21. Dezember

Endlich Freitag! Oskar konnte das Wochenende kaum erwarten, und noch weniger die Ferien. Seinen Mitschülern ging es genauso. Aufgeregt besprachen sie miteinander, wie sie ihre freien Tage nutzen wollten.

„Endlich mal wieder ein paar Tage lang ausschlafen!“, freute Nele sich.

„Freie Nachmittage“, fügte Finn sehnsüchtig hinzu.

„Weihnachten“, flüsterte Oskar Piet zu,

Die Lehrer zeigten sich von den Plänen der Schüler eine ganze Weile lang unbeeindruckt, bis ihnen das Getuschel schließlich doch zu viel wurde.

„Sagt mal, was ist denn los bei euch?“, fragte Herr Sahlmann schließlich und drehte sich von der Tafel zu Klasse um.

Sofort erstarb das Flüstern. Kaum hatte Herr Sahlmann sich jedoch wieder umgedreht, beugte Piet sich zu Oskar rüber und wisperte:

„Schon irgendwie komisch, oder? Früher haben wir am letzten Tag vor den Ferien immer irgendetwas Nettes gemeinsam gemacht …“

„Stimmt“, gab Oskar ihm recht.

„Irgendwas ist da faul.“

„Schluss jetzt“, sagte Herr Sahlmann genervt. „Oskar, Piet, was gibt es da zu reden?“

Oskar und Piet sahen sich betreten an. Aber nun, da sie sowieso erwischt worden waren, konnte sie auch noch einen Schritt weiter gehen.

„Wir haben uns bloß gefragt, was Sie an Weihnachten machen?“

Die Köpfe ihrer Klassenkameraden flogen zu ihnen herum. Seit jenem Versuch nach dem ersten Advent hatte keiner von ihnen mehr mit den Lehrern über Weihnachten gesprochen. Sie hörten sowieso nicht zu. Genauso wie alle anderen Erwachsenen.

Auch jetzt sah Herr Sahlmann sie irritiert an. „Was soll ich wann machen?“

„Weihnachten. Heiligabend“, sagte Oskar betont deutlich, aber seine Stimme schien wie in Watte verschluckt und drang nicht zu dem Mathelehrer vor.

„Was auch immer“, sagte Herr Sahlmann. „Jetzt konzentriert euch bitte noch für zehn Minuten, wir haben es gleich geschafft.“

Kopfschüttelnd sah Piet dem Lehrer hinterher, als er kurz drauf das Klassenzimmer verließ, nicht ohne ihnen noch einen Berg Hausaufgaben gegeben zu haben.

„Du, die wissen echt nichts von Weihnachtsferien“, sagte er fassungslos.

Ruckartig wandte sich Nele ihm zu. „Was? Soll das heißen die Ferien fallen aus?“

„Wäre ja eine logische Konsequenz, oder?“, meinte Oskar.

„Aber das können die doch nicht machen“, rief Nele entsetzt.

Piet zuckte die Schultern. „Ich glaube nicht, dass sie das aus bösem Willen tun. Aber Weihnachten ist nunmal aus den Kalendern verschwunden, also auch die dazugehörigen Ferien.“

„Und was jetzt?“, fragte Finn.

„Abwarten. Wenn der 24. doch noch rechtzeitig zurückkehrt, kommen vielleicht auch die Weihnachtsferien wieder“, überlegte Piet.

„Wir werden übrigens am 24. ein ganz besonderes Krippenspiel bei uns in der Kirche aufführen. Ihr seid alle herzlich eingeladen“, sagte Oskar. „Noch hoffen wir, dass es wieder Weihnachten wird.“

Er zog eines der kopierten Plakate aus seinem Rucksack und reichte es in der Klasse herum. Ein paar seiner Klassenkameraden zeigten sich skeptisch und schienen nicht sehr überzeugt, als sei ein Krippenspiel der große Bringer. Aber ein paar Leute sahen neugierig auf die Zeit- und Ortsangaben.

„Coole Idee“, fand Nele. „Aber es wäre natürlich schön, wenn wir vorher nicht in die Schule müssten, und am nächsten Tag auch nicht …“

Oskar überlegte kurz. „Ich weiß, was wir machen“, sagte er. „Am Tag nach dem 4. Advent schauen wir morgens alle in unsere Kalender. Wenn der 24. Dezember wieder aufgetaucht ist, wird die Welt wohl wieder normal sein und dann haben wir auch Ferien und bleiben einfach zuhause. Und wenn schon der 25. Ist, dann …“

„ … geht die Welt sowieso unter“, murmelte Finn düster.

Oskar beschloss, soweit überhaupt nicht zu denken. Für ihn stand fest; Weihnachten würde stattfinden, wie auch immer.

Am Nachmittag ging er mit Finchen und Piet los, um Plakate aufzuhängen. Während Tom und Johanna gut sichtbar an der Kirchentür aufhingen und anschließend im Altenheim und in den Apotheken Werbung machen wollten, liefen Oskar, Piet und Finchen durch die Stadtteilläden.

„Guten Tag, dürfen wir bei Ihnen ein Plakat ins Schaufenster hängen?“, fragte Finchen freundlich den Kioskbesitzer, bei dem sie wöchentlich ihr Bastelheft kaufte.

„Zeigt mal her, was habt ihr denn da?“, fragte der Verkäufer und nahm das Plakat, das Finchen ihm entgegenstreckte.

„Krip-pen-spiel“, buchstabierte er. „24.12., 16 Uhr.“

Er lachte. „Soll das ein Scherz sein?“

Finchen sah ihn bestürzt an. „Nein, natürlich nicht. Wieso?“

„Na, weil es den 24.12. doch gar nicht gibt.“

„Den wird es wohl geben“, sagte Finchen trotzig. „Und Sie dürfen auch sehr gern kommen. Wir haben etwas sehr Wichtiges zu sagen.“

„So? Was denn?“

„Das erfahren Sie, wenn sie am 24. kommen“, tat Finchen geheimnisvoll und schenkte dem Kioskbesitzer ihr charmantestes Lächeln.

Dieser seufzte ergeben und holte eine Rolle Tesafilm unter dem Tressen hervor. „Na schön, was tut man nicht alles für seine Kundschaft.“

 

Finchen strahlte und hängte das Plakat ans Fenster neben das Cover eines Kochmagazins. „Danke schön. Bis Montag“, rief sie vergnügt.