21. Dezember

 

 Nun, da sie sahen, was den Pfarrer so erschreckt hatte, was erklärte, warum er so bleich war, wünschte Deborah, er hätte sie irgendwie vorgewarnt. Aber es gab wohl nichts, das er hätte sagen können, was sie auch nur ansatzweise auf das hätte vorbereiten können, was ihnen hier geboten wurde.

 Der Stall aus Holzbrettern stand auf einem grünen Teppich, darüber ein goldbemalter Stern. Ein paar geschnitzte Schafe lagen und standen um Büsche, Steine und eine kleine, künstliche Feuerstelle herum. Auch ein Ochse und ein Esel fanden sich in dem Ensemble. Ganz so, wie es sich für eine Krippenlandschaft gehörte. Doch neben der mit Stroh ausgelegten Krippe standen nicht Maria und Josef. Und neben dem Flöte spielenden Hirtenjungen stand auch kein Schäfer. Statt der Figuren standen Pappaufsteller im Stall, bedruckt mit Fotos, die Deborah erschreckend bekannt vorkamen.

 „Unfassbar“, murmelte Tillman neben ihr.

 Magdalena, Anton Löbig und Nils Jensen – sie alle standen dort als Pappfiguren in der Krippe. Ihre Augen waren auf den Fotos geschlossen. Es sah so aus, als wären die Fotos aufgenommen worden, während sie schliefen. Das hoffte Deborah zumindest. Einen anderen Gedanken wollte sie nicht zulassen. Die Bilder und ihre Positionen hier in der Kirche waren schon unheimlich genug.

 „Seit wann sind die Figuren ausgetauscht?“, brachte Deborah schließlich hervor.

 Pfarrer Martin war auf eine der Bänke im Seitenschiff gesunken und starrte noch immer mit schreckgeweiteten Augen auf die Krippe.

 „Ich weiß es nicht. Gestern Abend nach der ersten Krippenspielprobe war noch alles so, wie es sein sollte.“

 „Und seitdem war die Kirche zu?“

 „Ja, davon gehe ich aus. Schwester Benedicta hat bestimmt abgeschlossen.“

 Tillman rief die Kollegen von der Spurensicherung an und machte anschließend gleich ein paar Fotos von der Szenerie. Deborah widmete sich währenddessen wieder Pfarrer Martin.

 „Wer hat denn alles einen Schlüssel zur Kirche? Wer könnte sich Zugang verschafft haben?“

 Der Pfarrer fuhr sich mit der Hand durch das lichte Haar. „Entschuldigen Sie, mein Kopf ist gerade wie leer gefegt …“, sagte er, machte dann aber doch einen Versuch einer Auflistung. „Ich habe einen Schlüssel, Schwester Benedicta, unser Küster natürlich, der Organist … zwei oder drei Leute aus dem Kirchenvorstand und Gemeinderat …“

 Deborah zählte gedanklich mit. Das waren also mindestens sechs Leute. Den Pfarrer und die Ordensschwester konnte man als Täter vermutlich ausschließen, aber als unmöglich durften sie das nicht betrachten. Zwar fiel ihr kein guter Grund ein, warum Pfarrer Martin oder Schwester Benedicta die Krippenfiguren gegen Pappaufsteller hätte austauschen sollen, geschweige denn, ob sie zu einer Entführung der drei Personen fähig gewesen wären. Aber sie hatte in ihrer Zeit als Ermittlerin schon viele Dinge erlebt, die sie nicht für möglich gehalten hätte.

 „Gibt es sonst noch Schlüssel, die zugänglich sind?“

 Pfarrer Martin schüttelte den Kopf. „Natürlich gibt es noch Ersatzschlüssel. Aber die sind verschlossen im Gemeindebüro. Also frei zugänglich sind sie nicht.“

 „Aber von denen, die über einen Schlüssel verfügen, hätte theoretisch jeder heute Nacht in die Kirche kommen und die Figuren austauschen können?“

 „Nein. Unser Küster macht abends immer noch eine Runde und legt bei den Türen noch die Riegel vor. Dann lässt sich die Kirche nur noch über die Sakristei verlassen, und den Schlüssel haben nur Herr Mayer, Schwester Benedicta und ich“, erklärte der Pfarrer.

 „Und als Sie heute Morgen in die Kirche gekommen sind, waren die Riegel auch noch vorgeschoben?“, fragte Tillman, der seine Fotodokumentation beendet hatte.

 „Ja, ich glaube schon. Ich bin jedenfalls durch die Sakristei reingekommen.“

 Deborah stand auf, durchquerte die Kirche und sah sich die Kirchentüren an. An der Seitentür war der Riegel noch vorgelegt, am Hauptportal war er zurückgeklappt. Das musste Pfarrer Martin selbst gewesen sein, schließlich hatte er sie eben durch diese Tür hereingelassen. Kurz trat sie nach draußen und sah sich das Schloss an. Es gab keine offensichtlichen Einbruchsspuren oder Anzeichen dafür, dass jemand mit Gewalt versucht hätte, die Tür zu öffnen. Sie ging um die Kirche herum. Auch an der Seitentür waren keine auffälligen Spuren zu entdecken. Der Täter musste also gewusst haben, dass es zwecklos sein würde, sich an diesen Türen zu schaffen zu machen. An der Tür zur Sakristei stieß sie beinahe mit Schwester Benedicta zusammen, die gerade ihre Hand ausstreckte, um die Tür aufzuschließen.

 „Halt!“, rief Deborah.

 Die Ordensschwester zuckte zusammen. „Jesus, Maria – haben Sie mich erschreckt!“

 „Das tut mir leid. Warten Sie bitte einen kleinen Moment, ich wollte mir das Schloss einmal genauer ansehen.“

 „Nanu, warum denn das?“

 „Weil vermutlich heute Nacht eingebrochen wurde.“ Deborah beugte sich über das Schloss. Auch hier waren keine Einbruchsspuren zu erkennen. Sie zog dennoch einen Gummihandschuh aus ihrer Jackentasche über ihre Hand und drückte die Klinke. Schwester Benedicta lief mit bestürztem Gesicht an ihr vorbei durch die Sakristei in die Kirche. Deborah sah sich in der Sakristei um. Nichts deutete auf einen Einbruch hin. Wer auch immer die Krippenfiguren ausgetauscht hatte, musste sich hier gut ausgekannt und obendrein einen Schlüssel gehabt haben.

 Deborah folgte der Ordensschwester in die Kirche und lief am Altar vorbei auf Tillman zu. Ihr Kollege warf ihr einen strafenden Blick zu.

 „Du kannst doch nicht einfach so am Tabernakel vorbeirennen! Da macht man eine Kniebeuge!“, zischte er ihr zu.

 Deborah hatte keine Ahnung, wovon Tillman sprach, aber sie war sich sicher, dass es in diesem Moment nicht wirklich wichtig war. Viel mehr interessierte sie, wann die Kollegen von der Spurensicherung kommen würden.

 „Die müssten jeden Moment da sein“, berichtete Tillman.

 „Wir müssen auf jeden Fall jemanden abbestellen, der hier Wache hält und die Krippe im Blick hat. Vielleicht kommt der Täter ja zurück.“

 „Jemand? Das können ja nur wir sein“, gab Tillman wenig begeistert zurück.

 Sobald die Spurensicherung vor Ort war, nahmen Tillman und Deborah Pfarrer Martin und Schwester Benedicta erneut beiseite.

 „Wo waren Sie denn gestern Abend nach der Krippenspielprobe?“, fragte Deborah die Ordensschwester.

 „Ich habe die Kostüme und Requisiten in der Sakristei zusammengeräumt und bin in mein Zimmer gegangen. Nach dem Abendessen habe ich gebetet und bin dann zu Bett gegangen.“

 „Um wie viel Uhr war das?“

 „Um neun.“

 „Haben Sie vom Kirchplatz her noch etwas Verdächtiges gehört?“

 Schwester Benedicta schüttelte den Kopf. „Nein. Mein Zimmer geht zur anderen Seite raus und ich war ziemlich müde. Um ehrlich zu sein, haben mir die Kinder gestern bei der Probe den letzten Nerv geraubt.“

 „Wo bewahren Sie ihren Schlüssel zur Sakristei und zur Kirche auf?“, erkundigte Deborah sich.

 „Wenn ich hier auf dem Gelände unterwegs bin an meinem Schlüsselbund in der Tasche. Wenn ich in meinem Zimmer bin, hängt er am Schlüsselbrett.“

 „Könnte Ihnen jemand den Schlüssel entwendet haben?“

 Ratlos sah die Ordensschwester Deborah an. „Also, eigentlich trage ich ihn immer bei mir. Und mein Zimmer ist von außen ohne Schlüssel auch nicht zugänglich. Aber ich nehme einmal an, wenn es jemand wirklich darauf anlegen würde, den Schlüssel zu stehlen, würde er einen Weg finden.“

 „Aber konkret vermisst haben Sie ihren Schlüssel in letzter Zeit nicht? Oder haben Sie ihn freiwillig aus der Hand gegeben?“

 „Nein, nicht dass ich wüsste.“

 Deborah nickte. Wirklich zufriedenstellend war das hier nicht. Hoffentlich war wenigstens der Pfarrer wieder auf Sendung und befragbar.

 „Wir waren kürzlich auf dem Land, wo der Schäfer Nils Jensen entführt worden ist. Dort ist uns ein großes Landhaus aufgefallen. Man sagte uns, dass auch Gruppen aus Ihrer Gemeinde öfter dort zu Gast waren“, sagte Tillman.

 „Ach ja, das alte Landhaus“, sagte Pfarrer Martin. „Da waren wir früher oft. Unsere Jugend hat dort oft eine Woche in den Herbstferien verbracht und die Kommunionkinder waren auch regelmäßig da.“

 "Warum sind Sie nicht mehr hingefahren?“, fragte Tillman.

 „Der Kontakt zu den Eigentümern kam damals über Gemeindemitglieder zustande. Als die beiden recht bald nacheinander verstorben waren, hat sich das verlaufen. Jetzt steht das Haus wohl schon seit einigen Jahren leer“, erzählte Pfarrer Martin.

 „Das war damals ein ziemlicher Schock, als Liesel und Gerd nicht mehr da waren“, fügte Schwester Benedicta leise hinzu. „Besonders natürlich für Johannes. Er hat sich so rührend um sie gekümmert.“

 Deborah horchte auf. „Johannes? Ihr Jugendleiter?“

 Pfarrer Martin nickte. „Ja. Sein Vater war damals schwer an Krebs erkrankt und starb. Liesel, Johannes‘ Mutter erlitt kurz nach dem Tod ihres Mannes einen Herzinfarkt, den sie nicht überlebte.“

 „Wir haben uns große Sorgen um ihn gemacht. Zum Glück hatte er damals schon seine Arbeit als Intensivpfleger. In der Arbeit geht er total auf“, sagte Schwester Benedicta.

 Deborah fing Tillmans Blick auf und nickte. Die Kollegen draußen am Landhaus mussten warten. Sie mussten zuerst mit Johannes sprechen.  

 

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