Flur und hob von der Fußmatte hinter der Tür die Tageszeitung auf. Politische Debatten waren die Schlagzeilen. Gleich darunter ein groß angelegter Glühwein-Test der Weihnachtsmärkte im Umkreis. So schlecht konnte es der Welt ja offenbar nicht gehen, dachte er und drehte sich mürrisch um. Doch dann kehrte er noch einmal zurück. Da lag doch noch etwas auf dem Boden! War die Post schon so früh da gewesen? Ein mattweißer Umschlag, fast im gleichen Farbton wie die Fliesen neben der Fußmatte. Deshalb hatte er ihn nicht gleich gesehen. Er drehte den Umschlag in der Hand hin und her. Kein Adressat, kein Absender. Zugeklebt war er nicht. Auf dem Weg zurück in die Küche öffnete er den Umschlag und zog einen einfach gefalteten Zettel heraus.

 An deiner Krippen hier wird es langsam leer. Verkünde die Wahrheit und sie wird sich wieder mit Leben füllen.

 Sein Herz begann wie wild zu schlagen. Die Zeitung rutschte ihm unter dem Arm weg und fiel raschelnd zu Boden. Zitternd, mit dem Zettel und dem Umschlag noch in den Händen stand er auf der Schwelle zur Küche. Er wusste gleich, wer ihm hier drohte. Der Entführer. Derjenige, der Magdalena, den Dachdecker und seit ein paar Tagen wohl auch einen Schäfer in seiner Gewalt hatte. Aber wer war das? Wer würde ihm drohen?

 

 „Du willst was?“, rief Lorenz Scherer. „Einen Lockvogel einsetzen? Sag mal, hast du noch alle Latten am Zaun?“

 Es war nachvollziehbar, dass der Leiter der Ermittlungskommission nicht in Jubelstürme ausbrach. Deborah wusste, dass ihr Plan riskant war. Aber hatten sie eine andere Wahl? Fest sah sie ihren Chef an.

 „Und wen willst du, bitteschön, einsetzen? Hast du Engel oder Könige im Angebot?“

 Gerade noch rechtzeitig schluckte Deborah ihre erste Idee hinunter. Für einen kurzen Augenblick waren ihr nämlich die Sternsinger eingefallen, die demnächst wieder durch die Straßen ziehen würden. Aber diese Idee war unverantwortlich. Es reichte, dass Magdalena verschwunden waren. Zusätzliche Kinder durften sie nicht in Gefahr bringen.

 „Wie wäre es mit ein paar Schafen?“, schlug sie stattdessen vor.

 Lorenz schüttelte unwillig den Kopf. „Das würde mich als Entführer ja überhaupt nicht locken“, meinte er. „Außerdem hätten der oder die Täter doch schon bei der Entführung ein Schaf mitnehmen können.“

 „Vielleicht hatten er oder sie keine Hand frei für ein Schaf“, argumentierte Deborah.

 Lorenz schüttelte verächtlich den Kopf.  

 „Okay, das mit den Schafen war vielleicht eine blöde Idee“, gab Deborah sich geschlagen. „Aber irgendwie müssen wir den Täter doch aus der Reserve locken!“

 Der Schreibtischstuhl quietschte, als Lorenz sich seufzend darin zurücklehnte und für einen Moment die Augen schloss.

 „Ich weiß“, sagte er. „Mir passt es auch überhaupt nicht in den Kram, dass wir immer noch keine Ahnung haben, und mir graut vor den Anrufen der Presse. Wir haben ja absolut nichts, das wir vorweisen könnten.“

 „Das würde ich so nicht sagen.“

 Deborah fuhr herum. Tillman stand im Türrahmen zu Scherers Büro und sah frohlockend in Deborahs und Lorenz‘ überraschte Gesichter.

 „Was denn? Auf einmal? Das klang gestern aber noch ganz anders“, erinnerte Deborah an Tillmans Nachricht am vorherigen Nachmittag.

 Tillman winkte ab. „Ja, gestern war gestern. Aber heute Nacht hatte ich einen Traum und …“

 Lorenz vergrub stöhnend den Kopf in den Händen. „Jetzt fängt der schon wieder davon an!“

 „Jetzt hör mir doch erstmal zu“, erwiderte Tillman und kräuselte beleidigt die Lippen. „Stöhnen kannst du dann ja immer noch.“

 „Red doch nicht lang um den heißen Brei herum“, rief Deborah ungeduldig. „Sag endlich, was Sache ist.“

 Tillman hob beschwichtigend die Hände. „Ist ja gut. Erinnerst du dich noch an dieses große Ziegelhaus draußen auf dem Land?“

 Deborah warf ihrem Kollegen einen verständnislosen Blick zu. Was für ein Haus meinte er? Sie waren doch nur an der Weide und im Wald gewesen? Und in dem Schäferwagen natürlich. Sie schloss die Augen und ging die Wege noch einmal gedanklich ab. Wiese, Feld, Wagen, Schonung … War da nicht …?

 „Du hast recht. Hinter der Schonung stand so ein großer Bau. Den habe ich aber nicht weiter beachtet. War ja auch ein ganz schönes Stückchen weg“, sagte sie.

 „Eben, das dachte ich auch. Aber heute Nacht ging mir das einfach nicht aus dem Kopf. Deshalb habe ich gerade nochmal mit Steffen telefoniert du weißt schon, dem Streifenpolizisten …“

 Deborah wedelte mit der Hand, um Tillman von überflüssigen Erklärungen abzuhalten und ihn zum Weiterreden zu bewegen.

 „Ich hab‘ ihn nach dem Haus gefragt. Laut seinem Kenntnisstand steht es seit ein paar Jahren leer und wartet auf einen Käufer. Aber bis dahin wurde es oft als Ferienunterkunft für Jugendgruppen genutzt. Sportvereine, Kinderfreizeiten, ihr wisst schon.“

 „Ja, und?“ Lorenz musterte Tillman mit düsterem Blick über seinen Computerbildschirm hinweg.

 „Er hat mich an den Gemeindeleiter weiterverwiesen, mit dem habe ich eben telefoniert. Ihr werdet es nicht glauben; auch aus unserer Stadt waren immer wieder Gruppen in dem Haus. Und besonders regelmäßig die Jugend aus der Elisabeth-Gemeinde!“

 „Na, wenn das mal kein Zufall ist“, murmelte Deborah. Vor Lorenz wollte sie auf das Thema nicht noch einmal eingehen, aber sobald sie mit Tillman allein war, musste sie ihm sagen, dass sie sich nie wieder über seine Träume oder seltsamen Vorstellungen lustig machen würde. Was ihr ihr Bauchgefühl war, das waren Tillman eben seine Träume. Beides war rational vielleicht nicht zu erklären. Aber bislang hatten sie weder sie noch ihn fehlgeleitet.

 „Okay, ihr fahrt jetzt sofort zu der Kirche und sprecht mit dem Pfarrer oder dieser Schwester Benedicta“, wies Lorenz sie an. „Ich nehme derweil noch einmal Kontakt zu den Kollegen vor Ort auf. Sie sollen sich bei dem Haus einmal genauer umsehen.“

 Tillman machte ein unzufriedenes Gesicht und auch Deborah hätte ihrem Chef am liebsten widersprochen. Warum sollten sie denn jetzt noch einmal zur Kirche fahren? Sie wussten doch nun, dass Gruppen aus der Gemeinde das Haus regelmäßig genutzt hatten. Viel lieber wäre Deborah selbst noch einmal raus aufs Land gefahren, um sich dieses Haus anzusehen.

 „Na dann, auf“, sagte Deborah, wenig motiviert.

 „Dienst ist Dienst“, stimmte Tillman ihr seufzend zu.

 An der Kirche angekommen, parkten sie das Auto wie gewohnt auf dem Vorplatz. Deborah wollte um die Kirche herumlaufen, um zum dahinterliegenden Gemeindehaus zu gelangen. Sie vermutete, dass sie die Ordensschwester und den Pfarrer im Gemeindebüro antreffen würde. Doch gerade als sie an der Kirchentür vorbeiging, wurde diese geöffnet und der Pfarrer trat heraus. Mit bleichem Gesicht und beinahe irrem Blick sah er Deborah an.

 Fast so, als ob ihm der Teufel erschienen wäre, dachte sie.

 „Gott sei Dank, dass Sie hier sind. Ich wollte sie gerade benachrichtigen“, brachte er heiser hervor.

 „Wieso das?“, fragte Tillman verblüfft.

 „Kommen Sie mit, das müssen Sie sich ansehen!“, forderte der Pfarrer sie auf, öffnete erneut das Kirchenportal und ließ die beiden Polizisten eintreten.

 Pfarrer Martin führte sie ins Seitenschiff, wo die Krippe aufgebaut war.

 Fassungslos sah Deborah auf die Krippe. Das konnte doch nicht wahr sein!

 

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